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(11) Homo erectus und Neandertaler

Out of Africa

Zwei Mal eroberte der Mensch die Erde. Homo erectus gelang dies und später dann Homo sapiens. Die Herausbildung des Homo erectus ist wohl vor knapp zwei Millionen Jahren geschehen. Relativ kurz danach, vor etwa 1,8 Millionen Jahren verließ er schon Afrika und zog über die Levante nach Europa. Andere bogen rechts ab und bevölkerten Asien, wo es den Homo erectus Stück für Stück bis nach Südostasien und China trieb. Heute finden wir mit 1,7 Millionen Jahren sehr alte Fossilien in Georgien. Vor spätestens 400.000 Jahren hatte sich Homo erectus auch in Ost- und Südostasien sowie in Mittel- und Südeuropa ausgebreitet. Was ihn antrieb, weiss man nicht genau. Verdrängung durch ein starkes Wachstum der Population, die schlichte Suche nach besseren Lebensbedingungen aufgrund klimatischer Ereignisse, Wanderlust á la Müller? Man rätselt.

  

Knoten

Die Entwicklung der Gattung Homo vollzog sich sehr langsam. Vor 1,2 Millionen Jahren soll es insgesamt nicht mehr als 55.000 Menschen gegeben haben. Das ist in etwa die heutige Einwohnerzahl von Baden-Baden, der Vulkaneifel oder des Hamburger Stadtteils Winterhude. Es wird vermutet, dass Homo erectus bei seinen Wanderungen auch in der Lage war, Meeresstraßen zu überwinden. Auf einer indonesischen Insel wurden zwischen den Knochen von Urelefanten Steinwerkzeuge gefunden, die 800.000 Jahre alt sein sollen. Um Boote oder Flöße für die Überfahrt auf eine Insel zu bauen, muss Homo erectus eine Kulturtechnik beherrscht haben, die heute manchem jugendlichen Sneakerträger verloren gegangen zu sein scheint: den Knoten. Insgesamt müssen wir aber zugeben, dass die Zahl der Funde viel zu gering ist, um eine schlüssige fortlaufende Geschichte zu erzählen. Die ganzen Streitigkeiten der Zuordnung der Funde zu unterschiedlichen Menschenarten wie beispielsweise die Diskussion, ob Homo ergaster ein direkter Vorläufer des Homo erectus war und sich deutlich von ihm unterschied oder eben doch nicht so deutlich, dies alles erspare ich Dir (und mir).

Auf welch solider Basis dieses Wissen steht, das ich hier ausbreite, wird deutlich, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass nur ein einziger Knochen von einer Milliarde übrig bleibt und - sofern er denn gefunden wird - als Fossil bestaunt werden kann. Von den derzeit in Deutschland lebenden etwa 83 Millionen Menschen, die in Deutschland leben, werden also mit Glück 16 Knochen als Fossil übrig bleiben. Diese liegen dann auf knapp 360.000 Quadratkilometern verstreut. Im Süden, also Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Hessen fänden sich sieben Knochen, im Osten, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen könnten unsere Nachkommen nach drei menschlichen Fossilien suchen, und im Nordwesten, also in Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, könnten sie fünf finden. In Schleswig-Holstein und Hamburg läge dann einer. Wenn Du darauf hoffst, dass dein dritter Halswirbel als Fossil überlebt, es sieht duster aus.

 

Traf Nelly ein Wurfholz?

Die ältesten Spuren des Homo erectus in Europa sind 700.000 bis 600.000 Jahre alt. In Schöningen in Niedersachsen oder Bilzingsleben in Thüringen gab es reichhaltige Funde von Knochen, Beutetieren und Werkzeugen. Unter anderem fand man dort auch Holzspeere und einen 300.000 Jahre alten hölzernen Wurfstock, mit dem Homo heidelbergensis, also die Entwicklungsstufe zwischen Homo erectus und Neandertaler, wohl auf Kaninchenjagd ging. Auch 300.000 Jahre alte menschliche Fußspuren haben sich dort erhalten. Dass sich Holzwaffen über so lange Zeit erhalten haben, ist äußerst selten. Es wurde auch ein sehr gut erhaltenes Skelett von Nelly, einem Waldelefanten aus dieser Zeit ausgegraben. Mit vier Metern Höhe aber wohl ein paar Nummern zu groß für Speere und Wurfhölzer. Aber viele Hunde sind des Hasen Tod, vielleicht helfen viele Speere auch bei Waldelefanten. Probiere es aber nicht aus, wenn Dir einer begegnet. Zum einen sind sie mittlerweile, zumindest in Deutschland, aber auch in Afrika, ziemlich selten, zum anderen mag es sein, dass Du dann doch zu wenig Speere bei Dir hast. Im Paläon in Schöningen kannst Du Dir Nelly und die Waffen ansehen.

