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(153) Der 4. Kreuzzug

Es ist mal wieder Zeit für einen Kreuzzug

Alles begann eigentlich relativ unspektakulär. Papst Innozenz III. (1161 bis 1216, amt. 1198 bis 1216) rief zu Beginn seines Pontifikats 1198 zu einem neuerlichen Kreuzzug auf. Einen konkreten Anlass gab es eigentlich nicht. Es dauerte auch ein wenig, bis die Idee in die Köpfe und Herzen der Menschen drang. Erst ein Jahr später fanden sich die ersten Adeligen bereit, ein solches Unternehmen zu wagen.

 

Man wollte aus den Erfahrungen der bisherigen Kreuzzüge lernen. So wurde die Idee geboren, über das Mittelmeer nach Ägypten zu segeln, um dann – ausgestattet mit den reichen Ressourcen dieses Landes – Palästina von Süden her anzugreifen. Auf diese Weise sollte der beschwerliche Landweg und das erfahrungsgemäß schwierige Zusammenwirken mit den Byzantinern vermieden werden. Es kam anders.

 

Venedig verhandelt

Wir müssen nicht lange überlegen, um zu erkennen, dass für einen derartigen Plan eine große und gut ausgestattete Flotte hilfreich sein kann. Hier waren die italienischen Handelsstädte die richtigen Ansprechpartner. Die Venezianer sollten den Transport von etwa 33.500 Mann, davon etwa 500 Ritter, und 4.500 Pferden organisieren und zusätzlich eine eigene Flotte von 50 Galeeren ausrüsten. Der Doge, mittlerweile der über neunzigjährige blinde Enrico Dandolo, forderte hierfür 85.000 Kölner Silbermark, das sind etwa 20 Tonnen Silber. Zusätzlich gerne auch die Hälfte der Beute und – für die Handelsrepublik entscheidend – einen Anteil an den Eroberungen als künftige Stützpunkte. Auch wenn Venedig die Flotte auf Kredit finanzieren musste, war das Risiko insgesamt doch überschaubar. Im Erfolgsfall war man reich, hatte ein Netz an Kolonien und daraus resultierend nachhaltige Vorteile gegenüber den Konkurrenten aus Genua und Pisa.

 

Mäßiger Zuspruch

Zumindest das finanzielle Risiko war schon zu Beginn des Kreuzzugs signifikant geringer als ursprünglich befürchtet. Nicht die geplanten 33.500 Krieger erschienen in Venedig, sondern gerade mal ein gutes Drittel. Einige Kreuzfahrer hatten es vorgezogen, ihre Überfahrt selbst zu organisieren. Vor allem aber war die Motivation in Europa, sich in diesen Krieg zu stürzen, eher verhalten. Es gab keinen konkreten Anlass, keine Niederlage wie die von Hattin, die gerächt werden musste. Venedig bestand gleichwohl auf der Bezahlung der gesamten vereinbarten Summe, auch wenn es nur etwa die Hälfte davon wirklich für die Ausstattung der Flotte benötigte. Die Kreuzfahrer hatten wohl nicht das Kleingedruckte gelesen und mussten sich nun entsprechend verschulden. So waren sie gegenüber den Wünschen und Interessen der Dogenrepublik gegenüber nachhaltig erpressbar. Auch wenn die pekuniären Rahmenbedingungen günstig waren, war die Aktion für Venedig auch kein Selbstläufer. Die Beschaffung und Ausrüstung von 200 Schiffen binnen kürzester Zeit zahlte auch eine reiche Handelsstadt nicht mal eben aus der Portokasse.

 

Ein lukrativer Zwischenstopp macht Probleme

Um zumindest einen ersten Teil der Forderungen zu erhalten, machte Venedig ein Angebot, das man nicht ablehnen konnte. Statt direttamente nach Ägypten zu segeln, sollte zunächst die Stadt Zara an der Adria, das heutige kroatische Zadar, erobert werden.

 

Dieser Schachzug hatte ein politisches Kalkül. Zara gehörte einst dem Venezianischen Reich an, befand sich jedoch im Moment unter ungarischer Herrschaft. Die Rückeroberung würde Venedig einen wichtigen Handelsstandort am adriatischen Meer bescheren und seine Stellung im Mittelmeer weiter stärken.

