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(167) Harun ar-Raschid und seine Söhne

Harun ar-Raschid: Märchenkalif in der Realpolitik

Harun ar-Raschid ist wahrscheinlich neben Saladin der in Deutschland bekannteste Kalif. Dies liegt weniger an seinem politischen Vermächtnis. Zwar war er in Anatolien erfolgreich und konnte von Irene, der damaligen Herrscherin in Byzanz, hohe Tribute fordern. Zudem wurde 805 Zypern erobert und in Persien konnte er mit Hilfe der persischstämmigen Familie der Barmakiden, die er als lokale Gouverneure, Wesire genannt, eingesetzt hatte, die Macht des Kalifats stabilisieren.

 

Auf der anderen Seite musste er im westlichen Algerien und Ifriqiya, dem Gebiet des heutigen Tunesiens, Ost-Algeriens und des libyschen Tripolitaniens, die faktische Unabhängigkeit der dort regierenden Familien anerkennen. Wenn es Dich interessiert, es waren die Aghlabiden in Ifriqiya, die dort seit 800 herrschten, und in West-Algerien die Rustamiden, die dort von 778 an das Sagen hatten. Es waren durchaus erfolgreiche Dynastien. Die Aghlabiden konnten in langen Kämpfen zwischen 827 und 878 ganz Sizilien erobern. In Süditalien bestand zwischen 847 und 871 ein eigenes Emirat. 846 wurde sogar Rom geplündert. 909 wurden dann beide Dynastien von den Fatimiden unterworfen. Die schauen wir uns das nächste Mal etwas genauer an. 

 

Harun ar-Raschid ist allerdings weniger aufgrund seiner herausragenden Leistungen bis heute bekannt, sondern weil er mit der berühmten Märchensammlung der Geschichten »Tausendundeine Nacht« in Verbindung gebracht wird. Der Ursprung dieses Werkes liegt allerdings wohl im Indien der Zeit um 250. Von dort kommend wurde es dann erst ins Persische und später ins Arabische übersetzt. Jede Kultur fügte dann ein wenig hinzu, so dass wir nun auch Harun ar-Raschid als Protagonisten einiger Geschichten kennen.

 

Mit Karl dem Großen tauschte Harun Gesandtschaften aus und schickte dem fränkischen Kaiser sogar einen indischen Elefanten namens Abul Abbas, der es in der Kälte nördlich der Alpen immerhin von 802 bis 810 aushielt. Zweckdienlich waren diese Kontakte im Sinne eines potentiellen Einhegens gemeinsamer Gegner, seien es die Umayyaden in Spanien oder das Byzantinische Reich.

 

Das Drama der Nachfolge: Reichsteilung und Bruderkrieg

Nach Harun ar-Raschid regierten seine Söhne. Geplant war, dass Al-Amin (787 bis 813, reg. 809 bis 813) als Kalif über die arabischen Gebiete herrschte. Sein Bruder al-Mamun (um 786 bis 833, reg. 813 bis 833) sollte Chorasan und das nördlich davon gelegene Transoxanien regieren und al-Amins Nachfolger auf dem Kalifenthron werden. Ein dritter Bruder, al-Mutasim, bekam das aufgrund der Nähe zum Byzantinischen Reich strategisch wichtige Obermesopotamien, von den Arabern Dschazira genannt. Er war zudem als Thronerbe al-Mamuns vorgesehen. Die Reihenfolge, insbesondere die Bevorzugung al-Amins vor dem älteren al-Mamun, hatte ihren Grund. Al-Amin war Sohn einer freien Araberin und legitimen Ehefrau Haruns, während al-Mamun und al-Mutasim lediglich Sklavinnen als Mütter vorweisen konnten. Die durch diese im Jahr 802 getroffene Regelung faktisch realisierte Reichsteilung resultierte vor allem aus dem zu dieser Zeit starken Drang der Barmakiden, ihre Macht im Osten nachhaltig zu sichern.

 

Nun, wir haben es schon hie und da erlebt, dass derartige Planungen nicht so reibungslos funktionieren, wie es mal ausgedacht wurde. Zwar folgten die drei Brüder in der von Harun ar-Raschid geplanten Folge einander auf dem Kalifenthron. Es war aber deutlich mehr Drama, als Planung, die dazu führte.

