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(18) Erste Hochkulturen - Sumerer

Mesopotamien

In einem seiner vielen Abenteuer verschlägt es Asterix mit seinem Kumpel Obelix auch in den Nahen Osten und die Wüste Syriens. Hier tauchen laufend Stoßtrupps auf, die sich wechselweise bekriegen: Meder, Akkader, Sumerer, Assyrer und und und. Das ist zwar genrebedingt sehr frei dargestellt, aber keineswegs nur falsch. Das fruchtbare Zweistromland weckte Begehrlichkeiten bei allen, die in seiner Nähe lebten. Es herrschte ständig Krieg und so wechselten die Herrschervölker häufiger. Sei also nicht zu sehr verwirrt, wenn es in der nächsten Zeit etwas hin und her geht.

 

Wir bewegen uns im Folgenden hauptsächlich in der Region zwischen Euphrat und Tigris, einem fruchtbaren Landstrich zwischen der arabischen Wüste im Westen und den iranischen Bergen im Osten, heute zum größten Teil das Gebiet des Iraks. Der nördliche Teil – Assyrien – hat ein eher raues Klima, hügeliges Hochland mit kalten Wintern, aber fruchtbaren Böden. Im Süden – Babylonien – finden wir eher das Klima, das wir Mitteleuropäer uns vorstellen, wenn wir vom Mittleren Osten hören. Heiße, trockene Sommer und milde, regenreiche Winter. Assyrien und Babylonien haben ihren Namen durch die entsprechenden zentralen Städte erhalten – Assur und Babylon. Die Griechen nannten die gesamte Region Mesopotamien – Zweistromland. Dieser Begriff hat sich erhalten. Durch die regelmäßigen Überschwemmungen der beiden Flüsse ist Babylonien sehr fruchtbar und sehr flach. Jeder Versuch eines Hügels, in dieser Gegend eine Existenz aufzubauen, wurde spätestens im nächsten Frühjahr weggeschwemmt. Wasser ist da ja gnadenlos. Aufgrund der langen, niederschlagslosen Sommer mussten die Felder in dieser Zeit bewässert werden. Im Laufe der Jahrhunderte wurde ein komplexes Bewässerungssystem entwickelt, das jedoch, wie wir schon gesehen haben, den schleichenden Tod der Region förderte. Dass die Geschichte in den beiden Jahrtausenden vor unserer Zeitrechnung durch diese schleppende Versalzung beeinflusst worden ist und den letztlichen Niedergang der Babylonier und Assyrer verursacht hat, ist nicht unwahrscheinlich.

 

Zu Beginn der Geschichte war das alles natürlich kein Problem und die Fruchtbarkeit Mesopotamiens war ein Pfund, mit dem man wuchern konnte. Selbst in der Bibel finden wir Hinweise, wenn vom Paradies Eden gesprochen wird. »Eden« ist sumerisch, heißt »Wüste, Steppe«. Gu-an Eden ist dann der "Himmlische Steppenrand" oder das "Grüngebiet am Rande der Steppe", also das Paradies in Eden. Gemeint ist damit das Zweistromland hinter der arabischen Wüste und vor den unwirtlichen Bergen. Diese Ableitung führt dann auch zu der naheliegenderen hebräischen Quelle der Bibel. Dort bedeutet das Wort Eden "Wonne(land)".

 

Insgesamt profitierte Mesopotamien insbesondere in der Frühgeschichte der Menschheit von seiner exponierten Lage im Fruchtbaren Halbmond. Hier war frühzeitig Ackerbau möglich und es gab zähmbare Tiere, vor allem Schafe und Ziegen. Die Bedingungen für den Schritt vom Jäger und Sammler zum Bauern, zur Sesshaftigkeit als Vorbedingung einer zivilisatorischen Entwicklung waren also überaus günstig.

 

Ur – Geschichte

Die ersten bekannten Wandmalereien in Mesopotamien stammen aus dem 7. oder dem 6. Jahrtausend v. Chr., jedoch sind menschliche Siedlungsformen auch aus der Zeit davor nachgewiesen.

