Blau oder Grün?
Hatten wir das letzten Mal Maurikios vorgeworfen, bei allen Erfolgen eben doch kein »großer« Herrscher gewesen zu sein, so stellt sich bei Phokas diese Frage erst gar nicht. Er war zwar schon über 50, als er sich auf den Thron putschte, aber von irgendeiner Altersweisheit war er weit entfernt. Er versuchte, seine Macht durch ein gerüttelt Maß an Brutalität zu sichern. Missliebige Senatoren wurden auch gerne mal hingerichtet, was die Zahl seiner Freunde nicht zwingend erhöhte. Zudem überwarf er sich mit der grünen Zirkuspartei, der er seinen Sieg in der Hauptstadt ja ganz wesentlich verdankte. Er hatte wohl Angst, dass diese zu mächtig werden würde und ließ ihren Anführer Johannes (gest. 603) ermorden. Seine Gunst wandte sich den Blauen zu, wodurch die Grünen nun seine erbittertsten Feinde waren. In vielen Städten des Reiches führte dieser Zwist zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, die Phokas nicht einhegen konnte. In den Exarchaten Ravenna und Karthago herrschte dagegen noch Ruhe. Diese trügt jedoch manchmal. Wir kommen gleich darauf zurück.
Chosrau greift an
Phokas‘ Hauptproblem waren allerdings ab 603 weder grüne noch blaue Zirkusliebhaber, sondern – wie schon so oft – die Perser. Chosrau II. musste auf die Ermordung seines Adoptivvaters und Retters reagieren, aus persönlichen und aus staatspolitischen Gründen. Er fand Unterstützung bei Narses, der seinem alten Herrn die Treue hielt. Was zunächst wie ein Akt der Loyalität und Ehrenrettung aussah, nahm bald den Charakter eines gezielten Eroberungsfeldzuges an. Nordmesopotamien, Armenien und der Osten Kleinasiens wurden persisch, im Wesentlichen also die Gebiete, die Maurikios 591 aufgrund der inneren Probleme der Perser für das Byzantinische Reich gewonnen hatte. Nun waren sie wieder verloren. Der Krieg dauerte an, auch über Phokas‘ Tod.
Überraschenderweise blieb es auf dem Balkan ruhig. Diese Entlastung sorgte aber nicht für hinreichend Kräfte, den persischen Angriff zurückzuschlagen. Und Phokas' Untätigkeit sollte seinem Nachfolger dann auch einige Probleme bereiten.
Um im Westen etwas Ruhe zu haben, schloss Phokas einen Frieden mit den Langobarden auch um den Preis des Verlustes großer Gebiete in Italien. Eine wirkliche Alternative hatte er allerdings kaum. Der 603 geschlossene Friede hielt die vereinbarten zwei Jahre, dann setzte Agilulf seinen Eroberungszug fort. Zumindest blieb aber das Exarchat Ravenna byzantinisch. Die Italienpolitik Phokas' führte immerhin dazu, dass das Pantheon erhalten blieb. Er schenkte es dem Papst, der daraus eine Kirche machte. Zudem finden wir auf dem Forum Romanum in Rom die Phokas-Säule als letztes antikes Bauwerk. So wird auffällig an einen Kaiser erinnert, der dessen wenig würdig war. Geschichte ist ungerecht, erwähnten wir das schon?
Üble Nachrede
Der Ärger für Phokas nahm weiter zu. Die eigene Bevölkerung war nicht zufrieden mit seinem selbstbezogenen tyrannischen Lebensstil. Als er bei einer Zirkusveranstaltung zu spät erschien, sollen die Zuschauer geschrien haben: »Hast Du mal wieder zu viel gesoffen, dass Du doppelt siehst? Du bist schon längst verrückt geworden!« Einige der Rufer sollen hinterher Kopf, Ohren oder Nase verloren haben. Das wird die Freundschaft nicht gesteigert haben. Wie immer müssen wir mit solchen Schilderungen sehr vorsichtig sein. Alle Berichte stammen aus der Zeit von Herakleios, Phokas‘ Nachfolger.
