Isaak II. hat es schwer
Das letzte Mal haben wir mit der unglücklichen Herrschaft von Andronikos das Ende der Dynastie der Komnenen erlebt. Seine Ermordung geschah ja in Folge eines durch Isaak II. Angelos angestachelten Volksaufstandes.
Isaak II. konnte bereits im November 1185 die aus Sizilien eingefallenen Normannen Wilhelms II. entscheidend zurückschlagen. Lediglich die Adriainseln Zakynthos und Kefalonia blieben in normannischer Hand. Ansonsten gelang Isaak aber nicht viel. Sein Namensvetter aus der bislang herrschenden Familie der Komnenen hatte sich Zypern unter den Nagel gerissen. Er gab es auch nicht wieder her, wobei ihm Hilfe der Normannen sehr willkommen war. Diese vernichteten 1186 einen Großteil der ja sowieso nicht sehr starken byzantinischen Flotte, was in Folge im östlichen Mittelmeer zu einem Anstieg von Piraterie und gegenläufig zum Rückgang des Handels und der entsprechenden Einnahmen führte.
Auf dem notorisch unruhigen Balkan konnten im Jahr 1186 die Brüder Iwan Assen I. und Peter IV. das Zweite Bulgarische Reich errichten, gegen das Isaak in den nächsten Jahren mehrere Feldzüge ohne durchschlagenden Erfolg führen musste.
Der dritte Kreuzzug
Wir lassen jetzt Isaak mit seinen Problemen ein wenig alleine und werfen einen Blick auf den dritten Kreuzzug, auch wenn dieser das Byzantinische Reich nur am Rande berührte. Aber wir haben uns jetzt schon die ersten beiden angeschaut und werden uns das nächste Mal intensiv mit dem vierten Kreuzzug beschäftigen müssen, so dass wir den dritten nicht einfach aussparen wollen. Zudem hatte er berühmte Protagonisten, die die Geschichte nicht langweilig werden ließen.
Von Saladin haben wir ja bereits gehört. Am 4. Juli hatte er bei Hattin am See Genezareth ein Kreuzfahrerheer vernichtend geschlagen und am 2. Oktober 1187 sogar Jerusalem eingenommen. Die Christen kontrollierten nun nur noch wenige Orte: Tripolis, Tyros, Antiochia und einige kleinere Festungen. Dies motivierte die Herrscher im Westen, der Aufforderung von Papst Gregor VIII. (um 1105 bis 1187, amt. 1187) zu folgen, die heiligen Stätten mit einem dritten Kreuzzug erneut zu befreien.
Gregor saß nur kurz auf dem Heiligen Stuhl, wie das Papsttum in dieser Zeit überhaupt durch schnelle Wechsel gekennzeichnet war. Gregors Vorgänger Urban III. (um 1120 bis 1187, amt. 1185 bis 1187) waren lediglich zwei Jahre im Amt vergönnt. Er war wohl ein sensibler Mann, zumindest soll er aus Bestürzung über den Verlust Jerusalems gestorben sein. Gregor VIII. schaffte nicht einmal zwei Monate. Vom 21. Oktober bis zu seinem Tod am 17. Dezember währte seine Amtszeit, in der aber immerhin den entscheidenden Anstoß zum dritten Kreuzzug gab. Ihm folgte Clemens III. (gest. 1191, amt. 1187 bis 1191), der dann immerhin gut drei Jahre bis zum März 1191 durchhielt.
Alle machen mit
Die Resonanz auf Georgs Appell war gut. Wilhelm von Sizilien schickte 50 Galeeren, die bei der Verteidigung von Tripolis äußerst hilfreich waren. Heinrich II. von England (1133 bis 1189, reg. 1154 bis 1189) und Philipp II. August von Frankreich (1165 bis 1223, reg. 1180 bis 1223) legten ihren Konflikt um die englischen Besitzungen in Westfrankreich auf Eis und auch Friedrich I. Barbarossa erklärte im März 1188, persönlich in das Heilige Land ziehen zu wollen.