Wenn wir uns an dieser Stelle etwas merken wollen, dann vielleicht, dass die Entwicklung ihren ersten Schwerpunkt im Norden hatte, sich jedoch ab Mitte des 5. Jahrtausends nach Süden zu verlagern scheint. Als ein Indiz hierfür benennen die Archäologen, dass die dort gefundene, auf diese Zeit datierte Obed-Keramik qualitativ bedeutend schlechter gewesen sei. Ein Irrtum der Wissenschaftler? Keineswegs. Ein Schreibfehler des Autors? Ich bitte Dich. Der Schluss funktioniert so: Es handelt sich um Massenware, die auch in entfernteren Regionen gefunden wurde (Iran, Syrien, Kleinasien). Wer so etwas herstellt, tut dies, um Handel damit zu treiben. Wer Handel treibt, hat Zeit dazu. Seine Grundbedürfnisse (Wohnen, Essen, Schlafen) sind gesichert und er steht damit auf einer höheren Stufe der Zivilisationspyramide. Gar nicht so dumm, diese Archäologen, was? Denke mal drüber nach, über diesen Zusammenhang zwischen Qualität und Zivilisation.

 

Die Handelsbeziehungen gingen bis an die Ostsee. Von dort wurde im Gegenzug Bernstein importiert, wir finden ihn in Siebenbürgen bis hin zum Indusdelta. Zur Organisation von Wirtschaft und Handel hatte man ja bereits die Schrift erfunden. Gerechnet wurde auch, und zwar in Sechziger-Schritten, wie wir es heute noch bei der Zeitmessung und in der Geometrie tun. Der Lehrsatz des Pythagoras (um 570 bis 495 v. Chr.) war bekannt, bevor dieser geboren wurde und auch die Kreiszahl π wurde mit 3,125 in einer hohen Genauigkeit benutzt, der reale Wert liegt ja bei 3,14159… Der Kalender orientierte sich am Mondumlauf und kannte Monate mit 29 oder 30 Tagen, so dass ab und zu Schaltmonate eingefügt werden mussten. Die Astronomie spielte eine große Rolle, da man sich aus dem Lauf der Sterne Hinweise auf künftige Ereignisse erhoffte. Das erste uns bekannte persönliche Horoskop stammt aus Babylonien, allerdings "erst" aus dem Jahr 410 v. Chr.

 

Die Sumerer

Wenn Du einen Sumerer fragen und seine Antwort verstehen könntest, würde er Dir erklären, dass diese Überschrift vollkommen falsch ist. Er würde über Saggeggega oder Saggiga sprechen wollen, was übersetzt »Schwarzköpfige« heißt und die Eigenbezeichnung der Sumerer war. Ihr Land nannten sie Kengir. Die Bezeichnung "sumer" selbst kommt aus dem Akkadischen und meint die Bewohner des südlichen Mesopotamiens.

Sprachanalysen stützen die Theorie, dass es sich bei den Sumerern um eine aus dem Osten zugewanderte Volksgruppe handelte. Das Sumerische agglutiniert nämlich, d. h. zur Bildung grammatischer Formen wird nicht der Wortstamm gebeugt, sondern es werden Endungen verwendet. Dies geschieht beispielsweise auch im Finnischen, im Ungarischen, im Türkischen und im Mongolischen. Der Ursprung dieser Sprachen wird im ferneren Osten vermutet. Da es aber inhaltlich, beispielsweise bei den Zahlwörtern, wenig Verwandtschaft zwischen dem Sumerischen und anderen aus den nordöstlichen Steppen stammenden Sprachen gibt, gehen viele auch von einem lokalen Ursprung dieses Volkes aus. Wahrscheinlich war es eine Symbiose beider Möglichkeiten. Lokale Gruppen haben sich mit eingewanderten Stämmen vermischt und aus den Sprachen beider entstand eine neue. Wir werden es noch häufiger erleben, dass in der Geschichte Völker plötzlich aus dem Nordosten auftauchen und für Unruhe und Veränderungen sorgen. 

