Das Reich der Goldenen Horde entstand aus dem Gebiet, das den Nachkommen Jochis zugeteilt worden war. Dazu gehörten Westsibirien, Choresmien und Kasachstan bis hinein in die heutige Ukraine.
Batu Khan
Wir haben schon kurz angerissen, dass nach dem Sieg über die Jin-Dynastie 1234 ein erneuter Feldzug nach Westen geplant war. Es blieb nicht bei dem Plan. Batu Khan (1205 bis 1255, reg. 1236 bis 1255), ein Sohn Jochis, zog los und von Erfolg zu Erfolg. 1236 wurden die Wolgabulgaren geschlagen, 1238 am Fluss Sit der russische Großfürst Jurij II. von Wladimir-Susdal (1188 bis 1238, reg. 1218 bis 1238), der Gründer von Nischni Nowgorod. Jurij fiel, Kiew 1240 auch. Batu zog weiter nach Westen. Sein Heer teilte sich. Unter Führung des Feldherrn Baidar (um 1240) wurde Krakau eingenommen und am 09. April 1241 bei Liegnitz ein polnisch-deutsches Ritterheer unter Führung von Heinrich II. »dem Frommen«, Herzog von Schlesien und Princeps von Polen (1196/1207 bis 1241, reg 1238 bis 1241) vernichtend geschlagen. Der Begriff des Princeps ist eine polnische Sonderheit in der Zeit von 1129 bis 1306. Das Reich war von Boleslaw III. »Schiefmund« (1085 bis 1138, reg. 1102 bis 1138) in fünf Teilherzogtümer geteilt worden. Von diesen Teilreichen ging das Herzogtum Krakau an den ältesten Herzog der polnischen Herrscherdynastie der Piasten, der dann als »Seniorherzog« die formale Reichseinheit darstellen sollte.
Zwei Tage später schlug Batu mit dem Hauptteil seines Heeres in der Schlacht bei Muhi die Ungarn unter ihrem König Bela IV. Europa lag nun offen vor den Mongolen. Wir haben bereits gesehen, dass sie diese Chance nicht nutzten. Die Adria und Wiener Neustadt waren ihre letzten Wegmarken. Dann kam die Nachricht von Ögedeis Tod.
Das Ziel von Batus Rückzug war dabei gar nicht die Mongolei. Ihm war klar, dass er die Nachfolge Ögedeis nicht unmittelbar würde beeinflussen können. Über die familiären Zwistigkeiten zwischen den Nachkommen Dschingis Khans haben wir ja bereits gesprochen. Eigene Ambitionen hatte er aufgrund der unklaren Abstammung seines Vaters wohl sowieso nicht. Als pragmatisch denkendem Menschen war es ihm wichtiger, seine eigene Machtbasis zu sichern, als in der Ferne nach den Sternen zu greifen. Er bezog in Sarai an einem Nebenfluss der Wolga, etwa 150 Kilometer von ihrer Mündung ins Kaspische Meer entfernt, Stellung und baute den Ort zur Hauptstadt seines Machtbereiches aus. Alles weit weg von Karakoram, aber man sollte trotzdem gut drauf aufpassen. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.
Von Sarai aus wollte er herrschen und sich dabei nicht von seinen Verwandten im Osten stören lassen. Dafür war es am besten, wenn der dortige Großkhan aus einer befreundeten Familie stammte. 1251 konnte er dies mit der etwas robust herbeigeführten Wahl Möngkes dann ja auch sicherstellen. Möngke akzeptierte die faktische Unabhängigkeit des Reiches von Batu, von ihm auch als Ulus Jochi, das Volk Jochis, bezeichnet. Bekannt wurde es als die »Goldene Horde«, wobei der Ursprung dieses Namens nicht ganz klar ist. Zum einen bestand das Khanat aus unterschiedlichen »Flügeln«, die als »Blaue Horde« und »Weiße Horde« bezeichnet wurden. Die Goldene Horde vereinte diese beiden und wurde aufgrund ihres Reichtums oder weil Batu in einer goldfarbenen Jurte residiert haben soll, als solche bezeichnet. Wie auch immer, der Name hat sich durchgesetzt und so nutzen wir ihn dann auch.
In den nächsten Jahrzehnten vermischten sich die mongolischen Eroberer immer mehr mit der einheimischen Bevölkerung. Der muslimische Glaube war der vorherrschende, auch wenn Batu zeitlebens Anhänger des mongolischen Schamanismus blieb. Mit der Zeit entstand im Zuge dieser Assimilation allmählich die Basis für die verschiedenen Völker, die oft unter dem Begriff der »Tataren« zusammengefasst werden.
