Aus Emirat wird Kalifat
Warum machte Abd ar-Rahman III. im Jahr 929 aus dem Emirat von Córdoba ein Kalifat?
Es war nicht nur der Sieg über Umar ibn Hafsuns Aufstand, der ihn dazu trieb. Auch die Niederwerfung weiterer Rebellen in Mérida, León und Toledo bestärkten ihn in seinem Machtanspruch. Hinter allem stand ein politischer Schachzug: Die Fatimiden im Maghreb, benannt nach Mohammeds Tochter Fatima, hatten 909 bereits ein eigenes Kalifat ausgerufen – und Abd ar-Rahman wollte verhindern, dass Córdoba als bloße Provinz in einem fremden Reich aufging. Also krönte er sich selbst zum Kalifen. Al-Andalus wurde für Jahrzehnte zur einer der großen Mächte in Europa.
Córdoba wird zu einem europäischen Zentrum
Trotz einer schweren Niederlage gegen Léon bei Simancas im August 939 konnte Abd ar-Rahman bis 951 die Oberhoheit der Umayyaden über Léon, Kastilien und Barcelona durchsetzen. Die dort lebenden Christen wurden zu hohen Tributzahlungen verpflichtet. Abd ar-Rahman verhandelte mit Otto I., von ihm Hutu Malik al-Alman, »König der Deutschen«, genannt, und mit dem Byzantinischen Reich, mit dem er ein Bündnis gegen die Fatimiden schloss. Macht ging vor Religion. Der auf den ersten Blick überraschende freundschaftliche Kontakt zu dem christlichen Kaiser in Konstantinopel motiviert sich vor allem aus der Überlegung, wie man gemeinsam gegen die Abbasiden vorgehen könne. Die Umayyaden in al-Andalus blieben hier aber vorsichtig.
Córdoba war nun eine der Metropolen der Zeit. Die Mezquita, die noch heute beeindruckende Moschee, deren Bau bereits 784 begonnen worden war, wurde 987/988 auf die heutige Größe erweitert. Für die Mosaiken schickte der byzantinische Kaiser mehr als anderthalb Tonnen Material und einen Mosaizisten. Eine nette Geste zur Bestätigung der Freundschaft. Heute erleben wir so etwas kaum noch, vielleicht auch aus Mangel an reisefreudigen Mosaizisten.
Zu dieser Zeit hatte mit Abu Amir al-Mansur, der bei uns auch als Almansor, »der Sieger«, bekannt ist, ein Minister die Regierungsgeschäfte fest in der Hand. Unter seiner Ägide gelang 997 auch die Eroberung des christlichen Wallfahrtsorts Santiago de Compostela. Formal blieb mit Hischam II. (966 bis 1013, reg. 976 bis 1009 und 1010 bis 1013) ein Enkel Abd ar-Rahmans III. Kalif, er war aber faktisch von der Regierung ausgeschlossen. Eine Parallele zur Entwicklung im Osten, wo die Kalifen selbst ja auch bald nicht mehr die wahren Träger der Macht waren.
Niedergang
Nach dem Tod Almansors begann der Niedergang des umayyadischen Kalifats von Córdoba. In den 29 Jahren bis zu seinem Ende finden wir 14 Kalifen auf dem Thron. Neben Hischam II. schafften dabei drei weitere das Comeback zu einer weiteren Amtszeit. Ein deutliches Zeichen für innere Wirren und ein wenig stabiles Reich. Wir ersparen uns die Analyse der Gegensätze zwischen den einzelnen Berberstämmen und den unterschiedlichen Gruppen der Araber – sowohl zwischen beiden Gruppen aus dem Süden und Norden als auch innerhalb dieser. Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass hierin ein wesentlicher Spaltpilz zu suchen ist, der die kommende Entwicklung bestimmte.
Dabei spielten die Hammudiden die Rolle des Totengräbers. Diese aus Nordmarokko stammende Berberdynastie hatte unter ihrem Anführer Ali ibn Hammud an-Nasir (gest. 1018, reg. 1016 bis 1018) 1016 Málaga und Córdoba erobert, den umayyadischen Kalifen Suleiman al-Mustain (gest. 1016, reg. 1009 bis 1010 und 1013 bis 1016) getötet und sich selbst auf den Thron gesetzt. Auch die Hammudiden waren untereinander zerstritten, so dass ab 1023 noch einmal Umayyaden auf den Kalifenthron kamen. Das Gebiet, über das sie herrschten, war allerdings wieder auf die Stadt Córdoba zusammengeschnurrt. Mit Hischam III. (gest. 1036, reg. 1026 bis 1031) wurde 1031 der letzte Kalif von Córdoba von den Bürgern der Stadt abgesetzt und vertrieben. Er starb 1036 in der Verbannung.
Auf das Kalifat folgte zwischen 1031 und 1092 die Phase der sogenannten Taifa-Königreiche. Der Begriff leitet sich vom arabischen taifa für »Schar, Gruppe, Partei« ab. Ende des 11. Jahrhunderts übernahmen dann die aus Nordafrika kommenden Almoraviden und Almohaden die Herrschaft. Wir werden darauf zurückkommen, müssen jetzt aber dringend zurück in den Osten und schauen, wie es den Abbasiden nach dem Sieg über die Umayyaden erging.