Sohnemann geht voran
Herakleios putschte sich ähnlich wie Phokas an die Macht. Er war Exarch von Karthago. Das war weit weg und noch nicht von den Aufregungen in Konstantinopel angesteckt. Herakleios wollte die Schwäche der Zentrale ausnutzen und schickte 608 eine Flotte nach Ägypten. Nachdem Alexandria 609 gefallen und die Provinz damit unter seiner Herrschaft war, stoppte er die Getreidelieferungen in die Hauptstadt, was dort die Lage nicht unbedingt entspannte. Die nächste Flotte wurde unter Führung seines Sohnes, der ebenfalls Flavios Herakleios hieß, im Jahr 610 nach Konstantinopel geschickt. Am 3. Oktober 610 zog der jüngere Herakleios in die Stadt ein, unterstützt von der grünen Zirkuspartei, die den Sinnspruch »Man sieht sich immer zweimal« nicht vergessen hatte. Derselbe Herakleios sollte gut dreißig Jahre später im Jahr 641 als Konstantinos III. selbst noch kurzzeitig Kaiser werden.
Zwei Tage nach seinem Einzug war der Vater vor Ort und ließ sich von dem Patriarchen Sergios krönen. Der wird das mit großer Freude getan haben, da Phokas in der Religionspolitik eher auf Seiten des Papstes in Rom stand.
Zeitenwende?
In der Geschichtsschreibung gilt Phokas‘ Nachfolger Herakleios als der erste Herrscher des Frühmittelalters, während nach dieser Lesart mit Phokas die Spätantike zu Ende ging. Natürlich ist auch dies wieder eine Betrachtung aus der Rückschau. Dabei wiegen weder der Verlust der italienischen Gebiete noch die Untätigkeit auf dem Balkan, die den Awaren und Slawen nach den Feldzügen von Maurikios Luft zum Durchatmen gaben, am schwersten. Auch der von Chosrau initiierte Krieg mit den Sassaniden kann nicht zu diesem Urteil einer Zeitenwende führen. Dann hätten wir schon viele Zeitenwenden erlebt, wenn jeder Krieg zwischen den beiden Großreichen gleich zu einer solchen führte. Es war vielmehr die beidseitige Schwächung, die der islamischen Expansion im 7. Jahrhundert Tür und Tor öffnete.
Herakleios hat Probleme
Herakleios übernahm das Reich also in einer schwierigen Situation. Dabei musste er sich sowohl der Perser als auch der Awaren auf dem Balkan und später dann der Araber erwehren. Das alles klappte zunächst gar nicht.
Chosrau, der den Krieg ja eröffnet hatte, weil ihm die Machtergreifung Phokas‘ nicht passte, hörte auch nach dessen Sturz nicht auf. Wenn man mal im Flow ist, soll man das ja auch genießen. Herakleios musste sich erst noch im Inneren gegen phokastreue Einheiten unter dessen Bruder Komentiolos (gest. 610/611) durchsetzen und hatte so wenig Kraft zur Gegenwehr gegen die persischen Vorstöße. 613 fiel Antiochia, im Mai 614 sogar Jerusalem. Wir dürfen den Verlust dieser beiden Städte für die Stimmungslage der Byzantiner nicht unterschätzen. Beide Städte waren Sitz eines Metropoliten, also neben Rom, Konstantinopel und Alexandria je eines der fünf führenden Bistümer der christlichen Kirche. Mit Jerusalem war zudem das eigentliche Zentrum der Christenheit in fremder Hand.
Und es ging weiter. 616 standen die Perser in Chalkedon, also direkt am Bosporus in Steinwurfweite von Konstantinopel. Allerdings hatten sie an Kleinasien kein wirkliches Interesse. Lukrativer schien der Süden. 619 fiel mit Alexandria Ägypten in persische Hände, was – wir kennen das schon – dramatische Folgen insoweit hatte, als nun kein Getreide mehr in die Hauptstadt und für das byzantinische Heer geliefert werden konnte. Die Lage war verzweifelt. Herakleios' Hilferuf per Münzprägung haben wir schon erwähnt.
Auch in den anderen Reichsteilen sah es nicht gut aus. In Spanien gingen die restlichen Besitzungen bis 625 verloren. Auf dem Balkan nutzten Awaren und Slawen den faktisch nicht vorhandenen Widerstand und breiteten sich ab 612 ungehindert nach Süden aus. Kreta wurde 623 geplündert und 626 standen die Awaren vor Konstantinopel. Wir haben schon gesehen, dass es ihnen trotz der persischen Präsenz auf der anderen Seite des Bosporus nicht gelang, die Stadt einzunehmen.