Berke Khan
Als Batu 1255 starb, folgte ihm sein Bruder Berke. Um an die Macht zu kommen, musste er sich allerdings gegen die leiblichen Erben Batus durchsetzen. Mord und Vertreibung schienen ihm hierfür probate Mittel zu sein. Ihm gelang die vollständige Unterwerfung der russischen Fürstentümer. Selbst der Nationalheld Russlands, der Großfürst Alexander Newski (um 1220 bis 1263, reg. 1236 (Nowgorod) resp. 1249 (Kiew) bis 1263), der im Westen die Expansion des Deutschen Ordens stoppen konnte, zahlte für sein Reich Tribut.
Konflikte gab es mittlerweile eher mit den Kollegen aus den anderen mongolischen Teilreichen, insbesondere dem südlich gelegenen Il-Khanat. Hierbei stand die Grenze zwischen beiden Reichen im Kaukasus im Mittelpunkt. Hülegü, der Herrscher im Il-Khanat, den wir schon als Totengräber der Abbasiden kennenlernen durften, und Berke führten dann regelrecht Krieg miteinander. Berke verbündete sich dabei mit den Mamluken in Ägypten, um seinen Vetter in die Zange nehmen zu können. Dieser Zwist ist insofern bemerkenswert, als Hülegü ein Sohn Toluis war und er und Berke so eigentlich in der familiären Auseinandersetzung der Enkel Dschingis Khans auf der gleichen Seite standen. Aber es gibt die Weisheit von Hemd und Rock. Die Teilreiche waren zunehmend eigenständig und insbesondere die Goldene Horde kümmerte sich eigentlich gar nicht mehr um die Entwicklungen in der Mongolei. Die Auseinandersetzung mit Hülegü hatte für keine der beiden Seiten ernsthafte Konsequenzen. Berke konnte zwar zwei Schlachten, eine davon 1263 am Fluss Terek, gewinnen, an den grundsätzlichen Grenzen und Machtverhältnissen änderte sich jedoch nichts. Er starb 1267.
Möngke-Timur
Ihm folgte sein Sohn Möngke-Timur (gest. 1280, reg. 1267 bis 1280), nicht zu verwechseln mit dem Großkhan Möngke, dem Batu 1251 auf den Thron verhalf.
Es ging zwischen den Khanaten zu dieser Zeit hoch her. Die alten Bündnisse galten immer weniger, jeder kämpfte erst einmal auf eigene Rechnung. So hatten die südöstlich der Goldenen Horde herrschenden Tschagatai-Khane noch zu Lebzeiten Berkes die Stadt Buchara in Usbekistan genommen. Möngke-Timur schlug seinen Kollegen Boraq (gest. 1271, reg. 1266/1267 bis 1271), wobei er sich eine Rebellion im Tschagatai-Khanat zunutze machte. Mit Boraq und dem Rebellenführer Qaidu, einem Enkel Ögedeis, schloss Möngke-Timur ein Bündnis, das sich gegen das Il-Khanat und auch gegen den amtierenden Großkhan Kublai richtete.
Möngke-Timur agierte dabei mit doppelter Agenda, hatte er doch kurz nach seinem Regierungsantritt einen Friedensvertrag mit dem Il-Khan Abaqa geschlossen, der immerhin gut zehn Jahre hielt. Auch das Bündnis der Goldenen Horde mit den Mamluken in Ägypten wurde 1272 erneuert. Die Kämpfe gegen das Il-Khanat wurden also von den Tschagatai geführt, die 1270 allerdings bei Herat eine deftige Niederlage einstecken mussten.
Nogai und Tohtu
Möngke-Timur verstarb 1280 an einer Blutvergiftung. Nun blühte der Goldenen Horde ein Kampf um den Thron, der sich über fast zwanzig Jahre hinziehen sollte.