Machtergreifung der Abbasiden
Das Umayyaden-Kalifat in Córdoba endete 1031. Halte dich fest, wir springen jetzt nämlich wieder knapp dreihundert Jahre zurück und landen im Jahr 750, in dem die Abbasiden die Macht übernahmen. Wir hatten das ja bereits kurz erwähnt.
Wie kam es nun zur abbasidischen Machtübernahme? Führende oppositionelle Kraft waren seit langem die Aliden. Von den Aufständen Ende des 7. Jahrhunderts und Abdallah ibn az-Zubair haben wir bereits berichtet. Die Abbasiden entstanden in Nachfolge dieser Unruhen und grenzten sich insbesondere auch gegen die Aliden ab. Ihr Anführer war Mohammad ibn Ali (679/680 bis 743), der trotz des Namens nicht von Mohammeds Schwiegersohn abstammte, sondern ein Urenkel von Mohammeds Onkel al-Abbas ibn Abd al-Muttalib war. Ohne Haus-Genealogen ging damals wenig, scheint es.
Abu Muslim – der entscheidende Mann
Die abbasidische Familie hatte ihren »Hauptsitz« in Alis alter Hauptstadt Kufa. Inwieweit diese bereits von Anfang an einen Staatsstreich vorbereitete, wie manche glauben, müssen wir offenlassen.
Wesentlich für den nachhaltigen Erfolg der Abbasiden war die Unterstützung eines Predigers. Dieser nannte sich »Vater eines Muslims«, also Abu Muslim. Abu Muslim wurde von den Abbasiden aus Kufa in die nordöstlichen Provinz Chorasan geschickt, die weitgehend auch das heutige Afghanistan sowie Teile von Turkmenistan und Usbekistan umfasst. Dort war der Anteil der Mawali, also der nicht-arabischstämmigen Bewohner, sehr viel größer als in den anderen Gegenden des Reiches. Diese Gruppe hatte aus einem politischen Umsturz signifikante Verbesserungen für ihr Leben zu erwarten, war also für die Sache der Abbasiden leichter zu begeistern. Wir müssen bedenken, dass es sich bei den Einheimischen dieser Provinz um Perser handelte, die auf eine jahrtausendalte Kultur zurückblicken konnten und dies sicher auch mit Stolz und Selbstbewusstsein taten. Da kam es ihnen sicher hart an, dass unter der umayyadischen Herrschaft nur Menschen arabischer Herkunft Karriere machen konnten.
Chorasan war zudem weit von Damaskus, dem Zentrum der Umayyaden, entfernt. Dortige Entwicklungen bekam man in der Hauptstadt also nicht so leicht und nur mit Verzögerung mit. Zudem war der Einfluss der Aliden in dieser Provinz sehr gering, die Abbasiden mussten also kaum mit anderen Oppositionellen konkurrieren. Das inhaltliche Argument gegenüber den Anhängern Alis war, dass die Führung der Muslime durch ein Mitglied der Familie des Propheten erfolgen müsse. Da war ein Onkel dann eben mehr wert als ein lediglich angeheirateter Schwiegersohn.
Versöhnung auf die harte Tour
Im Sommer 747 rief Abu Muslim im Chorasan zur offenen Rebellion gegen den Kalifen Marwan II. auf. Ihm gelang es, einheimische Perser und muslimische Araber hinter sich zu versammeln, so dass er über einen großen Rückhalt in der Bevölkerung verfügte. 749 konnte Mesopotamien besetzt werden, woraufhin sich Abu l-Abbas as-Saffah (722 bis 754, reg. 749 bis 754) in Kufa zum Kalifen ausrufen ließ. Den endgültigen Sieg erzielten die Abbasiden dann 750 in der Schlacht am Großen Zab, der bei Mossul in den Tigris mündet. Den Umayyaden ging es danach im wahrsten Sinne des Wortes an den Kragen. Sie wurden angeblich auf einer als »Versöhnungsbankett« ausgerichteten Feier sämtlich niedergemacht. Mit Abd ar-Rahman gab es einen einzigen Überlebenden dieses Massakers. Seine Flucht führte ihn über Nordafrika nach Spanien. Wir wissen da schon Bescheid.
Insgesamt war der Wechsel von den Umayyaden zu den Abbasiden ein Schritt, der aus einem arabisch geprägten Reich ein nicht mehr nur von einer Volksgruppe geprägtes islamisches machte. Herkunft und Stammeszugehörigkeit spielten eine deutlich geringere Rolle und auch nicht-arabische Bevölkerungsgruppen besaßen nun gute Aufstiegschancen.
Die ersten vier Kalife
Abbasidische Kalife gab es über fünfhundert Jahre. Eine lange Zeit, in der viel passierte. Dennoch werden wir uns in der Beschreibung dieser Phase der Geschichte sehr bescheiden. Dies liegt vor allem daran, dass ihre faktische Macht relativ schnell so weit beschnitten wurde, dass sie nur noch über ein sehr kleines Gebiet herrschen konnten.
