Graeco-Baktrien
Wenn wir an Zentralasien denken, erinnern wir uns auch an den Eroberungszug Alexander des Großen, der ja nach Baktrien und weiter bis zum Jaxartes ins Bergland der Saken führte. Mit Roxane heiratete er sogar eine sogdische Prinzessin. Womit wir als weiteres Steppenvolk auch noch die Sogdier erwähnen können, die in West-Usbekistan, Tadschikistan und dem Osten Kirgistans ihre Heimat hatten und später den Handel auf der Seidenstraße beherrschten.
Nach Alexander etablierte sich in Baktrien ein eigenes hellenistisch geprägtes Königreich, von den Historikern Graeco-Baktrien genannt. Diodotos I. Soter (um 300 bis 235 v. Chr., reg. um 255 bis 235 v. Chr.), zunächst nur Satrap, setzte sich um 255 v. Chr. gegen den Seleukiden Antiochos II. (286 bis 246 v. Chr., reg. 261 bis 246 v. Chr.) durch und behauptete seine Herrschaft im Anschluss auch gegen die aufstrebenden Parther. Euthydemos I. (etwa 260 bis 195/190 v. Chr., reg. etwa 224 bis 195 v. Chr.) konnte dann im Jahr 206 v. Chr. einen Angriff von Antiochos III. abwehren und die Unabhängigkeit Graeco-Baktriens gegen die Seleukiden verteidigen.
Nachdem diese Gefahr abgewendet war, versuchte Demetrios I. (gest. um 182/170 v. Chr., reg. etwa 200 bis 182/170 v. Chr.) zu expandieren. Antiochos III. war in Kriegen mit dem Römischen Reich gebunden, was ihm ein wenig Freiheit gab. Seine um 183 v. Chr. begonnenen Vorstöße nach Nordwestindien erfolgten zeitgleich zum Niedergang des Maurya-Reiches, einer von 320 bis 185 v. Chr. herrschenden altindischen Dynastie. Demetrios konnte dieses Machtvakuum nutzen und gelangte wohl bis in die Gangesebene, musste aber dann wieder umkehren, da zu Hause eine Rebellion ausgebrochen war, die letztlich zu einer Reichsteilung führte. Die ganze Geschichte liegt aber sehr im Dunkeln, wo wir sie dann auch lassen wollen. Von Demetrios‘ schönen Eroberungen in Indien blieb immerhin das graeco-indische Reich, das wir uns später noch anschauen werden.
Neben diesen inneren Streitigkeiten drohte auch immer aus dem Norden Gefahr. Um 160 v. Chr. standen mit den Saken und den von den Xiongnu nach Westen vertriebenen Yuezhi zwei Völker an der Grenze des Reiches. Und ihre Absichten waren nicht unbedingt friedlich. Aus der Heimat vertrieben und auf der Flucht halten sich Rücksicht und Contenance im Umgang mit anderen mitunter in relativ engen Grenzen. Es dauerte dennoch wohl bis nach 141 v. Chr., bis Baktrien angegriffen wurde. 129 v. Chr. gab es dann weitere Angriffe nomadischer Stämme in Parthien. Die relativ großen Zeitspannen verweisen auf eine ausgeprägte Verteidigungsfähigkeit und -bereitschaft der Baktrier. Der parthische König Artabanos I. (gest. um 122 v. Chr., reg. etwa 127 bis 122 v. Chr.) fand beispielsweise bei einem Gegenstoß nach Baktrien den Tod.
Reiche am Hindukusch: Yuezhi, Saken, Parther, Kuschan
Die Yuezhi waren eine indogermanische Stammesgruppe, die manche Forscher mit den Massageten gleichsetzen. Viele bringen sie mit den als Tocharern bezeichneten indoeuropäischen Stämmen in Verbindung, von denen antike und byzantinische Autoren erzählen. Sie lebten ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. östlich des Tarimbeckens, also in Nordwestchina bis hinein in die heutige Provinz Gansu. Der Xiongnu-Fürst Mao-tun (234 bis 174 v. Chr., reg. 209 bis 174 v. Chr.) unterwarf sie 176 v. Chr. Nach einer Rebellion wurden sie von seinem Sohn Laosheng (gest. 161 v. Chr., reg. 174 bis 161 v. Chr.) dann endgültig vertrieben. Sie zogen Richtung Westen nach Baktrien, was wiederum die Saken in Bewegung brachte, und gründeten in Baktrien ein neues Reich, das sie in fünf Provinzen gliederten. Dabei integrierten sie Teile der Saken und schlossen Bündnisse mit anderen Stämmen wie den Kangju in Sogdien.