Nogai (gest. 1299/1300), ein Feldherr der Goldenen Horde und als Urenkel Jochis auch ein Ururenkel von Dschingis Khan, und 1263 Sieger gegen Hülegü in der Schlacht am Terek, war zu mächtig geworden. Sein militärischer Erfolg trug ihn. Er konnte einen Aufstand der Bulgaren niederschlagen, und setzte immer mehr auf die eigene Karte. Nach dem Tod Möngke-Timurs löste er sich vollständig vom Reich der Goldenen Horde. Er begann als unabhängiger Herrscher der Nogaier-Horde zu agieren. Seine Machtbasis lag auf der Krim, in dem Gebiet der heutigen Ukraine und nördlich des Kaukasus. Ob er, wie mitunter berichtet, seinen Sohn Turai (um 1280) wirklich mit einer Tochter des Il-Khans Abaqa verheiratete, ist nicht sicher. Dafür spricht, dass er auf ein gutes Verhältnis zu Abaqa Wert legte, in deutlichem Gegensatz zu dem wieder aufgeflammten Konflikt Möngke-Timurs mit dem Il-Khanat. Auch mit den Bulgaren suchte er den Ausgleich. Eine weitere Hochzeit, die seines Sohnes Tschaka (etwa 1256 bis 1300, reg. 1299 bis 1300) mit Elena Terterina (um 1280), einer Tochter des bulgarischen Herrschers Georgi I. Terter (gest. 1308/1309, reg. 1280 bis 1292), der seit 1285 schon Vasall Nogais war, bildete die Basis für eine weitere Vergrößerung des Machtbereichs der Nogaier-Horde, der nun bis an die Wolga im Osten und die Donau im Süden reichte.
Nogai profitierte davon, dass die Nachfolger Möngke-Timurs, erst dessen Bruder Tuda Möngke (gest. 1287, reg. 1280 bis 1287), der 1287 freiwillig zurücktrat, dann Tulabugha (gest. 1291, reg. 1287 bis 1291), ein Neffe Möngke-Timurs, der 1291 durch ein Komplott Nogais mit den Söhnen Möngke-Timurs ermordet wurde, zu schwach waren, die Herrschaft über das gesamte Khanat kraftvoll auszuüben. Tulabugha scheiterte zudem in zwei Feldzügen gegen den Il-Khan Arghun (etwa 1258 bis 1291, reg. 1284 bis 1291), was seine Reputation gegenüber dem erfolgreichen Feldherrn Nogai nicht unbedingt förderte.
Auf Tulabugha folgte mit Tohtu (etwa 1270 bis 1312, reg. 1291 bis 1312) sein Mörder, ein Sohn Möngke-Timurs. Faktisch existierte nun eine Doppelherrschaft, da Nogai weiterhin auf seine Unabhängigkeit pochte. Er versuchte auch, Tohtus Brüder für seine Interessen einzuschalten, was dieser natürlich mit zunehmendem Missvergnügen beobachtete. 1296 kam es zum offenen Konflikt, den Tohtu 1298/1299 für sich entscheiden konnte. Nogai starb auf der Flucht.
Die Führungskrise im Reich der Goldenen Horde war allerdings noch nicht ganz beendet. 1301 musste Tohtu noch eine Rebellion niederschlagen, bevor der Bürgerkrieg endgültig vorbei und das Land befriedet war. In den Jahren dieser inneren Auseinandersetzungen fanden auch immer wieder Feldzüge gegen Russland, Polen, Bulgarien, Serbien, das Byzantinische Reich, die Handelsstützpunkte der italienischen Stadtstaaten auf der Krim und das Il-Khanat statt, ohne dass sich an der grundlegenden Gesamtlage etwas verändert hätte. Zu den östlichen »Bruder-Khaganaten« bestanden grundsätzlich gute Beziehungen. Tohtu schickte dem Kaiser der Yuan-Dynastie, die sich aus der Linie von Dschingis Khans jüngstem Sohn Tolui nach der Vernichtung der Song-Dynastie durch Kublai Khan entwickelt hatte, militärische Hilfe, um deren Grenze zu sichern. Die formelle Oberhoheit des Yuan-Kaisers erkannte er an, eine reale Abhängigkeit bestand allerdings schon länger nicht mehr.
Usbek und Dschani
Tohtu starb 1312, ihm folgte mit Usbek (1282 bis 1341/1342, reg. 1312/1313 bis 1341/1342) keiner seiner direkten Erben. Wie viele es davon gab und wie Usbek diese ausschaltete, ist unklar. Wir haben da durchaus unfriedliche Vorstellungen.
Usbek setzte, in Teilen auch gewaltsam, den Islam als Staatsreligion der Goldenen Horde durch. Dies war ein für die weitere Entwicklung insofern entscheidender Schritt, als es eine deutliche kulturelle Trennung zu den russischen Gebieten bedeutete. Auch wenn sie dem Khan in Sarai tributpflichtig waren, waren dies durchaus eigenständige, christlich-orthodox geprägte Reiche mit eigenen Fürsten. Durch die Islamisierung der Goldenen Horde war die Möglichkeit einer künftigen Verschmelzung beider Kulturkreise faktisch verschwunden.
Die Auseinandersetzung mit dem Il-Khanat köchelte weiter, ansonsten konnte Usbek seine Herrschaft unbehelligt genießen. Er fand sogar Zeit, mit Neu-Sarai eine neue Hauptstadt zu bauen, 180 Kilometer flussaufwärts von Sarai gelegen, die der dann beispielsweise durch den Bau von Moscheen stärker als kulturelles Zentrum und Kristallisationspunkt seiner Herrschaft gestalten konnte.
