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(168) Machtverlust der Kalifen

Militärdiktatur?

Das letzte Mal haben wir die Regierungszeit von Harun ar-Raschid und ihm nachfolgend seinen drei Söhnen al-Amin, al-Mamun und al-Mutasim erlebt. Es waren unruhige Zeiten, die die Kalifen nur mit Unterstützung der Mamluken genannten türkischen Militärsklaven überstehen konnten.

 

Mit der Zeit wurde die Rolle der Kalifen immer schwächer, die der Militärs immer stärker. Da das Geld knapp war, bekamen die Militärs immer häufiger Landstriche zugewiesen, in denen sie auf eigene Rechnung Steuern, Zölle und anderen Abgaben eintreiben konnten. Das System wird als iqta bezeichnet, auf deutsch »Zuteilung«. Die einzelnen Heerführer sicherten sich so zunehmend auch territoriale Macht und bauten ihre souveränen Herrschaftsbezirke immer weiter aus. Der Kalif war nur noch Galionsfigur des Staates, kein machtvolles Oberhaupt mehr. Heute würden wir vielleicht von einer Militärdiktatur sprechen.

 

Viele Kalifen – wenig Macht

Al-Mutasims Sohn und Nach-Nachfolger al-Mutawakkil (822 bis 861, reg. 847 bis 861) vollzog hinsichtlich der religiösen Dogmen einen deutlichen Wandel. Er hob nicht nur die von al-Mamun eingeführte Inquisition auf, sondern bekannte sich sogar aktiv zur sunnitischen Lehre. Zudem versuchte er, die zunehmende Machtentfaltung der Türken im Heer einzudämmen. Das bekam ihm schlecht, am 8. Dezember 861 wurde er Opfer einer Verschwörung türkischer Offiziere und seines Sohnes und Nachfolgers al-Muntasir (837 bis 862, reg. 861 bis 862).

 

Schon aus der kurzen, lediglich sechsmonatigen Regierungszeit des mit 26 Jahren an die Macht gekommenen al-Muntasir können wir erkennen, dass es nun im Kalifat eher unruhig wurde. Auch sein Nachfolger al-Mustain (836 bis 866, reg. 862 bis 866) versuchte, sich gegen die zunehmende Macht der Türken zu wehren. Ohne Erfolg. Im Februar 865 musste er aus Samarra nach Bagdad fliehen, die Türken erhoben mit al-Mutazz (847 bis 869, reg. 866 bis 869) einen Gegenkalifen. Al-Mustain kapitulierte am 11. Januar 866. Mit unserer mittlerweile langjährigen Erfahrung wundert es uns nicht, dass er trotz aller Sicherheitsgarantien der Sieger am 17. Oktober 866 dann doch ermordet wurde.

 

Wenn wir auf die Geburtsjahre der letzten Kalifen schauen, dann sehen wir, dass alle in sehr jungen Jahren auf den Thron kamen und sich dort alle auch nicht lange halten konnten. Al-Mutazz ging es nicht anders, obwohl er immerhin vier Jahre durchhielt. Sein Versuch, sich ein wenig Freiraum zu schaffen, indem er die unterschiedlichen türkischen Befehlshaber gegeneinander auszuspielen versuchte, scheiterte. Als dann auch noch das Geld knapp wurde, war es vorbei. Im Juli 869 wurde er gestürzt und getötet.

 

Seinem Nachfolger al-Muhtadi (gest. 870, reg. 869 bis 870) erging es nicht besser. Auch er versuchte, sich ein wenig von den türkischen Generälen zu emanzipieren, was schnell mit seiner Ermordung endete.

 

Al-Mutamid und die Tuluniden

Etwas mehr Fortune hatte Al-Mutamid als fünfzehnter Kalif der Abbasiden, dem über zwanzig Jahre an der Spitze vergönnt waren. Er war der jüngste Sohn des zehnten Kalifen al-Mutawakkil, der ja wie viele seiner Nachfolger ein Opfer der türkischen Obristen geworden war. Wenn wir auf das Kalifat und die Bedeutung des Militärs schauen, dann erinnern wir uns ein wenig an die Rolle der Prätorianer im Römischen Reich des 3. Jahrhunderts.

 

Auch wenn wir al-Mutamid seine im Vergleich zu den Vorgängern lange Regierungszeit positiv anrechnen, können wir doch nicht wirklich von einer starken Herrschaft sprechen. Zwar gelang es ihm 883, einen über 14 Jahre seit 869 laufenden, sehr blutigen Sklavenaufstand im Südirak, die Revolution der afrikanischen Zandsch, niederzuschlagen. Das reiche Ägypten war schon 868 an die Tuluniden verlorengegangen, Kräfte zur Rückeroberung fehlten aufgrund des Zandsch-Aufstandes. Das Kalifat war finanziell endgültig ruiniert.