 

Dieses Vorhaben hatte es in sich. In Zara lebten Christen. Anstatt gegen die Muslime um das Heilige Land zu kämpfen, würden die Kreuzfahrer also zunächst eine christliche Stadt erobern. Da mag der ein oder andere ins Grübeln gekommen sein. Dass der König von Ungarn selbst das Kreuz genommen hatte, machte die Sache nicht einfacher. Die Eroberung Zaras war also gewissermaßen ein Angriff auf die eigenen Reihen. Erste Ritter zogen sich zurück. Sie wollten nicht gegen Christen kämpfen. Venedig verwies auf die aktuellen Kontosalden und setzte sich durch. Im Oktober 1202 segelte das verbleibende Kreuzfahrerheer los und eroberte Zara im November nach 13-tägiger Belagerung. Die Beute vereinnahmte Herr Dandolo und verrechnete sie mit den Schulden der Kreuzfahrer. Aufgrund der späten Jahreszeit wurde Zara Winterquartier.

 

Exkommunizierte Kreuzfahrer

Die Eroberung Zaras war ein Affront für den Papst, der explizit verboten hatte, gewaltsam gegen Christen vorzugehen. Sein Gesandter wurde unverrichteter Dinge zurückgeschickt. Innozenz exkommunizierte sowohl Venezianer als auch Kreuzfahrer. Der Adel konnte für sich zwar eine Rücknahme der Entscheidung erreichen, Fußvolk und Venezianer blieben aber außen vor. Ob die Venezianer sich darum groß scherten, ist eher fraglich. Der weitere Verlauf des Kreuzzuges spricht eher dagegen. Auf jeden Fall gab es einen weiteren Verlauf. Dies wäre mit exkommunizierten Kämpfern wohl schwer möglich gewesen. Die Exkommunikation wurde also geheim gehalten, um keine Verwirrung unter dem Fußvolk auszulösen. Ein bißchen strange war die Situation schon.

 

Alexios Angelos mischt sich ein

Die nächste Wendung kam durch Alexios Angelos (etwa 1182 bis 1204, reg. 1203 bis 1204), den Sohn des gestürzten Isaak II. und Neffen von Alexios III. Er war bei der Absetzung Isaaks II. gefangengenommen worden, hatte 1201  aber fliehen können. Nun suchte er nach Wegen, seinen Onkel zu stürzen und seinen Vater oder sich selbst wieder auf den Thron zu bringen. Beim Papst bekam er für seine Pläne keine Unterstützung, jedoch zeigte sich der deutsche König Philipp von Schwaben (1177 bis 1208, reg. 1198 bis 1208) offen für die Idee, den Kreuzzug nach Konstantinopel umzuleiten, um dort in Alexios‘ Sinn für Ordnung zu sorgen. Philipps Ehefrau Irene Angelina (1177 oder 1180/81 bis 1208) war Alexios‘ Schwester. Zudem war dessen Cousin Bonifatius von Montferrat (um 1150 bis 1207), ein Bruder des uns bereits bekannten Konrad, Anführer des Kreuzzugs. Nachdem Alexios auf eine Aufforderung Bonifatius‘ hin auch noch eine Verstärkung des Kreuzfahrerheeres durch byzantinische Kontingente und zusätzlich 200.000 Silbermark versprochen hatte, dachte keiner mehr an eine Überfahrt nach Ägypten. Insbesondere die Augen der Venezianer leuchteten. Im Mai 1203 legte man auf Korfu die Vereinbarungen vertraglich nieder und in der zweiten Junihälfte erreichte die Flotte der Kreuzfahrer Konstantinopel.

 

Wir wissen nicht genau, ob Alexios hier wirklich die ausschlaggebende Figur für die Planänderung war. Der Hang, Geschichte in Narrativen zu erzählen mag an diese Stelle überhandgenommen haben. 

 

Alexios' Plan geht auf …

Die Nachricht von der Planänderung mochte den Anführern gefallen, einige Kreuzfahrer wollten sich allerdings nicht zum Instrument innerbyzantinischer Machtkämpfe machen lassen und fuhren nach Hause.

