Ein Kind als Kaiser und ein erfahrener Regent
Auf den auf seiner Rückreise von Rom verstorbenen Robert von Courtenay folgte auf dem Lateinischen Kaiserthron sein neunjähriger Bruder Balduin II. (1217 bis 1273/1274, reg. 1228 bis 1261). Da der Kaiser noch ein Kind war, wählten die Barone den erfahrenen Johann von Brienne (um 1169/1174 bis 1237, reg. 1210 bis 1225 und 1229 bis 1237) als Regenten und Mitkaiser. Für die nächsten Jahre war er damit der wirkliche Herrscher.
Johann hatte ein mehr als bewegtes Leben hinter sich. Von 1210 bis 1225 war er König bzw. Regent des Königreichs Jerusalem gewesen, er war Schwiegervater des römisch-deutschen Kaisers Friedrich II. (1194 bis 1250, reg. 1212 bis 1250) und hatte ab 1218 bis 1221 den fünften Kreuzzug angeführt. Schauen wir uns diesen kurz an.
Der 5. Kreuzzug
Die Kreuzfahrer waren nach Ägypten gesegelt, das ja schon das erste Ziel des vierten Kreuzzugs hatte sein sollen. In Ägypten war es dann gelungen, das strategisch wichtige Damiette an der Mündung eines Nilarms zu erobern. Streitigkeiten zwischen dem päpstlichen Legaten, Kardinal Pelagius von Albano (um 1165 bis 1230), und den weltlichen Anführern, allen voran Johann von Brienne, verhinderten weitere Erfolge. Nach dem Tod des Sultans al-Adil I. waren drei seiner Söhne in Nachfolgestreitigkeiten verwickelt. Sultan al-Kamil (um 1176/1180 bis 1238, reg. 1218 bis 1238), wir verzichten im arabischen Kulturkreis freundlicherweise meist auf die Nennung des vollen Namens wie hier al-Malik al-Kamil Nasir ad-Din Muhammad ibn al-Adil Abu Bakr Ahmad, hatte Ägypten als Erbe erhalten und bot den Kreuzfahrern die Übergabe Jerusalems und des heiligen Kreuzes an, wenn sie denn Damiette verlassen würden. Johann hätte gerne darüber verhandelt, doch der Kardinal und seine Anhänger verweigerten Gespräche mit den Ungläubigen und riefen zu einer Fortsetzung der Kämpfe auf. Friedensliebende Männer der Kirche …
Nach einigem Hin und Her zog man also im Juli 1221 gen Kairo, um zu kämpfen. Der Sultan kannte sich in der Gegend überraschenderweise besser aus. Er ließ die Wehre öffnen, die Deiche zerstören und dann den Nil seine Arbeit machen. Die Kreuzfahrer steckten in Sumpf und Morast und mussten sich den Kriegern al-Kamils ergeben. Damiette war verloren, der Kreuzzug gescheitert. Immerhin handelte man vor dem Hintergrund der innermuslimischen Streitigkeiten noch einen achtjährigen Waffenstillstand aus.
Johann wird Kaiser
Zurück zum Lateinischen Kaiserreich: Johann von Brienne hatte klare Forderungen gestellt, damit er den Job des Regenten annahm. Er wollte Kaiser auf Lebenszeit bleiben, also auch nach Balduins Mündigkeit, und dieser sollte seine Tochter Maria von Brienne (etwa 1224 bis 1275) heiraten. Dies wurde Johann zugesichert und so reiste er Ende 1231 nach Konstantinopel und ließ sich – mittlerweile in den Sechzigern – krönen.
Es wundert uns nicht, dass er zur Sicherung seiner Herrschaft gegen die Bulgaren und Johannes III. Vatatzes kämpfen musste. 1236 standen beide vor Konstantinopel. Da sie sich untereinander nicht einig waren, kamen Johann und Balduin mit einem blauen Auge davon.
