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(157) Das Reich von Nikaia und die Machtübernahme der Palaiologen

Wir kehren gedanklich kurz zurück zur schicksalshaften Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer im Jahr 1204. Nachdem wir die Geschichte des Lateinischen Kaiserreichs erlebt haben, wollen wir dieses Mal schauen, wie es den Byzantinern erging, die sich nicht unterworfen hatten.

 

Konstantinos – (k)ein Kaiser

In der Geschichtsschreibung taucht in der Liste der byzantinischen Kaiser nach Alexios V. der Laskaride Konstantinos (um 1170 bis 1205, reg. 1204 bis 1205) auf, der noch während des Überfalls der Kreuzfahrer, also in der Nacht zum oder am 13. April 1204 als Nachfolger des geflohenen Alexios V. zum Kaiser proklamiert worden war. Da es nicht gelang, die Eindringlinge zu vertreiben, floh Konstantinos mit seinem Bruder Theodoros auf die kleinasiatische Seite, wo sie das Exilkaiserreich von Nikaia gründeten. Eigentlich würde Konstantinos in der Kaiserliste die Zählnummer »XI« zustehen, die jedoch erst bei Konstantinos Palaiologos (1404 bis 1453, reg. 1449 bis 1453), dem letzten der byzantinischen Kaiser, auftaucht. Die Nichtberücksichtigung von Konstantinos Laskaris liegt in der Kürze seiner Amtszeit und dem Fehlen einer offiziellen Krönungszeremonie. Zumindest taucht keine in den Annalen auf. Sein weiteres Schicksal ist unklar, nach 1205 verlieren sich die Spuren. Vielleicht fiel er bereits am 19. März 1205 in der Schlacht von Adramyttion im Kampf gegen den lateinischen Kaiser Balduin I. Ihm folgte sein Bruder als Theodoros I.

 

Nikaia folgt Byzanz

Zunächst stand die Herrschaft in Nikaia insgesamt auf ziemlich wackeligen Füßen. Neben dem Kampf gegen die lateinischen Kaiser waren auch das seldschukische Sultanat und das auch von Andronikos‘ Enkeln neugegründete Kaiserreich von Trapezunt Gegner, gegen die man sich durchsetzen musste. Dabei bekam das Reich von Nikaia immer mehr den Charakter der Fortsetzung des eigentlichen Byzantinischen Reiches. Dies wurde insbesondere dadurch befördert, dass sich der Großteil des orthodoxen Klerus der päpstlichen Vorherrschaft in Konstantinopel entzog und nach Nikaia auswanderte.

 

Das Überleben dieses Exilreiches sicherten überraschenderweise die Bulgaren. Diese hatten das lateinische Kaiserreich angegriffen und 1205 bei Adrianopel einen wichtigen Sieg errungen. Wir erinnern dunkel, dass dort 827 Jahre zuvor bereits der römische Kaiser Valens den Terwingen unter Fritigern unterlegen war und den Tod fand. Balduin wurde nur gefangen genommen, starb dann wohl aber auch in Gefangenschaft. Auf jeden Fall musste sein Nachfolger Heinrich nach dieser Niederlage seinen Fokus stark auf die Nordgrenze richten. Das Reich von Nikaia im Süden bekam durch einen 1207 für zwei Jahre geschlossenen Waffenstillstand ein wenig Zeit, sich zu ordnen.

 

1214 unterlag das bis dahin selbständige Reich von Trapezunt den Seldschuken. Die geschlagenen Komnenen fungierten danach als deren Vasallen und orientierten sich mehr nach Osten und auch an die Nordküste des Schwarzen Meeres, wo sie teilweise auch auf der südliche Krim Fuß fassten.

 

Man einigt sich fürs erste

Ebenfalls 1214 kam es zu einer ersten Klärung der Interessensphären zwischen den Lateinern, den Seldschuken und Nikaia. Beide Seiten konnten Erfolge erzielen. Theodoros schlug die mit den Lateinern verbündeten Seldschuken im Frühjahr 1211, tötete deren Sultan Kai Chosrau I. und konnte, wie wir bereits wissen, den dorthin geflüchteten Alexios III., seit 1199 auch sein Schwiegervater, gefangen nehmen. Die Lateiner drangen auf der anderen Seite bis nach Pergamon vor, wo 1214 ein Friedensvertrag geschlossen wurde, der die Grenzen zwischen den Staaten festlegte.