Der erste abbasidische Kalif, Abu l-Abbas as-Saffah, konnte seine Herrschaft nur kurz genießen. Immerhin gelang es im Jahr 751 am Talas-Fluss im heutigen Kirgistan, die Chinesen entscheidend zu schlagen. Dies war der Türöffner für ein islamisches Mittelasien, der Buddhismus wurde zurückgedrängt.
Abu-l-Abbas starb bereits am 9. Juni 754. Ihm folgte sein Bruder Abu Dschafar al-Mansur (714 bis 775, reg. 754 bis 775). Seine Herrschaft war insbesondere zu Beginn sehr konfliktreich. Zunächst musste er seinen Onkel Abdallah ibn Ali (721 bis 764) ausschalten, der sich in Harran selbst zum Kalifen hatte ausrufen lassen. Er hatte die Truppen beim Sieg am Großen Zab befehligt und fühlte sich entsprechend berufen. Mit Hilfe des bewährten Abu Muslim wurde er aber von seinen Träumen erlöst. Er unterlag bei Nisibis und musste fliehen.
Nach diesem Sieg entzweiten sich aber al-Mansur und Abu Muslim, wohl im Streit um die Beute, die bei Nisibis in Abu Muslims Hände gefallen war. Um Abu Muslim von seiner Machtbasis zu entkoppeln, wollte ihn al-Mansur von seinem Gouverneursposten im Chorasan nach Ägypten versetzen. Abu Muslim weigerte sich und wurde im Februar 755 ermordet. In dessen Heimat kam es daraufhin zu einem Aufstand, der dann aber schnell niedergeschlagen werden konnte.
Die Aliden waren die nächste Herausforderung. Zwar hatte das alidische Oberhaupt Abdallah ibn Hasan (687 bis 762) die Herrschaft des ersten abbasidischen Kalifen Abu l-Abbas anerkannt. Seine Söhne Muhammad an-Nafs az-Zakiya (gest. 762) und Ibrahim ibn Abdallah (gest. 763) organisierten dann allerdings nach dem Amtsantritt von al-Mansur einen breiten Widerstand. Der Kalif versuchte lange vergeblich, ihrer habhaft zu werden. Er konnte nicht verhindern, das Muhammad im September 762 Medina und kurz darauf auch Mekka eroberte. Damit war es dann aber auch genug. Bereits im Dezember wurde der aufständische Alide im Kampf getötet, der Aufstand in Arabien brach zusammen. Sein Bruder Ibrahim hatte unterdessen Basra erobern können und wandte sich nun gen Kufa. Aber auch hier gelang es den Truppen al-Mansurs am 21. Januar 763, die Aufständischen zu besiegen.
Danach war Ruhe. Von al-Mansur müssen wir noch wissen, dass er 762 begann, mit Bagdad eine neue Hauptstadt zu bauen. Auslöser mag ein sektiererischer Aufstand in Kufa gewesen sein. Bagdad wurde zwischen Euphrat und Tigris gegründet, lag somit verteidigungstechnisch günstiger und wurde auch mit einem sicherheitspolitisch günstigeren Grundriss geplant. Unter der Herrschaft al-Mansurs gewannen die Perser an Einfluss. Auch wenn der dynastische Gedanke bei den Muslimen nicht so ausgeprägt war, wie wir es beispielsweise aus Byzanz kennen, folgte auf al-Mansur nach dessen Tod am 7. Oktober 775 sein Sohn al-Mahdi (um 744 bis 785, reg. 775 bis 785).
Auch al-Mahdi hatte mit Aufständen zu tun, die aber bei weitem nicht so ausgreifend und für seine Herrschaft gefährlich waren wie die, die sein Vater hatte abwehren müssen. Das mag auch an der eher versöhnlichen Haltung al-Mahdis gegenüber den Aliden gelegen haben. So blieb Zeit für Feldzüge gegen das Byzantinische Reich, das ab 782 mal wieder Tribute entrichten musste.
Al-Mahdis Sohn al-Hadi (um 766 bis 786, reg. 785 bis 786) regierte lediglich vom 4. August 785 bis zum 14. September 786. Er starb wahrscheinlich an einer schweren Krankheit, auch wenn es Gerüchte gab, er sei vergiftet oder mit einem Kissen erstickt worden. Diese waren für manche insofern glaubhaft, als ihm mit Harun ar-Raschid ein Stiefbruder folgte, den seine Mutter gerne schon als direkten Nachfolger al-Mahdis gesehen hätte. Der ist uns ja schon mal über den Weg gelaufen, als wir im Byzantinischen Reich unterwegs waren. Wir schauen uns ihn das nächste Mal ein wenig genauer an.
Bildnachweise:
Vorschaubild:
-
Motiv: Karte des abbasidischen Aufstands gegen die Umayyaden
-
Urheber: Busterof666
-
Quelle: Wikimedia Commons
-
Lizenz: CC BY-SA 3.0 Unported
-
Bearbeitung: Das Original wurde unverändert übernommen.
-
Abrufdatum: 17.02.2026


Kommentar schreiben