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(151) Das Ende der Komnenen

Erfolge in Italien

Nach dem Tod des sizilianischen Herrschers Roger II. am 26. Februar 1154 hatte sein Nachfolger Wilhelm I. (1120/1121 bis 1166, reg. 1154 bis 1166) einige Schwierigkeiten, die Macht zu behaupten. Manuel I. nutzte die Situation und schickte 1155 ein Heer unter Führung von Michael Palaiologos (gest. 1156) und Johannes Dukas (um 1125 bis um 1200), einem Enkel von Alexios I., nach Unteritalien. Bari, Trani, Brindisi und Tarent wurden schnell erobert, eine Streitmacht Wilhelms geschlagen. Der Papst, zu diesem Zeitpunkt Hadrian IV. (um 1110 bis 1159, amt. 1154 bis 1159), erkannte die byzantinische Herrschaft in Süditalien gerne an, minderte sie doch den Expansionsdruck der Normannen auch gegenüber seinem Kirchenstaat. Die Freude hielt allerdings längstens bis zum Jahr 1158.

 

Konflikte mit Barbarossa

Michael Palaiologos war nach Streitigkeiten mit einem verbündeten Grafen abberufen worden. Er erkrankte 1156 und starb in Bari. Ohne seine Führung erlahmte die Kampfkraft der Byzantiner. Unter der alleinigen Führung von Johannes Dukas verloren sie im selben Jahr die Schlacht bei Brindisi und in Folge ihren Einfluss in Apulien.

 

Als Wilhelms Schiffe 1156 zudem vor Euböa auftauchten, musste Manuel in Friedensverhandlungen eintreten. Der Gedanke an eine »Reconquista« des Oströmischen Reiches war endgültig gestorben.

 

Danach verbündete sich Manuel sogar mit den Normannen. Es ging gegen Friedrich I. Barbarossa, der das byzantinische Eingreifen in »seiner« Einflusssphäre Italien nicht guthieß. Der Papst, nunmehr Alexander III. (um 1100 bis 1181, amt. 1159 bis 1181), stand wiederum eher auf byzantinischer Seite, Schisma hin oder her. Die konkreten Machtfragen in Ober- und Mittelitalien waren wichtiger.

 

Friedrich lag im Clinch mit nahezu allen norditalienischen Stadtstaaten, die sich 1167 im Lombardenbund zusammengefunden hatten. Manuel unterstützte die Städte, wobei das Verhältnis zu Venedig belastet blieb; er stand eher auf der Seite von Genua und Pisa. Im Gegenzug kam es zu einer Verständigung zwischen Friedrich und den Seldschuken. Haust Du meine Tante, hau ich Deine Tante …

 

Der Papst bannte Friedrich und Manuel stand kurz davor, von ihm in einem Anfall von Hybris zum gesamtrömischen Kaiser ernannt zu werden. Diesen Schritt wagte Alexander dann doch nicht, so dass es ab 1172 wieder zu einer Annäherung zwischen Manuel und Friedrich Barbarossa kommen konnte. 1177 vertrugen sich dann auch Alexander und Friedrich wieder.

 

Zwist mit Venedig

1171 eskalierte ein Konflikt zwischen Byzanz und Venedig. In Konstantinopel lebten ja viele Händler aus unterschiedlichen italienischen Stadtrepubliken, die aufgrund ihrer Privilegien in der Bevölkerung sehr unbeliebt waren. Nachdem es Anfang 1171 zur Zerstörung des genuesischen Viertels kam, beschuldigte Manuel die Venezianer, diesen Aufruhr angezettelt zu haben, und ließ am 12. März 1171 alle Venezianer im Reich verhaften. In Venedig betrachtete man dies als Kriegserklärung und rüstete eine Flotte, die im September in See stach. Bei Euböa traf man auf eine byzantinische Delegation.

 

Der Doge Vitale Michiel II. (um 1110 bis 1172, reg. 1156 bis 1172) erklärte sich zu Verhandlungen bereit und schickte eine Verhandlungsdelegation nach Konstantinopel. Die wurden dort aber nicht gerade gastfreundlich behandelt, Manuel hatte kein Interesse an einem wirklichen Ausgleich. Es mag sein, dass Enrico Dandolo, der spätere Doge (um 1107 bis 1205, reg. 1192 bis 1205) Teil dieser Delegation war und von den Byzantinern geblendet wurde. Eine solche Episode wird auf jeden Fall in der venezianischen Überlieferung mit großer Ausdauer erzählt. Wir werden noch von Enrico hören.