 

Theodoros betrieb eine kluge Heiratspolitik. Nachdem seine erste Frau Anna Komnene Angelina (etwa 1176 bis 1212) gestorben war, heiratete er 1214 Philippa von Armenien (1183 bis 1219), die Tochter von Ruben III. (um 1145 bis 1187, reg. 1175 bis 1187), dem vormaligen Herrscher von Kleinarmenien, mit dem er sich gegen die Lateiner und Seldschuken verbündet hatte. Als auch diese starb, nahm er Maria von Courtenay zur Frau, eine Tochter Peters von Courtenay. Das war der lateinische Kaiser, der es nie in sein Reich geschafft hatte. Diese Ehe diente der Bekräftigung des Friedens, den Jolante, Regentin und Frau des verschollenen Peters, mit Theodoros geschlossen hatte.

 

Johannes III. kämpft

Theodoros‘ Nachfolger wurde sein Schwiegersohn Johannes III. Dukas Vatatzes. Ihm gelang es, das Kaiserreich von Nikaia zur führenden Macht der Region zu machen und damit die Grundlage für die Rückeroberung Konstantinopels im Jahr 1261 zu legen. Diese Geschichte haben wir aus Sicht des Lateinischen Kaiserreiches bereits erzählt und müssen sie hier nicht in aller Breite wiederholen.

 

Wichtig war, dass Johannes durch die Niederlage der Seldschuken gegen die Mongolen an seiner Ostflanke nichts zu befürchten hatte. Das Abkommen mit den Seldschuken im Rücken konnte er sich ganz auf den Kampf im Westen konzentrieren. So eroberte er Rhodos, Chios, Lesbos und Samos und vertrieb 1225 die lateinischen Kräfte aus Kleinasien. Auch wenn die gemeinsam mit den Bulgaren versuchte Belagerung Konstantinopels 1235 noch nicht erfolgreich war, setzte Johannes seine Expansionspolitik fort. Nach dem Tod von Zar Iwan Assen II. von Bulgarien (um 1195 bis 1241, reg. 1218 bis 1241) war es allerdings mit der Freundschaft vorbei. Johannes eroberte große Teile Thrakiens und Makedoniens von den Bulgaren zurück. Zudem erlangte er 1246 die Oberherrschaft über Thessaloniki und 1251 auch über das Despotat von Epirus.

 

In seinen Bemühungen, das Byzantinische Reich wieder insgesamt unter seine Herrschaft zu bringen, bot er auch Papst Innozenz IV. Gespräche an, das orthodoxe Patriarchat unter die Herrschaft von Rom unterzuordnen. Je schwächer allerdings das Lateinische Kaiserreich wurde, desto weniger bedeutsam waren diese Verhandlungen für sein Ziel, so dass letztlich die Chance, das Schisma von 1054 zu überwinden, ergebnislos verstrich. Es dürfte ohnehin unrealistisch gewesen sein. Nach den Vorkommnissen bei der Eroberung Konstantinopels 1204 wären nur sehr wenige Menschen bereit gewesen, den Vorrang eines lateinischen Papstes zu akzeptieren.

 

Theodoros II. Laskaris – ein Intellektueller auf dem Thron

Theodoros II. Dukas Laskaris (1221 bis 1258, reg. 1254 bis 1258), Johannes' III. Sohn aus erster Ehe mit Theodoros' I. Tochter Irene Laskarina (um 1200 bis 1241), folgte auf dem Thron. Die zweite Ehe Johannes‘ mit Konstanze von Hohenstaufen, die sich nach der Hochzeit Anna nannte, einer unehelichen Tochter Friedrich II. blieb kinderlos.

 

Theodoros war ein Intellektueller, aber leider nicht von starker Konstitution. Von epileptischen Anfällen und Depressionen wird berichtet. Er war mit Helena Assen (etwa 1224 bis 1252), einer Tochter des bulgarischen Zaren Iwan Assen II. verheiratet, die ihm zehn Kinder, acht Mädchen und zwei Jungen, gebar. In seiner kurzen Regierungszeit führte er erfolgreiche Feldzüge in Thrakien und Makedonien. Sein Andenken prägten aber mehr seine Bücher. Titel wie Einfache Beschreibung des Universums oder Die Prinzipien der natürlichen Gemeinschaft hätten auch heute noch Bestsellerpotential.

 

Die Usurpation von Michael VIII.

Theodoros starb mit 37 Jahren. Ihm folgte sein Sohn Johannes IV. Dukas Laskaris (1250 bis etwa 1305, reg. 1258 bis 1261), der beim Tod seines Vaters erst acht Jahre alt war. Für ihn sollten der Patriarch Arsenios Autoreianos (etwa 1200 bis 1273) und Theodoros' Vertrauter Georg Muzalon (um 1220 bis 1258) die Regierungsgeschäfte führen. Nicht alle Pläne funktionieren, das wissen wir schon lange. Muzalon war ein Aufsteiger, der sehr von Theodoros protegiert worden war. Insofern waren die meisten Aristokraten nicht allzu gut auf ihn zu sprechen. Dies nutzte Michael Palaiologos aus. Anlässlich eines Gottesdienstes zum Gedenken an Theodoros II. ließ er Muzalon ermorden und griff selbst nach der Regentschaft.