 

Wie auch immer. Die Sumerer siedelten in Babylonien, also im südlichen Teil Mesopotamiens. Dafür mussten sie lernen, mit den örtlichen Gegebenheiten umzugehen, was zum einen hieß, in den schilfbestandenen Sümpfen überhaupt festen Grund für Siedlungen zu schaffen, und zum anderen, mit den Überflutungen von Euphrat und Tigris zurecht zu kommen, die nach der Schneeschmelze zu reißenden Strömen wurden. Auf der 350 Kilometer langen Strecke vor der Mündung gab es nur ein Gefälle von 34 Metern, was dazu führte, dass die Flüsse immer wieder ihren Lauf änderten. Auf die Affinität von Lehmziegeln zu Wasser hatten wir bereits hingewiesen. Zudem gab es Schwierigkeiten, da der Wasserspiegel des Persischen Golfes sank. Euphrat und Tigris flossen schneller, es blieb weniger Wasser zum Bewässern, die Systeme wurden aufwendiger und kostspieliger. Aus diesem äußeren Druck schlossen sich die Menschen zu immer größeren Gemeinwesen zusammen, um diese lebensnotwendige Aufgabe gemeinsam besser meistern zu können. Städte entstanden.

 

Wir überspringen an dieser Stelle auch wieder frecherweise einige Kulturstufen, die in die Urgeschichte Babyloniens zurückreichen. Sie unterscheiden sich durch Keramikformen und -bemalungen. Nach der Eridu-Stufe (bis etwa 5000 v. Chr.) kamen die Obed-Stufe (bis 4000 v. Chr.) und die Uruk-Stufe (bis etwa 3000 v. Chr.).

 

Uruk

Uruk war die größte Stadt am Unterlauf des Euphrat, das bereits 3500 v. Chr. ein größeres urbanes Zentrum gewesen ist. Bekannt sind die sumerischen Städte durch ihre Zikkurats, das sind gestufte, massige Tempeltürme. Die ersten lassen sich bereits in Uruk nachweisen. Das berühmteste Exemplar ist sicher der 91 Meter hohe, siebenstufige Turm zu Babel, der im 6. Jahrhundert v. Chr. durch Nebukadnezar II. (640 bis 562 v. Chr., reg. 605 bis 562 v. Chr.) fertiggestellt wurde. Er ist auch als Etemenanki bekannt, was so viel heißt wie »Haus der Fundamente von Himmel und Erde«, und hatte Vorläufer, die bis ins 2. Jahrtausend v. Chr. vermutet werden.

Die Wirkung der Zikkurats wird im Wesentlichen durch ihre »Massigkeit« hervorgerufen. Diese war jedoch im Grunde lediglich eine technische Notwendigkeit, keine rein künstlerisch gewollte Form. Durch die Verwendung von getrockneten Lehmziegeln als zentrales Baumaterial mussten die tragenden Mauern äußerst dick sein. Die oberste Etage bildete den eigentlichen Tempel, in dem dann der Hauptgott Marduk wohnte – spärlich möbliert. Nur Tisch und Bett gönnte man ihm – und hie und da eine Frau für eine rituelle heilige Hochzeit, wie die dann wie auch immer vonstattengegangen sein mag. Deutlich komfortabler waren die Königspaläste: fahrbare Öfen, Bäder, Kühlvorrichtungen, Teppiche, Wandbehänge, also alles, was das Herz begehrt.

Uruks Königslisten weisen bis etwa 2770 v. Chr. zurück. Sechs Dynastien regieren bis 1802 v. Chr. Dann wird die Stadt vom benachbarten Larsa erobert und fällt anschließend an das Babylonische Reich.