 

Al-Amin

Die Rechnung der Barmakiden ging nicht auf, da ihr Oberhaupt Dschafar al-Barmaki (767 bis 803, amt. 798 bis 803) bei Harun ar-Raschid in Ungnade fiel. Al-Amin wollte sich zudem nicht an die Regelung seines Vaters halten. Er favorisierte seinen eigenen Sohn, noch ein Kleinkind, anstelle seines Bruders für die Thronfolge. Der fand das nur bedingt lustig. Zudem machte al-Amin den Fehler, sich gegen die iranische Bevölkerung zu stellen, deren Bedeutung im Kalifat spätestens seit Abu Muslims Zeiten deutlich gewachsen war.

 

811 zog al-Amin mit einem Heer gen Osten, wurde aber bei Rey, etwa 15 Kilometer südlich von Teheran, von al-Mamuns Truppen unter ihren Befehlshaber Abdallah ibn Tahir (um 798 bis 844) geschlagen. 813 konnten diese in Bagdad einmarschieren und al-Amin stürzen. Dessen Versuche, sich Unterstützung aus dem arabisch dominierten Syrien zu holen, scheiterten auch an der Uneinigkeit der arabischen Stämme untereinander. Tahir machte kurzen Prozess, al-Amin wurde hingerichtet, auch wenn Al-Mamun seinen Bruder wohl gerne verschont hätte.

 

Al-Mamun: Wissenschaft und Inquisition

Al-Mamun war nun Kalif und als solcher auch in den meisten Provinzen anerkannt. Auch er regierte mit Statthaltern. Tahir bekam den Westen mit ar-Raqqa in Nordsyrien als Hauptstadt, der Perser al-Hasan ibn Sahl (gest. 850/851) den Irak. Al-Mamun selbst blieb in seiner Residenz in Merw im Südosten des heutigen Turkmenistan. Die einst als arabische Eroberungswelle begonnene Ausbreitung des Islam hatte sich mittlerweile von ihrem Ausgangspunkt doch weit entfernt.

 

Zwischen 815 und 819 kam es zu einigen Unruhen. Die Aliden probten den Aufstand. Al-Mamun zeigt sich kompromissfähig und konnte die Rebellion im März 817 auch dadurch beenden, dass er den Husainiden Ali ibn Musa zu seinem Nachfolger ausrief und ihm den Herrschernamen ar-Rida, »der, mit dem man einverstanden ist«, verlieh. Husainiden waren die Abkömmlinge von  Alis ibn Abi Talibs jüngerem Sohn Husain, die wir nicht mit denen des älteren Sohns Hasan, den Hasaniden, verwechseln dürfen. Zu diesen zählt beispielsweise das haschemitische Königshaus in Jordanien. Bei der Vielzahl der jeweiligen Nachkommen verzichten wir aber lieber auf weitere genealogische Forschungen.

 

Al-Mamuns Idee, die Aliden und Abbasiden durch eine alternierende Herrschaft wieder zu vereinen, schlug dann aber doch schnell fehl. Nicht überraschend wandten sich die Mitglieder der eigenen Sippe gegen den Kalifen und seine neuen Freunde. Sein Onkel Ibrahim ibn al-Mahdi (779 bis 839) wurde im Juli 817 zum Gegenkalifen ausgerufen und konnte sowohl Bagdad als auch das für die Aliden ja bedeutende Kufa unter Kontrolle bringen.

 

Al-Mamuns Hauptstadt Merw lag ja nicht unbedingt in der Mitte des Reiches. Er sah ein, dass er sich mehr ins Zentrum des Geschehens bringen musste und brach gen Bagdad auf. Unterwegs entledigte er sich seines pro-alidischen Wesirs al-Fadl ibn Sahl (um 770 bis 818), Bruder des irakischen Statthalters al-Hasan. Auch der von ihm ausgewählte Thronfolger Ali ibn Musa ar-Rida überlebte die Reise nicht, wobei er freundlicherweise vielleicht sogar eines natürlichen Todes starb. Andere reden von vergifteten Trauben. Würde uns auch nicht überraschen. Auf jeden Fall hatte al-Mamun Erfolg. Im Juni 819 dankte der Gegenkalif-Onkel ab und al-Mamun konnte im Triumph in Bagdad einziehen.