 

Homo erectus - Konservativ, faul... und ausgestorben

Wir haben ja bereits gelernt, dass mehrere Menschenarten zur gleichen Zeit lebten. Wann genau der letzte Homo erectus gestorben ist, weiß natürlich niemand. Bei evolutionären Entwicklungen ist das mit dem ersten bzw. letzten Exemplar ja eh so eine Sache. Ging man lange von vor 250.000 Jahren aus, so gibt es neuere Forschungen, die ihm noch die Zeit bis vor 40.000 Jahren gönnen. Dabei ist die Zuordnung von Fossilien zu bestimmten Arten der Gattung Homo selten eindeutig, so dass wir mit diesen Jahreszahlen sehr vorsichtig sein müssen. Letztlich ist ihm wohl seine schlechtere Anpassungsfähigkeit an veränderte Umweltbedingungen zum Verhängnis geworden. Sein Hirn war kleiner, als das seiner moderneren Kollegen und so blieb er bei den über Jahrtausende erprobten Verhaltensweisen und unterlag so den neueren Arten, die die vorhandenen Ressourcen intelligenter nutzen konnten. Aus deren Sicht war Homo erectus ein eher konservativer, tendenziell fauler Geselle. Warum sollte er auf den Berg steigen, um bessere Steine für die Faustkeile zu finden, wenn im Tal doch auch welche lagen? Wir verzichten an dieser Stelle auf irgendwelche Ableitungen für die Gegenwart, werden uns aber daran erinnern, wenn eine neue Menschenart auftaucht. Bleibe also wachsam!

 

Der Homo erectus existierte insgesamt etwa 1,5 Millionen Jahre, also ungefähr fünf Mal so lange wie bisher wir als Homo sapiens. Ob wir es noch schaffen, deutlich länger als eine Million Jahre den Planeten zu bevölkern, wer mag darauf wetten? Wir werden uns jetzt nicht weiter mit dem Vergleich von Schädelformen und der Entwicklung der Hirngröße zwischen den einzelnen Arten der Gattung Homo auseinandersetzen. Im Fokus soll im Folgenden unsere Art, der "moderne Mensch", also der Homo sapiens stehen. 

Die genaue Abfolge der Ausbreitung unserer Art werden wir später noch genauer betrachten.

Homo sapiens war zunächst nicht die einzige Art von Menschen auf der Erde. Über viele zehntausende von Jahren teilte er sich diese mit anderen. Wir schauen am Beispiel des berühmten Neandertalers wie dieser sich mit dem unsereinem vertrug - oder eben auch nicht.

 

Der Neandertaler

Der Neandertaler, der sich in Europa aus dem Homo erectus entwickelte und vor etwa 30.000 Jahren in Spanien ausstarb, lebte etwa 150.000 Jahre parallel zum Homo sapiens, dessen Heimat ja Afrika war. Auch hier sind die angenommenen Zeiten eher vage und können sich mit jedem Knochenfund verschieben. Derzeit finden wir Angaben hinsichtlich seines Aussterbens zwischen 40.000 und 25.000 Jahren.

 

... und sein Ende

Auch die Frage, warum der Neandertaler letztlich ausstarb, ist unbeantwortet. Mangelnde Anpassungsfähigkeit an klimatische Veränderungen, eine gewaltsame Verdrängung durch den Homo sapiens, der etwa vor 70.000 Jahren das erste Mal und dann 10.000 bis 20.000 Jahre später dann nachhaltig den Weg aus Afrika heraus fand, oder im Gegenteil eine Vermischung beider Arten, sind mögliche, nicht belegte Theorien. Schauen wir mal etwas näher hin.