Friedrich ist vorsichtig und Isaak muksch
Seinen Zug bereitete der deutsche Kaiser durch Verhandlungen mit den Völkern vor, durch deren Gebiet er ziehen wollte. Das gefiel den Byzantinern nicht, da einige dieser Vertragspartner zu ihren Feinden zählten. Nachdem Serben und Bulgaren Friedrich sogar den Lehnseid schworen, wurde Isaak II. bockig. Er verweigerte dem Kaiser ein entsprechendes Abkommen und sprach vielmehr mit Saladin. Die Feinde meines Feindes sind meine Freunde. Beide beschlossen, Friedrich und den am 11. Mai 1189 aufgebrochenen Kreuzfahrern den Durchzug durch Kleinasien zu verweigern. Friedrichs Heer erwies sich aber insgesamt als zu stark für die Byzantiner. Nachdem die ersten Städte, unter anderem Adrianopel, gefallen waren, knickte Isaak ein. Friedrich sollte mit dem Titel »Kaiser des Alten Rom« wieder freundlich gestimmt werden. Dafür konnte er sich erst einmal wenig kaufen. Wichtiger war ihm die Bereitstellung von Lebensmitteln für seine Truppen zu subventionierten Preisen.
Ohne Friedrich wird es schwer
Ende März 1190 setzten die Kreuzfahrer nach Kleinasien über. Der seldschukische Sultan Kılıç Arslan II. tolerierte den Heereszug, sein kleinasiatisches Reich war ja nicht das Ziel der Kreuzfahrer. Allerdings war einer seiner Söhne nicht so tolerant und stellte sich bei Ikonion, heute Konya, am 18. Mai 1190 Friedrich in den Weg. Er unterlag, wovon Friedrich nicht mehr viel hatte, da er kurz darauf am 10. Juni 1190 im Fluss Saleph nahe der Stadt Seleucia im Süden Kilikiens ertrank. Heute heißt die Stadt Silifke und der Fluß Göksu.
Der Verlust ihres Anführers demoralisierte die Truppen. Man zog zwar noch weiter nach Antiochia, dort schifften sich dann aber viele der Kreuzfahrer gen Heimat ein. Friedrichs Sohn, Friedrich VI. von Schwaben (1167 bis 1191), führte das Restheer weiter bis vor Akkon, das sie im Oktober 1190 erreichten. Die Stadt war ebenfalls in Saladins Hände gefallen und wurde nun von Guido von Lusignan (vor 1153 bis 1194, reg. 1186 bis 1192 und 1192 bis 1194) belagert.
Guido sucht einen neuen Job
Guido war vormals König von Jerusalem gewesen, hatte seine Hauptstadt aber in der Schlacht von Hattin verloren und suchte nun nach einem neuen Stützpunkt. Die Chance bekam er nur, da Saladin ihn zuvor freigelassen hatte. Das war nicht nur ein Zeichen des guten Willens. Saladin versuchte quasi als Gegenleistung, das von den Christen gehaltene Tyros ohne Kampfhandlungen besetzen zu können. Konrad von Montferrat (um 1146 bis 1192, reg. 1192), ein Cousin von Friedrich Barbarossa, hatte sich dort verschanzt und ging nicht auf diesen Deal ein. Er ließ allerdings auch Guido nicht in die Stadt, dem er die Schuld an der Niederlage von Hattin zuschrieb. Dieser zog dann im April 1189 mit neu angelandeten Truppen aus Pisa und Sizilien nach Akkon. Dort scheiterte sein Sturmangriff ebenso wie Saladins Versuch, seinerseits die Belagerer zu vertreiben. Viel Bewegung, wenig Effekt.
Philipp und Richard passen aufeinander auf
Wir müssen jetzt kurz auf die Engländer und Franzosen schauen. Heinrich II. und Philipp II. August hatten ja ebenfalls »das Kreuz genommen« und sich auf den Weg nach Palästina gemacht. Da sie eigentlich verfeindet waren, war klar, dass auch beide Könige zeitgleich reisen mussten. Die Gefahr, dass der Zurückbleibende die Chance nutzen würde, war zu groß. Heinrich II. war im Juli 1189 gestorben, sein Sohn Richard I. wurde sein Nachfolger und damit hatte er auch den Kreuzzug geerbt. Am 4. Juli 1190 brachen beide Könige auf, im September erreichten sie Sizilien.
