· 

(55) …bei Issos Keilerei

Machtübernahme

Alexander wurde am 20. Juli 356 v. Chr. geboren. Zwanzig Jahre später war er makedonischer König. Kurz vor seinem 33. Geburtstag starb er am 10. Juni 323 v. Chr in Babylon. Die 13 Jahre seiner Herrschaft waren nicht die ruhigsten in der Weltgeschichte.

 

Alexanders Thronfolge war zu Beginn nicht unumstritten. Zwar holte sein Vater Aristoteles als Erzieher an den Hof nach Pella, was sicherlich als Vorbereitung auf eine spätere Herrschaft interpretiert werden kann. Da jedoch Alexanders Mutter Olympias keine geborene Makedonin war, hofften die Familien der anderen (mindestens) sechs Frauen Philipps, dass der künftige König aus ihren Reihen komme. Insbesondere Attalos (etwa 390 bis 336 v. Chr.), dessen Nichte Kleopatra Eurydike (um 353 bis 336 v. Chr.) Philipp zu seiner siebten Frau gemacht hatte, schien hier Ehrgeiz zu entwickeln. Zwar fehlte noch der entsprechende Nachwuchs, aber die Ehe war ja noch jung. Um ganz sicher zu gehen, nicht durch einen Anschlag aus dem Weg geräumt zu werden, flohen Alexander und seine Mutter 337 v. Chr. vorsichtshalber aus Pella für ein halbes Jahr nach Illyrien. Die Konkurrenz um die Thronfolge war damit natürlich nicht ausgeschaltet.

 

Dass die Machtübergabe nach Philipps Tod dann doch reibungslos verlief, hatte Alexander dem Heer zu verdanken, das sich unter der Führung des Feldherrn Antipatros (um 400 bis 319 v. Chr.) geschlossen hinter ihn stellte. Sein erfolgreicher Einsatz in der Schlacht von Chaironeia mag hier durchaus eine Rolle gespielt haben.

Gerüchte, dass Alexander und/oder seine Mutter hinter dem Mordanschlag auf seinen Vater stecken könnten, gab es immer wieder. Ausschließen können wir es nicht. Ein Motiv wäre, dass sie eine günstige Konstellation für eine erfolgreiche Machtübernahme sahen und diese vor dem Hintergrund all der potentiellen Konkurrenten nicht verstreichen lassen wollten.

Dass Alexander ein Mann der Tat war, zeigte sich spätestens nach der Thronbesteigung. Er machte sich sofort daran, potentielle Konkurrenten auszuschalten. Attalos wurde in seinem Feldlager ermordet. Ein Vetter, obwohl dieser keinerlei Ansprüche erhoben hatte, musste ebenfalls dran glauben. Caranus (337/336 bis 336 v. Chr.), ein Halbbruder, vielleicht der Säugling von Kleopatra Eurydike, diese selbst, jeder der irgendwie als möglicher Anwärter für den makedonischen Thron in Frage kam, wurde gemeuchelt. Wir zweifeln ein wenig an der Werthaltigkeit der aristotelischen Ausbildung.

 

Konsolidierung der Herrschaft: im Norden…

Alexander wusste auch, dass er sich nicht bedingungslos auf die Gefolgschaft der von seinem Vater unterworfenen Völker und Städte verlassen konnte. Zwar ließ er sich vom Korinthischen Bund bereits 336 v. Chr. erneuernd als Hegemon bestätigen, musste jedoch dann im Norden gegen die Thraker und Illyrer vorgehen, die sich der makedonischen Herrschaft entledigen wollten. 335 v. Chr. gelang ihm dies mit einem Feldzug nach Bulgarien und Rumänien, der ihn bis über die Donau führte.