Ihm folgten seine Söhne, erst Tini Beg (gest. 1342, reg. 1341 bis 1342), dann Dschani Beg (gest. 1357, reg. 1342 bis 1357). In der Thronfolge hatte die Mutter der beiden, Taydula (gest. 1360), die Finger im Spiel. Sie war eine der sieben Frauen von Usbek und sorgte dafür, dass Tini, der als ältester der noch lebenden Söhne Usbeks Thronfolger war, auf seinem Weg in die Hauptstadt ermordet wurde. Mutterliebe auf mongolisch. Tini war beim Tod seines Vaters gerade an der Ostgrenze unterwegs, um diese gegen Überfälle aus dem Gebiet des Tschagatai-Clans zu verteidigen. So hatten sich Dschani und Taydula schon als Regenten eingerichtet, seine Rückkehr war absolut störend. Man fand also einen schnellen Weg, damit fertig zu werden, und Dschani saß als Nächstältester auf dem Thron. Er muss an dieser Ecke wenig Skrupel gehabt haben, hatte er doch schon einen anderen Bruder, Khidr Beg (gest.1342), ermordet. Wir sind ein wenig froh, nicht in diese Familie hineingeboren zu sein.
Die Pest
Seit Ende der 1330 Jahre breitete sich die Pest im Reich aus. Erste Fälle werden aus einer christlichen Gemeinde am Yssykköl-See im heutigen Kirgistan, nach dem zwischen Peru und Bolivien liegenden Titicaca-See der zweitgrößte Gebirgssee der Erde, berichtet. Der Ursprung wird in den auf den dort lebenden Nagetieren, insbesondere Murmeltieren siedelnden Flöhen der Marke Xenopsylla cheopis vermutet, die noch heute immer wieder einzelne Pestfälle in dieser Region auslösen. 1345 gab es die ersten Erkrankungen in Sarai und auf der Krim, 1346 in Astrachan. Allein auf der Krim wird in den nächsten Jahren von 85.000 Opfern gesprochen. Genau gezählt wird hier niemand haben, aber dass die Zahl in den Zehntausendern lag, können wir sicher annehmen. Durch die engen Handelsbeziehungen gerade zwischen den Niederlassungen der italienischen Handelsstädte auf der Krim und Europa, dauerte es nicht lange, bis der Erreger, Yersinia pestis, es auch nach Europa geschafft hatte und dort zu einer verheerenden Epidemie führte. Die Versuche der Goldenen Horde, die Genueser Niederlassung Caffa zu erobern, führten möglicherweise zu einer zusätzlichen Dramatik. Man vermutet auch, dass Genua eine Schiffsblockade verhängt hatte. Klingt vorsichtig, ging aber letzten Endes nach hinten los. Es ermöglichte den infizierten Nagern, vornehmlich wohl Ratten und Mäuse, sich in den Getreidelagern massiv zu vermehren. Nach Aufhebung der Blockade erreichte dann eine um Potenzen vermehrte Anzahl der Wirte und entsprechend auch der Erreger Europa. Dort werden sie uns sicher noch begegnen.
Mit Usbek und Dschani hatte die Goldene Horde den Scheitelpunkt ihrer Macht erreicht. Unter Dschani wurde 1357 sogar der immer wieder erfolglos versuchte Vorstoß über den Kaukasus ins Reich der Il-Khane geschafft. 1357 fiel Täbris. Diese Erfolge fielen ihm insofern leicht, als es das Il-Khanat zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr gab. Abu Said Bahadur Khan (1305 bis 1335, reg. 1316 bis 1335) war der letzte Il-Khan gewesen. Zwar hatte er noch 1319 einen Angriff der Goldenen Horde in Aserbaidschan abwehren können, starb jedoch bereits 1335, worauf das Il-Khanat in mehrere Einzelherrschaften zerfiel. Insofern hatte Dschani dann zwanzig Jahre später relativ leichtes Spiel.
Das nächste Mal erleben wir dann, wie es auch mit dem Reich der Goldenen Horde zu Ende ging.
Bildnachweise:
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Motiv: Schlacht von Mohi (1241) – Miniatur aus: Hayton von Corycus, La Flor des estoires de la terre d'Orient.
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Quelle: Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 2623, fol. 29r. Digitalisat via ONB.
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Lizenz: Gemeinfrei.
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Status: Unverändert übernommen.
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Abrufdatum: 28.06.2026.


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