Balduin verkauft eine Krone
In dieser Zeit wurde Balduin mündig und heiratete wie geplant Maria von Brienne. Kurz danach brach er nach Westen auf, um Geld zu besorgen und seine Ansprüche auf die Grafschaft Namur durchzusetzen. Geld war knapp im kleinen Lateinischen Kaiserreich. Nach dem Tod Johann von Briennes 1237 mussten die zurückgebliebenen Barone sogar die Dornenkrone Christi, eine der kostbarsten Reliquien, an venezianische Kaufleute verpfänden. Nachdem sie nicht ausgelöst werden konnte, verkauften diese sie an Ludwig IX. von Frankreich (1214 bis 1270, reg. 1226 bis 1270), der nicht ohne Grund den Beinamen »der Heilige« trug. Für die wertvollen Reliquien ließ er in Paris die Sainte-Chapelle errichten.
Es fehlt an Bündnisgenossen
Erst im Frühjahr 1240 war Balduin II. wieder in Konstantinopel. Dort versuchte er neuerlich und auch neuerlich ohne Erfolg, sich gegen das Kaiserreich von Nikaia unter Johannes Vatatzes durchzusetzen. Er gewann auf der europäischen Seite ein paar Stellungen, unter anderem Tzurulum, das heutige Çorlu, musste aber alle Gebiete auf der asiatischen Seite aufgeben. In der Außenwahrnehmung war der Herr Vatatzes ein deutlich attraktiverer Gesprächspartner als der Stadtkaiser von Konstantinopel. So scheiterten Balduins Bemühungen, Bündnisse gegen Johannes zu schließen. Die Seldschuken, die hier grundsätzlich ja als Partner in Frage kamen, hatten 1243 in der Schlacht vom Köse Dag bei Sivas von den Mongolen derbe eins auf die Mütze bekommen und setzten daher auch aus nachvollziehbaren Gründen der Selbsterhaltung auf ein Bündnis mit Nikaia.
Auch der neue Papst Innozenz IV. (etwa 1195 bis 1254, amt. 1243 bis 1254) war anders als insbesondere Gregor IX. (1145 bis 1241, amt. 1227 bis 1241) kein starker Unterstützer Balduins. Er hoffte auf eine Vereinigung mit der Ostkirche und suchte daher durchaus die Nähe zu den griechisch regierten Reichen, insbesondere Nikaia. Friedrich II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, wurde ebenfalls kein Bündnispartner, hatte er doch mit Anna von Hohenstaufen (1230 bis 1307) eine seiner Töchter Johannes III. Vatatzes zur Frau gegeben.
Balduin, der Bettler
So musste sich Balduin 1244 erneut auf Betteltour durch Europa begeben. Hatte er von der ersten Reise noch ein Heer mit einigen hundert Rittern und mehreren zehntausend Infanteristen mitbringen können – die ihm letztlich auch nichts nützten, da sie sich nur für kurze Zeit verpflichtet hatten – so kam er jetzt gänzlich mit leeren Händen zurück. Immerhin hatte er Friedrich II. getroffen und noch 1244 bei einem kurzen Ausgleich zwischen dem Papst und dem Westkaiser mithelfen können. Wir werden uns den Zwist der beiden später noch einmal genauer anschauen.
So stand Balduin im Jahr 1248 relativ rat- und mittellos auf weiter Flur. So weit war die allerdings gar nicht mehr. Die Situation hatte sich in den Jahren seiner Abwesenheit deutlich verschärft. Johannes Vatatzes war nach Europa übergesetzt, hatte die Bulgaren zurückdrängen können und Michael II. Komnenos Dukas Angelos (1205 bis 1266/68, reg. 1237 bis 1266) den Despoten von Epirus, das mittlerweile auch die Oberherrschaft über das Königreich Thessaloniki erlangt hatte, aufgrund dieser Erfolge überzeugt, sich ihm zu unterwerfen. Das Lateinische Kaiserreiches war auf ein kleines Fleckchen Erde zurückgeworfen. Es stand vor seinem unmittelbaren Ende. Auch wenn Ludwig IX. von Frankreich mit der Planung und Vorbereitung des sechsten Kreuzzuges beschäftigt war und sich eigentlich über einen Stützpunkt in Konstantinopel hätte freuen sollen, fiel er als Unterstützer aus. Sein eigenes Vorhaben absorbierte alles.