 

Verdrängung

Zwei Faktoren mögen eine Rolle gespielt haben: Neandertaler waren eher geschlechtsreif, hatten damit aber weniger Zeit, in der Jugend zu lernen. Daraus könnte eine kulturelle Unterlegenheit gefolgert werden, die der Homo sapiens durch den Besitz intelligenterer Waffen und Werkzeuge ausnutzen konnte. Zudem jagten sowohl Herr als auch Frau Neandertal, beim Homo sapiens vornehmlich nur der Mann. Somit konnte sein Nachwuchs geschützter aufwachsen und auch daraus wird eine höhere Überlebenschance abgeleitet. Dies will ich rein gleichstellungsbeauftragtentechnisch nicht kommentieren. Es ergibt sich hieraus ein Bild, dass der Neandertaler vom Homo sapiens in weniger attraktive Gegenden abgedrängt wurde. Da sein Energiebedarf doppelt so hoch war wie beim modernen Menschen – er ernährte sich hauptsächlich von Fleisch, unter anderem vom Mammut, Rhinozeros und Pferd, die mit Feuerstein-Blattspitzen versehenen Lanzen gejagt wurden -, scheint ein langsamer Rückgang der Population nicht unwahrscheinlich. Die lange Zeit der parallelen Existenz beider Arten spricht auch für diese Annahme.

 

Umpolung

Inwieweit klimatische Einflüsse die Entwicklung ausgelöst oder verstärkt haben, ist unsicher. Wir wissen schon, dass sich das Magnetfeld der Erde vor etwa 41.000 Jahren erst deutlich abgeschwächt und dann für knapp 1000 Jahre umgepolt hat. Die Wissenschaft spricht hier von dem Laschamp-Ereignis. In dieser Phase reduzierte sich das Magnetfeld auf 28 Prozent seiner normalen Stärke, in der Zeit davor vielleicht sogar auf nur zehn Prozent. Der Schutzschirm vor der kosmischen Strahlung, die Ozonschicht, war entsprechend geschwächt. Dies hatte Folgen für das Klima und die Entwicklung von Flora und Fauna. Auf der Nordhalbkugel wurde es kühler, die Gletscher drangen vor und die Menschen suchten vermehrt in Höhlen Schutz, deren Wände sie kunstvoll bemalen konnten. Über die Eiszeiten hatten wir ja bereits gesprochen.

 

Klimawandel

Auf der Südhalbkugel wurde es ebenfalls kühler, dabei auch trockener, was in Australien zum Aussterben der Megafauna führte. Zudem hat es wohl vor 39.000 Jahren auch einen Ausbruch des Supervulkans unter den Phlegräischen Feldern bei Neapel gegeben. Dieser Supervulkan ist immer noch aktiv. 1538 hat es den letzten großen Ausbruch gegeben, 1815 einen kleineren. Die Gegend wird immer wieder von kleineren Erdbeben erschüttert. Sei also beim nächsten Kampanien-Urlaub nicht überrascht, wenn die Erde wackelt und es Asche regnet. Über die Jahrhunderte gesehen, ist das in dieser Gegend nicht unüblich.

Die Folge des großen Ausbruchs vor 39.000 Jahren waren massive Klimaveränderungen. Vielleicht war diese Entwicklung ein Turbo, der den Neandertalern nicht guttat. So mussten auch die bis dahin eingewanderten Vertreter des Homo sapiens den Rückzug antreten. Die bisher in Mitteleuropa gefundenen Fossilien unserer Art aus dieser Zeit zeigen Verwandtschaften zu Menschen in Asien, nicht jedoch zu den heutigen Europäern.

 

Wohngemeinschaften?

Wie mag das gemeinsame Leben von Neandertaler und Homo sapiens über viele tausend Jahre ausgesehen haben? Gab es überhaupt eines? Aufgrund der Genanalysen wissen wir, dass es auch intensivere Kontakte gegeben haben muss. Das ist nicht selbstverständlich. Insbesondere, wenn man der Annahme folgt, dass in der späten Phase nur etwa 10.000 Neandertaler zur gleichen Zeit gelebt haben und ihr Verbreitungsgebiet im wesentlichen Süd-, Mittel- und Osteuropa sowie Kleinasien umfasst hat. Spuren des genetisch verwandten Denisova-Menschen finden sich bis weit nach Sibirien hinein. Auch hier gab es Vermischungen mit den Neandertalern. Dies ist schon überraschend. Bei so einer geringen Population in einem so großen Gebiet läuft man sich nicht täglich über den Weg. Und wenn, hat man auch nicht immer gleich Lust, Gene zu vermischen.