 

In den Kaiserlisten beginnt die offizielle Regierungszeit von Michael VIII. im Jahr 1261. Faktisch hielt er aber bereits seit 1258/1259 das Heft des Handelns in der Hand.

 

Michael arbeitet und erntet

Er konnte ernten, was seine Vorgänger, insbesondere Johannes III. gesät hatten. Aber er tat auch einiges dafür. 1259 konnte er das Despotat von Epirus und die verbliebene lateinische Herrschaft in Achaia mit dem Sieg bei Pelagonia weitgehend ausschalten. Denen half weder die Unterstützung Manfreds von Sizilien (1232 bis 1266, reg. 1258 bis 1266) noch die des serbischen Königs Uroš I. (um 1220 bis 1277, reg. 1243 bis 1276). Gegen das von Venedig gestützte lateinische Kaiserreich verbündete er sich mit den Genuesern und sicherte ihnen vergleichbare Privilegien zu, wie sie Venedig 1082 erhalten hatte.

 

Die eigentliche Eroberung Konstantinopels am 25. Juli 1261 war dann kein großer Akt mehr. Da die Venezianer mit ihren Schiffen und Soldaten anderweitig unterwegs waren, und die griechische Bevölkerung auf der orthodoxen Seite stand, war es für den Feldherrn Alexios Strategopoulos (gest. 1271/1275) ein Leichtes, die Stadt einzunehmen. Michael VIII. ließ sich erneut zum Kaiser krönen.

 

Dann musste er ein wenig für Ordnung sorgen, die Stadt war in der Zeit der lateinischen Herrschaft wirtschaftlich heruntergekommen, die italienischen Handelsstädte, allen voran Venedig hatten genommen, was zu nehmen war und so war wenig zurückgeblieben. Michael ließ Kirchen und Befestigungsanlagen renovieren und gab den Genuesern Flächen in Galata auf der anderen Seite des Goldenen Horns. Die Venezianer mussten dagegen ihr Viertel räumen.

 

Blendung bringt Klarheit

Schwierigkeiten hatte Michael im Umgang mit seinem Noch-Mit-Kaiser Johannes IV. Um für Klarheit zu sorgen, ließ er diesen an dessen 11. Geburtstag am 25. Dezember 1261 blenden, womit er nach allgemeinem Glauben amtsunfähig wurde. Kein schönes Geschenk. Der Patriarch Arsenios, der beide Kaiser gekrönt hatte, sah dies genauso. Er exkommunizierte Michael. Der brauchte etwas Zeit, um mit der Situation umzugehen. Erst 1264 wurde Arsenios abgesetzt und verbannt. Sein Nachfolger Joseph I. Galesiotes (gest. 1283, amt. 1267 bis 1275 und 1283) hob die Exkommunikation auf. In der byzantinischen Gesellschaft verblieb aber lange eine Spaltung zwischen Arseniten und Josephiten.

 

Umgeben von Feinden

Neben diesen innen- und religionspolitischen Problemen musste Michael sich auch um den Schutz des neu erworbenen bzw. vereinten Reiches kümmern. Byzanz war spätestens seit 1204 keine beeindruckende Macht mehr und weckte im Umfeld Begehrlichkeiten.

 

In Sizilien und Süditalien hatten die Staufer traditionell eine byzanzfeindliche Politik verfolgt. Zwar hatte Karl von Anjou 1266 in der Schlacht von Benevent Manfred, den Sohn Friedrich II., besiegen und töten können. Er setzte aber die staufische Politik gegenüber Byzanz im Grundsatz fort, so dass Michael aufpassen musste.

 

Es mutet merkwürdig an, dass er in den Päpsten Clemens IV. (um 1200 bis 1268, amt. 1265 bis 1268) und Gregor X. (1210 bis 1276, amt. 1271 bis 1276) starke Unterstützer fand. Die Machtverhältnisse in Italien waren diesen aber wichtiger als religionspolitische Differenzen. Zudem war die Chimäre der Kirchenunion nicht aus der Welt und nach wie vor ein Argument, dem sich ein Papst schwerlich entziehen konnte. Für Michael war es ein zentrales Ziel, den Papst davon abzuhalten, weitere Kreuzzüge via Konstantinopel auszurufen. Er war sich sicher, dass Karl von Anjou dann seinen Angriff auf Konstantinopel unter diesem Banner führen würde.