 

Danach hatte er Muße, sich um andere Dinge zu kümmern. Al-Mamun gilt als großer Förderer von Kultur und Wissenschaft. Die Geschichte, dass wir vieles aus der griechischen Antike nur wissen, weil die Araber es durch ihre Übersetzungen erhalten haben, kennen wir. Hier sehen wir einen ihrer Ursprünge. Er förderte das Bayt al Hikmah genannte akademische Zentrum und ließ sich als Tributleistungen aus Konstantinopel statt Gold auch gerne alte Manuskripte liefern.

 

Zwar gab es immer wieder lokale Unruhen. Der Kalif sah sich vielen Herausforderungen gegenüber, seine Herrschaft war im Kern jedoch nie gefährdet. Dazu trug sicher auch bei, dass er an der Idee eines Ausgleichs mit den Aliden festhielt. 830 heiratete seine Tochter den Sohn Ali ibn Musa ar-Ridas. Ali selbst wurde offiziell zum »vorzüglichsten aller Menschen nach dem Gottesgesandten« erklärt. Mehr geht nicht, oder? Al-Mamun selbst nahm allerdings weiterhin den Titel des Imam für sich in Anspruch und machte damit deutlich, dass er die Imame, denen die Aliden anhingen, nicht anerkannte.

 

Alle Erfolge al-Mamuns führten allerdings insgesamt nicht zu einem gefestigten Staatswesen. Der erfolgreiche Feldherr Tahir ibn al-Husain (gest. 822), seit 821 Statthalter von Chorasan, nutzte seine Position klug aus und erlangte schnell eine solche Machtfülle, dass er sich als eigenständiger, unabhängiger Herrscher sah. Und das mit Recht. Augen- – oder eher ohrenfälliges – Beispiel war, dass er in der Freitagspredigt nicht mehr den Namen des Kalifen erwähnte. Nach seinem Tod folgte ihm sein Sohn Talha ibn Tahir (gest. 828), der als Tahir II. bis 828 regierte. Er war zwar formal ein vom Kalifen bestimmter Statthalter, faktisch aber ein unabhängiger Fürst. Ähnliche Entwicklungen in Richtung höherer Eigenständigkeit gab es von Ägypten ausgehend im Süden.

 

Gegen Ende seiner Herrschaft war es mit al-Mamuns Toleranz gegenüber anderen religiösen Lehrmeinungen dann aber doch vorbei. Die Frage, ob der Koran das ewige Wort Gottes sei und damit »unerschaffen« sei, wie die Sunniten glaubten oder – so al-Mamun – in den Bereich des »Geschaffenen« gehöre, war einer der Auslöser für etwas, was wir durchaus als Inquisition bezeichnen können. Kurz vor seinem Tod im Jahr 833 mussten sich Richter, Notare und religiöse Führer schriftlich zur »Erschaffenheit« des Korans bekennen. Wer sich weigerte, dem drohte die Folter.

 

Al-Mutasim und der Aufstieg der Türkengarde

Wie von Harun ar-Raschid geplant, folgte auf Al-Mamun, der am 9. August 833 auf einem Feldzug gegen Byzanz starb, sein Halbbruder al-Mutasim. Al-Mamun ernannte ihn auf dem Sterbebett zum Nachfolger, was ihm insofern hoch anzurechnen ist, als dass er dabei seine Söhne überging.

 

Während al-Mamuns Mutter eine iranische Sklavin gewesen war und er immer sehr auf den Osten des Reiches fokussiert war, richtete Al-Mutasim als Sohn einer türkischen Sklavin seine Politik deutlich mehr nach Westen aus. Hierzu setzte er verstärkt auf türkische Militärsklaven, zu späteren Zeiten als Mamluken bekannt. Diese sind uns im Rahmen der Kreuzzüge ja schon begegnet.

 

836 gründete er mit dem nördlich von Bagdad gelegenen Samarra eine neue Hauptstadt, um Konflikte zwischen den Bagdader Einwohnern und den türkischen Truppen zu vermeiden. Diese halfen ihm, einige Aufstände insbesondere im Osten niederzuschlagen.

 

Trotzdem geht es das nächste Mal dann eher bergab.

Bildnachweise:

Vorschaubild:

  • Motiv: Harun ar-Raschid (Miniatur aus dem 16. Jhd., Bibliothèque Nationale de France, Paris, Arabe 6075, fol. 9a)

  • Quelle: Wikimedia Commons

  • Lizenz: Gemeinfrei / Public Domain Mark 1.0

  • Bearbeitung: Das Original wurde unverändert übernommen.

  • Abrufdatum: 22.02.2026

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