 

Vitale Michiel konnte auf diese Provokation nicht mehr reagieren. Bei der Überwinterung auf Chios war eine Seuche ausgebrochen, die einen großen Teil der Flotte dahinraffte. Die Überlebenden hatten Mühe, mit den Schiffen zurück nach Venedig zu gelangen. Dort wurde Vitale Michiel II. als Verantwortlicher für das Desaster angeklagt und noch vor dem Prozess von einem Attentäter erdolcht.

 

Venedig verbündete sich nach dem Eklat in Konstantinopel mit den Normannen, den Erzfeinden der Byzantiner. Manuel musste klein beigeben und Entschädigungen zahlen. Das Verhältnis zwischen den lateinischen-katholischen Venezianern und den griechisch-orthodoxen Byzantinern war aber massiv beschädigt. Merke Dir diese Geschichte ein wenig, sie wird uns beim vierten Kreuzzug wieder begegnen.

 

Und immer wieder der Balkan

Auf dem Balkan hatten Serben und Ungarn die byzantinischen Besitzungen, die Basileios II. einst dem Reich gesichert hatte, immer wieder angegriffen. Mit der Unterstützung Rogers II. hatten die Serben ab 1149 verstärkt byzantinisches Gebiet besetzt. In zwei Feldzügen gegen die Ungarn (1151 bis 1153 und 1163 bis 1168) konnte Manuel Bosnien und Dalmatien erobern. 1172 gelang auch ein Sieg gegen Serbien, so dass auf dem Balkan halbwegs Ruhe herrschte. Eine trügerische Ruhe allerdings. Die lokalen Herrschaften blieben weitgehend eigenständig und waren stets bereit, Schwächephasen der Byzantiner auszunutzen. Wir wären auch sonst ein wenig enttäuscht vom Balkan. 

 

Eine schlimme Niederlage im Osten

Hatte der Versuch, das Reich zu vergrößern oder zumindest zu stabilisieren, auf dem Balkan zumindest einigen Erfolg, war die Aufgabe für Manuel im Osten deutlich schwieriger zu lösen. Nachdem Byzanz zwischen 1158 und 1161 einige Vorstöße gegen das seldschukische Sultanat von Rum – auch hier wirkte die römische Tradition namensgebend nach – unternommen hatte, suchte Manuel im Jahr 1162 eine einvernehmliche Lösung auf dem Verhandlungsweg. Sultan Kılıç Arslan II. (gest. 1192, reg. 1156 bis 1192) besuchte sogar über mehrere Wochen Konstantinopel – allerdings erst nach einer 1161 erlittenen Niederlage. Dabei half den Byzantinern, dass zwischen den unterschiedlichen muslimischen Reichen auch hinreichend Konkurrenz bestand und sich das seldschukische Reich den Angriffen des in Mossul und Edessa herrschenden Nur ad-Din erwehren musste.

 

Nachdem es auf dem Verhandlungsweg zu keiner Einigung kam, ließ Manuel die Festung Dorylaion wieder halbwegs instandsetzen, der Ort, an dem Konrad III. auf dem zweiten Kreuzzug gegen die Seldschuken unterlegen war. Zudem versuchte er, dem Papst einen Kreuzzug gegen die Seldschuken einzureden. Das klappte leider nicht. So zog er im Sommer 1176 alleine mit einer großen Streitmacht gegen Kılıç Arslan. Erstes Ziel war die Eroberung von Ikonion, dem heutigen Konya. Der Sultan bot Friedensverhandlungen an, jedoch vergeblich. Manuel wäre man besser darauf eingegangen. So geriet seine Armee am 17. September 1176 in einen Hinterhalt in einem engen Gebirgspass bei Myriokephalon in Phrygien. Nach Manzikert 1071 war es die zweite große Schlacht zwischen Byzanz und den Seldschuken und wieder unterlag der Kaiser.

 

Auch wenn die zahlenmäßigen Verluste sich in Grenzen hielten, war die psychologische Wirkung dieser Niederlage verheerend. Das Byzantinische Reich zehrte ja immer noch aus der langen, erfolgreichen römischen Geschichte. Wenn es sich jetzt neuerlich unter Aufbringung aller Kräfte nicht gegen ein relativ kleines Sultanat durchsetzen konnte, war das eine Botschaft, die in der ganzen Welt ankam. Friedrich Barbarossa sah sich genötigt, Manuel aufzufordern, den Kaisertitel abzulegen und fürderhin allenfalls als griechischer König zu firmieren. Auch in Folge gelang es den Byzantinern nicht, sich gegen die Seldschuken durchzusetzen. Große Teile Kleinasiens waren für immer verloren.