Die Saken wurden von den Yuezhi nach Süden abgedrängt. In dieser Zeit wandelte sich der Name der Provinz Drangiana in Sakastan, woraus in weiterer sprachlicher Entwicklung heute Sistan wurde. Von dort aus ging es im 1. Jahrhundert n. Chr. weiter Richtung Indien, wo sie ein eigenes Reich gründen konnten. Es kann allerdings auch gut sein, dass das indo-sakische Reich, manchmal auch als indo-skythisches Reich bezeichnet, durch Saken gegründet wurde, die auf der Flucht vor den Yuezhi einen anderen Weg genommen haben als ihre Richtung Baktrien ziehenden Stammesbrüder. Schaut man auf die Karte und die Gebirge, die auf einem solch direkten Weg hätten überwunden werden müssen, dann ist diese Option allerdings schwer vorstellbar. Aber auch hier gilt die alte Doppelkopf-Regel: Nichts Genaues weiß man nicht.
Überhaupt steht diese ganze Geschichte auf sehr unsicheren Füßen und wird mitunter nur aus der Interpretation von Münzfunden geformt. Es mag also sein, dass ein gewisser Antialkidas Nikephoros (reg. um 115 bis um 95 v. Chr.) einer der letzten Herrscher des graeco-indischen Reiches war. Dieser mag dann den eindringenden Saken unterlegen gewesen sein, die ihr indo-sakisches Reich bis 19 n. Chr. halten konnten. Dann mussten sie sich dem Statthalter der Parther in der Provinz Drangiana Gondopharnes I. (reg. 19 n. Chr. bis 46 n. Chr.) geschlagen geben, der dann das indo-parthische Reich mit der Hauptstadt Taxila im heutigen Nordpakistan gründete.
Auch dieses hielt sich nicht lange. Ihm folgte das Reich Kuschana, das von den Yuezhi unter Kudschula Kadphises (gest. um 85, reg. um 25 bis um 85) in der Region um Kabul und Peschawar gegründet wurde. Es ist uns bei den Sassaniden bereits über den Weg gelaufen und war in seiner Zeit eines der führenden Reiche Zentralasiens und Mittler zwischen China und dem indischen und dem römisch-westlichen Kulturkreis. Dies zeigen auch die Titel, die sich die Herrscher gaben. Aus Indien kam der Begriff des Maharaja, aus dem Iran Rajatiraja, aus dem Westen Kaisara und der Titel Devaputra, was Sohn Gottes bedeutet, war dem chinesischen Kaisertitel nachempfunden.
Im 1. und 2. nachchristlichen Jahrhundert blühte der Handel unter Kanischka I. (reg. etwa 127 bis 150). Seide ging nach Westen, Teppiche, Schmuck und vor allem Glaswaren in den Osten. Aus vermehrten Funden von Figuren der Göttin Hariti, einer vorsichtig gesagt: ambivalenten Figur, die unter anderem auch als Pockengöttin verehrt wurde, schließen einige Forscher, dass eine entsprechende Seuche Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. Kuschana schwer getroffen hat. Terminlich passt dies mit Berichten über eine verheerende Epidemie, die die römischen Truppen in dieser Zeit auch auf einem ihrer Partherfeldzüge getroffen hat. Wir sind aus den Berichten von der Kompetenz der Hariti nur bedingt überzeugt. Von einer Pockengöttin hätten wir schon erwartet, dass sie Kuschana ein wenig besser beschützt. Aber da die Quellen aus dieser Zeit und über die zentralasiatischen Völker generell eher nur sehr rudimentär daherkommen, wissen wir nicht, was im Zweifel im Vorwege vorgefallen war und Hariti erzürnt haben könnte.