 

…und im Süden…

Da er im Norden hinreichend beschäftigt war, dachten sich die Griechen im Süden, dass sie nun die Chance hätten, ihre alte Freiheit wiederzugewinnen. Wieder war es Demosthenes, der in Athen die Stimme gegen die makedonische Herrschaft erhob. Auch Theben wollte diese vermeintliche Gelegenheit nutzen und vertrieb die makedonische Besatzung. Alexander, gerade mit den Illyrern fertig geworden, machte auf dem Absatz kehrt und zog gen Süden. Theben wurde erobert und zerstört, allein die Heiligtümer und das Haus des Dichters Pindar (etwa 518 bis 438 v. Chr.) wurden verschont. 6.000 Thebaner fanden den Tod, die restlichen 30.000 wurden in die Sklaverei verkauft. Die ruhmvolle thebanische Geschichte nahm so ihr Ende, keine 30 Jahre nachdem die Stadt der unbestrittene Anführer der freien Griechen gewesen war und etwa zehn Jahre, nachdem man Philipp im Dritten Heiligen Krieg gegen die Phoker zu Hilfe gerufen hatte. Sic transit gloria mundi… Zumindest den anderen Poleis war das Schicksal der Thebaner eine Lehre, sie dachten kurz nach, was nun klug wäre und versammelten sich dann erneut hinter Alexander. Der sah von irgendwelchen Strafgerichten gegen Aufständische ab, er brauchte die griechischen Soldaten für den Persienfeldzug.

 

…und dann nach Osten

Diesen Plan hatte schon sein Vater gehabt und bereits 336 v. Chr. ein Expeditionskorps nach Kleinasien geschickt, das auch mehrere Städte erobern, sich letztlich aber insgesamt nicht gegen den persischen Statthalter behaupten konnte. Auch wenn es ein wenig wie Hybris klingt, das riesige persische Reich angreifen zu wollen, steckte dahinter doch auch real- und machtpolitisches Kalkül. Die Feindschaft zu den Persern einte alle Griechen. Philipp plante insofern ein Projekt, welches die Ressourcen aller erforderte und das auch moralisch-kulturell von der gesamten griechischen Welt getragen wurde. Die Gefahr von Aufständen und Erhebungen gegen die makedonische Herrschaft war somit deutlich geringer. Zudem lockten im Erfolgsfall reiche Beute und die Reputation als Befreier Ioniens. Man würde sehen, wie weit man kam und konnte im Zweifel immer noch mit dem Großkönig über einen Frieden verhandeln. Dass nach all den Erfolgen und bei dem Charakter Philipps dieser ob der Größe der Aufgabe schlaflose Nächte hatte und die Möglichkeit eines totalen Scheiterns einkalkulierte, können wir ausschließen.

 

Es geht los

Die Idee, Persien anzugreifen, hatte Alexander also von Philipp geerbt. Es gab aber auch einen gewissen moralischen Handlungsdruck, da er die Truppen, die sein Vater bereits nach Kleinasien geschickt hatte, nicht ihrem Schicksal überlassen konnte. Sein Ansehen als Staats- und Heerführer hätte doch deutlich gelitten.

Im Mai 334 v. Chr. überquerte Alexander mit etwa 35.000 Soldaten und 7.000 Reitern aus Makedonien, dem Balkan und Griechenland die Meerenge des Hellespont.

 

Unruhe in der Heimat

In der Heimat ließ er seinen Vertrauten Antipatros zurück – und seine Mutter. Dies ist insoweit erwähnenswert, als sich die beiden Daheimgebliebenen gar nicht gut verstanden. Alexander widerstand in den gesamten nächsten zehn Jahren den immer wieder geäußerten Wünschen Olympias‘, Antipatros abzusetzen. Sowohl mit dem General als auch mit seiner Mutter pflegte er über die ganze Zeit hinweg ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis, so wir den überlieferten Briefen trauen können. Ein Vertrauen, dass die beiden zueinander nicht fanden. Olympias ging zwischenzeitlich sogar ins Exil nach Epirus an der nordgriechischen Westküste, wo ihre Tochter Kleopatra (355/354 bis 308 v. Chr.) mit ihrem Gatten und Onkel Alexander I. von Epirus (um 370 bis 331 v. Chr.), einem Bruder Olympias‘, regierte. Alexander I. starb auf einem Italienfeldzug, in Folge verdrängte Olympias ihre Tochter aus der Herrschaft in Epirus, so dass diese 325 v. Chr. nach Makedonien ins Exil ging. Verkehrte Welt.