 

Ahmad ibn Tulun (835 bis 884, reg. 868 bis 884), ein ehemaliger Mamluk, war Statthalter in Ägypten geworden, hatte sich als unabhängig vom Kalifat erklärt und war 878 bis nach Syrien vorgestoßen. Danach gelang es ihm und seinen Nachfolgern, auch die Sinai-Halbinsel, die Levante und die Ostküste des Roten Meeres mit den heiligen Städten unter die eigene Herrschaft zu bringen. Das tulunidische Reich hielt nicht lange. Im Jahr 905 eroberten die Abbasiden Ägypten – wenn auch nur für kurze Zeit – zurück.

 

Wie so häufig sprechen wir über die Regierungszeit des Kalifen und ordnen die Ereignisse dieser Jahre seinem Namen zu. Wenn wir auf die wirklichen Machthaber schauten, müssten wir mindestens ab 875 über al-Muwaffaq (842 bis 891) sprechen, einen Bruder al-Mutamids, der als eigentlicher Regent die Politik bestimmte. 889 übernahm sein Sohn diese Rolle, der dann als al-Mutadid bi-llah (um 860 bis 902, reg. 892 bis 902) auch Kalif wurde. Die Quellen orientieren sich aber meist an den Kalifen und wir wollen die Geschichte nicht mit noch mehr Namen noch unübersichtlicher machen.

 

Immerhin gelang es in dieser Zeit, die Bedeutung der türkischen Generalität ein wenig einzudämmen und auch die Staatsfinanzen, die durch die Zahlungen an die türkischen Truppen sehr in Mitleidenschaft gezogen wurden, etwas zu konsolidieren. Al-Mutadid heiratete eine Tochter von Chumarawaih (864 bis 896, reg. 884 bis 896), des tulunidischen Herrschers Ägyptens, dessen Name überraschenderweise nicht mit M beginnt. Die Ehe brachte al-Mutadud eine stattliche Mitgift und Tributzahlungen ein. Sein Reich umfasste den Irak, Nordsyrien und den Iran. Die Provinzen weiter östlich wie Chorasan und Transoxanien waren mittlerweile verloren gegangen.

 

Die Qarmaten

Immer wieder gab es aufständische Bewegungen. Ein paar, zuletzt die Tuluniden, haben wir mitbekommen, einige auch frecherweise einfach überschlagen. Nennen wollen wir als ein Beispiel die Qarmaten, die auf Hamad Qarmat (890 bis 906) zurückgehen.

 

Die Qarmaten werden den Ismailiten zugerechnet, einer Religionsgemeinschaft im schiitischen Islam. Diese dürfen wir nicht mit den Ismaeliten verwechseln, mit denen die vermeintlichen Nachkommen von Abrahams Sohn Ismael bezeichnet werden. Im Mittelalter wurden sie häufig mit den Muslimen gleichgesetzt, hatte Ismael der Legende nach doch die Kaaba gebaut. Auch wenn es für Dich an dieser Stelle vielleicht etwas unbefriedigend ist, werde ich auch jetzt nicht versuchen, die unterschiedlichen Glaubensströmungen im Islam in eine vergleichende Darstellung zu bringen. So viel Geduld haben weder Du noch ich. Wir merken uns, dass es heute noch etwa 20 Millionen Menschen gibt, die sich als Ismailiten bezeichnen, und schauen also nun kurz auf die Qarmaten.

 

Diesen gelang es in den letzten Jahren des 9. Jahrhunderts, auf den Inseln von Bahrain und Teilen der östlichen arabischen Halbinsel einen eigenen Staat zu gründen, der die Abbasiden immer wieder bedrängte. 930 wurde sogar Mekka erobert und der Schwarze Stein der Kaaba entführt, eine Bankrotterklärung für den abbasidischen Kalifen als Beschützer der heiligen Stätten. Erst 951 gelangte er gegen ein hohes Lösegeld zurück in die heilige Stadt. 968 und erneut 971 wurde Damaskus erobert und konnte sogar bis 978 gehalten werden. Dann mussten die Qarmaten sich den stärkeren Kräften des Kalifen beugen und zogen sich gegen eine jährliche Geldzahlung von 30.000 Dinar, was etwa 127 Kilogramm Gold entspricht, aus Syrien zurück. Der qarmatische Staat hielt sich dann immerhin bis zum Ende des 11. Jahrhunderts rund um Bahrain.