Das Hemd des armen Balduin war mittlerweile also arg kurz. Und nach dem Tod Friedrich II. im Jahr 1250 konnte er auch keinen Nutzen mehr aus seiner stauferfreundlichen Politik ziehen. Friedrichs Söhne hatten genug mit sich und dem Konflikt mit dem Papst zu tun, als sich um eine Stadt im Osten zu kümmern.
Das Ende zieht sich
Insofern ist es fast ein Wunder, dass sich das Lateinische Kaiserreich noch bis 1261 hielt. Formal waren ja noch Achaia und Theben-Athen dem Kaiser in Konstantinopel untertan. Das kümmerte die beiden Herrscher jedoch herzlich wenig. Einen Streit zwischen beiden legten sie nicht etwa Balduin, sondern dem französischen König zur Schlichtung vor. Dennoch war Achaia die letzte Hoffnung der Lateiner. Der dortige Fürst Wilhelm II. von Villehardouin (etwa 1211 bis 1278, reg. 1246 bis 1278) schmiedete mit dem Despoten von Epirus eine Allianz gegen Nikaia. Im September 1259 kam es zur entscheidenden Schlacht bei Pelagonia an der heutigen Grenze zwischen Griechenland und Nordmazedonien. Die epirotische Armee desertierte, Nikaia siegte, Wilhelm unterlag. Sein gut gewähltes Versteck in einem Heuhaufen wurde zu allem Überfluss auch noch entdeckt und er wurde als Gefangener nach Nikaia verbracht.
Dort herrschte mittlerweile Michael VIII. Palaiologos (1224 bis 1282, reg. 1259 bis 1282), der am 24./25. Juli 1261 Konstantinopel erobern und das lateinische Reich endgültig der Geschichte überantworten konnte. Die eigentlich für die Verteidigung vorgesehenen Venezianer waren gerade mit ihrer Flotte im Schwarzen Meer unterwegs, so dass der Widerstand eher spärlich ausfiel. Balduin konnte immerhin fliehen. Er versuchte noch, Bundesgenossen für eine Rückeroberung Konstantinopels zu finden, die Mächtigen hatten aber dringlichere Interessen, so dass er sich auf die seine Besitzungen nach Frankreich zurückzog.
In Konstantinopel herrschte wieder ein griechischsprachiger orthodoxer Kaiser.
Wir zählen Kreuzzüge
Wir schnaufen einmal durch und werfen nun wie versprochen einen kurzen Blick auf drei weitere Kreuzzüge: den Kaiser Friedrichs II. sowie in der nächsten Folge den sechsten und siebten Kreuzzug. Wenn wir vom sechsten Kreuzzug sprechen, dann folgen wir einer bestimmten Form der Zählweise, allerdings nicht der einzig möglichen. Einige Kreuzzugsversuche oder kleinere Unternehmungen fallen dabei unter den Tisch wie der Kreuzzug Sigurds I. von Norwegen (1089 bis 1130, reg. 1103 bis 1130), der den ersten Kreuzzug unterstützen wollte, allerdings erst 1110 das Heilige Land erreichte. Norwegen ist halt eine Ecke weiter weg.
Vielleicht hast Du auch vom Kinderkreuzzug aus dem Jahr 1212 gehört. Unter der Leitung von durch Visionen erleuchteten Jugendlichen machten sich viele Kinder, Jugendliche, aber auch Erwachsene – das lateinische Wort puer für „Kind“ kann auch mit „Knecht“ übersetzt werden – unbewaffnet auf, in das Heilige Land zu ziehen. Die Reise war anstrengend und erschöpfend, nur von Visionen lässt sich schwer leben. Spätestens auf der Alpenüberquerung dünnte die Teilnehmerzahl deutlich aus. Leichter als bei Hannibal 1430 Jahre zuvor wird es nicht gewesen sein. Diejenigen, die die Mittelmeerküste Italiens erreichten, wurden dort von Sarazenen gefangen und als Sklaven verkauft.