Obwohl, wenn man gerade satt war und der andere gut roch... Menschen erkennen am Geruch, ob ein möglicher Partner "geeignet" ist, seine Gene also die eigenen gut ergänzen und so die Widerstandsfähigkeit möglicher Nachkommen erhöht wird. "Ich kann Dich nicht riechen" hat also eine durchaus tiefere Bedeutung.

 

Für Frankreich und Nordspanien haben Forscher anhand der Funde an Knochen und Werkzeugen abgeleitet, dass dort die Chârelperron-Kultur der Neandertaler von einer Proto-Aurignacien-Kultur des modernen Menschen abgelöst wurde. Beide haben allerdings länger gemeinsam in dieser Region gelebt. Der Homo sapiens sei dort vor etwa 42.500 Jahren aufgetaucht, der Neandertaler soll vor etwa 39.800 Jahren verschwunden sein. In den Größenordnungen, in denen wir bisher unterwegs sind, scheinen diese etwa 2.500 Jahre eine kurze Episode zu sein. Wenn wir aber von heute diese Zeitspanne zurückdenken, sind wir etwa bei Solon in Athen (um 640 bis um 560 v. Chr.). Nicht jeder von uns kann sich da noch an alles erinnern.

 

Wir wissen nicht, wie diese Begegnungen wirklich ausgesehen haben. Hat man sich zusammengetan, weil es dann leichter war, Beute zu machen, oder sah man sich eher als Konkurrenten? Konnte man kommunizieren? Die Fähigkeit zu sprechen, hatte auch der Neandertaler. Grundsätzlich mag also eine über Gesten hinausgehende Kommunikation möglich gewesen sein. Wobei wir heute nicht bis nach Nordspanien müssen, um an unsere sprachlichen Grenzen zu stoßen. Bei manchem fängt es in Westrhauderfehn an, bei anderen ist irgendwo zwischen Unterjoch und Oberjoch Schluss. Je nachdem.

 

Aus den 4 Prozent der Gene, die beim gemeinen Westeuropäer noch heute vom Neandertaler abstammen, könnten wir schließen, dass es bei den Begegnungen nicht nur konfliktär zuging. Die Aborigines in Australien und die Ureinwohner der Inselwelt Melanesiens tragen sogar 6 Prozent der Gene des Denisova-Menschen in sich. Bei einem Nachbarstamm hat es damals vielleicht eine aufmüpfige Nichte gegeben, die mal was Anderes ausprobieren wollte. Auf jeden Fall ist bisher nur der Genfluss von Neandertalmännern mit Homo sapiens-Frauen nachgewiesen. Man kann sich also auch sehr unschöne Geschichten vorstellen.

 

Wahrscheinlich wird es jegliche Form des Zusammenlebens zwischen Neandertaler und modernem Menschen gegeben haben, abhängig davon, wer in welcher Situation aufeinander traf. Aus der Analyse des Zahnsteins und den darin enthaltenen Kernmikrobiom schließen Forscher sogar darauf, dass es eine gemeinschaftliche Erziehung für dem gemeinsamen Nachwuchs gegeben hat. Es haben sich Bakterienstämme bei Homo sapiens- und Neandertal-Fossilien gefunden, die es bei anderen damaligen und heutigen Menschen nicht gab. Diese seien an die gemeinsamen Kinder weitergegeben worden. Wir putzen uns lieber ordentlich die Zähne, ehe wir Forschern in 50.000 Jahren irgendwelche Rätsel aufgeben.

 

Unsere Ahnen

Wo nun genau die Wiege der Menschheit stand, ist unklar. Die besonderen Bedingungen in Ostafrika östlich des Großen Afrikanischen Grabenbruchs, die die Entwicklung zum Menschen mit aufrechtem Gang befördert haben, hatten wir schon besprochen. Auch der Zeitraum, in dem sich der Homo sapiens herausgebildet hat, ist nicht exakt zu bestimmen.