 

Ein paar Erfolge …

Die Rolle der Kalifen war immer mehr mit der der Kaiser in den späten Jahren des Byzantinischen Reiches vergleichbar. Ein großer Titel, an dem sich noch viele orientierten, aber wenig wirkliche Macht. Zwar gelang al-Mutadids Sohn und Nachfolger al-Muktafi (875 bis 908, reg. 902 bis 908) noch eine gewisse Konsolidierung, ja sogar eine Ausweitung des Machtbereiches. Die Tuluniden konnten aus Syrien und Ägypten vertrieben werden, und in der Auseinandersetzung mit Byzanz gelang durch die Besetzung und Plünderung Thessalonikis zumindest ein Achtungserfolg. Allerdings hatte er weiterhin mit den Qarmaten zu tun.

 

… aber nur kurzzeitige

Unter seinem Bruder al-Muqtadir (895 bis 932, reg. 908 bis 932) ging es dann aber wieder bergab. Er konnte faktisch nur in einigen Regionen des Irak und des Iran herrschen, und auch da eigentlich nicht wirklich. Auch wenn der Einfluss der türkischen Militärs ein wenig eingedämmt war, konnte der neue Kalif keine starke Rolle spielen. Dies lag zum einen an der Person al-Muqtadirs. Er war als erster minderjähriger Kalif bereits mit dreizehn Jahren auf den Thron gekommen und fiel dort vor allem durch eine verschwenderische Lebensführung am Hofe auf, was dem Ansehen von Kalifat und den Abbasiden insgesamt sehr schadete. Zwar gelang es den Beamten, die Verwaltung des Staates halbwegs aufrecht zu erhalten, eine aktive Politik war aber nicht mehr möglich, auch weil sich innerhalb kurzer Zeit dreizehn Wesire in der Regierungsverantwortung ablösten. Die eigentliche Regierungsgewalt lag auch nicht bei al-Muqtadir, sondern bei seiner türkischen Mutter Schaghab (gest. 933) und Beamten wie dem Eunuchen Abu l-Hasan Munis al-Qushuri (gest. 933).

 

Religiöse Richtungskämpfe

Hinzu kam, dass schon unter al-Muktafi die Schiiten immer mehr Einfluss am Hof gewonnen hatten. Damit wurde nach der politischen auch die geistliche Führungsrolle des Abbasiden-Kalifats immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Wir haben schon gelernt, dass 909 die ismailitischen Fatimiden im tunesischen Ifriqiya die Macht übernehmen konnten und den Kalifentitel beanspruchten. In Bagdad dominierten nun persisch-schiitische Familien das geistliche Leben. Und wieder ist man versucht, die Unterschiede zwischen den einzelnen Glaubensrichtungen zu erläutern – und wieder zucke ich zurück angesichts der Vielzahl und Kleinteiligkeit.

 

Sehen wir lieber zu, dass wir mit den Abbasiden weiterkommen. Wir können es nicht als Leistung al-Muqtadirs verbuchen, aber während seiner Regierungszeit nahm im Jahr 922 der Herrscher der Wolgabulgaren, Yaltawar Almysch (reg. 895 bis 925) mit Namen, den islamischen Glauben an. Es war die erste Konversion, die außerhalb der Grenzen des Kalifats erfolgte – und sie hatte ganz pragmatische Hintergründe. Als Gegenleistung für die Anerkennung der Oberhoheit des Kalifats erbat er sich Lehrer und Baumeister. Zudem eröffneten sich so für ihn und sein Reich neue Handelsmöglichkeiten, die die Verbindungen der russischen Fürstentümer rund um die Kiewer Rus und den islamischen Ländern im Süden ausnutzten.

 

Wir sparen es uns jetzt, die weiteren Kalifen durchzugehen. Ihre Macht war faktisch gleich Null. Im Jahr 936 wurde das Amt des Amir al-Umara, des Großemirs, geschaffen. Spätestens jetzt war die Macht der Kalifen nicht mehr existent. Immer mehr Statthalter erklärten sich für unabhängig, auch Ägypten ging erneut verloren. Iranisch- und türkischstämmige Militärs rangen um die Macht. Nebenher bekämpften sich auch die unterschiedlichen Strömungen innerhalb der islamischen Glaubensgemeinschaft. Wenn wir von den Hanbaliten hören, die in private Wohnungen eindrangen, um Musikinstrumente zu zerstören, Geschäfte, die Wein verkauften, plünderten oder auf Passanten losgingen, denen sie unsittliches Verhalten vorwarfen, dann fallen uns schon Parallelen zu manchen Fanatikern der heutigen Welt ein. Hanbaliten, die auf Ahmad ibn Hanbal (780 bis 855) zurückgehen, gibt es als kleine religiöse Fraktion im Übrigen noch heute. Etwa fünf Prozent der Sunniten werden ihr zugerechnet. Zur Zeit der Abbasiden wandten sie sich in ihrem Eifer gegen den zunehmenden Einfluss der Schiiten im Kalifat.

