Wenn wir die bisherige Geschichte unter dem Rubrum der Umayyaden und Abbasiden geschildert haben, dann war dies spätestens seit der Machtübernahme der Buyiden mehr als eine Gratwanderung auf der Linie der historischen Wahrheit. Zwar gab es durchweg abbasidische Kalifen, zu sagen hatten diese politisch allerdings wenig. Ein seldschukischer Sultan hätte sicherlich wenig Verständnis, seine Geschichte irgendwo unter der Überschrift der abbasidischen Kalifen versteckt zu finden.
In der nächsten Zeit werden wir uns auf Ägypten konzentrieren. Dort vollzogen sich in der Zeit zwischen dem 9. und dem 16. Jahrhundert diverse Machtwechsel, die uns einige der wichtigen muslimischen Dynastien näherbringen werden. Dafür gehen wir wieder etwas zurück und beginnen mit den Tuluniden, die uns ja bereits kurz über den Weg gelaufen sind.
Die Tuluniden und Ichschididen
Wir haben schon gesehen, dass die Macht der abbasidischen Kalifen im 9. Jahrhundert immer weiter dahinschmolz und sukzessive von den türkischstämmigen Heerführern und Statthaltern übernommen wurde. Einer dieser Statthalter war in Ägypten Ahmad ibn Tulun, der die Gunst der Stunde zu nutzen wusste und ab 868 vollkommen autonom agierte. Er führte die Steuern nicht mehr an den Kalifen ab, sondern nutzte das Geld, um eine eigene Armee aufzubauen. Damit drang er 875 bis in die Cyrenaika vor und konnte 878 Syrien bis hoch zum Taurus-Gebirge besetzen.
So ganz zahnlos waren die Abbasiden jedoch nicht. Al-Muwaffaq, der Bruder des Kalifen al-Mutamid und faktisch Regent des Reiches, konnte den Vormarsch stoppen. Dabei half ihm eine Revolte von Ahmad ibn Tuluns ältestem Sohn al-Abbas ibn Ahmad (gest. 884), die die Aufmerksamkeit der Tuluniden band. Die Kontrolle über Kilikien ging verloren und auch die Unterwerfung Mekkas misslang.
Unter Ahmad ibn Tuluns Sohn und Nachfolger Chumarawaih kam es dann zu einem gewissen Ausgleich. Wir wissen bereits von der Heirat von Chumarawaihs Tochter mit dem Kalifen al-Mutadid. Chumarawaih folgten nacheinander seine beiden Söhne, der nur wenige Monate nach Regierungsantritt ermordete Abu-l-Asakir (882 bis 896, reg. 896) und Harun ibn Chumarawaih (gest. 904, reg. 896 bis 904). Insbesondere letzterem gelang es ohne große Mühe, die tulunidische Herrschaft so weit herunterzuwirtschaften, dass die Abbasiden 905 wieder die Macht in Ägypten übernehmen konnten.
Sie hielten sich dreißig Jahre. Dann war mit dem Ichschididen Abu Bakr Muhammad ibn Tughdsch al-Ichschid (882 bis 946, amt. 935 bis 946) wieder ein Gouverneur so stark, dass er faktisch unabhängig regieren konnte. Seit 930 Statthalter von Syrien, hatte er 935 diesen Job auch für Ägypten bekommen. Seit spätestens 939 war er in seinem Handeln absolut unabhängig vom Kalifen in Bagdad, auch wenn er es nicht zu einem Bruch kommen ließ und die formelle Oberhoheit des Kalifats nicht in Frage stellte.
Zu dieser Zeit nahm die Bedrohung der in Ifriqiya im Westen herrschenden Fatimiden immer mehr zu, so dass ibn Tughdsch al-Ichschid potentielle Bundesgenossen nicht verschrecken wollte. So schloss er 945 auch ein Abkommen mit der Familie der Hamdaniden, mit denen er sich um Gebiete in Nordsyrien gestritten hatte. Palästina und den Hedschas im Westen der arabischen Halbinsel wurden zwischen 942 und 944 erobert. Als Regent für ibn Tughdschs minderjährige Kinder folgte 946 Abu l-Misk Kafur (905 bis 968, reg. 946 bis 968), ein abessinischer Eunuch, als ägyptischer Herrscher. Er konnte der fatimidischen Gefahr noch widerstehen. Nach seinem Tod 968 übernahm mit Abu l-Fawaris Ahmad ibn Ali (957 bis 987, reg. 968 bis 969) ein Enkel des Dynastiegründers, der zu diesem Zeitpunkt allerdings erst elf Jahre alt war. Da wundert es kaum, dass 969 die Fatimiden in Ägypten die Macht übernahmen.