 

Auch wenn wir uns jetzt in der Zeit der Geschichtsschreibung wähnen, herrscht bei der genauen Datierung der einzelnen Ereignisse weiterhin eine große Unsicherheit. Inwieweit die überlieferten Königslisten hier eine wirklich genaue und belastbare Quelle sind, darf bezweifelt werden. Mitunter helfen Hinweise auf berechenbare astronomische Ereignisse wie Sonnenfinsternisse, bei entsprechenden Funden kann die Radiokarbon-Methode angewendet werden, die auch als C14-Methode bekannt ist. Sie misst in abgestorbenen organischen Materialien die Abnahme der gebundenen radioaktiven C14-Atome, die dort in einer gesetzesmäßigen exponentiellen Geschwindigkeit zerfallen, während sie in lebenden Organismen sich immer wieder durch die Aufnahme von neuem Kohlenstoff aus der Umwelt erneuern. Auf den Tag genau kann allerdings auch diese Methode keine Ergebnisse liefern. In der Wissenschaft haben sich aufgrund dieser Unsicherheiten unterschiedliche Chronologien entwickelt. Ich kann nicht ausschließen, dass ich hier bei der Nutzung unterschiedlicher Quellen auch auf unterschiedliche Zeitfolgen abhebe, die dann nicht so ganz zueinander passen. Ich suche das natürlich zu vermeiden, aber der Mensch ist fehlbar. Lies die Zahlen also mit gebotener Vorsicht.

 

Die Größe von Uruk lässt sich aus dem der Sage nach von Gilgamesch errichteten fast 10 Kilometer langen Mauerring mit seinen mehr als 900 Wehrtürmen ableiten. Sie wird auf bis zu 100.000 Einwohner geschätzt. Regiert wurde durch sogenannte Priesterfürsten, über deren Frisur und Barttracht wir zwar einiges wissen, die genauen Herrschaftsstrukturen liegen jedoch leider noch im Dunkeln. Da lassen wir sie mangels Alternative denn auch.

 

Es existierten viele einzelne Städte, in denen sich durch intensive Gärtnerei und Landwirtschaft Überschüsse ergaben, die getauscht oder verkauft werden konnten. Die Herrschaftsbereiche blieben auf die Städte selbst beschränkt. Territorialstaaten entwickelten sich noch nicht, auch wenn die Städte nicht nur untereinander Handel trieben, sondern durchaus auch Konflikte austrugen. Vermutlich ging es dabei vornehmlich um den Zugriff auf die kritische Ressource, das Wasser. Die Details sparen wir uns, auch wenn wir dann von Orten wie Tutup, Schuruppak oder Kutha nichts mehr hören werden. 

Neben der Schrift erfanden die Sumerer auch das Rollsiegel, einen Tonzylinders, der eingefärbt und abgerollt als persönliche »Unterschrift« des Inhabers diente. Für die Archäologen sind diese persönlichen Siegel eine wichtige Quelle zur Datierung.

 

Gilgamesch

Der berühmteste Sumerer war Gilgamesch, er taucht um 2700 v. Chr. in den Königslisten von Uruk auf. Wir wissen nicht, ob es ihn wirklich gegeben hat, oder ob er lediglich eine literarische Figur ist, die uns aufgrund des nach ihm benannten Epos – eine der ältesten überlieferten Dichtungen der Welt – bis heute vertraut geblieben ist.

Ganz kurz die Geschichte: Gilgamesch herrscht in Uruk und unterdrückt die dortige Bevölkerung. Die Götter schaffen als Gegengewicht Enkidu, der erst fast als Tier in der Steppe lebt, sich jedoch – unter anderem durch den Kontakt mit einer Hure, was uns immer das sagen mag – immer mehr zu einem menschlichen Wesen entwickelt. Die Rechnung der Götter geht nicht auf, im Gegenteil. Gilgamesch und Enkidu werden Freunde und stören sogar die Kreise des Götterherrschers Enlil, indem sie den Wächter des Zedernwaldes töten und auch den als Rache entsandten Himmelsstier erledigen. Enlil lässt nicht mit sich spaßen und schlägt Enkidu mit einer tödlichen Krankheit. Gilgamesch gerät ins Grübeln über die Sterblichkeit und fragt sich und einen Weisen namens Utnapischtim, ob sich das mit dem Sterben nicht irgendwie umgehen ließe. Die ganzen Abenteuer, um den Weisen zu finden, überspringen wir und auch die, die notwendig sind, das unsterblich machende Gewächs vom Meeresboden heraufzuholen. Wie in der Bibel ist es auch hier eine Schlange, die alles verdirbt, in dem sie Gilgamesch die Pflanze auf dem Rückweg stiehlt. Die Moral: So stark ein Mensch auch sein kann, gegen die Götter ist kein Kraut gewachsen.