 

324 v. Chr. wurde Antipatros dann doch von Alexander seiner Regentschaft enthoben, allerdings nicht unehrenhaft. Nachfolger wurde Krateros (um 370 bis 321 v. Chr.). Diese Ablösung von Antipatros kam letztlich zu spät für Olympias, da Alexander kurz danach starb, wodurch sie sich ihrer herausgehobenen Stellung beraubt sah. Antipatros und Krateros arbeiteten zudem gut zusammen, sie konnten eine nach Alexanders Tod aufflammende Erhebung der griechischen Städte trotz anfänglicher Rückschläge gemeinsam niederschlagen. Antipatros war bei Alexander auch nicht in Ungnade gefallen, er sollte weiter einer der bedeutenden Heerführer sein und nach Babylon zu Alexander ziehen. Nach dessen Tod erübrigte sich das zwar, er spielte in den folgenden Diadochenkriegen dann aber eine gewichtige Rolle. Doch wir greifen vor. An dieser Stelle wollten wir nur, bevor wir uns mit Alexander auf seinen langen Zug durch Asien begeben, nicht versäumen, die bewegte Geschichte in seiner Heimat zu erwähnen.

 

Ein Blick auf die Karte zeigt uns die unglaubliche Dimension dieses Feldzuges. Wir werden uns auf die wichtigsten Passagen beschränken müssen.

 

Erster Erfolg am Granikos

Der erste Erfolg kam mit dem Sieg in der Schlacht am Granikos, einem Zufluss zum Marmarameer, im Mai 334 v. Chr. Es war der Türöffner für den Zug an der kleinasiatischen Westküste gen Süden und die damit verbundene Befreiung der ionischen Städte. Ein wesentliches Kriegsziel war somit schnell erreicht. Positiver Nebeneffekt war, dass er durch die Reichtümer, die er in den Städten wie Ephesos fand, bequem seine Soldaten bezahlen konnte. Immerhin benötigte er pro Tag 200 Kilogramm Silber, um alle Soldaten entlohnen zu können. Hinzu kamen noch die Aufwendungen für Versorgung, Material, Unterbringung und dergleichen, Alexanders Quartiermeister hatte hinreichend zu tun.

 

Bündnis mit Ada

Milet war in diesem Krieg – wie schon früher – etwas Besonderes und ergab sich nicht sofort. Der dortige persische Satrap hoffte auf Unterstützung durch eine Flotte von 400 Schiffen. Die Hoffnung war vergebens, zumal Alexander den Hafen mit seinerseits 160 Schiffen blockieren konnte. Milet fiel und es ging weiter zur Hauptstadt Kariens Halikarnassos, wo sich der persische Oberbefehlshaber Memnon (380 bis 333 v. Chr.), ein Grieche aus Rhodos, zurückgezogen hatte. Die Türkei-Touristen kennen den Ort als Bodrum. Diese Belagerung war eine der schwierigeren und dauerte mehrere Monate bis in den Herbst 334 v. Chr. Alexander verbündete sich dabei mit Ada (gest. vor 323 v. Chr.), einer karischen Herrscherin, die von ihrem Bruder gestürzt worden war und mit makedonischer Hilfe wieder an die Macht kommen wollte. Das gelang letztlich auch und hatte für Alexander den schönen Nebeneffekt, dass er sich die Unterstützung des gesamten karischen Volkes sichern konnte. Ob Ada ihn wirklich adoptiert hat, wie man erzählt? Man mag es glauben oder nicht. Die Kämpfe um die Stadt waren verlustreich, es gab sogar – einmalig in Alexanders Geschichte – einen zwischenzeitlichen Waffenstillstand, um die Gefallenen zu bergen.

 

Nachdem er es endlich geschafft hatte, verzichtete Alexander auf ein Winterquartier und zog weiter. Um die letzten persisch gehaltenen Befestigungen mussten sich Ada und sein Offizier Ptolemäus (4. Jh. v. Chr., Sohn des Philippos) kümmern, den er mit immerhin 3.000 Soldaten zurückließ. Memnon entkam. Dareios III. übertrug ihm den Oberbefehl über die persische Flotte in der Ägäis, wo er die Versorgungslinien Alexanders stören sollte. Zudem bemühte er sich, einen von Sparta in Griechenland initiierten Aufstand gegen die Makedonen zu fördern. Konkret besetzte er die Inseln Chios und Lesbos. Dort starb er allerdings bereits 333 v. Chr. bei der Belagerung von Mytilene. Nach seinem Tod wurde die Flotte bald aus der Ägäis zurückgerufen, um die Kräfte gegen den immer weiter vorstoßenden Alexander zu konzentrieren. Dareios war, wie wir schon wissen, erst 336 v. Chr. – also im selben Jahr wie der 25 Jahre jüngere Alexander – eher zufällig im Rahmen einer größeren Palastintrige an die Macht gekommen, hatte sich dort dann aber mit Klugheit und auch ein wenig Brutalität behaupten können.

