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(179) Zentralasien: Geographie und frühe Völker

Geographie und Rahmenbedingungen

Mit dieser Folge verlassen wir Europa und den Nahen Osten und beginnen eine Reise durch das weiter entfernte Asien. Eine grobe räumliche Gliederung zeigt uns zunächst Zentralasien, dann China, Ostasien mit Japan und Korea, Südostasien und Indien. Die jeweilige Abgrenzung ist zugegebenermaßen fließend.

 

Der Begriff »Südostasien« taucht beispielsweise erstmals 1839 in einem Reisebericht eines Baptisten auf, dann erst wieder 1923 bei dem österreichischen Ethnologen Robert Heine-Geldern (1885 bis 1968). Breitere Verwendung findet er dann in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, vor allem auch durch das britische Militär, das ein Operationsgebiet für einen Oberkommandierenden benötigte und Lord Louis Mountbatten (1900 bis 1979) das South East Asia Command übertrug. Zuvor war die Region in Deutschland eher als Hinterindien geläufig.

 

Auch Zentralasien ist ein eher unklar umrissener geographischer Begriff, dessen Historie auf den Begriff »La Tartarie« in alten Karten zurückgeht. Der Begriff verbindet den mongolischen Stamm der Ta-ta mit dem Tartarus, dem dunkelsten Teil der Unterwelt in der griechischen Mythologie, wo Titanen und Frevler gefangen gehalten werden. Eine Gegend also, die nur die schrecklichsten Höllenbewohner, also Tartaren, in die Welt senden kann, was in Europa ja angesichts der Hunnen- und der Mongolenstürme durchaus so empfunden wurde. Wir halten es eher mit der UNESCO, die als Zentralasien die Region meint, die heute von den Staaten Kasachstan, Kirgisien, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan, der Mongolei, Teilen Russlands und Regionen im Westen Chinas inklusive Tibets eingenommen wird. Wer wollte da widersprechen?

 

Uns sind in der bisherigen Erzählung ja bereits häufiger Völker begegnet, die aus »der Steppe Zentralasiens« kamen und den Staaten in Europa, Persien und Kleinasien Sorgen bereiteten. Wir erinnern uns beispielsweise an die Skythen, Hunnen, Kök-Türken und Mongolen. Auch die chinesischen Herrscher können hiervon ein Lied singen. Alle dieser einzelnen Steppenvölker werden wir auch hier nicht zu fassen bekommen, zumal die Freude am Schreiben ihnen in aller Regel nicht gegeben war und wir somit mal wieder auf eine schwierige Quellenlage stoßen.

 

Die Geographie Zentralasiens ist durch die Ferne von Küsten, die langgestreckte Gebirgskette im Süden, die vom Himalaya über das iranische Hochland bis zum Kaukasus reicht, und die nahezu menschenleere Taiga Sibiriens im Norden gekennzeichnet. Daraus ergibt sich ein sehr regenarmes, von hohen Temperaturunterschieden geprägtes Klima. Der Himalaya ist im Übrigen »nur« die südliche Gebirgskette einer Vielzahl unterschiedlicher Gebirge wie dem Kunlun im chinesischen Südwest-Xinjiang oder dem Karakorum von Südwesttibet bis Nordpakistan. Sieh es mir nach, wenn ich hier eine gewisse Detailgenauigkeit vermissen lasse. Ein Blick auf die Karte ist hier zielführender als jede noch so wortreiche Beschreibung.

 

Neben dem Himalaya und den angrenzenden Bergregionen existiert noch eine eher ungleichmäßige Kette von Gebirgen von Afghanistan mit dem Hindukusch bis zum Baikalsee in Sibirien, die Zentralasien in zwei Hälften teilt. In der westlichen setzte sich ab dem 7. Jahrhundert n. Chr. weitgehend der Islam durch, während östlich davon eher die chinesische und buddhistische Kultur vorherrschten. Wenn wir die Nachrichten verfolgen, wissen wir, dass derart pauschale Aussagen immer mit Gegenbeispielen widerlegt werden können. Die muslimischen Uiguren in Xinjiang sind ein solches.