 

In Konstantinopel gelang es den Kreuzfahrern nach zunächst erfolglosen Verhandlungen dann doch relativ zügig, die Stadt militärisch unter Kontrolle zu bringen. Ausschlaggebend war die Flucht Alexios‘ III. Dass dieser keine Kämpfernatur war, wissen wir ja schon. So wurde Isaak II. aus dem Kerker geholt und ein zweites Mal auf den Thron gesetzt.

 

… aber es fehlt das Geld

Erst einmal erkannte Isaak die gemachten Zusagen an das Kreuzfahrerheer an und machte seinen Sohn als Alexios IV. zum Mitkaiser. Beide mussten allerdings schnell feststellen, dass die aufzubringenden Summen die Möglichkeiten des Reiches bei weitem überstiegen. Das wird auch daran gelegen haben, dass Alexios III. vor seiner Flucht noch die kaiserliche Schatzkammer auf Dinge untersuchte hatte, die er gerne mitnehmen wollte. Isaak und Alexios IV. kramten nun zusammen, was noch übrig war, plünderten Kirchen und Klöster, um die dortigen Schätze einzuschmelzen. Allein, es reichte bei weitem nicht aus. Die versprochenen 200.000 Mark bedeuteten 47 Tonnen Silber. Das war und ist kein Pappenstiel. Alexios IV. erbat sich einen halbjährigen Aufschub bis April 1204 und machte sich auf die Suche nach seinem Vorgänger und Namensvetter, in der Hoffnung, dass der die geraubten Schätze noch nicht völlig verprasst habe.

 

Aufstand

Bald, nachdem er die Stadt verlassen hatte, kam es zu Unruhen. Allein die penetrante Anwesenheit der stark bewaffneten Kreuzfahrer, darüberhinaus das Konfiszieren der Kirchenschätze zu Gunsten dieser "widerwärtigen Lateiner", all das ärgerte die Menschen. Es kam wieder zu Übergriffen auf die katholischen Bevölkerungsteile. Die Kreuzfahrer hielten dagegen, die Auseinandersetzungen schaukelten sich auf und schließlich legte ein Großbrand zwischen dem 19. und 21. August viele Stadtviertel in Schutt und Asche.

 

Angesichts dieser feindseligen Lage und der noch nicht beglichenen 200.000-Mark-Rechnung zog sich das Kreuzfahrerheer im Winter 1203/1204 auf die asiatische Seite der Meerenge zurück, hauptsächlich in die Vororte Chalkedon und Chrysopolis (heute Üsküdar). Von dort aus stellten sie Konstantinopel ein Ultimatum zur Zahlung. Bis dahin sicherten sie ihre Versorgung durch Plünderungen in der Umgebung. Die Bürger Konstantinopels versuchten das Problem auf eine andere Art zu lösen, indem sie die venezianischen Schiffe mit Brandern angriffen. Der Erfolg war allerdings eher mäßig.

 

Neue Kaiser

Durch die Ablösung der lateinerfreundlichen Isaak II. und Alexios IV. versprach sich die Stadt eine Klärung und Verbesserung der Situation. Am 28. Januar 1204 wählte eine Versammlung aus Senatoren und Priestern den Adeligen Nikolaos Kanabos (gest. 1204, reg. 1204) zum neuen Kaiser. Der hatte sich nicht beworben und die Wahl geschah gegen seinen ausdrücklichen Willen. Es muss ein vorausschauender Mann gewesen sein, aber irgendwie dann doch kein kluger.

 

Als der General Alexios Dukas Murtzuphlos (um 1160 bis 1204, reg. 1204) seine Ambitionen auf den Thron anmeldete und Nikolaos eine herausgehobene Stellung unter seiner künftigen Herrschaft anbot, lehnte dieser ab. Er ahnte anscheinend nicht die brutale Konsequenz von Alexios Dukas Murtzuphlos. Der hatte Alexios IV. nicht nur vom Thron gestoßen, sondern danach sicherheitshalber auch ermorden lassen. Isaak II. starb ebenfalls im Januar, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch auf Veranlassung Alexios‘ Murtzuphlos. Nikolaos reihte sich, sicherlich äußerst unwillig, ein. Am 3. Februar wurde der Kurzzeitkaiser ermordet und Alexios wurde zwei Tage später als Fünfter seines Namens Kaiser. Er blieb es nicht lange.