Die Fatimiden: Schiitische Revolutionäre aus dem Maghreb
Von den Fatimiden haben wir schon hie und da gehört. Sie hatten 909 im Maghreb ein eigenständiges, unabhängiges Kalifat gegründet, Vorbild für die Umayyaden in Spanien, ihr Emirat von Córdoba auch in ein Kalifat zu wandeln. Die Fatimiden gehörten zu der schiitischen Glaubensrichtung, folgten also Ali ibn Abi Talib. Aus dessen Ehe mit Mohammeds Tochter Fatima leitet sich die Bezeichnung der Fatimiden ab.
Auch unter den Schiiten gab es unterschiedliche Strömungen. Die Fatimiden folgten Ismail ibn Dschafar (gest. 760), dem Sohn des schiitischen Imams Dschafar as-Sadiq (zwischen 699 und 703 bis 765, amt. 733 bis 765) und dessen erster Frau Fatima bint al-Husain (um 725), einer Urenkelin von Ali. Probleme entstanden nun, da Ismail vor seinem Vater starb und damit naturgemäß schwerlich seine Nachfolge antreten konnte. Das verwirrte einige Anhänger, da Dschafar as-Sadiq seinen ältesten Sohn, also Ismail, ja zum nächsten Imam bestimmt hatte, und Imame können sich bekanntlich nicht irren. Folglich gab es nun einige Erzählungen, wie die Sache zu erklären sei. Von göttlichen Willensänderungen war die Rede, die der Imam nicht hatte voraussehen können. Ismail sei auch gar nicht gestorben, seinen Tod hätte der Vater nur vorgetäuscht und ihn dann verborgen – überbordende Sorge, wenn Du so willst. Man stritt sich, ob der verborgene Ismail der rechte Nachfolger sei oder dessen mit einer Sklavin gezeugte Sohn Muhammad ibn Dschafar (gest. 818) oder ob einer von Ismails Brüdern hier zum Zuge kommen müsse. Spätestens jetzt verstehst Du meine stete Zurückhaltung bei der Diskussion religionspolitischer Fragen. Wir schließen diese Diskussion mit dem Wissen ab, dass sich bei der Mehrheit der Ismailiten die Meinung durchsetzte, Ismail sei der sechste Imam gewesen und sein Sohn Muhammad sei ihm dann gefolgt. Die sogenannten »Zwölfer-Schiiten« und damit mit 80 Prozent die große Mehrheit dieser Glaubensrichtung sehen dagegen Ismails jüngeren Halbbruder Musa ibn Dschafar al-Kazim (745 bis 799, amt. 765 bis 799) als den rechtmäßigen Erben des Imamats an.
Aufstieg
Das Reich der Fatimiden entstand wie gesagt Anfang des 10. Jahrhunderts in Nordafrika. Dort herrschte seit dem Jahr 800 die von Harun ar-Raschid mit dem Titel eines erblichen Emirs ausgestattete Familie der Aghlabiden. Diese konnten wie wir wissen zwischenzeitlich Sizilien und Süditalien besetzen und 846 sogar den Petersdom in Rom plündern. Der elfte Imam, Abdallah al-Mahdi (874 bis 934, amt. 909 bis 934), konnte sie dann von der Macht verdrängen.
Nach dem Tod – beziehungsweise »Verschwinden« – Ismails war sein Sohn der siebte Imam geworden. Ihm folgte Abdallah al-Akbar (766 bis 828, amt. 813 bis 828), der in Syrien und im Irak von der nahen Wiederkunft des rechtgeleiteten Imams predigte und auf diese Weise der Opposition gegen die Abbasiden einen Rahmen gab. Zulauf bekam er auch, da 874 der elfte Imam der Zwölfer-Schiiten gestorben war und die Nachfolge ungeklärt war, so dass auch hier der Glauben an einen im verborgenen lebenden zwölften Imam, den Mahdi, Raum fand. Manche gingen dann zu den Ismailiten über, da hier die Rückkehr des verborgenen Imams für die nahe Zukunft prognostiziert wurde. Abdallah al-Akbar hatte also durchaus Zulauf.
