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(159) Das Ende von Byzanz

Wer soll Kaiser werden?

Die Verwicklungen, die 1390 zur erneuten Vertreibung von Johannes V. führten, haben wir das letzte Mal erzählt. Zunächst wurde er durch seinen Enkel Johannes VII., den Sohn von Andronikos IV., ersetzt. Johannes konnte sich 156 Tage, vom 14. April bis zum 17. September, kaiserlich fühlen, dann sorgte sein Onkel, der spätere Manuel II., wohl mit Unterstützung von Johannitern aus Rhodos für die erneute Thronbesteigung von Johannes V. Fünf Monate später stellte sich die Frage erneut. Johannes V. starb am 16. Februar 1391.

 

Da die Osmanen die Wiedereinsetzung von Johannes V. nicht mittrugen, war Manuel an den Hof des Sultans gereist, um sich zu unterwerfen und so für gutes Wetter zu sorgen. Bayezid I. zwang ihn wahrscheinlich daraufhin, gegen Philadelphia zu kämpfen, für ein Mitglied der Kaiserfamilie eine perfide Demütigung. Die Stadt war ja von Johannes V. bereits den Osmanen übergeben worden und damit tributpflichtig. Die Einwohner hatten es aber bisher vermeiden können, ihre Tore den Türken zu öffnen. Mit dieser Widerspenstigkeit wollte Bayezid nun Schluss machen.

 

Als Manuel vom Tod seines Vaters hörte, gelang ihm die Flucht zurück nach Konstantinopel, um dort die Macht zu übernehmen. Es ging faktisch um nicht mehr als um die Rolle eines Bürgermeisters einer großen Stadt, aber in dem Kaisertitel schwang die ganze römische Geschichte und Macht der letzten 1.400 Jahre mit. Dafür strengt man sich dann doch an.

 

Konstantinopel rückt ins Zentrum des Interesses

Konstantinopel war natürlich allein aufgrund seiner Lage immer noch von hoher wirtschaftspolitischer Bedeutung, insbesondere für die vom Handel lebenden italienischen Städte wie Venedig und Genua. Diese sahen ihre Handelswege durch die ausgreifenden Eroberungen der Osmanen bedroht und versuchten, den Prozess aufzuhalten.

 

Hatte Bayezid anfangs Konstantinopel selbst nicht aufs Korn genommen und sich mit Plünderungen im Umland begnügt, verfolgte er ab 1393/1394 eine offensivere Politik. Diese wandte sich zunächst gegen die byzantinischen Gebiete in Griechenland und auf dem Balkan. 1393 verlor Bulgarien mit der Schlacht von Rovine seine Eigenständigkeit, 1397 fiel Athen an die Osmanen. Konstantinopel selbst war seit 1394 von einem Belagerungsring umschlossen.

 

Die Eroberungen des Sultans sorgten bei den Herrschern im Westen für zunehmend Puls. Spätestens nach der Schlacht am Amselfeld kam die Idee auf, der Ausbreitung der Türken mit einem Kreuzzug zu begegnen. Dieser wäre natürlich auch eine willkommene Entlastung für Konstantinopel gewesen. Leider unterlag das Heer des Westens unter Führung des ungarischen Königs – und späteren Kaisers des Heiligen Römischen Reiches – Sigismund am 25. September 1396 den Osmanen bei Nikopolis an der unteren Donau so vollständig, dass an so etwas wie einen Kreuzzug erst einmal nicht mehr zu denken war.

 

Ein wenig Aufschub durch die Franzosen …

Dass in diesen Jahren nicht auch Konstantinopel selbst fiel, hatte drei wesentliche Gründe.