 

Durch das trockene Klima ist Zentralasien auch durch viele Wüsten geprägt. Gobi und Taklamakan sind sicherlich die bekanntesten Beispiele. Dort finden wir Niederschlagsmengen von weniger als 30 Millimeter im Jahr und Temperaturschwankungen von 70 Grad Celsius innerhalb von 24 Stunden. In Hamburg, das ja auch nicht zwingend für Regentage bekannt ist, liegt die Niederschlagsmenge zum Vergleich bei über 770 mm im Jahr, also etwa um den Faktor 25 höher. Dort kommt man bei den Temperaturen übrigens auf ähnliche Werte – allerdings nur, wenn man die Werte einer ganzen Woche addiert. Im norwegischen Bergen ist der Niederschlagswert dann noch einmal um den Faktor vier höher. Drei durchschnittliche Tage dort bringen so viel Regen wie ein Jahr in der Taklamakan.

 

Es mag verwundern, dass aus dieser Region so viele Völkerschaften in die Welt gezogen sind – oder eben nicht, weil so richtig heimelig kann es einem dort ja wohl nicht werden. Aber wir reden ja auch über eine riesige Region. Nicht alles ist Wüste. Typisch für Zentralasien ist abseits von Wüsten und Hochgebirgen weites Grasland. Extensive Weidewirtschaft durch Steppennomaden stand hier im Mittelpunkt, die Basis für viele der Reitervölker, die sich dann nach Westen und Süden hin ausbreiteten.

 

Das lange Steppenband beginnt im Osten in der Mandschurei im Nordosten Chinas und verläuft dann nördlich der Wüste Gobi durch die Mongolei nach Westen. Über die Dsungarei mit der Dsungarischen Pforte, eine Talebene und den Alataw-Gebirgspass, über die viele Jahrhunderte wichtige Handelswege der sogenannten Seidenstraße liefen, geht es an den Hängen des Altai und Tian-Shan-Gebirges weiter durch Kasachstan Richtung Ural. Südlich des Ural verläuft die Steppenlandschaft dann weiter nördlich von Kaukasus und Schwarzem Meer bis hin zu den Karpaten und zur Donaumündung.

 

Auf jeden Fall haben die Wüsten und Gebirge aber dafür gesorgt, dass die Kulturen im Südwesten (Persien, Indien), Westen (Mittelmeerraum) und Südosten (China) keinen unmittelbaren Zugang zueinander hatten. Auf der anderen Seite hat es aber auch immer Handelswege gegeben, die doch für einen gewissen Austausch und grundlegendes Wissen voneinander gesorgt haben – auch wenn dieses nicht immer mit den Realitäten übereinstimmte. Auf der berühmten Ebstorfer Weltkarte findet sich für die entfernteren Gegenden im Osten neben der Darstellung eines Hundsköpfigen oder eines Greifs eine richtige Monstergalerie.

 

Das Leben der Steppennomaden

Die zentralasiatischen Völker beherrschten die Steppe auf dem Rücken ihrer Pferde. Wenn sie es eilig hatten, so wird berichtet, schnitten sie eine Ader im Nacken ihres Pferdes auf und tranken das Blut. Spart unnötige Aufenthalte. Neben Pferdeblut sollen auch Nachgeburten oder abgetriebene Föten auf dem Speiseplan gestanden haben. Wir glauben nicht jede Erzählung, die es nach Europa geschafft hat.

 

Neben der nomadischen Lebensweise gab es natürlich auch feste Orte, vornehmlich an Flüssen wie am nördlich der Taklamakan fließenden Tarim und Oasen wie etwa Merw im heutigen Turkmenistan, das wir als Hauptsitz des abbasidischen Kalifen al-Mamun schon kennengelernt haben. Prägend und typischer für Zentralasien waren aber die in der Grassteppe lebenden Nomaden.