Es lief also nicht gut für Herakleios, und das über Jahre. Wir staunen, dass er sich trotzdem an der Macht halten konnte. Auf jeden Fall war ein Umsturz nicht unwahrscheinlich. Herakleios überlegte, ob er sich nicht in seine alte Heimat nach Karthago zurückziehen sollte. Unterstützung fand er allerdings bei der Kirche und ihrem Patriarchen Sergios. Der war froh, dass die von Phokas betriebene Annäherung an den Papst in Rom vorbei war. So durfte Herakleios sogar auf die Kirchenschätze zugreifen, um eine neue Armee zu finanzieren.
Die Idee einer Gegenoffensive war angesichts der Gesamtlage schon ein wenig gewagt. Es gelang ihm jedoch in der bewährten Hölzchen-auf-Stöckchen-Strategie immer mehr, die Initiative zurückzugewinnen. Dabei scheute er es auch nicht, sich selbst an die Spitze der Truppen zu stellen. Ein teuer erkaufter Friedensvertrag mit dem Khagan der Awaren gab ihm etwas Luft und so verließ er am 5. April 622 Konstantinopel Richtung Osten. Während der Belagerung Konstantinopels 626 war er also bekanntermaßen nicht in der Hauptstadt, sondern führte seine Truppen in Armenien, das aufgrund seiner Bodenschätze und der strategisch wichtigen Lage an den Handelsstraßen für beide Seiten von besonderer Bedeutung war. 624 hatte Herakleios die wichtigen Städte dieser Region unter seine Kontrolle gebracht.
Herakleios kriegt die Kurve
Aus der Rückschau war die vergebliche Belagerung Konstantinopels der Wendepunkt zu Herakleios’ Gunsten. Ihm gelang ein Bündnis mit den Kök-Türken, die Anfang 627 in das ostiranische Hochland einfielen. Nun stand Chosrau vor dem Problem des Zweifrontenkrieges. Herakleios konnte mit weiteren Verstärkungen aus Kleinasien sogar in Richtung der persischen Hauptstadt Ktesiphon marschieren. Er machte aber nicht den Fehler, die Stadt zu belagern, sondern plünderte stattdessen Dastagird, die Lieblingsresidenz Chosraus. Psychologisch wahrscheinlich nicht ungeschickt.
Das Ende der Sassaniden
Der Großkönig überwarf sich mit seinen Generälen, der fähigste Schahrbaraz (gest. 630, reg. 630), zog sich nach Ägypten zurück. Chosrau II. wurde kurz darauf, im Februar 628 Opfer eines Putsches. Sein Sohn Siroe tötete seinen Vater, wurde als Kavadh II. Großkönig und bot Herakleios Friedensverhandlungen an.
Viel verhandeln konnte er allerdings nicht, er regierte nur wenige Monate. Das Sassanidenreich stand insgesamt auf Abbruch. Zwischen 628 und 632 folgten die Herrscher quasi im Monatstakt aufeinander. Darunter waren auch der General Schahrbaraz sowie zwei Töchter von Chosrau II. Da Frauen auf dem Thron sehr ungewöhnlich waren, nennen wir gerne auch ihre Namen: Azarmidocht (gest. 631, reg. 630 bis 631) und Boran (gest. 632, reg. 630 bis 632).
Yazdegerd III., ein Enkel Chosraus, kam mit acht oder neun Jahren auf den Thron. Die Herrschaft lag faktisch in den Händen der Beamten und Generäle, die das Reich auch nicht mehr gegen die 634 beginnende islamisch-arabische Expansion retten konnten. Herakleios Erfolge waren also der Beginn, aber sicher nicht die Ursache des Untergangs des persischen Großreichs. Wobei es natürlich spannend wäre, zu wissen, ob nicht ein Verbund der beiden – Byzanz und Sassaniden – wie er zu Zeiten von Maurikios und Chosrau ja existiert hatte, stark genug gewesen wäre, den Eroberungszügen der Kalifen Einhalt zu gebieten.