 

Diplomatie an allen Ecken

Da Karl in Sizilien in der Tat für einen Feldzug gegen Byzanz rüstete, war Michael gefordert. Er verhandelte mit den Ungarn, der Goldenen Horde in Russland und den Mamluken in Ägypten. Venedig und Genua spielte er gegeneinander aus und die ehemals byzantinischen Teilreiche in Trapezunt, Epirus und Thessalien versuchte er, in seinen Einflussbereich zu ziehen. Die Gespräche mit dem Papst zögerte er hinaus, wohl wissend, dass er sich damit zu Hause keine Freude machen würde.

 

Eine Kirchenunion, die nicht funktioniert

Aber die Not war groß. Auf dem Konzil von Lyon 1274 verkündete Michael ohne Abstimmung mit den kirchlichen Würdenträgern der Orthodoxie die Union beider Kirchen unter Führung des Papsttums. Der Papst versprach im Gegenzug Hilfe gegen Karl von Anjou. Wie zu erwarten hatte Michael an dieser Stelle aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Sowohl »sein« Patriarch Joseph als auch dessen Kollegen in Serbien und Bulgarien akzeptierten die kaiserliche Entscheidung überraschenderweise nicht. Michael konnte Joseph absetzen und durch einen gefügigeren Kandidaten ersetzen, in diesem Fall Johannes XI. Bekkos (etwa 1225 bis 1297, amt. 1275 bis 1282). Der ganze Plan ging aber auch auf der politischen Seite nicht mehr auf, als mit Martin IV. (um 1210 bis 1285, amt. 1281 bis 1285) ein Papst gewählt wurde, der vorher in den Diensten Ludwig IX. von Frankreich gestanden hatte und als Franzose seine Loyalität zu Karl von Anjou nicht aufgeben wollte oder konnte.

 

Ein Spanier hilft auf Sizilien und (k)ein Duell mit zwei Siegern

Martin exkommunizierte Michael, der sich nun nach neuen Freunden umsehen musste. Einen wichtigen fand er in Peter III. von Aragon (1240 bis 1285, reg. 1276 bis 1285), dem König von Aragonien in Nordostspanien. Der war mit einer Tochter des von Karl getöteten Manfred von Sizilien verheiratet und somit grundsätzlich ein Verbündeter für Byzanz. Zudem nahm Michael viel Geld in die Hand, um in Sizilien für Unruhe zu sorgen. Das fand willige Abnehmer, zumal die Anjous auf der Insel eher unbeliebt waren. Die Spannungen entluden sch am Ostermontag 1282 in der sogenannten Sizilianischen Vesper. In der gleichnamigen Oper von Giuseppe Verdi kannst Du die Entwicklung nachempfinden.

 

In Palermo und Corleone revoltierte die Bevölkerung gegen die französischen Beamten. 8.000 Franzosen starben an diesem Tag alleine in Palermo. Die Bewegung breitete sich dank der Vorbereitung rasch über ganz Sizilien aus. Am 28. April war mit Messina die zweite große Festung auf Seiten der Aufständischen. Karl musste seine Planungen für einen Feldzug gegen Byzanz abbrechen und sich um sein eigenes Land kümmern. Peter III. war am 30. August 1282 auf der Insel gelandet und hatte sich zum König von Sizilien krönen lassen. Beide vereinbarten ein Duell mit jeweils einhundert Rittern, um einen längeren Krieg zu vermeiden.

 

Dies fand am 1. Juni 1283 im neutralen Bordeaux statt – oder eben nicht. Am Morgen erschien Peter mit seinem Rittern auf dem Kampfplatz, fand sich dort alleine, erklärte sich zum Sieger und zog sich zurück. Am Mittag wiederholte sich das Schauspiel. Karl rückte an, erklärte, der Gegner sei nicht erschienen, er also folgerichtig der Sieger. Wenn das mal nicht abgesprochen war … Der Krieg ging danach logischerweise weiter. Letztlich setzte sich Peter auf Sizilien durch. Karl konnte seinen Festlandbesitz in Kalabrien und Apulien verteidigen und machte Neapel zu seiner Hauptstadt.

 

Michael VIII. hatte sein Ziel erreicht: die Bedrohung durch Karl von Anjou war erst einmal aus der Welt. Der Preis dafür, den Papst über eine Kirchenunion auf die eigene Seite zu ziehen, war allerdings hoch. Nicht nur, dass die Aktion durch die Wahl Martins IV. letztlich wirkungslos blieb. Die Unterordnung der orthodoxen Kirche unter das Papsttum wurde durch die Menschen im Reich nicht akzeptiert. 1204 war noch nicht lange genug her. Immerhin war es Michael gelungen, den durch Karl geplanten Todesstoß für Byzanz zu verhindern. Das ist ja nicht so wenig.

 

Das nächste Mal sehen wir dann, wie es für das Byzantinische Reich Stück für Stück auf sein Ende zuläuft.

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