Diese Kreuzzüge wurden aber – wie auch einige andere – nicht in die Zählung der Geschichtsschreiber aufgenommen. Strittig ist die Zählung rund um den fünften Kreuzzug (1217 bis 1221), der ja letztlich in Ägypten nach der ersten Eroberung von Damiette scheiterte. Ein paar Jahre später machte sich Friedrich II. nach langem Zögern doch auf und zog ins Heilige Land. Dass dieses eigenständige Unternehmen oft als Teil des fünften Kreuzzugs gezählt wird, liegt vor allem an den Streitigkeiten zwischen Kaiser und Papst. Einem Exkommunizierten konnte man keinen eigenen Kreuzzug zubilligen, selbst wenn dieser vom Ergebnis her erfolgreich war. Es gibt auch Zählweisen, die ihm eine eigene Position in der Liste als Nummer sechs der Kreuzzüge zugestehen. In den meisten Darstellungen findet er sich aber als zweiter Teil des fünften Kreuzzuges.
Der Kreuzzug Friedrichs II. (1228/1229)
Friedrich II. hatte seit seiner Krönung 1215 mehrfach ein Kreuzzugsgelübde abgelegt, war jedoch nie aufgebrochen. 1227 sollte es dann eigentlich losgehen, eine Seuche im Heer verhinderte dies jedoch. Papst Gregor IX. exkommunizierte darauf den Kaiser, wohl wegen erwiesener Untätigkeit. Im darauffolgenden Jahr brach Friedrich gleichwohl mit einer eher kleinen Streitmacht nach Palästina auf.
Nachdem er im September 1228 Akkon erreicht hatte, nutzte er seine Kenntnisse der arabischen Sprache und Kultur, die er sich während seiner Jugend in Palermo erworben hatte, und begann Verhandlungen mit dem Sultan al-Kamil. Der hatte ja seinerzeit den Kreuzfahrern des fünften Kreuzzugs weitreichende Angebote gemacht, die von diesen ja dummerweise abgelehnt worden waren. Al-Kamil war wieder in Streitigkeiten mit den Herrschern von Damaskus, seinem Neffen an-Nasir Dawud (1206 bis 1261, reg. 1227 bis 1229), und seinem Bruder al-Aschraf Musa ibn Adil (gest. 1237, reg. 1229 bis 1237), verwickelt, so dass er sein Angebot einer Rückgabe Jerusalems bereits 1227 erneuert hatte. Friedrich ging anders als die Führer des fünften Kreuzzugs darauf ein und so kam es am 18. Februar 1229 zum Frieden von Jaffa.
Die Christen erhielten Jerusalem, Bethlehem, vermutlich auch Nazareth und Sidon. Den Muslimen wurde der Tempelberg in Jerusalem mit der al-Aqsa-Moschee quasi als Exklave zugesprochen. Dort sollten allerdings die Christen, genauso wie die Muslime in Bethlehem Andachten abhalten dürfen. Friedrich krönte sich selbst zum König von Jerusalem, war er doch mit der bei der Geburt ihres Sohnes Konrad IV. (1228 bis 1254, reg. 1250 bis 1254) verstorbenen Isabella II. von Brienne (1212 bis 1228), der Tochter Johanns von Brienne verheiratet gewesen.
Wenn wir uns dieses Ergebnis anschauen, dann erwarten wir Freude bei allen Beteiligten. Allein, die Dinge lagen anders. Da der Papst Friedrich exkommuniziert hatte, war dieser in den Augen vieler gar nicht berechtigt, auf einen Kreuzzug zu gehen. Hinzu kam, dass er diesen hauptsächlich mit seinen deutschen Ordensrittern bestritten und die Interessen anderer, insbesondere der französischsprachigen Templer weitgehend ignoriert hatte. Zudem war eine muslimische Enklave im christlichen Jerusalem den Klerikern ein Dorn im Auge. Jeder hatte etwas zu meckern. Bei seiner Abreise am 1. Mai 1229 soll Friedrich von der Bevölkerung – aufgestachelt durch den örtlichen Klerus und Adel – beschimpft und mit Schlachtabfällen beworfen worden sein. Dass er es geschafft hatte, lange verlorene Gebiete wieder zurückzugewinnen, und das ohne Blutvergießen, spielte für diese strengen Moralapostel keine Rolle. Wir müssen nicht lange nachdenken, um auch in unseren Tagen solche Menschen zu erinnern.
Das nächste Mal schauen wir uns dann die letzten Kreuzzüge an.


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