In dieser Tradition fand sich Abdallah al-Mahdi, als er das fatimidische Kalifat ausrief. Er hatte bis zum Sommer 905 als angesehener Kaufmann in Syrien gelebt, musste dann aber fliehen, da übereifrige Beduinen nach Syrien eingefallen waren, um nun endlich den langersehnten Mahdi-Staat zu errichten. In diesem Zuge war die Identität Abdallahs als Oberhaupt dieser Sekte enthüllt worden, was ihn dann zur Flucht zwang. Vorbereitend hatte ein Missionar die ismailitische Lehre unter der Bevölkerung des Maghreb verbreitet. Al-Mahdi konnte sich etablieren, ohne dass er Stress mit den traditionell aufmüpfigen Berbern bekam. Er stützte sich dabei vor allem auf den Stamm der Kutama, denen unter anderem auch der Einsatz slawischer Kriegssklaven nachgesagt wird. Das Leben war schon immer bunt. Vielleicht aber auch nur ein sprachliches Missverständnis durch die Ähnlichkeit der Wörter Sklave und Slawe. Wir müssen vorsichtig sein.
Die Entwicklung des fatimidischen Kalifats verlief durchaus erfolgreich. Zwar konnten die Abbasiden Vorstöße nach Ägypten noch abwehren. So war 914/915 Alexandria für einige Monate fatimidisch, musste aber wieder aufgegeben werden. Auch 919/920 scheiterte der Versuch, die reiche Provinz zu erobern.
Unter al-Mahdis Sohn und Nachfolger Abu l-Qasim al-Qaim (893 bis 946, reg. 934 bis 946) wurde die Herrschaft auf das von den Aghlabiden ja bereits unterworfene Sizilien und Kalabrien ausgedehnt. Allerdings gab es auch die ersten Aufstände. Zwischen 943 und 947 konnte der ibaditische Berber Abu Yazid (874 bis 947) einige Berberstämme hinter sich vereinigen und große Teile des fatimidischen Reiches in Ifriqiya erobern. Der Aufstand brach allerdings irgendwann zusammen, da es Abu Yazid nicht schaffte, die Berberstämme über die Jahre bei der Stange zu halten.
Al-Qaims Sohn Ismail al-Mansur (913 bis 953, reg. 946 bis 953) und seinem Enkel Abu Tamim al-Muizz (etwa 930 bis 975, reg. 953 bis 975), die ihm nachfolgten, gelang es zunächst im Westen, bis an den Atlantik vorzustoßen. Da der strategisch und ideologische Blick aber weiterhin gen Osten ging, wo die verhassten sunnitischen Abbasiden herrschten und das reiche Ägypten lockte, blieb die fatimidische Herrschaft in Marokko nur Episode.
969 war es dann – aus Sicht der Fatimiden: endlich – soweit. Ägypten wurde erobert, die Ichschididen gestürzt. Es war allerdings eher eine freiwillige Unterwerfung als eine Eroberung. Die erwähnte Schwäche der Ichschididen-Regenten und Hungersnöte schürten Hoffnung auf Stabilität durch einen Herrschaftswechsel. Der General Dschauhar as-Siqilli (gest. 992), der ausweislich seines Beinames »Siqilli« aus einer sizilianischen Sklavenfamilie stammte, gab den Notablen von Ägypten eine schriftliche Sicherheitsgarantie, worauf diese die fatimidische Herrschaft anerkannten. Einige widerspenstige Heereseinheiten konnte er danach dann schnell besiegen.
