Qalawun übernimmt
Das letzte Mal haben wir erlebt, wie Baibars die Macht der Mamluken in Ägypten und den angrenzenden Ortschaften aufbauen und konsolidieren konnte. Nach seinem Tod folgten seine Söhne Berke Qan (1258 bis 1280, reg. 1277 bis 1279) und Solamisch (1272 bis 1291, reg. 1279), die sich allerdings nicht lange auf dem Thron halten konnten. Der Strich durch diese Rechnung kam von Qalawun (1222 bis 1290, reg. 1279 bis 1290), dem Schwiegervater Berke Qans. Dieser erzwang erst Berkes Rücktritt, war dann noch kurz Vormund des auf dem Thron nachfolgenden siebenjährigen Solamisch, bevor er die Sache rund machte und sich selbst zum Sultan erhob. Berke Qan hatte mit Kerak in Transjordanien, östlich des Toten Meeres ein eigenes kleines Herrschaftsgebiet zugesprochen bekommen, wohin sich nach seiner Absetzung auch Solamisch zurückzog. Sie blieben also immerhin am Leben – keine Selbstverständlichkeit, wie wir aus langer Erfahrung wissen.
Qalawun war ein alter Kämpfer, der bereits unter Baibars an vielen Feldzügen teilgenommen hatte. Diese Qualitäten benötigte er jetzt erneut. Zunächst war ein Aufstand in Syrien niederzuschlagen, dann mussten die Mongolen des Il-Khanats in Schach gehalten werden, was 1281 mit einem überzeugenden Sieg bei Homs auch gelang. Auch die verbliebenen Städte der Kreuzfahrer hatten nichts zu lachen, 1289 fiel beispielsweise Tripolis. Schließlich wurde er auch im Süden aktiv. Das christliche Königreich in Nubien wurde unterworfen und musste fortan Tribute zahlen. Dabei setzte Qalawun zunehmend auf Mamluken aus dem Kaukasus, die in den nächsten Jahrzehnten als sogenannte Burdschiya-Mamluken ihre Macht immer weiter ausbauen konnten und von 1382 an bis zum Ende der Mamluken-Herrschaft im Jahr 1517 die Macht innehatten. Der Name kommt den den Türmen (arabisch: burdsch) der Zitadelle in Kairo, dem Quartier der von Qalawun akqurierten Soldaten.
Nicht nur militärisch war es eine erfolgreiche Zeit. Handelsverträge mit europäischen Staaten wie Frankreich, Kastilien oder Genua sorgten für wirtschaftlichen Wohlstand. Es wurde gebaut, Krankenhäuser wurden gegründet. Die Sache lief rund.
Chalil beendet die christlichen Herrschaften
Kurz vor einer Strafexpedition gegen das noch christliche Akkon, wo es ein Massaker an muslimischen Händlern gegeben hatte, starb Qalawun. Ihm folgte sein Sohn Chalil (um 1260 bis 1293, reg. 1290 bis 1293), der die Politik seines Vaters nahtlos fortsetzte. Am 18. Mai 1291 wurde Akkon nach sechswöchiger Belagerung gestürmt. Im August folgten die verbliebenen Städte der Kreuzfahrer wie Tyros, Sidon, Haifa und Beirut. Die Geschichte christlicher Herrschaften in Palästina und Umgebung war vorbei. Nach der Eroberung Jerusalems 1099 waren aber immerhin fast zweihundert Jahre vergangen. Das ist in etwa die Zeit vom Ende von Napoleons Kaiserreich 1814/1815 bis zum Regierungsantritt Angela Merkels (geb. 1954, reg. 2005 bis 2021), wenn Du Dich noch an die langjährige Bundeskanzlerin erinnern kannst. In der Zeitspanne ist viel passiert – sowohl in der Zeit der Kreuzfahrer als auch in der Neuzeit.
An-Nasir erlebt unruhige Zeiten
Erfolg erzeugt Neider. Ein erfolgreiches, florierendes Reich zu regieren, verlockt manchen. Einer dieser Neidhammel war Baydara (vor 1260 bis 1293/1294), der unter Qalawun Gouverneur von Oberägypten und unter Chalil als Vizekönig hohe Ämter bekleidete. Im Dezember 1293 ermordete er Chalil und meinte nun, es auf den Thron geschafft zu haben. Damit kam er jedoch insbesondere bei den kaukasischen Burdschiya-Mamluken nicht durch. Er durfte das Schicksal seines Opfers sehr zeitnah authentisch nachempfinden.