Hier war gerade Wilhelm II. gestorben, sein Nachfolger wurde Tankred von Lecce (um 1138 bis 1194, reg. 1190 bis 1194), ein Enkel Rogers II., allerdings ein uneheliches Kind. Der hatte Wilhelms Ehefrau Johanna von England (1165 bis 1199), eine Schwester Richards gefangen gesetzt, was ihr Bruder nun richtigstellen konnte. Er eroberte Messina, befreite Johanna und schloss gemeinsam mit Philipp im März 1191 einen Friedensvertrag mit Tankred.
Richard erobert Zypern
Auf der Weiterfahrt geriet die Flotte Richards in einen Sturm. Der Hauptteil der Schiffe mit Richard selbst wurde nach Rhodos getrieben, einige Schiffe mit Richards Verlobter Berengaria von Navarra (um 1165 bis 1230) und seiner gerade befreiten Schwester Johanna landeten in Zypern. Dort herrschte, wie wir wissen, Isaak Komnenos, der die wenigen Kreuzfahrer gefangen nahm und vor allem auch Richards Kriegskasse erbeutete. Richard erreichte auch bald Zypern und klärte die Angelegenheit in seinem Sinne. Isaak kapitulierte unter der Bedingung, nicht in Eisen gelegt zu werden. Richard hielt sein Versprechen: die Ketten Isaaks waren aus Silber. Vornehm geht die Welt zugrunde.
Mit der Eroberung der Insel hatte Richard einen guten Stützpunkt für den weiteren Verlauf des Kreuzzuges. Später wurde Zypern ein selbständiger Kreuzfahrerstaat.
Akkon wird erobert
Am 5. Juni 1191 konnte Richard weitersegeln, da war Philipp bereits seit fast zwei Monaten in Palästina. Dort konzentrierte sich alles zunächst auf Akkon. Gemeinsam gelang es den Truppen von Guido von Lusignan, den verbliebenen deutschen Kreuzfahrern, die nach dem Tode Friedrichs von Schwaben von Leopold V., Herzog von Österreich (1157 bis 1194, reg. 1177 bis 1194), angeführt wurden, und den französischen und englischen Flotten, Saladin zur Aufgabe zu zwingen. Am 12. Juli 1191 wurde die Stadt übergeben. Saladin musste zudem einiges an Entschädigungen aufbringen. 200.000 Gold-Dinare und die Herausgabe des im Jahr 325 von Flavia Julia Helena (etwa 247 bis 330), der Mutter Konstantin des Großen, wiederentdeckte Wahren Kreuzes, das bei der Niederlage von Hattin in die Händer Saladins gefallen war, waren die herausragenden Forderungen der Kreuzfahrer. Schließlich waren sie auf einem Kreuzzug, da ist die Wiedergewinnung des Kreuzes doch ein schöner Erfolg. Wobei nicht klar ist, ob diese Forderung erfüllt wurde. Erst nach dem vierten Kreuzzug überschwemmten hunderte von Holzsplittern Europa, die alle vom wahren Heiligen Kreuz stammen sollten.
Streit um Titel
Wir wissen nicht genau, ob das Folgende sich genau so zugetragen hat. Die Geschichte ist aber berühmt und so wollen wir sie auch erzählen.
Nach der Eroberung Akkons hissten die Sieger ihre Flaggen. Das tat neben dem französischen und dem englischen König auch Leopold, der Anführer des verbliebenen deutschen Kontingents. Leopold war aber zum einen nur Herzog und hatte zum anderen auch kaum zum Sieg beigetragen. Die Adelshierarchie hat hier klare Regelungen. Auch wenn Herzöge hohe Würdenträger waren, waren sie eben doch keine Könige. Richard schien auf diese Hierarchie großen Wert gelegt haben und entfernte Leopolds Banner als nicht gleichberechtigt. Leopold empfand dies als herbe Demütigung, packte seine Sachen und reiste ab. Richard und er sollten sich aber noch einmal begegnen.
Philipp reist ab, Richard ist brutal
Philipp II. reiste auch ab. Er hatte wichtige Erbfolgeregelungen zu treffen, nachdem Philipp von Elsass (gest. 1191), Graf von Flandern, im Kreuzfahrerlager kinderlos gestorben war. Dessen Ländereien sollten schon in die richtigen Hände gelangen. Sein Heer ließ Philipp II. August größtenteils in Palästina, wahrscheinlich eher aus logistischen Gründen, als dass er Richard nun bedingungslos vertraute. Dem war das sicher recht, da so die Gefahr, dass Philipp in der Heimat Unfug trieb, deutlich geringer war.