 

Zum einen schickte Karl VI. von Frankreich (1368 bis 1422, reg. 1380 bis 1422) seinen Marschall Jean II. Le Maingre (1366 bis 1421), der auch Boucicaut, der Tapfere, genannt wurde, zur Unterstützung. Hintergrund war sicher auch, dass Karl mittlerweile die Oberherrschaft über Genua übernommen hatte und dem venezianischen Einfluss am Bosporus etwas entgegensetzen wollte. Le Maingre gelang es 1399, mit 1.200 Mann den Belagerungsring der Osmanen zu durchbrechen. Er söhnte Manuel II. mit Johannes VII. aus und riet dem Kaiser, im Westen neue Truppen anzuwerben. Manuel reiste daraufhin zwischen 1399 und 1403 nach Paris, London und Venedig, allerdings ohne dort irgendwelche handfesten Zusagen zu erreichen.

 

… die Mongolen …

Zweitens war es für die Byzantiner extrem hilfreich, dass die Osmanen am 28. Juli 1402 in der Schlacht von Ankara eine vernichtende Niederlage gegen die Mongolen unter Timur Lenk (1336 bis 1405, reg. 1370 bis 1405), den die Freude von Edgar Allan Poe (1809 bis 1849) auch als Tamerlan kennen, erlitten. Sultan Bayezid I. wurde gefangengenommen. Für den türkischen Staat war dies ein Schock, zumal es keine klare Nachfolgeregelung gab. Über zehn Jahre lang bis 1413 rangen seine Söhne um die Führung des Gesamtreiches, das sie zunächst untereinander aufgeteilt hatten. 

 

… und eine Freundschaft

Schließlich setzte sich Mehmed I. (1389 bis 1421, reg. 1413 bis 1421) durch, ein persönlicher Freund Manuels aus dessen Zeit am Hof des Sultans. Die Belagerung von Konstantinopel wurde daher nicht wieder aufgenommen. Manuel hatte Mehmed im innertürkischen Machtkampf unterstützt und erhielt zum Dank Ruhe an der türkischen Front. So konnte er die Befestigungen Konstantinopels und auf dem Peloponnes – hier vor allem die Anfang des 5. Jahrhunderts unter Theodosius II. von Anthemius errichtete Hexamilion genannte Mauer bei Korinth, die die Halbinsel vom Festland abriegelt – instand setzen lassen. Dabei gelang es ihm sogar, einige Orte auf dem Peloponnes unter seine Herrschaft zu bringen.

 

Er ahnte sicher schon, dass es die persönliche Freundschaft war, die seinem Reich diese Ruhe verschaffte und dass es nach Mehmeds Tod wieder rauer werden würde. Dass dieser dann bereits mit 32 Jahren verstarb, war aus byzantinischer – und irgendwie auch aus Mehmeds – Sicht eher unglücklich. Er soll aufgrund eines epileptischen Anfalls vom Pferd gefallen sein.

 

Murad II. (1404 bis 1451, reg. 1421 bis 1451) erfüllte die bösen Erwartungen Manuels und begann 1422 kurz nach seiner Machtübernahme wieder mit der Belagerung Konstantinopels. Für Manuel war das alles ein bisschen viel Aufregung. Er erlitt einen Schlaganfall und überließ seinem Sohn Johannes VIII. (1392 bis 1448, reg. 1425 bis 1448) die Staatsgeschäfte. Er starb darauf am 21. Juli 1425.

 

Das Ende naht

Auch wenn es von Johannes' Regierungsantritt bis zur Eroberung Konstantinopels noch fast 30 Jahre währte und dieser das Ende nicht mehr miterlebte, ging dann doch alles ziemlich Schlag auf Schlag.

 

Auf dem Peloponnes hatte ein osmanischer Einfall die Mauer am Isthmos von Korinth zerstört. Die Situation konnte aber durch einen Friedensvertrag mit Murad bereinigt werden. Es gelang sogar, 1430 Patras und in den beiden folgenden Jahren alle lateinischen Besitzungen bis auf die venezianischen Koron und Modon sowie Nauplia und Argos zu erobern.

 

Hilft die Kirchenunion?