 

Es waren kriegerische Gemeinschaften, die sich ihre Weidegründe gegen andere Stämme erkämpfen mussten. Bei den sesshaften Dorf- und Stadtbewohnern konnten sie sich raubend die Dinge holen, die ihnen wertvoll und nutzbringend erschienen – zumindest so lange, bis die Orte sich mit Artillerie wehren konnten. Dass man ihnen schnell den Ruf der Grausamkeit anhaftete, überrascht nicht. Trotz dieser Überlegenheit wurden häufiger Nomaden zu Ackerbauern, als dass sich umgekehrt Bauern ihre Felder aufgaben und sich für ein Leben im Sattel entschieden. Der Mensch ist vielleicht doch eher ein Wesen, das Veränderung nicht so mag.

 

Die Nomaden waren aber nicht nur Räuber, sondern durchaus auch Händler. Pferde, Rinder, Felle, Wolle, Sklaven waren begehrte Waren, auch Pelze, Eisen, Bernstein und Elfenbein von Walrössern und Mammuts. Aber auch Lapislazuli aus Afghanistan war in Mesopotamien begehrt und in China verlangte es die Menschen nach Jade aus Zentralasien.

 

Einen Höhepunkt erreichten die Handelsbeziehungen im frühen 2. Jahrhundert n. Chr., als sowohl das Römische Reich im Westen als auch das China der Han-Dynastie auf dem Höhepunkt ihrer Macht standen. Chinesische Seide und Gewürze wurden nach Westen transportiert, aus Indien kamen Baumwolle und Perlen, aus Persien Teppiche und Europa lieferte Silber, Leinen und das wertvolle römische Glas. Die Preise hatten es dabei mitunter in sich. Muslimische Händler berichten aus der Zeit um das Jahr 1200, dass vier Zobelfelle und ein Hermelinfell den Preis von 86 Ochsen erbrachten. Wenn Du keinen großen Garten hast, solltest Du es dir gut überlegen, Omas Pelz nach Asien zu verkaufen.

 

Schauen wir uns an, was wir von den frühen Völkern wissen, die in dieser Weltregion gelebt haben. Die Quellenlage ist wie gesagt sehr übersichtlich.

 

Frühe Völker: Skythen, Massageten, Saken, Issedonen

Das erste Auftreten nomadischer Stämme aus den Steppen Zentralasiens verbinden wir mit den Skythen. Diese sind uns ja schon vor einiger Zeit über den Weg gelaufen. Leider gibt es von den Stammesverbänden aus der Zeit des 8. bis 6. Jahrhunderts v. Chr. keine Aufzeichnungen, so dass wir auf die Erzählungen vor allem von Herodot angewiesen sind. Vieles basiert auf Hörensagen und Missverständnissen. Fehlinterpretationen werden wir kaum ausschließen können.

 

Eine mögliche Verteilung sieht die Issedonen nordöstlich des Balchaschsees in Nordost-Kasachstan, die Massageten westlich davon bis hin zum Aralsee und die Skythen nördlich des Kaspischen Meeres. Ob die Saken, von denen im Nordiran berichtet wird, identisch mit den Skythen waren oder ein eigenes Volk, wer mag das so genau sagen. Ähnliches gilt für die iranischstämmigen Sarmaten, die noch ein bisschen weiter westlich, also vom südlichen Ural in die Gegend der Ukraine und weiter nach Westen drängend verortet werden könnten – wenn man dann ein wenig mehr über sie wüsste. Sie sind uns bereits als Gegner des Römischen Reiches begegnet.

 

Es gibt die Interpretation, dass die Massageten die Skythen immer weiter nach Westen gedrängt haben sollen. Diese stießen dann in der Ukraine auf die Kimmerer und trieben diese in Richtung Kleinasien. Sie selbst drangen mindestens bis zum heute von der Austrocknung bedrohten Urmia-See westlich Täbris im Nordwestiran vor, wo sie auf Phraortes (gest. etwa 653 v. Chr., reg. etwa 678 bis 653 v. Chr.), den König der Meder trafen, die seinerzeit in Persien herrschten. Die Skythen waren mit diesen Treffen durchaus zufrieden. Sie besiegten die Meder und ihr Fürst Madyes (gest. 625 v. Chr., reg. etwa 658 bis 625 v. Chr.) konnte die folgenden gut fünfundzwanzig Jahre die Oberhoheit über das medische Reich behaupten. Die Überlieferung sagt, Kyaxares II., Phraortes' Nachfolger, hätte die skythischen Führer schließlich auf einem Bankett niedermetzeln lassen und so die Herrschaft zurückgewonnen. Jetzt wundere Dich nicht, dass die Jahreszahlen nicht so ganz zueinander passen.