Richard war nun der unumstrittene Führer des vereinten christlichen Heeres. Ende August 1191 ließ er etwa 2.700 muslimische Gefangene enthaupten, da Saladin nicht rechtzeitig das Lösegeld geschickt hatte. Durch diese Strafaktion entschied er auch einen internen Konflikt für sich. Konrad von Montferrat hatte versucht, hinter Richards Rücken einen Separatfrieden mit Saladin auszuhandeln, wobei er diese Gefangenen als Verhandlungsmasse nutzen wollte. Das ging nun nicht mehr. Saladin versuchte, Akkon zurückzuerobern, was misslang. Er zog sich daraufhin zurück in der Erwartung, dass die Entscheidungsschlacht um Jerusalem geführt werden würde.
Auch Richard zog nach Süden, konnte am 7. September eine Schlacht gegen Saladin gewinnen und am 10. September Jaffa besetzen. Er verhandelte aber auch mit den Muslimen, sicher in der Erkenntnis, dass es am langen Ende zu einem Ausgleich kommen müsse. Es gab die Idee einer Ehe zwischen Saladins Bruder Al-Adil I. (1154 bis 1218, reg. 1200 bis 1218) und Richards Schwester Johanna, die wir aus den Befreiungsaktionen auf Sizilien und Zypern ja bereits kennen. Dieser Plan zerschlug sich jedoch, da Al-Adil nicht zum christlichen Glauben übertreten wollte. Im Zweifel wird Johanna einmal durchgepustet haben.
Kämpfen oder Verhandeln?
Das nächste Ziel der Kreuzfahrer war nun Jerusalem. 15 Kilometer vor der Stadt musste Richard aber Ende Dezember 1191 erkennen, dass Saladin trotz der Niederlage vom 7. September noch über ein hinreichend schlagkräftiges Heer verfügte. Ein Angriff auf die Stadt wäre also mit hohen Risiken verbunden. Selbst wenn es gelänge, die Stadt zu nehmen, würden kaum genügend Kämpfer in Palästina bleiben können, um die Eroberung und ihre Anbindung an die für den Nachschub wichtigen Hafenstädte auch nachhaltig zu sichern. So traf Richard die unpopuläre Entscheidung, sich an die Küste zurückzuziehen und in Verhandlungen mit Saladin einzutreten. Hugo III. (1142 bis 1192, reg. 1162 bis 1192), Herzog von Burgund, war nicht einverstanden und verabschiedete sich mit einem Teil des französischen Kontingents nach Jaffa, während Richard nach Askalon zog und am 20. Januar 1192 die Stadt eroberte.
Im Frühjahr drängte er immer mehr auf eine Lösung, zumal aus der Heimat beunruhigende Nachrichten kamen. Sein jüngster Bruder Johann (1166 bis 1216, reg. 1199 bis 1216) strebte nach dem Thron und sein ehemaliger Waffengenosse Philipp II. griff englische Lehen auf dem französischen Festland an.
Am 16. April 1192 ordnete Richard die Machtverhältnisse. Konrad von Montferrat wurde zum König von Jerusalem ernannt. Sein langjähriger Rivale Guido von Lusignan erhielt als Ausgleich die Insel Zypern als Lehen. Im Mai 1192 wurde er dort König. Konrad wurde dagegen bereits am 28. April Opfer eines Attentats. So erhielt der Richard treu gebliebene französische Graf Heinrich II. von Champagne (1166 bis 1197, reg. 1181/1192 bis 1197) den Königstitel – und durfte obendrein Isabella (1170 bis 1205), die Frau des Fast-Königs Konrad, heiraten.
Saladin konnte noch einmal Jaffa erobern, Richard konnte ihn noch einmal vor dort vertreiben, dann kam es aber am 2. September 1192 zu einem Vertrag zwischen beiden. Die Eroberungen Richards blieben im Besitz der Kreuzfahrer, lediglich Askalon wurde zurückgegeben. Christliche Pilger erhielten freien Zugang nach Jerusalem und man beschloss einen dreijährigen Waffenstillstand.