Als Voraussetzung für Unterstützung aus dem Westen sah man in Konstantinopel die Kirchenunion an. Johannes VIII. reiste also nach Italien. Am 6. Juli 1439 wurde – wieder einmal – die Unterwerfung unter den Papst, zu der Zeit Eugen IV. (1383 bis 1447, reg. 1431 bis 1447), verkündet. Wie auch zuvor hatte dieser politisch motivierte Schritt wenig Freunde in den orthodox geprägten Ländern. Insbesondere für die Russen war die orthodoxe Kirche ein Stützpfeiler, der in ihrem Kampf gegen das Tatarenreich der Goldenen Horde für Zusammenhalt und Motivation sorgte. Insofern wollte und konnte man den Weg des byzantinischen Kaisers nicht mitgehen. Auch in den griechisch geprägten Gemeinden regte sich eingedenk der Gräueltaten von 1204 sofort Widerstand, den Markus Eugenikos (1391/1392 bis 1444), der Erzbischof von Ephesus, organisierte.

 

Auch Murad II. fragte sich, was dieser Zusammenschluss mit dem Westen wohl bedeuten sollte. Johannes versuchte, ihn zu beruhigen, es seien doch nur irgendwelche religiösen Feinheiten, um die man sich da kümmere. Er brauche sich da gar keine Gedanken zu machen. Der Sultan sollte schnell lernen, dass es anders war.

 

… und ein Kreuzzug?

1440 hatte Papst Eugen IV., 46 Jahre nach der Niederlage von Nikopolis, doch wieder zur militärischen Unterstützung der Byzantiner aufgerufen. Der Lohn für Johannes' Unterwerfung. Der ungarische Heerführer Johann Hunyadi (1387 oder 1407 bis 1456), der polnische König Wladislaw III. sowie der serbische Herrscher Durad Branković (1377 bis 1456, reg. 1427 bis 1456) kümmerten sich, auch aus einem gewissen Eigeninteresse, den türkischen Vormarsch zu stoppen. Hunyadi hatte bereits mehrfach erfolgreich gegen die Osmanen gekämpft, unter anderem 1440 die Belagerung von Belgrad und 1442 die von Hermannstadt zurückschlagen können.

 

Im Oktober 1443 begann der Kreuzzug, der zu Beginn davon profitierte, dass Murad II. in Kleinasien mit dem aufmüpfigen Emir von Karaman im südöstlichen Anatolien beschäftigt war. Die Kreuzfahrer zogen über die Donau und Sofia bis nach Thrakien. Murad eilte zurück nach Europa. Bei Adrianopel wurde 1444 ein zehnjähriger Friedensvertrag geschlossen.

 

Die Kreuzfahrer, mittlerweile verstärkt durch ein päpstliches Kontingent, fühlten sich an diesen unter Eid geschlossenen Vertrag aber nicht gebunden und marschierten weiter durch Bulgarien Richtung Schwarzes Meer. Lediglich Wladislaw hatte Skrupel, doch der päpstliche Legat Giuliano Cesarini (1398 bis 1444) entband ihn von seinem Eid. Murad, der guten Glaubens nach Anatolien zurückgekehrt war, sammelte kopfschüttelnd seine Truppen und zog in Eilmärschen gen Norden. Am 10. November 1444 trafen beide Heere bei Varna aufeinander. Murad siegte, Wladislaw und Cesarini kamen ums Leben. Eide bricht man nicht straflos.

 

Der letzte Kaiser

Am 31. Oktober 1448 starb Johannes VIII. Er hatte keinen Sohn, so dass ihm als letzter Kaiser des Byzantinischen Reiches sein Bruder Konstantinos XI. nachfolgte. Der hatte bis dahin auf dem Peloponnes geherrscht, in den letzten Jahren, spätestens seit 1446 allerdings nur noch als Vasall der Osmanen. Nun war er Kaiser eines Reiches, das faktisch an den Stadtmauern Konstantinopels endete. Da macht dann auch so ein Kaiser-Titel nicht mehr allzu viel her.