 

Manuel starb am 24. September 1180. Er hinterließ ein Reich, das zwar eine gewisse Konsolidierung erreicht hatte. Italien und der Osten Kleinasiens waren allerdings verloren. Immerhin auf dem Balkan hatte sich die byzantinische Herrschaft gehalten. Die Kreuzfahrerstaaten im Süden waren sehr labile Gebilde, die Kraft Saladins schien stärker als die Lebensfähigkeit dieser Herrschaften.

 

Thronstreit

Manuels Nachfolge war nicht gut geregelt. Wir haben seine erste Ehe mit Bertha von Sulzbach (um 1110 bis 1159) bisher nicht erwähnt. Ihre Schwester war mit Konrad III. verheiratet, die beiden Kaiser dadurch verschwägert. Aus dieser Ehe stammte mit Maria Porphyrogenita Komnene (1152 bis 1182) eine Tochter, die das Kindesalter überlebte.

 

Maria gab sich den Beinamen Xene, die Fremdländische, und zog sich in ein Kloster zurück. So ganz weltabgewandt war sie allerdings nicht. Wie der Beiname Porphyrogenita sagte, war sie purpurgeboren und suchte nun ihren Mann Rainer von Montferrat (um 1162 bis 1182) auf den Thron zu bringen. Dagegen stand Maria von Antiochia, die zweite Gemahlin Manuels, die natürlich ihren Sohn Alexios Komnenos (1169 bis 1183, reg. 1180 bis 1183) als natürlichen Thronfolger ansah. Über diesen Streit kam es zum Bürgerkrieg, wobei das lateinische Bekenntnis Maria Xenes große Teile der Bevölkerung gegen sie aufbrachte. Sie und ihre Anhänger unterlagen, was Alexios allerdings nur bedingt half. Er steht zwar als Alexios II. für die Zeitspanne von 1180 bis 1183 in der Liste der byzantinischen Kaiser, wirklich geherrscht hat er aber schwerlich. Die Geschäfte führte wohl sein gleichnamiger Cousin, der Protosebastos Alexios Komnenos (1141 bis 1183). Der Titel ließe sich mit "Erste Majestät" übersetzen, zeigt also die hierarchische Bedeutung dieses Vetters, dem auch ein Verhältnis mit Maria nachgesagt wird.

 

Auf dem Plan erschien mit Andronikos Komnenos (etwa 1119 bis 1185, reg. 1183 bis 1185) ein Cousin Manuels, der Sohn des seinerzeit übergangenen älteren Bruders Isaak. Er gerierte sich als Beschützer von Alexios II., auch vor den überwiegend lateinischen Beratern des Regenten. Viele Adelige standen hinter Andronikos, auch wichtige Militärs stellten sich mit ihren Truppen auf seine Seite. Spätestens nachdem Cousin Alexios ergriffen und geblendet worden war, wussten die Katholiken, vornehmlich Venezianer und Genueser, in der Stadt, was Sache war, und suchten das Weite.

 

Das Volk öffnete im Frühjahr 1182 Andronikos die Stadttore. Im Anschluss begann unter den verbliebenen Lateinern ein Gemetzel, wilder und brutaler als die Aktion gegen die Genueser zehn Jahre zuvor. Viel Wut hatte sich in den vergangenen Jahren durch die den Kaufleuten gewährten Privilegien aufgestaut, aber auch katholische Priester und Mönche wurden nicht verschont.

 

Der Gegenschlag kam von der Schwarzmeerflotte. Die byzantinische Flotte bestand vornehmlich aus italienischen Söldnern, insbesondere auch auf der Führungsebene. Diese waren durch die Massaker an ihren Glaubensgenossen in Konstantinopel aufgeschreckt. Ihre Heimatstädte sahen zudem die Grundlage ihres wirtschaftlichen Handelns mehr als bedroht und unterstützten sicherlich die nun folgenden Aktionen der Flotte. Diese plünderte zunächst die orthodoxen Klöster und Ortschaften an den Ufern des Marmarameers. Auf den Geschmack gekommen, ging es weiter nach Thessalien, wo das brutale Handwerk mitleidlos fortgesetzt wurde.