 

Issos

Zum ersten Show-down zwischen den beiden Königen sollte es bei Issos kommen. Vorher zog Alexander noch durch das Innere Kleinasiens, löste auf elegant-brutale Art den Gordischen Knoten, sorgte für hinreichend Nachschub und eroberte schließlich die kilikische Hauptstadt Tarsos, wo er bis Oktober 333 v. Chr. blieb.

 

Dort erreichte ihn die Nachricht, dass Dareios nunmehr mit einem großen Heer aus Persien selbst unterwegs war, um ihn zu stellen. Die Versuche, Alexander mit den Truppen der kleinasiatischen Satrapen besiegen zu können, waren offensichtlich gescheitert. Bei Issos nahe der heutigen Kreisstadt Dörtyol am Golf von Iskenderun, bildlich gesprochen in der Kurve zwischen Kleinasien und der Levante trafen die Heere aufeinander. Alexander hatte in Issos Verwundete gelassen und war an der Küste weiter nach Süden marschiert, Dareios auf der anderen Seite des Küstengebirges nach Norden. Auch wenn er auf diese Weise den Ort Issos einnehmen konnte, war dies im Nachhinein betrachtet kein Vorteil. Eigentlich hatte er Alexander auf einer nahe gelegenen Ebene zur Schlacht stellen wollen, wo er seine zahlenmäßige Überlegenheit gut hätte ausspielen können. Forscher gehen auf der persischen Seite von etwa 100.000 Soldaten aus, Alexander mag über etwa 30.000 verfügt haben. Issos lag an der Küste, bis zu den Bergen sind es nur zwei bis drei Kilometer – nicht viel Platz für eine breite Front. Als Alexander spitzbekam, dass Dareios in seinem Rücken stand, machte er kehrt und trieb seine Truppen zurück nach Norden, nach Issos.

 

Die Schlacht zog sich hin, beide Seiten hatten auf bestimmten Frontabschnitten Erfolge. Letztlich entscheidend war, dass Dareios floh, als die makedonischen Kämpfer, vielleicht sogar Alexander selbst, in seine Nähe kamen. Die Flucht des Großkönigs erschütterte die Moral der Perser und da Alexander auf der anderen Seite für alle seine Soldaten ein kämpferisches Vorbild war und durch kluge Entscheidungen bedrängte Truppenteile unterstützen konnte, stiegen Kampfkraft und Siegeszuversicht bei den Makedonen. So zogen sich die Perser zurück, obwohl die Schlacht eigentlich noch nicht verloren war. Alexander setzte nach und richtete unter den Fliehenden ein Blutbad an. Das ihm mitunter zugesprochene Mitgefühl gegenüber seinen Gegnern hatte wohl auch Grenzen.

 

Die Folgen dieses Sieges waren beträchtlich. Parmenion (etwa 400 bis 330 v. Chr.), ein Heerführer und Vertrauter Alexanders, zog bis nach Damaskus und erbeutete die Reichskasse des persischen Großkönigs. Das sicherte weiterhin die Bezahlung und Loyalität der makedonischen Soldaten. Zudem gerieten die Mutter des Dareios, seine Schwester Stateira (gest. 323 v. Chr.), die gleichzeitig seine Ehefrau war, sowie zwei seiner Töchter in makedonische Gefangenschaft. Überlege also genau, was und wen Du mitnimmst, wenn es heikel werden könnte. Man weiß nie, wie es ausgeht.

 

Die Überraschung war nicht nur bei den Persern groß, jeder hatte mit einem Sieg des übermächtigen Großreichs gerechnet. Alexander kam immer mehr in den Ruf eines Lieblings der Götter, die vielen Siege, die Lösung des Gordischen Knotens, seine geniale Schlachtführung: Der Nimbus der Unbesiegbarkeit wuchs.

 

Das nächste Mal begleiten wir Alexander nach Ägypten. Da waren wir ja auch länger nicht.