· 

(187) Das Ende der Goldenen Horde

Mamai zieht die Fäden

Das letzte Mal haben wir die Goldenen Horde mit Dschani Beg und seiner Eroberung von Täbris an der Spitze auf dem Höhepunkt ihrer Macht gesehen. Genießen konnte dieser seinen Erfolg allerdings kaum. Auf dem Rückweg ins heimische Neu-Sarai wurde er aller Wahrscheinlichkeit nach auf Befehl seines eigenen Sohnes Berdi Beg (etwa 1310 bis 1359, reg. 1357 bis 1359) ermordet. Die familiäre Disposition ließ diesem wahrscheinlich keine andere Wahl. Auf jeden Fall beließ er es nicht bei dieser einen Tat, sondern sorgte auch für den schnellen Tod von mindestens zwölf engeren Verwandten, darunter finden wir auch einen erst acht Monate alten Bruder. Das alles brachte ihm zwar die Herrschaft, aber nicht alle Probleme ließen sich auf diese Weise lösen. Die russischen Fürsten drängten auf Unabhängigkeit und auch im Kaukasus blieb die Lage angespannt. Aserbaidschan ging wieder verloren.

 

Seine Mordserie in der eigenen Familie führte dazu, dass nach Berdis schnellem Tod im Jahr 1359 – man streitet, ob es Mord oder eine Krankheit war – aus der direkten Herrscherlinie kein männlicher Nachkomme von Batu mehr am Leben war. Die Liste der »geborenen« Thronfolger war nicht kurz, sie war schlicht nicht vorhanden. Aber natürlich gab es hinreichend Anwärter aus der dschingisidischen Großfamilie. In den nächsten zwanzig Jahren ging es daher ein wenig sehr drunter und drüber. Wir könnten uns jetzt Stück für Stück mit rund 25 Khanen beschäftigen, die sich alle doch nur recht kurz auf dem Thron halten und auch nicht mehr über das ganze Reich herrschen konnten.

 

Zwischenzeitlich war mit Tulun Beg Khanum (gest. 1386, reg. 1370 bis 1371) auch eine Tochter oder zumindest Verwandte Berdis dabei. Dies erwähnen wir, zum einen, weil eine Frau auf dem Thron doch eine seltene Ausnahme war, zum anderen, weil sie wahrscheinlich mit einem Herrn Mamai (etwa 1325 bis 1380/1381) verheiratet war. Dieser Feldherr der Goldenen Horde war zwar nie selbst Khan und doch eine, wenn nicht die beherrschende Gestalt dieser zwanzig hektischen Jahre. Seine Machtbasis war die Krim und die Steppe zwischen Don und unterem Dnjepr. Er setzte Khane ein, die von ihm abhängig waren, konnte aber nie die Herrschaft über das gesamte Gebiet der Goldenen Horde erringen. Bis zu neun verschiedene Machtzentren werden von russischen Chronisten für die Zeit der frühen 1370er Jahre berichtet.

 

In diesen Jahren emanzipierten sich die Litauer immer mehr. Das Fürstentum Kiew war nach einigen Überlieferungen bereits seit 1321 ein Vasall des Großfürstentums Litauen, auch wenn es weiterhin Tribute an die Goldene Horde zahlte. 1362 kam es zur Schlacht am Melynieji Vandenis, die litauische Übersetzung für Synjucha, wie der Nebenfluss des Südlichen Bug in der Ukraine heißt. Auf Deutsch ganz profan: Blaues Wasser. Drei Feldherren der Goldenen Horde wurden besiegt und die litauischen Fürsten Algirdas (1296 bis 1377, reg. 1345 bis 1377) und wohl auch Kestutis (1297 bis 1382, reg. 1347 bis 1377/1382) konnten danach das Kiewer Fürstentum endgültig in ihr Reich eingemeinden.