Die ruhigen Jahre waren jetzt vorbei. In der Liste der Sultane taucht in den folgenden Jahren Chalils Bruder al-Malik an-Nasir ad-Din Muhammad (1284/1285 bis 1341, reg. 1293 bis 1294, 1299 bis 1309 und 1310 bis 1341) insgesamt dreimal auf. Beim Tod seines Bruders war er acht oder neun und konnte leicht zur Seite gedrängt werden. So regierten erst die Emire Kitbugha (gest. 1303, reg. 1294 bis 1296) und Ladschin (gest. 1299, reg. 1296 bis 1299) bis man 1299 an-Nasir aus dem Exil in Kerak – anscheinend eine für Exil-Sultane gut geeignete Gegend – zurückholte und nun mit vierzehn Jahren ein zweites Mal auf den Thron setzte. Ladschin war am 16. Januar 1299 ermordet worden. Zuvor hatte er einige Reformen eingeleitet, die dem durch Epidemien und Hungersnöte gebeutelten Land auch halfen. Dabei setzte er jedoch zu sehr auf Günstlinge, was wiederum Neider auf den Plan rief, die dann kurzen Prozess machten.
In an-Nasirs zweiter Amtszeit gab es sofort Probleme. Die Mongolen des Il-Khanats griffen an und eroberten im Dezember 1299 sogar Damaskus. Da sie dann aber nicht weiter vorrückten, konnte an-Nasir sich etwas berappeln und schließlich am 20./21. April 1303 zum entscheidenden Sieg in der Schlacht von Mardsch as-Saffar bei Schaqhab kommen. An dieser Stelle wollen wir den Orden der Templer kurz erwähnen, da sich diese mit den Mongolen verbündet hatten. Sie hatten versucht, auf der Insel Aruad bei Tartus in Syrien einen Stützpunkt zu errichten, wurden aber bereits 1302 von den Truppen an-Nasirs vertrieben.
Eigentlich lief also alles nach Plan für den jungen Sultan. Dennoch konnte er sich nach seiner Rückkehr nach Kairo nicht auf dem Thron halten. Das Reich war nach einem schweren Erdbeben aus dem Jahr 1303 im doppelten Wortsinn nicht mehr in einer wirklich gefestigten Lage. Zu allem Überfluss rebellierten die ägyptischen Beduinen und mussten 1305 in ihre Schranken verwiesen werden. Zudem sorgten Angriffe der Johanniter, ein weiterer Orden neben den Templern, auf Tortosa und das Nildelta für Unruhe.
An-Nasir setzt sich endgültig durch
Vor dem Hintergrund einer sich ankündigenden neuerlichen Usurpation wählte An-Nasir einen klugen Weg. Er dankte im Jahr 1308 ab und machte den Weg frei für Baibars II. (gest. 1310, reg. 1308 bis 1309), einen mamlukischen Emir, der zusammen mit seinem Kollegen Saif al_Din Salar (etwa 1260 bis 1310) schon seit längerem die Regierungsgeschäfte führte. Diese Geschichte kann man natürlich auch anders erzählen: An-Nasir war aufgrund seines Alters zu Beginn seiner zweiten Herrschaft nicht wirklich in der Lage, das Sultanat auszufüllen und die Emire drängten mit ihm nur eine Marionette vom Thron.
Auf jeden Fall war an-Nasir, wenn denn überhaupt, eine sehr selbstbewusste Marionette. Mittlerweile war er ja auch schon 23 Jahre alt. Er zog sich wieder nach Kerak zurück und verbündete sich dort mit Beduinenstämmen und den syrischen Mamluken. Mit dieser Unterstützung schaffte er es bereits im folgenden Jahr wieder auf den Thron. Baibars II. wurde gefangen genommen und 1310 hingerichtet. An-Nasir war nun 24 Jahre alt und diesmal blieb er bis zu seinem Tod im Juni 1341 auf dem Thron.