Summa Summarum war dies ein Erfolg für Richard. Die Kreuzfahrerstaaten waren trotz der starken Position Saladins bestätigt und hatten mit Zypern eine zusätzliche Sicherheit im Rücken. Auch das Königreich Jerusalem – jetzt mit der Hauptstadt Akkon – blieb erhalten.
Eine weitere Folge des dritten Kreuzzugs war die Gründung einer Bruderschaft zur Krankenpflege, aus der sich 1198 der Deutsche Orden entwickelte. Eine andere Geschichte, wir werden es aber nicht vergessen. Saladin starb bereits 1193. Auch die Wirren in den Jahren danach verschafften den Kreuzfahrerstaaten ein wenig Luft, Betonung auf "ein wenig".
Richard schafft es nicht nach Hause
Am 9. Oktober 1192 brach Richard gen Heimat auf, der dritte Kreuzzug war Geschichte. Richards persönliches Abenteuer war allerdings noch nicht beendet. Er erlitt auf der Rückfahrt kurz vor Ende der Seereise bei Aquileia ganz im Norden der Adria Schiffbruch. Der so erzwungene Landweg führte leider durch das Gebiet seines Intimfeindes Leopold. Wenige Tage vor Weihnachten 1192 wurde er trotz seiner Verkleidung erkannt und ergriffen.
Papst Coelestin III. (um 1106 bis 1198, amt. 1191 bis 1198) war außer sich. Ein Kreuzfahrer stehe unter dem Schutz der Kirche und könne nicht gefangen genommen werden. Richard sei sofort freizulassen. Aber wie so oft schlägt Machtpolitik alles andere. Auch die Drohung einer Exkommunikation Leopolds, die anderthalb Jahre später im Juni 1194 auch erfolgte, half nicht.
Kaiser Heinrich VI. (1165 bis 1197, reg. 1191 bis 1197) freute sich über den Fang. Er bezeichnete Richard als aufsässigen Vasallen, eine formale Begründung. England sei nach der Eroberung durch Wilhelm, Herzog der Normandie, (1027/1028 bis 1087, reg. 1035/1066 bis 1087) im Jahr 1066, Bestandteil der Reichslehenspyramide. Manchmal malt man sich die Welt schön. Wer die Macht hat, hat es dabei ein wenig leichter. Wir denken nicht an moderne Parallelen. Heinrich schrieb auf jeden Fall bereits am 28. Dezember 1192 fröhlich an Philipp II. von Frankreich, dass »der Feind unseres und den Unruhestifter deines Reiches« gefangen sei. In Wirklichkeit ging es ums Geld.
Leopold taktiert, Johann auch
Leopold war sich der Bedeutung seines Fangs bewusst. Die Begehrlichkeiten Heinrichs nach einer Auslieferung konnte er zunächst abwehren. Zwar brachte er Richard zum Kaiser nach Regensburg. Es kam jedoch zu keiner Einigung, so dass der Gefangene wieder zurück auf die Burg Dürnstein bei Krems an der Donau gebracht wurde. Währenddessen suchte Richards Bruder Johann seinen Anspruch auf den englischen Thron durch eine Vereinbarung mit Philipp II. von Frankreich abzusichern. Er reiste im Januar 1193 an den Hof des Königs und wurde von diesem mit der Normandie belehnt und leistete entsprechend den Lehnseid. An Heinrichs Pyramide dachten beide wohl eher gar nicht.
Welchen Wert hat ein König?
Heinrich und Leopold einigten sich schließlich doch noch, wie sie mit Richard verfahren wollten. Man forderte 100.000 Mark Lösegeld, das sich beide hälftig teilen wollten. Richard akzeptierte die Summe, auch als sie im Friedensvertrag vom 29. Juni 1193 auf 150.000 Mark erhöht wurde. Zwei Drittel, also 100.000 Mark oder 23,4 Tonnen Silber seien direkt zu bezahlen, für den Rest sollten Geiseln gestellt werden. Das waren Summen, die den englischen Staat überforderten. Sie betrugen das Dreifache der Jahreseinnahmen der Krone und konnten nur durch massive Steuererhöhungen und das Aussetzen von Privilegien insbesondere auch für den Klerus aufgebracht werden. Am 4. Februar 1194 wurde Richard auf dem Hoftag von Mainz, wo er sicherlich mit knirschenden Zähnen Heinrich huldigen musste – die Pyramide lässt grüßen –, aus der Haft entlassen und reiste zügig nach England. Ob er in den Wäldern rund um Nottingham auf einen begnadeten Bogenschützen namens Robin traf, das wissen wir nicht.