 

Andronikos setzt sich durch

In Konstantinopel sicherte sich Andronikos I. die Macht. Es waren grausame Zeiten und er passte in die Zeit. Beide Marias wurden noch im Jahr 1182 getötet. Alexios II. hatte dem zugestimmt, was ihn nicht davor bewahrte, noch im nächsten Jahr ebenfalls ermordet zu werden. Andronikos I. saß auf dem Thron und fühlte sich sicher. Er heiratete Agnes von Valois (1171 bis 1240), die jüngste Tochter Ludwig VII. von Frankreich, die gerade mal 12 Jahre alt war – und bereits Witwe! 1182 hatte sie Alexios II. geheiratet, der ja nun Andronikos zum Opfer gefallen war. Dieser war zum Zeitpunkt der Eheschließung bereits 65 Jahre alt. Wir wollen nicht weiter darüber nachdenken.

 

Viele Profiteure der inneren Streitigkeiten

Wir haben es mitunter schon berichtet, dass interne Macht- und Nachfolgekämpfe von den benachbarten Staaten und Völkern ausgenutzt werden. So wundert es nicht, dass Béla III. von Ungarn (um 1148 bis 1196, reg. 1172 bis 1196) im Jahr 1181 einen erfolgreichen Eroberungszug in die fruchtbare Ebene zwischen Donau und Save führen konnte. Wir sind ebenfalls nicht überrascht, dass die Seldschuken die mit viel Kraft befestigten Ortschaften in Kleinasien einnehmen konnten. Dass der Normanne Wilhelm II. (um 1153 bis 1189, reg. 1166 bis 1189) aus Sizilien nach Epirus übersetzte und 1185 Thessaloniki eroberte, passt ins Bild.

 

Andronikos scheitert: Das Ende der Komnenen

Ebenso ins Bild passt, dass sich Andronikos angesichts dieser Probleme nicht lange im Amt halten konnte. Hinzu kam, und dies war vielleicht noch entscheidender, dass er versuchte, die Machtansprüche und Privilegien des Adels auszuhebeln. Diese Politik erzeugte Fliehkräfte, es entstanden unabhängige Teilherrschaften, die Macht des Thrones zerbröselte.

 

Am 12. September 1185 wurde Andronikos schließlich vom Mob in Konstantinopel umgebracht. Auslöser war der Befehl seines Stellvertreters mit dem schönen Namen Stephanos Hagiochristophorites (etwa 1130 bis 1185), Isaak Angelos (1156 bis 1204, reg. 1185 bis 1195 und 1203 bis 1204) hinrichten zu lassen, einen Feldherrn und mütterlicherseits Nachkommen von Alexios I. Isaak konnte jedoch in die Hagia Sophia fliehen und von dort aus das Volk gegen den Kaiser aufwiegeln, der dieses Wiegeln dann nicht überlebte. Auch Andronikos‘ Sohn Johannes Komnenos (1159 bis 1185) wurde in Thrakien ermordet.

 

Die Dynastie der Komnenen hatte nach gut hundert Jahren ihr Ende gefunden.

 

Ein paar Nachläufer gab es: Bis 1191/1192 hielt sich ein Isaak Komnenos (um 1160 bis 1194/1195, reg. 1185 bis 1191/1192), ein Großneffe Manuels I., noch als Herrscher in Zypern, bis er dort während des dritten Kreuzzugs Richard I. „Löwenherz“ (1157 bis 1199, reg. 1189 bis 1199) unterlag. In Trapezunt an der türkischen Küste des Schwarzen Meeres errichteten Andronikos‘ Enkel Alexios I. Megas Komnenos (etwa 1182 bis 1222, reg. 1204 bis 1222) und David Komnenos (etwa 1184 bis 1212), reg. 1204 bis 1212) etwas später im Jahr 1204 nach dem vierten Kreuzzug das Kaiserreich von Trapezunt. Dies hielt sich immerhin bis 1461, also sogar etwas länger als das Byzantinische Reich an sich. In Georgien führt noch heute die Familie Andronikashvili, auch dem Namen nach, ihren Stammbaum auf Andronikos zurück – bemerkenswert viel Ehre für einen Kaiser, der nur kurz und erfolglos regierte.

 

Es waren schwierige Jahre, die Alexios und seine Nachfolger durchzustehen hatten. Italien ging verloren, das Verhältnis zum deutschen König, zum Papst, zu den italienischen Städten, zum Westen insgesamt war wechselhaft und nie konfliktfrei. Sowohl die Normannen im Westen als auch die Muslime im Osten und Süden bekam man nicht in den Griff. Im Gegenteil, in der Endphase zeigten sich beide als stärker. Im Süden drohte mit Saladin ein neuer starker Herrscher und auf dem Balkan war die Situation nach dem Einfall der Ungarn und Wilhelms Eroberungszug nach einer zwischenzeitlichen Beruhigung wieder kritisch.

 

Das nächste Mal schauen wir uns wieder einen Kreuzzug an. Hatten wir ja länger nicht.

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