Die Rückkehr des Kreuzes
Wir hatten Herakleios in der Residenz Chosraus zurückgelassen. Kavadh II. kam um Frieden ein. 629/630 musste er alle seit 603 eroberten Gebiete zurückgeben, überraschenderweise aber nicht mehr. Wir wissen nichts von Reparationen oder weiteren Gebietsverlusten. So ganz stark wird sich Herakleios vielleicht noch nicht gefühlt haben, so dass er eine Regelung ohne Demütigung der Perser bevorzugte. Bedeutend für sein Ansehen war, dass er das von den Persern 614 verschleppte Kreuz Christi am 21. März 630 zurück nach Jerusalem bringen konnte. Ein Teil des Kreuzes schickte er dem Merowinger Dagobert I. So bekam er auch im Westen eine gute Presse.
Ebenso wie die Perser war allerdings auch das Byzantinische Reich durch die langen Kriege an mehreren Fronten geschwächt. Dem Sturm, der aus der arabischen Halbinsel aufzog, konnte auch Herakleios wenig entgegensetzen. Wir werden uns den Aufstieg und die Entwicklung des islamischen Reiches ja noch genauer ansehen, insofern beschränken wir uns an dieser Stelle auf das, was die Byzantiner erlebten.
Die Araber entscheiden für die Christen
Im Inneren hatte Herakleios wie viele seiner Vorgänger mit den unterschiedlichen Auslegungen des christlichen Glaubens zu kämpfen. Zwischen den Miaphysiten, die Jesus eine eindeutig göttliche Natur zusprachen, und den Orthodoxen, die das Bild zweier Naturen predigten, einer menschlichen und einer göttlichen, die jedoch unvermischt nebeneinander existierten, konnte auch er den Streit nicht schlichten. Der Kompromissvorschlag, der von »einem Willen« sprach, setzte sich trotz der Bemühungen des Patriarchen Sergios und des Papstes nicht durch. Dieses Problem wurde dann wenig später durch die Araber gelöst, die die Provinzen, die dem Miaphysitismus anhingen, eroberten. So blieb gewissermaßen per unnatürlicher Auslese der Orthodoxismus bestehen.
Stress mit der Kirche hatte der Kaiser auch aus persönlichen Gründen. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er seine Nichte Martina (gest. nach 641) und setzte sich so dem Vorwurf der Inzucht aus. Herakleios ließ sich spätestens ab 629 auch nicht mehr als Imperator augustus, sondern als Basileus ansprechen, seit Homer der Begriff für Herrscher oder König. Eine solche Titulatur war im Römischen Reich ja über Jahrhunderte verpönt gewesen. Aber the times they are a-changin' und das Byzantinische Reich stand immer mehr auf den Füßen der griechisch-hellenistischen Kultur, das Lateinische war als offizielle Sprache verschwunden. Wir werden künftig also keinen Konstantin als Kaiser mehr sehen, sondern noch den ein oder anderen Konstantinos. Die Zählung setzt dabei aber nicht neu auf.
Niederlagen gegen die Araber
Die nächste Krise stand allerdings schon vor der Tür. Mohammed war 632 gestorben, zunächst gefolgt von seinem Schwiegervater Abu Bakr (um 573 bis 634, reg. 632 bis 634). Unter dessen Nachfolger Umar ibn al-Chattab (592 bis 644, reg. 634 bis 644) begannen dann die islamisch-arabischen Eroberungskriege. Vor allem die Jahre zwischen 634 und 639 waren von der immer weiter vordringenden Expansion der islamischen Streitkräfte geprägt.
Herakleios hatte das nicht kommen sehen und nach dem Erfolg gegen die Perser begonnen, seine teure Armee zu demobilisieren. Nun stand er im relativ kurzen Hemd da. 635 fiel Damaskus, am 20. August 636 verlor er eine entscheidende Schlacht am Yarmuk, die ganz Syrien in arabische Hände fallen ließ. Jerusalem und Palästina hielten sich ein wenig länger, mussten aber 638 ebenfalls kapitulieren. Die byzantinischen Teile Mesopotamiens gingen 639/640 verloren und am 28. November 641 wurde durch den Patriarchen Kyros von Phasis (gest. um 642) formell die Herrschaft Ägyptens an die Araber übertragen.
Das bekam Herakleios nicht mehr mit, er war bereits am 11. Februar 641 verstorben. Das Byzantinische Reich umfasste jetzt noch Süditalien, Kleinasien, Teile des Balkan und Nordafrikas. Spätestens jetzt war die Spätantike vorbei und wir haben den Schritt ins frühe Mittelalter getan. Das nächste Mal sehen wir dann Herakleios' Nachfolger um Kleinasien kämpfen. Die Araber waren ja noch dabei, sich warmzulaufen …