Leopold sah sich durch die Lösegeldzahlung in seiner Ehre wieder restauriert. Das Geld nutzte er für die Erweiterung von Wien und die Gründung der Orte Friedberg und Wiener Neustadt. Lange freuen konnte er sich nicht. Ende Dezember 1194 fiel er vom Pferd und starb, für viele Menschen ein Gottesurteil, da er einen Kreuzfahrer gefangen genommen hatte.
Zurück nah Byzanz: Alexios III.
Nach diesem Exkurs wollen wir uns nun wieder an Byzanz erinnern, wo wir Isaak II. ja alleine zurückgelassen haben. Der verlor nun schnell seinen Job. Während eines seiner Balkanfeldzüge rief sich 1193 sein Cousin Konstantinos Angelos Dukas (um 1173 bis nach 1193) zum neuen Kaiser aus, der insgesamt achte Versuch, Isaak vom Thron zu stoßen. Auch diesen konnte Isaak noch abschmettern. Als sich aber 1195 sein Bruder Alexios (um 1160 bis nach 1210, reg. 1195 bis 1203) neuerlich eine Usurpation wagte, folgte ihm das Militär und Isaak wurde geblendet ins Kloster geschickt.
Alexios III. regierte von 1195 bis 1203. Er hatte 1183 schon gegen Andronikos geputscht, seinerzeit allerdings erfolglos. Warum er so erpicht war, Kaiser zu werden, ist nicht ganz klar. Vermutlich Ehrgeiz und Narzissmus. Seine ausgeprägte Verschwendungssucht führte schnell zu Aufständen. Das hätte gar nicht sein müssen, wenn er ein wenig auf seine Frau gehört hätte.
Euphrosyne Doukaina Kamatera (um 1155 bis 1211) war eine geschickte Politikerin. Sie hatte großen Anteil an der erfolgreichen Usurpation ihres Gatten, da es ihr – mit viel Geld – gelang, viele Aristokraten auf ihre Seite zu ziehen. In der nächsten Zeit war sie die eigentliche Regentin. 1196 wurde ihr ein Verhältnis mit ihrem Berater und Minister Vatatzes (gest. 1196) vorgeworfen. Alexios ließ diesen daraufhin umbringen und verbannte Euphrosyne in ein Kloster am Schwarzen Meer.
Das Reich stand vor vielen Herausforderungen. Sowohl Seldschuken als auch Bulgaren griffen an und eroberten wertvolles Terrain. Zudem stand mit Heinrich VI. plötzlich ein neuer direkter Konkurrent auf der Matte. Der hatte sich durch seine Heirat mit Konstanze von Sizilien (1154 bis 1198), einer Tochter Rogers II., das Königreich Sizilien gesichert. Aufgrund der Lösegeldzahlungen der Engländer konnte er eine Truppe ausrüsten, um sein neues Reich auch physisch in Besitz zu nehmen. Relativ humorlos forderte er nun an Weihnachten 1196 von Alexios die Zahlung von 5.000 Goldpfund, sonst sähe er sich genötigt, in das Byzantinische Reich einzumarschieren. Vielleicht war er aufgrund des Lösegelds für Richard auf den Geschmack gekommen. Diese anderthalb bis zwei Tonnen Gold hatte Alexios nicht in der Portokasse. Er erhob Steuern und griff auf Kirchenschätze und Kaisergräber zurück, um die Summe aufzubringen. Das Schicksal meinte es aber gut mit ihm. Heinrich verstarb im September 1197, so dass es zu keiner Zahlung kam.
Wir ahnen schon, dass es mit Alexios III. kein gutes Ende nahm. Dieses ist aber mit der Geschichte des vierten Kreuzzuges so verwoben, dass wir sie auch in diesem Zusammenhang erzählen wollen. Zudem hat dieser Kreuzzug so einen entscheidenden Einfluss auf die Geschichte des Byzantinischen Reiches, dass wir uns trauen, mitten in der Regierungszeit von Alexios III. auf einen neuen Blog zu warten.


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