Die wilden Jahre waren vorbei. Er schloss 1323 einen Friedensvertrag mit dem Il-Khanat und verzichtete auf weitere Eroberungszüge. Sein Reich umfasste gemäß der heutigen Grenzen neben Ägypten mit Nubien den Großteil des heutigen Sudans, die östliche Mittelmeerküste Libyens, Israel, Jordanien, den Großteil Syriens und den Irak westlich des Euphrats bis hinunter zum Persischen Golf. Hinzu kam der Norden Saudi-Arabiens. Innenpolitisch konnte er seine Herrschaft konsolidieren und durch geschickte Lehensvergabe zu Gunsten der kämpfenden Truppe sich deren Loyalität sichern und gleichzeitig die Macht der mamlukischen Oberschicht in Grenzen halten.
Mansa Musa hat zuviel Geld
Erwähnen müssen wir eine Wirtschaftskrise, die 1324 durch die Pilgerfahrt des Herrn Mansa Musa (gest. 1332 oder 1337, reg. 1307/1312 bis 1332/1337) entstand. Der herrschte in Mali mit Timbuktu als einem der Hauptorte über das größte Reich in der westafrikanischen Geschichte. Manche sehen in Mansa Musa den reichsten Mann aller Zeiten, Elon Musk oder Jeff Bezos (geb. 1964) hin oder her. Auf jeden Fall brachte er auf seiner Pilgerreise so viel Gold in das Sultanat, dass der ägyptische Gold-Dinar um ein Viertel seines Wertes sank und sich von diesem Rückschlag die nächsten zehn Jahre nicht wirklich erholen konnte. Mansa Musa litt auch selbst unter diesem Wertverfall. Sein Gold war ja ebenfalls weniger Wert, so dass er sich für seine Rückreise sogar Geld leihen musste. Wir sehen, auch die ganz Reichen haben ihre Probleme. Unser Bedauern hält sich in Grenzen. Auf jeden Fall werden wir aber beim nächsten Besuch eines Multimilliardärs uns seine Rückfahrkarte zeigen lassen.
Viele Herrscher, Barquq setzt sich durch
Nach an-Nasirs Tod im Juni 1341 folgten ihm bis 1382 zwölf seiner Söhne oder Enkel auf dem Thron. Dies hatte er sich von den Emiren der Mamluken garantieren lassen. Was nach einer gut funktionierenden Dynastie aussieht, bekommt ein anderes Gesicht, wenn wir auf den Zeitraum schauen. Zwölf Herrscher in 41 Jahren klingt nicht nach Konstanz. Fünf der Nachfolger wurden ermordet, fünf abgesetzt, lediglich zwei starben eines halbwegs natürlichen Todes. Diese inneren Machtkämpfe konnten sich die Mamluken nur leisten, weil an-Nasir sein Land insbesondere durch den Vertrag mit den Mongolen gut abgesichert hatte.
1381 kam mit as-Salih Haddschi II. (gest. 1390, reg. 1381/1382 und 1389/1390) dann der letzte der Sultane der Bahri-Dynastie auf den Thron. Die ganzen Jahre schon hatten die Sultane nicht mehr das Heft des Handelns in der Hand. Die reale Macht lag bei den Emiren der Mamluken, die in ständigen gegenseitigen Rivalenkämpfen verstrickt waren. Haddschi II. wurde entsprechend auch von einem dieser Emire, einem Herrn namens Barquq (1339 bis 1399, reg. 1382 bis 1389 und 1390 bis 1399) als Thronfolger ausgewählt. Barquq stammte aus dem im Kaukasus beheimateten Volk der Tscherkessen und hatte sich in dem Machtgefüge der Emire nach oben arbeiten können. 1382 meinte er dann, dass es nun genug sei mit den Nachkommen an-Nasirs auf dem Thron, egal, was die Emire vor 41 Jahren geschworen haben mögen.
Das nächste Mal springen wir zeitlich weit nach vorne bis zum Ende der Mamluken-Herrschaft.
Bildnachweise:
Vorschaubild:
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Motiv: Thronender Prinz (möglicherweise Sultan al-Nasir Muhammad ibn Qala'un). Illustration aus den Maqamat des al-Hariri, Mamluken-Reich (Ägypten), datiert auf 1334.
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Quelle: Wikimedia Commons / Original im Museum With No Frontiers (MWNF).
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Urheber: Unbekannter Künstler des 14. Jahrhunderts.
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Lizenz: Public Domain (Gemeinfrei), da die urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.
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Abrufdatum: 08.04.2026


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