 

Auch das Großfürstentum Moskau wurde stärker. 1328 hatte Usbek den dortigen Herrscher Iwan I. (1288 bis 1341, reg. 1325 bis 1341) zum Großfürsten erhoben. Das Fürstentum Moskau hatte bereits 1327 geholfen, einen anti-mongolischen Aufstand in dem bisher als Großfürstentum fungierenden Twer niederzuschlagen. Diese Loyalität Moskaus wurde nun von Usbek belohnt, schwand dann aber mit zunehmender eigener Stärke. Die »Sammlung der russischen Erde«, wie es später heißen sollte, begann in den 1360er Jahren mit einer Reihe von Eroberungen, so wurde 1392 das Fürstentum von Nischni Nowgorod endgültig eingegliedert. Bald wandte man sich auch gegen die »Tataren« genannte Goldene Horde. 1380 kam es am Don in der Schlacht auf dem Schnepfenfeld, Kulikowo Pole auf Russisch, zur Entscheidung. Der Moskauer Großfürst Dmitri Donskoi (1350 bis 1389, reg. 1359 bis 1389) schlug an der Spitze eines russischen Heeres die Mongolen, die Mamai in die Schlacht geführt hatte.

 

Toktamisch

Für Mamai war es ein schwerer Schlag. Seine Niederlage bot dem Khan Toktamisch die Chance, den starken Mann auszuschalten und wieder selbst das Heft des Handelns in die Hand zu bekommen. Er hatte sich bereits im Osten durchsetzen und die Weiße Horde unterwerfen können. In der Schlacht am Fluss Kalka im Jahr 1381 konnte er Mamai besiegen, der, wie erzählt wird, zu den Genuesern nach Caffa auf die Krim fliehen wollte. Die hatten aber wohl keine Lust, sich Toktamischs Unwillen zuzuziehen und verweigerten ihm den Einlass in die Stadt. So fiel er Toktamisch in die Hände und wurde ermordet. Danach gelang es ihm, für eine gewisse Zeit, die Macht der Goldenen Horde wieder zu konsolidieren, was insbesondere die Russen zu spüren bekamen. 1382 wurde Moskau geplündert.

 

Einem wesentlichen Förderer Toktamischs auf seinem Weg zur Macht werden wir bald begegnen, wenn wir uns mit dem Tschagatai-Khanat befassen werden. Temür ibn Taraghai Barlas, den wir als Timur Lenk kennen, hatte ihm sehr geholfen, sich gegen seine Vorgänger Urus (gest. 1377, reg. 1369 bis 1377) und dessen Söhne Toqtaqiya (gest. 1377, reg. 1377) und Timur Malik (gest. 1378, reg. 1377 bis 1378) durchzusetzen.

 

Die wieder erstarkende Macht der Goldenen Horde war Timur Lenk dann irgendwann doch etwas zu viel, insbesondere nachdem es 1385 und 1386 zu Plünderungen in Täbris gekommen war. 1391 traf man sich auf dem Schlachtfeld am Kondurtscha-Fluss bei Samara. Timur Lenk siegte, allerdings konnte sich Toktamisch danach erholen und so kam es vier Jahre später 1395 am Terek zu einer erneuten Schlacht. Der Terek fließt im Norden von Grosny, das wir aus den Tschetschenien-Kriegen in nicht so guter Erinnerung haben. Auch dieses Mal siegte Timur Lenk und machte danach ernst. Er ließ die großen Städte der Goldenen Horde zerstören, auch Sarai und Astrachan. Toktamisch musste nach Litauen fliehen.

 

Edigü und das Ende

Von dort aus versuchte er das Rollback. Der litauische Großfürst Vytautas (1354/1355 bis 1430, reg. 1393 bis 1430), ein Sohn von Kestutis, unterstützte ihn, sicherlich nicht ohne den eigennützigen Gedanken, sich im Zweifel aus der Streitmasse auch einen Teil zu sichern. Zwar gab es am 12. August 1399 eine schwere Niederlage gegen das von Emir Edigü (1345 bis 1419, reg. 1395 bis 1419) angeführte Heer der Goldenen Horde, die ganz unter dem Einfluss Timur Lenks stand. Toktamisch wurde im Winter 1406/1407 getötet, wir sparen uns die Namen der Khane, die von Timur Lenk eingesetzt wurden. Starker Mann blieb Edigü. Kiew zahlte Tribut, um nicht geplündert zu werden, Twer und Rjasan unterwarfen sich ebenso. Moskau verweigerte sich noch. 1408 zog Edigü erneut nach Russland, unter anderem fiel Nischni Nowgorod. Die Belagerung Moskaus im Dezember 1408 brach er ab, ließ sich dreitausend Rubel Lösegeld zahlen und zog ab. Es gab mal wieder Streit um den Thron, da hieß es, die eigene Position vor Ort zu sichern. 3000 Rubel, das klingt nicht viel, entsprach damals aber etwa einer halben Tonne reinem Silber und hatte eine Kaufkraft von einem zweistelligen Millionenbetrag. Heute reicht es in Moskau für einen Kinobesuch für zwei oder drei Personen. Vielleicht läuft ja gerade ein Film über die Goldene Horde.