 

Konstantinopel fällt

Zunächst suchte Alexios V. mit viel Energie die Verteidigung der Stadt gegen die Kreuzfahrer zu organisieren, musste aber bald die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens einsehen. 

 

Der Konflikt zwischen Orthodoxen und Lateinern löste sich nun schnell und gewaltsam. Die Kreuzfahrer hatten von ihrem Stützpunkt in den asiatischen Vororten inzwischen auch den Hafen und das Nordwestende des Goldenen Horns erobert. Am 9. April stürmten sie unter Führung des greisen Enrico Dandolo die gesamte Stadt Konstantinopel, die am 12. April endgültig fiel. Bei dem Sturm wurden Brände gelegt, um die Verteidiger zu schwächen, was die Bausubstanz der Metropole auf lange Sicht massiv beschädigte.

 

Alexios V. floh zu Alexios III., eine Idee, die ja bereits sein Vorgänger Alexios IV. gehabt hatte. Er heiratete mit Eudokia Angelina (um 1173 bis nach 1210) sogar eine Tochter Alexios‘ III. Ob Alexios V. bereits mit ihr verheiratet war, oder ob die Ehe erst zu diesem Zeitpunkt geschlossen wurde, ist allerdings ein wenig unklar. Diese Verbindung half ihm aber auch nicht weiter. Sein Schwiegervater dachte weiterhin vor allem an sich selbst, ließ Alexios V. blenden und lieferte ihn den Kreuzfahrern aus. Die verurteilten ihn zum Tode durch Sturz von der Theodosios-Säule im Hippodrom. Für sie war ja ihr Vertragspartner Alexios IV. der rechtmäßige Kaiser. Der war aber leider auch schon tot.

 

Ab dem Abend des 12. April 1204 herrschten die Lateiner in der Metropole der orthodoxen Kirche. Venezianer und Kreuzfahrer hatten sich verständigt, dass aus der Beute bis zum Ausgleich aller Schulden die Venezianer drei Viertel bekommen sollten, danach würde man hälftig teilen. Zudem wollte man einen lateinischen Kaiser wählen, der allerdings nur ein Viertel der Stadt und des Reiches zugewiesen bekommen sollte. Der Rest würde wieder hälftig an Venedig und die Kreuzfahrer gehen.

 

Die Beute soll insgesamt einen Wert von 900.000 Silbermark gehabt haben, wovon Venedig 500.000 Mark bekommen habe. Die Folgen dieser Plünderung kannst du heute noch beispielsweise in Halberstadt bestaunen, wohin der dortige Bischof Konrad von Krosigk (gest. 1225, amt. 1201 bis 1209) einige liturgische Geräte gebracht hat.

 

Alexios III. taucht noch einmal auf

Bevor wir schauen, wie es weiterging, wollen wir uns noch von Alexios III. verabschieden. Der ergab sich schließlich Bonifatius von Montferrat, floh später nach Epirus, dann nach Kleinasien, wo sein Schwiegersohn Theodoros I. Laskaris (um 1175 bis 1222, reg. 1205 bis 1222) als Exilkaiser in Nikaia Widerstand gegen die Lateiner leistete. Auch hier war es keine entspannte verwandtschaftliche Beziehung. Alexios wollte von Theodoros die Kaiserkrone zurück, die ihm dieser allerdings verweigerte. Auch die Unterstützung des seldschukischen Sultans Kai Chosrau I. (vor 1177 bis 1211, reg. 1192 bis 1196 und 1205 bis 1211), ein Sohn von Kılıç Arslan II. und Ehemann einer Enkelin von Manuel I., half Alexios nicht. Theodoros konnte 1211 Kai Chosrau in der Schlacht bei Antiochia schlagen und Alexios gefangen nehmen. Er steckte ihn in ein Kloster in Nikaia, wo er irgendwann starb.

 

Das nächste Mal schauen wir dann, wie sich das neu geschaffene Lateinische Kaiserreich so machte.

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