 

Wir wollen uns angesichts der unsicheren Quellenlage aber nicht lange mit der Antike aufhalten. Beschränken wir uns auf ein paar Blitzlichter. Es wird von Auseinandersetzungen der Massageten mit dem Perserreich der Achämeniden berichtet. Ob, wie Herodot berichtet, Kyros II. dabei umkam, ist allerdings nicht klar, ebenso wenig wie der andernorts berichtete Tod der massagetischen Königin Tomyris (gest. um 520 v. Chr., reg. um 530 v. Chr.). Die Begegnungen zwischen dem persischen Reich und den Steppenvölkern waren abseits der kriegerischen Auseinandersetzungen durchaus fruchtbar. Neben den sicherlich vorhandenen Handelsbeziehungen lernten die Perser den Kampf zu Pferd, das Bogenschießen und ähnlich nützliche Kriegs- und Jagdtechniken. Die Steppenvölker profitierten von der Übernahme landwirtschaftlichen Wissens, unter anderem hinsichtlich intelligenter Bewässerungstechniken, die in den trockenen Landstrichen sehr willkommen waren.

 

Die persischen Kriegszüge nach Griechenland im frühen 5. Jahrhundert v. Chr. geben uns einige Namen von Völkern, die mitgezogen sind, vornehmlich wohl, weil ihre Siedlungsgebiete unter persischer Oberhoheit standen. Da finden sich die Arier aus dem Iran, Afghanistan und Pakistan, die Choresmier, die südlich des Aralsees siedelten und die wir beim Untergang des abbasidischen Kalifats schon kennengelernt haben, und die Saken. Diese sollen zunächst im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. im westlichen Tarimbecken gelebt haben und dann von den Yuezhi in das nach ihnen benannte Sistan, früher Sakastan, im Grenzgebiet zwischen dem Iran und Afghanistan vertrieben worden sein. Gandharer, Paktyrer und die wahrscheinlich immer etwas ungeduldigen Drangianer wollen wir dann fairerweise auch erwähnen.

 

Darüber hinaus haben wir noch die Issedonen im Angebot. 1924 wurde in Pasyryk, einem Tal im Altai-Gebirge im Süden Sibiriens, eine Grabanlage von etwa 25 Hügelgräbern entdeckt, sogenannte Kurgane, in denen aufgrund des dort herrschenden Dauerfrosts in Teilen auch organische Materialien wie etwa Teppiche erhalten geblieben sind. Auch die mumifizierte Leiche vermutlich eines Häuptlings und anderer Personen fanden sich dort. Dazu kamen einige Skelette, insbesondere auch viele von Pferden. Die Zuordnung als »skythische« Grabanlage zeigt wohl eher, dass eine präzise Bezeichnung des Volkes, das hier seine Toten aufwändig beerdigte, nicht möglich ist. Dann werden die Skythen gerne als Oberbegriff herangezogen. Natürlich wissen wir auch nicht, ob es sich um issedonische Gräber handelt, wie vermutet wird. Den Issedonen wird Kannibalismus nachgesagt. Da die Innereien der gefundenen Mumie entfernt wurden, können wir dies auch nicht durch eine Analyse des Mageninhalts belegen.

 

Wir blicken verwirrt auf die vielen Volksgruppen, sind im Inneren froh, nicht in dieser Zeit gelebt und womöglich Kannibalen begegnet zu sein, und schauen nun vergnügt nach vorne, in der stillen Hoffnung auf etwas mehr Sicherheit in unserer Erzählung.

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