 

Götter

An dieser Stelle können wir uns vielleicht einen kurzen Blick in das Pantheon des Zweistromlandes gönnen. Götter dienten dazu, die vielen merkwürdigen Phänomene der Welt in einen Erklärungszusammenhang zu bringen. Die Götterwelt wurde dabei nach menschlichem Vorbild geformt, Lebensweise und Erscheinung wurden nicht hinterfragt. Der Hauptunterschied zum Menschen lag in der Unsterblichkeit und der nahezu unbegrenzten Macht. Aber die Götter lebten ebenso wie die Menschen in einem Herrschaftssystem mit einem Hauptgott an der Spitze, einer königlich-göttlichen Familie, wichtigen Nebengöttern und einer Reihe von Randfiguren. Je nach Stadt wurden unterschiedliche Hierarchien gebildet, aber bereits seit dem 3. Jahrtausend existierte ein gemeinsames Pantheon ganz Mesopotamiens.

Durch diese Konstruktion der Götterwelt vollzogen sich dort natürlich in ähnlicher Weise ebenso politische Umwälzungen wie zwischen den Städten und Staaten. So stand zu Beginn Enlil an der Spitze, gefolgt von seinem Bruder Enki und der Muttergottheit Ischtar. Wenn Du in Berlin schon mal im Pergamon-Museum auf der Museumsinsel warst, erinnerst Du bestimmt das beeindruckende blaue Ischtar-Tor aus Babylon. Während der Kassitenherrschaft verdrängte Marduk Enlil, und je stärker die Assyrer wurden, desto mehr dominierte ihr Hauptgott mit dem phantasiereichen Namen Assur. Die Probleme, die entstehen konnten, wenn man in diese Hierarchie eingriff, haben Assyrer und Perser am Beispiel des Marduk-Kultes der Babylonier lernen können. Wir kommen darauf zurück.

 

Gab es anfangs über eintausend Gottheiten, bewährte sich hier auch der pragmatische Sinn der Mesopotamier. Bis zum Beginn des 2. Jahrtausends verschmolzen sie ähnliche Gottheiten zu einer und ließen unwichtige, die sich nicht bewährt hatten, einfach weg. So viel zur Unsterblichkeit von Göttern. Ischtar verdrängte die restlichen weiblichen Göttinnen, ihr Ressort erweiterte sich und vereinte schließlich so nahe beieinander liegende Dinge wie die Liebe, die Zwietracht und den Krieg. Als Kriegsgöttin wurde sie mit Bart und Sichelschwert dargestellt, als Liebesgöttin mit hochgehobenem Gewand oder den Händen an den Brüsten.

Wie üblich wurden die Götter in Tempeln verehrt, wobei die Transzendenz noch nicht sehr weit fortgeschritten war. Es wurde beispielsweise real gekocht. Vier Mahlzeiten am Tag waren die Regel, zwei große, zwei kleine. Die Ernährungs-Docs schütteln bei vier Mahlzeiten skeptisch mit dem Kopf. Wir können sie nur insoweit beruhigen, dass es wider alles Erwarten keine Götterspeise gab. Die reale Verköstigung hatte ihren Grund in der Vorstellung, dass der Mensch von den Göttern erschaffen sei, um ihnen die niederen Dienste wie etwa das Kochen abzunehmen. Das Atramchasis-Epos erzählt diese Geschichte als die eines götterinternen Klassenkampfes zwischen den niederen und den höheren Göttern, den Enki durch die »Erfindung des Menschen« beendet. Vieles in diesem Epos kommt uns irgendwie bekannt vor, wenn z. B. Enlil die Menschheit durch eine Sintflut auslöschen will, Enki aber besagten Atramchasis vor der Vernichtung bewahrt, indem er ihn ein Schilfboot bauen lässt. Enlil war übrigens deutlich sensibler und weniger moralisch als der Gott der Christen. Nicht das sündige Treiben in Sodom und Gomorrha führten zur Sintflut, sondern es wurde ihm mit den Menschen einfach zu laut. Nun, das ist paar tausend Jahre her, vielleicht ist er mittlerweile etwas schwerhörig.