Ob diese Epidemie der wesentliche Grund für den Niedergang Kuschanas war, wissen wir nicht. Sie wird auch die Sassaniden getroffen haben, denen es gelungen ist, Kuschana im frühen 3. Jahrhundert n. Chr. zu erobern und in ihr Reich zu integrieren. Reste des Reiches hielten sich dann noch bis ins 5. Jahrhundert.
Die Xiongnu
Wesentlichen Einfluss auf die ganze Entwicklung hatten die Xiongnu, die an der chinesisch-mongolischen Grenze lebten. Wir hatten früher schon erwähnt, dass die zeitweise vertretene Theorie der Abstammung der Hunnen von den Xiongnu sich nicht bestätigt hat. Wie bei allen anderen reiternomadischen Völkern können wir auch hier nicht von einer einheitlichen Ethnie ausgehen. Indogermanische, mongolische und chinesische Stämme werden sich hier zusammengefunden haben. Man spricht von 19 unterschiedlichen Völkern, unter anderem den Jie, die sich aus Sicht der Chinesen durch lange Nasen und Vollbärte ausgezeichnet haben sollen. Es muss so erschreckend ausgesehen haben, dass bildliche Darstellungen vollkommen fehlen.
Unter ihrem Herrscher, der Titel hieß Chanyu, Tou-man (gest. 209 v. Chr., reg. 240 bis 209 v. Chr.) und seinem Sohn Mao-tun wurden die einzelnen Stämme der Xiongnu zu einem Staatswesen gebündelt und die benachbarten Kitan, Tungusen und Sien-pi unterworfen. Das Gebiet der heutigen Mongolei beschreibt in etwa ihr Herrschaftsgebiet, wobei sie sich vornehmlich nach Süden in Richtung China orientierten. Insbesondere Mao-tun war so mächtig geworden, dass Qin Shi Huang (259 bis 210 v. Chr., reg. 221 bis 210 v. Chr.), Kaiser der kurzen Qin-Dynastie in China, meinte, sich mit einer langen Mauer, zu einem großen Teil aus gestampfter Erde errichtet, schützen zu müssen. Ein Bauwerk, an dem dreihunderttausend Zwangsarbeiter zu leiden hatten – aber noch nicht die große Mauer, die wir heute als die chinesische kennen. Diese ist aus Stein und wurde erst zur Zeit der Ming-Dynastie fertiggestellt, also fast zweitausend Jahre später.
Die Xiongnu vertrieben wie gesehen die in Nordwestchina lebenden Yuezhi, die sich entsprechend nach Westen wandten. Sie selbst blieben in der Mongolei und waren über einige Jahrhunderte eine ständige Bedrohung für die chinesischen Kaiser. Lange versuchten diese, die Gefahr mit Tributzahlungen und Heiratsverträgen zu bändigen. Ein erster Grenzvertrag Chinas mit nördlichen Steppennomaden datiert bereits aus dem Jahr 318 v. Chr.
Den Höhepunkt ihrer Macht erreichten die Xiongnu zur Zeit Mao-tuns und Laoshengs, als die Yuezhi vertrieben und die Herrschaft in der mongolischen Steppe gesichert werden konnte. Nun begann die beschriebene Zeit der Konflikte mit dem südlichen Nachbarn. Am Ende zeigte sich das chinesische Reich als das stärkere. Kaiser Wu aus der Han-Dynastie konnte die Xiongnu schließlich schlagen und in die mongolische Steppe zurückdrängen. Sein General Huo Qubing (gest. 117 v. Chr.) schaffte es zur Überraschung der Xiongnu, die Wüste Gobi zu durchqueren, und konnte schließlich 119 v. Chr. in der Nähe des heutigen Ulan Bator den Chanyu Yizhixie (gest. 114 v. Chr., reg. 126 bis 114 v. Chr.), einen Enkel Mao-Tuns, besiegen. Vernichten konnte er das Nomadenreich allerdings nicht, so dass die Xiongnu Herrscher der Steppe blieben.