 

2017 wurde über 300.000 Jahre alte Knochenfragmente aus einer Fundstelle in Marokko berichtet, die dem Homo sapiens zuzuordnen sind. Wir können also von seiner Verbreitung zumindest in Afrika zu diesem Zeitpunkt ausgehen. Die nordwestlich von Marrakesch gefundenen Knochen gehören zu fünf Menschen, die allerdings noch nicht ganz so ausgesehen haben, wie der heutige moderne Mensch. Gesicht und Zähne sollen uns schon sehr ähnlich gewesen sein, die gesamte Schädelform war jedoch noch länglicher. Die Entwicklung des Hirnbereichs ging insgesamt langsamer vonstatten. Der frühe Homo sapiens sah also intelligent aus, war es aber noch nicht in ausgereifter Form – wenn wir uns mal selbstüberheblich so bezeichnen wollen. Diese Facette menschlichen Daseins soll ja auch heute noch existieren.

 

Aus Genanalysen, deren wissenschaftlichen Kern zu durchdringen ich Dir und vor allem mir nicht zumuten will, kann abgeleitet werden, dass es vielleicht vor 99.000 bis 148.000 Jahren, vielleicht ist es auch länger her, eine Frau, und vor 120.000 bis 156.000 Jahren, auch hier sind die Jahresangaben mit aller Vorsicht zu genießen, einen Mann gegeben haben muss, die wir als unsere Ur-Eltern bezeichnen können, die mitochondriale Eva und den Adam des Y-Chromosoms. Immerhin hatten sie 28.000 Jahre Zeit, sich zu treffen. Wenn man den Mathematikern glauben will, dann legen diese Vererbungsanalysen gepaart mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung nahe, dass es in den Ahnenreihen viele Knotenpunkte gemeinsamer Vorfahren gegeben hat. Das ist leicht nachzuvollziehen, wenn man bedenkt, dass allein Deine Ahnen bei durchschnittlich vier Generationen, also einer Verachtfachung, je Jahrhundert bereits im Jahr 1000 n. Chr. mehr als eine Milliarde Personen umfassen müsste. Da wird es also zwingend mehrfache "Dopplungsknoten" gegeben haben. So werden wir beide irgendwie miteinander verwandt sein und natürlich auch mit Julius Caesar (100 bis 44 v. Chr.) und Karl dem Einfältigen (879 bis 929). Wem's hilft.

 

In dieser Stammbaumforschung erschließt sich aber auch, dass sich die heutigen Afrikaner von allen anderen Menschen am meisten unterscheiden – ein schöner Hinweis auf die These, dass die Herausbildung in Afrika erfolgt sein muss. Vor etwa 50.000 Jahren sollen sich diese Zweige getrennt haben, was zu der Annahme passt, dass unsere Vorfahren zu dieser Zeit etwa erfolgreich aus Afrika aufgebrochen sind. Ein erster Versuch vor 70.000 Jahren endete im Nahen Osten, wir werden auch noch lernen, warum. In diesem Forschungszweig wird es – wie bei allen Jahreszahlen, die ich hier aufschreibe – weitere Forschungsergebnisse und archäologische Funde geben, die deutliche Anpassungen der Theorien erfordern.

 

Homo sapiens war wie gesagt nicht die einzige Menschenart, die seinerzeit die Erde bevölkerte. Dass es auch körperliche Verbindungen mit dem Neandertaler gegeben hat, hatten wir bereits erwähnt. Auch der Homo heidelbergensis, der Denisova-Mensch, ein entfernter Verwandter des Neandertalers, den es nach Osten ins südliche Sibirien und nach Tibet verschlagen hatte, und der Homo naledi in Südafrika, streiften durch die Welt. Bei der Bestimmung der einzelnen Arten stützt man sich notgedrungen auf wenige Funde, so dass das Puzzle mit jeder Entdeckung neu geordnet und die Geschichte neu geschrieben werden muss. Die Vorstellung eines logisch-linearen Prozesses der Entwicklung vom Australopithecus zum Homo sapiens ist sicherlich verkehrt. Wir haben ja schon gesehen, wie die Evolution funktioniert, nicht planvoll und zielgerichtet, sondern eher nach der Methode des willkürlichen Ausprobierens.