 

Semiten

Bereits ab 3000 v. Chr. zogen die wirtschaftliche Kraft des Landes und der entsprechende Erfolg der Sumerer Einwanderer in das Land. Semitischen Stammesgruppen gelang es, insbesondere in der Nordhälfte Mesopotamiens sesshaft zu werden. Im Süden wurde Kisch nahe des Euphrats, 80 Kilometer südlich von Bagdad, an der Stelle, wo Euphrat und Tigris sich sehr nahekommen, ein frühes Zentrum des semitischen Herrschaftsanspruchs.

 

An dieser Stelle müssen wir uns einen kleinen Einschub gönnen. Wenn wir über »semitische Stammesgruppen« sprechen, dann verwenden wir einen etwas schwierigen Begriff. Er stammt von August Ludwig von Schlözer (1735 bis 1809), der 1781 ausgehend von der Völkertafel der biblischen Genesis und der dort beschriebenen Abstammung Abrahams von Noahs Sohn Sem die Sprachen der vorderasiatischen Völker als »semitisch« einordnete. Heute gehören das Arabische, das Hebräische, das in Teilen der Türkei, Iraks und des Iran gesprochene Aramäische, die in Äthiopien und Eritrea beheimatete äthiosemitischen Sprachen und auch das Maltesische zu den sogenannten semitischen Sprachen. Mitunter werden auch die entsprechenden Völker als semitisch bezeichnet.

Hier nahmen dann einige eine falsche Abzweigung, übertrugen das Hebräische auf den jüdischen Glauben der Sprecher, verknüpften dies mit wirren Theorien über Rassen und schufen so den auch heute noch vielerorts virulenten Antisemitismus. Wir schütteln uns und der Reformer Schlözer sicherlich mit uns. Wenn wir im Folgenden hie und da von »semitischen« Völkern sprechen, dann ist damit deren Zuordnung zu dieser Sprachfamilie gemeint.

 

Die religiös dominierte Herrschaft der Priesterfürsten in den Stadtstaaten wich zunehmend weltlichen Königen. Es finden sich zunehmend Paläste neben den Tempeln. 

Die Könige nannten sich Lugal, was in etwa »großer Mensch« bedeutet. Alle können wir uns sowieso nicht merken. So beschränken wir uns auf König Eanatum von Lagasch (reg. um 2470 v. Chr.), der nach einem Sieg über seinen Kollegen aus Umma, eine große mit Reliefs verzierte Stele anfertigen ließ. Diese hat die schöne Eigenschaft, dass sie nicht nur bis heute erhalten blieb, sondern auch noch gefunden wurde. Und da wir fair sind, nennen wir auch noch Herrn Lugalzaggesi aus Umma (reg. etwa 2358 bis 2334 v. Chr.), dem es um 2350 v. Chr. gelang, einen Städtebund hinter sich zu vereinigen. Diese Einigung verlief nicht ganz freiwillig. Sein Kollege Urukagina aus Lagasch beschwerte sich nach der Eroberung seine Stadt und der Zerstörung der Tempel. Die Frevel Lugalzaggesis möge dessen Stadtgöttin Nisaba doch bitte auf ihrem Nacken tragen. Diesen hielt das nicht ab, auch andere Städte, unter anderem Uruk, zu erobern, so dass er sich schließlich neben vielen anderen Titeln auch "König von Sumer" nannte.

 

Lugalzaggesis Herrschaft endete mit der Eroberung durch die Akkader unter Sargon I. (reg. etwa 2334 bis 2279 v. Chr.). Der König von Sumer wurde angeblich in 34 Schlachten besiegt, gefangen genommen und vor seinem Tod mit dem Hals in einer Nackengabel vor dem Tempel des Enlil in Nippur zur Schau gestellt. Das hat ihm seine Göttin Nisaba dann doch nicht abgenommen, ist ja auch eher als niedere Arbeit einzustufen.

 

Wie es mit den Akkadern weiterging und wer ihnen folgte, darauf schauen wir das nächste Mal.