 

Auch auf Seite der Osmanen gab es noch einen Wechsel. Auf Murad II. folgte 1451 sein Sohn Mehmed II. (1432 bis 1481, reg. 1444 bis 1446 und 1451 bis 1481). Dieser hatte bereits als Teenager von 1444 bis 1446 regieren dürfen, vor allem um eventuelle Thronansprüche seines in Konstantinopel lebenden Bruders Orhan (gest. 1453) zu verhindern. Mehmed hatte allerdings nach einer Revolte der Elitetruppe und Leibwache des Sultans, der Janitscharen, die um höheren Sold kämpften, den Thron wieder für seinen Vater räumen müssen. Mehmed ließ vom ersten Tag an keinen Zweifel daran, dass die Einnahme Konstantinopels ganz oben auf seiner Bucket List stand.

 

Die Eroberung Konstantinopels

Konstantinos spielte alle Karten, die er noch hatte. Es waren nicht mehr ganz so viele. Mehmeds Bruder Orhan lebte wie gesagt im Exil in Konstantinopel. Wir wissen nicht, was die Hintergründe dafür waren. Der Hinweis des Kaisers, dass es sich bei diesem Halbbruder Mehmeds um einen Anwärter auf den Thron des Sultans handeln könnte, sorgte überraschenderweise nicht für Entspannung. Mehmed einigte sich mit den Karamanen, die schon seinen Vater beschäftigt hatten, um sich auf Konstantinopel konzentrieren zu können. Um die Stadt wirklich erobern zu können, ließ er den Bosporus durch den Bau von zwei Festungen, Rumeli Hisar und Anadolu Hisar, abriegeln.

 

Auf Rumeli Hisar wurde 1452 eine neue Waffentechnik installiert, eine Kanone. Zwar waren solche bereits bei der Belagerung von 1422 im Einsatz gewesen, das jetzt von einem Ungarn namens Orban (gest. 1453) – verwandtschaftliche Verhältnisse zu Ungarn der heutigen Zeit sind nicht belegt – gebaute Exemplar war jedoch deutlich größer und konnte den Verkehr auf dem gesamten Bosporus unterbinden.

 

In Konstantinopel wurden die Vorratslager gefüllt und die Stadtmauern ausgebessert. Man hoffte immer noch auf Hilfe aus dem Westen. Die Handelsstädte, allen voran Genua und Venedig, orientierten sich an den geschäftlichen Optionen und die schienen bei den Osmanen deutlich profitträchtiger als bei einer – wenn auch großen – Stadt. Der Einzige, der sich ein wenig für die Sache interessierte, war Alfons V. von Aragon (1396 bis 1458, reg. 1416 bis 1458), der als Alfons I. auch König von Sizilien und Neapel war. Dieser träumte von der Wiedererrichtung des Lateinischen Kaiserreiches. Ein Traum, aber keine Option, die in irgendeiner Form auf dem Tisch lag. Konstantinopel war auf sich alleine gestellt.

 

Auch wenn es nach der über tausendjährigen Geschichte der Stadt ein dramatisches, einschneidendes Ereignis war, so wollen wir uns doch nicht mit den Details der Eroberung durch Mehmed II. aufhalten. In der Stadt waren vielleicht 5.000 bis 7.000 Kämpfer, vor den Mauern standen je nach Schätzung zwischen 80.000 bis 200.000 Osmanen.