 

So langsam neigte sich die Geschichte der Goldenen Horde dem Ende zu. Ein neuer Khan vertrieb den alten. Der Neue war verbündet mit Edigüs Sohn, so dass der Feldherr erst einmal fliehen musste. Der Litauer Vytautas hatte unterdessen Toktamischs Sohn zur Goldenen Horde geschickt, der dann auch den amtierenden Khan vom Thron verdrängen konnte. Wenn Du nun denkst, dass Edigü sich über diesen Machtwechsel freute, dann irrst Du Dich gewaltig. Der hatte sich mittlerweile mit seinem Sohn wieder vertragen und beide verjagten 1412 nun Toktamischs Sohn, nur um einen Bruder des Vertriebenen zum Khan zu machen. Vytautas wollte auch weiter mitspielen und schickte einen weiteren Sohn Toktamischs und, als auch das nicht klappte, einen vierten. Der konnte dann 1417 Edigü besiegen. Dieser versuchte noch, sich nun doch mit Vytautas zu einigen, aber es war zu spät. 1419 fiel er einem Mordanschlag Qadir Berdis (gest. 1419, reg. 1419), eines der Söhne Toktamischs, zum Opfer.

 

Die Jahre der Goldenen Horde waren gezählt. Im Norden breitete sich das litauische Großfürstentum aus, im Südosten drohte Timur Lenk. Das Reich spaltete sich in unterschiedliche, kleinere Teilreiche auf. Kasan und Astrachan sowie die Krim waren Kristallisationspunkte dieser Reiche. In Kasachstan behauptete sich die Weiße Horde, nördlich des Kaspischen Meeres die Nogaier Horde und im Irtysch-Tobol-Becken das Khanat von Sibir, dessen Hauptstadt in der Nähe des heutigen Tobolsk lag. Rund um Sarai bis hin zum Kaukasus verblieb das Khanat der Großen Horde, das sich als eigentlicher Rechtsnachfolger der Goldenen Horde sah, sich aber auch nur bis 1502 halten konnte.

 

Alle diese Nachfolgereiche standen einander alle in tiefem Misstrauen gegenüber, was es in dem russischen Großfürstentum im darauffolgenden Jahrhundert einfach machte, die Regionen Stück für Stück unter die eigene Herrschaft zu bringen. 1552 fiel Kasan, noch im gleichen Jahrzehnt Astrachan. Die Krim ging erst einmal an die Osmanen, bevor Katharina II. »die Große« (1729 bis 1796, reg. 1762 bis 1796) sie dann 1783 dem russischen Reich einverleiben konnte. Ab den 1580er Jahren wurden auch die östlichen Teil-Khanate russisch. Wir werden uns das zu gegebener Zeit dann aus russischer Sicht anschauen. Das nächste Mal beschäftigen wir uns dann erst einmal mit dem Tschagatai- und dem Il-Khanat. Wir wollen ja den Familien aller Söhne Dschingis-Khans gerecht werden.

Bildnachweise:

Vorschaubild:

  • Motiv: Schlacht zwischen Timur Lenk und Toktamisch Khan (1391), Detailansicht Toktamisch.

  • Quelle: Miniatur aus dem Zafarnama (1436), Blatt 208v–207r. Digitalisat via Wikimedia Commons.

  • Lizenz: Gemeinfrei.

  • Status: Unverändert übernommen.

  • Abrufdatum: 30.06.2026.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0