In den folgenden Jahrzehnten verfiel dann die Macht der Xiongnu zusehends. China förderte die inneren Zwistigkeiten, die um 60 v. Chr. zu einer Aufspaltung in fünf sogenannte Horden führte. Dieser Begriff leitet sich aus dem Wort ordu für »Feldlager« ab. Hu-han-ye (reg. 58 bis 31 v. Chr.) konnte mit Hilfe des chinesischen Kaisers, dem er sich unterwarf, gegen drei der anderen durchsetzen. Die vierte mit dem schönen Namen Zhizhi, benannt nach ihrem Anführer (gest. 36 v. Chr., reg. um 55 bis 36 v. Chr.), vertrieb er in die Gegend westlich des Aralsees. Dort lebten bereits die Alanen, die dann im 1. Jahrhundert n. Chr. nach Westen in die Wolga- und Don-Region gedrängt wurden. Wir kennen dieses iranische Reitervolk bereits aus der Geschichte der Völkerwanderung.
Das Ende der Xiongnu wurde von China sehr befördert. Auch die in den Westen gezogenen Zhizhi wurden verfolgt und 36 v. Chr. geschlagen. Im Osten zerbrach das Xiongnu-Reich in zwei Teile. Hu-han-yes Enkel Punu (reg. etwa 45/46 bis 83) sah sich 48 aufständischen Stämmen gegenüber, die sich unter ihrem Anführer Sutuhu (reg. etwa 48 bis 56), einem Onkel Punus, China unterwarfen und als »Südliche Xiongnu« in die Ordos-Region, eine Wüstensteppe in der Inneren Mongolei in China, umgesiedelt wurden.
Gemeinsam mit den Südlichen Xiongnu und anderen Steppenvölkern wie den Xianbei und den Dingling griff die Han-Dynastie im Folgenden die Nördlichen Xiongnu an und konnte sie in den Jahren 89 und 91 n. Chr. besiegen. In Folge wurden die Xianbei in der Steppe immer mächtiger, nach 155 hören wir nichts mehr von den Nördlichen Xiongnu. Wir schauen uns die Xianbei das nächste Mal etwas näher an.
Die südlichen Ableger machten dagegen noch ein wenig Karriere. Die Macht der Han-Dynastie in China wurde schwächer, was die Xiongnu ausnutzten und um 200 nach Süden zogen. Die Lücke, die sie hinterließen, wurde um 260 von den Tabgatsch, auch als Tuoba bekannt, ausgenutzt.
Im Jahr 304 gründete der Xiongnu-Anführer Liu Yuan (gest. 310, reg. 304 bis 310), mittlerweile mehr Chinese als Steppennomade, die Han-Zhao-Dynastie. 308 rief er sich zum Kaiser aus. Sein Sohn Liu Cong (gest. 318, reg. 310 bis 318) eroberte die Hauptstädte der Jin-Dynastie Luoyang und Changan. Die Han-Zhao-Dynastie konnte sich allerdings lediglich bis 329 halten. Sie wurde von einer anderen Xiongnu-Gruppe besiegt.
In China begann jetzt im Norden ein gewisses Interregnum, die Periode der »Sechzehn Reiche der fünf Barbaren«, von denen die Xiongnu einen dieser fünf Stämme darstellten. Sie waren allerdings mittlerweile so sehr sinisiert, dass sich eine eigenständige Geschichte nicht mehr erzählen lässt. Uns wird diese Phase wieder einholen, wenn wir in China unterwegs sind.
Bildnachweise:
Vorschaubild:
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Motiv: Goldene Gürtelschnalle (Wildschweinjagd, 1./2. Jh. v. Chr.)
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Fundort: Nationales Museum für Altertümer Tadschikistans (Inv.-Nr. 48/8)
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Quelle/Lizenz: Wikimedia Commons – © Marie-Lan Nguyen (CC-BY 4.0)
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Abruf: 20.05.2026


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