Kairo wird Zentrum
Al-Qahira, die Siegreiche, wurde als Hauptstadt gegründet. Wir kennen sie als Kairo. Die Bauzeit der Residenz betrug vier Jahre, dann konnte im Jahr 973 der Kalif Abu Tamim Maadd al-Muizz nach Ägypten übersiedeln. Der Maghreb wurde unter die Leitung eines Statthalters gestellt. Bis 978 waren dann auch Palästina und Syrien sowie der Hedschas mit Mekka und Medina erobert, so dass mit diesen beiden Städten und Jerusalem die drei wichtigsten islamischen Heiligtümer unter fatimidischer Herrschaft standen. Mit den Sunniten ging man pfleglich um, so dass das Reich sich nicht mit sich selbst beschäftigte, sondern sich auf einen nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung konzentrieren konnte. Auf der kulturellen Ebene wollen wir noch erwähnen, dass der zum Islam konvertierte Jude Yaqub ibn Killis (930 bis 991, amt. 979 bis 991) als Wesir im Jahr 988 die um 970 errichtete Palastmoschee al-Azhar mit 35 juristischen Lehrstühlen ausstattete und zur bis heute bedeutendsten islamischen Hochschule aufwertete.
Wesir schlägt Kalif
Ähnlich wie bei den Abbasiden hatten die fatimidischen Kalifen zum Schluss nur noch wenig zu sagen. Die Regierungsgeschäfte wurden von Ministern geführt, die unter der Führung eines Chefministers, wir würden heute sagen: Kanzler oder Ministerpräsidenten, standen. Bei den Abbasiden hießen diese Leute Wesir, ein ursprünglich persischer Titel, der »Helfer« bedeutet. Wenn die Abbasiden mit Wesiren arbeiteten, schied dies für die Fatimiden zunächst aus ideologischen Gründen aus. Man nannte diese Herren schlicht katib, also Sekretär. Ein Begriff, den der ein oder andere noch aus den Zeiten des real existierenden Sozialismus im 20. Jahrhundert erinnert. Die Vorkämpfer des Proletariats werden sich ihre Titel aber nicht bei den Fatimiden abgeschaut haben.
Bereits 979 wurde dann auch der erste Ministerpräsident der Fatimiden zum Wesir ernannt. Dies war zunächst jedoch ein Einzelfall, erst ab 1028 wurde der Titel dann auch im Fatimiden-Kalifat die gängige Bezeichnung für den Regierungschef.
Die fatimidische Herrschaft reüssierte. Auch aufgrund großzügiger Geldgeschenke akzeptierten die lokalen Herrscher von Mekka und Medina, Scherife genannt, den fatimidischen Kalifen von Kairo als Beschützer der heiligen Stätten und der Pilgerkarawanen. Ein herber Schlag für die Buyiden und Abbasiden in Bagdad. Die Fatimiden profitierten von der Kontrolle beider Küsten des Roten Meeres und damit verbunden des Seeweges nach Indien und weiter nach Ostasien. Im Norden konnten Palästina und Syrien unterworfen werden, allerdings lediglich bis Damaskus. Die Herrschaft dort war anstrengend. Weite Teile der Bevölkerung waren mit der berberischen Besatzung durch die »Maghrebiner« nicht einverstanden.
Die hamdanidischen Emire von Aleppo konnten sich mit einer Schaukelpolitik zwischen den Fatimiden und dem abbasidischen Kalifat, in die auch das byzantinische Kaiserreich einbezogen wurde, zwischen 890 und 1003 als selbständige Herrschaft halten. Allerdings gelang dies nicht wirklich lange, dann mussten sie sich der byzantinischen Offensive von Nikephoros II. Phokas und Johannes I. Tzimiskes unterwerfen und wurden Vasallen des christlichen Kaisers.
Haben wir dieses Mal den Aufstieg der Fatimiden erlebt, sehen wir das nächste Mal den Höhepunkt ihrer Macht und den jähen Absturz.
Bildnachweise:
Vorschaubild:
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Motiv: Dinar des Abu Tamim Maadd al-Muizz li-din allah (reg. 953 bis 975), des vierten Kalifen der Fatimidendynastie
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Herkunft: Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, Objektnummer 18206263.
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Quelle: Wikimedia Commons
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Lizenz: Gemeinfrei (Public Domain) aufgrund des Alters
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Bearbeitung: Keine (Originalzustand)
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Abrufdatum: 10.03.2026


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