 

Herrschaft der Buyiden

Die Schiiten konnten unter Führung der Buyiden, einer aus Dailam im Süden des Kaspischen Meeres stammenden Familie, zwischen 932 und 945 zunächst Persien und dann den gesamten Irak erobern. 946 wurde Bagdad besetzt. Sie agierten danach als Schutzherren des immer noch amtierenden abbasidischen Kalifen, der nun allein als religiöses Oberhaupt der sunnitischen Muslime noch ein wenig Einfluss hatte. Der wichtigste buyidische Herrscher Adud ad-Daula (936 bis 983, reg. 949 bis 983) konnte sich im innerfamiliären Kampf durchsetzen und regierte als von vielen Dynastien und Völkern anerkannter Herrscher. Er nahm den alten, schon von den Achämeniden gebrauchten, persischen Titel Schahanschah (»König der Könige«) an und wurde auch vom byzantinischen Kaiser als »König des Islams« angesprochen.

 

Eigentlich ist eine lange Amtszeit ja häufig ein Zeichen, dass ein starker, durchsetzungsfähiger Herrscher auf dem Thron sitzt. Unter der faktischen Herrschaft der Buyiden waren die Kalifen zwar lange im Amt, zwischen 946 und 1075 waren es lediglich vier, aber das lag in diesem Fall an ihrer absoluten Bedeutungslosigkeit. Man kümmerte sich einfach wenig um sie und es gab kaum Motivation für Usurpatoren, sie zu ermorden. Zumindest müssen sie sich aber einer guten Gesundheit erfreut haben. Das ist doch auch etwas Schönes.

 

Die Frage, warum sich die Buyiden nicht selbst als Kalifen inthronisierten, begründete sich in einem pragmatischen Machtkalkül. Sie brauchten als Schiiten auch die Unterstützung der sunnitischen Bevölkerung, um sich gegen die Angriffe des Byzantinischen Reiches zu verteidigen – das erste Mal waren die Ungläubigen wieder auf dem Vormarsch! Dabei dürfen wir die »Stütze des Reiches« Adud ad-Daula nicht mit dem »Schwert des Reiches« Saif ad-Daula verwechseln, dem hamdanidischen Emir von Aleppo, den wir im Kampf gegen Byzanz schon erleben durften. Die Hamdaniden sahen sich selbst als Beschützer des Kalifen und missbilligten daher die buyidische Machtübernahme.

 

Ein noch größeres Problem waren die Fatimiden, die nach der Eroberung Ägyptens nach Norden drängten. Wir werden das übernächste Mal noch näher auf das Fatimidenreich eingehen.  Die Bedrohung durch Hamdaniden und Fatimiden konnte durch Adud ad-Daula eingehegt werden. Die Freude währte aber nur kurz.

 

Nach ad-Daulas Tod zerstritt sich die Familie aber wieder. Kakuyiden und Ghaznawiden nutzten dies aus und eroberten Teilgebiete. Wer?, fragst Du jetzt sicherlich. Es handelt sich um kleinere, nur lokal mächtige Dynastien in einzelnen Regionen Persiens. Ich verzichte weitgehend auf diese kleinteilige Darstellung, will sie an diesem Beispiel aber einmal benennen, um zu zeigen, wie komplex und verzweigt die gesamte Geschichte ist und wie oberflächlich wir darüber hinweg huschen.

 

Das nächste Mal erleben wir dann Seldschuken, Mongolen und das Ende der Abbasiden.

Bildnachweise:

Vorschaubild:

  • Motiv: Karte des Buyidischen Reiches (934 bis 1062) auf seinem Höhepunkt

  • Quelle: Wikimedia Commons

  • Autor: Wikipedia-Benutzer Arab Hafez (ehemals „Arabische Liga“)

  • Lizenz: Gemeinfrei (Public Domain). Das Werk wurde vom Autor weltweit in die Gemeinfreiheit entlassen.

  • Bearbeitung: Das Original wurde unverändert übernommen.

  • Abrufdatum: 02.03.2026

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