 

Nach Ostern, am 6. April 1453 begann das Bombardement. Das riesige Geschütz des Ungarn hatte man von 60 Ochsen gezogen herangeschafft. Es feuerte sieben Mal am Tag eine 600 Kilogramm schwere Steinkugel auf die Befestigungsmauern. Schwerstarbeit auch für die Steinkugelhersteller.  Die Verteidiger kämpften tapfer, unterstützt von den anwesenden Venezianern und Genuesen, auch wenn von ihren Heimatstädten wenig Hilfe kam. Zwar konnten die Osmanen nicht in den mit einer Kette gesicherten Hafen eindringen, aber nachdem sie ihre Flotte mit Ochsen auf Baumstämmen über den Hügel hinter Galata ins Goldene Horn hatten ziehen lassen, war auch diese Front verwundbar. Trotzdem lehnten die Byzantiner ein Angebot des Sultans ab, das den Einwohnern – gegen Tributzahlung – ein Weiterleben in der Stadt ermöglicht hätte. Daraufhin ließ Mehmed zum Sturm blasen und innerhalb eines Tages, es war der 29. Mai 1453, war die Stadt in seiner Hand. Man spricht von 50.000 Gefangenen und 4.000 Toten, die es nach drei Tagen der Plünderung zu beklagen gab. Auch Konstantinos XI. kam bei den Kampfhandlungen um, die genauen Umstände sind jedoch nicht überliefert.

 

Das endgültige Ende der byzantinischen, griechisch-orthodox geprägten Herrschaft kam dann ein paar Jahre später mit der endgültigen Eroberung des Peloponnes und des Kaiserreiches Trapezunt in den Jahren 1460 und 1461.

 

Auch wenn der Fall Konstantinopels machtpolitisch in der Praxis wenig veränderte, war er doch ideell für Europa ein Schock. Die über zweitausendjährige römischen Geschichte war von einem Tag auf den anderen vorbei. Da atmen wir erst einmal durch.

 

 

Osten und Westen

Wenn wir drei Schritte zurücktreten und in langen Zeitachsen denken, 

war nach dem Verlust des griechisch-orthodoxen Zentrums am Bosporus nun das westliche Europa das prägende Element in der Christenheit. Pauschal gesagt: Die bereits zu byzantinischer Zeit existierende unterschiedliche Entwicklung zwischen West und Ost, die im Westen zu einer in Byzanz unterbliebenen immer stärkeren Trennung zwischen geistlicher und weltlicher und ebenso zwischen fürstlicher und ständisch-bürgerlicher Macht geführt hatte, wurde noch verstärkt. Der Teil Europas, der zunächst von Byzanz und dann von den Türken beherrscht wurde, schaut auf eine ganz andere eigene Geschichte als der »westliche« Teil. Dieser Erfahrungshorizont wirkt sicher bis heute nach.

 

Besonderheiten des Byzantinischen Reiches

Zum Abschluss wollen wir zusammenfassend fünf Besonderheiten des Reiches benennen, die für seine Entwicklung und die seiner Nachbarn prägend waren.

 

(1) Seine Herkunft aus dem organischen Übergang aus dem alten Römischen Reich gab ihm und dem Kaisertitel des Herrschers eine besondere Bedeutung und Aura. Auch ohne faktische Abhängigkeit legten viele Fürsten Wert darauf vom römischen Kaiser, der wie der erste immer den Titel des augustus trug, anerkannt zu werden. Das gab dem Reich und seinem Herrscher eine gewisse informelle Macht, deren Bedeutung wir zum Beispiel bei der von Otto I. betriebenen Verheiratung seines Sohnes Otto II. mit einer "byzantinischen Prinzessin" erkennen können – auch wenn es dann nur die angeheiratete Nichte Theophanu wurde. Die große Bedeutung des Kaisers wird auch an seiner Rolle gegenüber der Kirche deutlich. Ohne Zustimmung des Kaisers konnte niemand Patriarch werden – die Emanzipation des Papsttums schaffte die orthodoxe Kirche nicht.

 

(2) Ebenfalls ein Erbstück des Römischen Reiches war die hoch entwickelte Administration. In der Verwaltung arbeiteten hauptamtliche, vom Staat besoldete Funktionsträger, die ernannt, versetzt oder abberufen werden konnten. Das mag uns heute selbstverständlich erscheinen, war aber mindestens bis zum 13. Jahrhundert in anderen europäischen Staaten so nicht gegeben. Der Stauferkaiser Friedrich II. führte ähnliche Strukturen ein, was ihn und sein Reich noch heute als vorbildhaft erscheinen lässt. Das eigentliche Vorbild waren Rom und Byzanz.

 

Eine Auswirkung dieser Organisation des Staates war, dass unterschiedliche Menschen in die einzelnen Rollen berufen werden konnten. Dies hing viel mehr von ihren Fähigkeiten – und sicherlich auch anderen Faktoren wie Loyalität oder Auswirkungen auf die Innenpolitik – ab, als von Herkunft und Status. Ein Aufstieg von unten – und auch von außen – war im Byzantinischen Reich keine Besonderheit. Ein weiterer Unterschied zu den Staaten im Umfeld.

 

(3) Die Modernität, die sich aus der Verwaltungsstruktur erkennen lässt, fußt aber gerade nicht auf einer sehr reformfreudigen politischen Kultur, sondern im Gegenteil auf Tradition, dem Festhalten an den Regeln und Gesetzen der Vorväter. Dies manifestierte sich in dem Bildungsideal, das aus antiken und christlichen Quellen gespeist wurde. Wer in der Gesellschaft was gelten wollte, musste hier mithalten. Insofern waren diese Bildungsideale eher als formale Regeln eine Hürde für Ein- und Aufsteiger. So offen die Gesellschaft auf der einen Seite war, so traditionell und in der Vergangenheit verhaftet war sie auf der anderen Seite.

 

(4) Aus dem Bewusstsein, auf einer intellektuell und gefühlt auch ethisch-moralischen überlegenen Stufe zu stehen, folgte eine gewisse Überheblichkeit und Arroganz der byzantinischen Aristokratie. Es war kein fortschrittliches und innovationsfreudiges Klima. Die zunehmende Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit hinsichtlich der Bedeutung des eigenen Reiches spielte in diesem Zusammenhang eher keine Rolle. Der Kaiser saß in Konstantinopel und alle anderen waren in Rang und Bedeutung nachgeordnet, selbst wenn die reale Macht des Kaisers an den Stadtmauern endete.

 

(5) Die regionale Lage von Konstantinopel an der Grenze zwischen dem lateinischen West- und Mitteleuropa und Asien hatte bedeutende Vorteile, militärisch-strategische wie auch handelspolitische. Auf der anderen Seite war diese Schnittstelle zwischen Ost und West auch verwundbar. Viele Völkerscharen aus dem südrussischen Raum kommend bedrohten immer wieder das Reich. Awaren, Bulgaren, Petschenegen, Kumanen, Mongolen – wir sind ihnen allen begegnet und werden sie uns später in Teilen auch noch einmal genauer anschauen. Aus dem Süden und Osten waren die Araber, Türken, davor die Perser ebenfalls Gefahren für Größe und Bestand des Reiches. Auch wenn mit Mehmed II. der finale Todesstoß aus dem Osten kam, war das Reich spätestens seit dem Desaster des 4. Kreuzzugs nicht mehr wirklich lebensfähig, so dass die Wurzel des Untergangs schon im Westen gesucht werden muss.

 

Wir beenden unseren – langen – Besuch in Konstantinopel und beginnen das nächste Mal mit einem neuen Kapitel in unserer Weltgeschichte.

Bildnachweise:

Vorschaubild:

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f1/Siege_constantinople_bnf_fr2691.jpg (abgerufen am 27.12.2025)

Philippe de Mazerolles : Français: Enluminure ornant La Cronicque du temps de tres chrestien roy Charles, septisme de ce nom, roy de France par Jean Chartier, Paris, Bibliothèque nationale de France, Ms. Français 2691, Folio 254 rückseitig. 

Dieses Werk ist in seinem Ursprungsland und in anderen Ländern und Gebieten, in denen die Schutzfrist des Urheberrechts das Leben des Autors plus 100 Jahre oder weniger beträgt, gemeinfrei .

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