Das Mongolische Reich war sicherlich das erfolgreichste von all den zentralasiatischen Reichen, die wir bisher kennenlernen durften. Auf seinem Höhepunkt war es mit etwa 24 Millionen km² sogar das größte zusammenhängende Landreich der gesamten Weltgeschichte. Das Britische Weltreich war zwar (um das Jahr 1920) mit gut 35 Millionen km² deutlich größer, die Territorien lagen aber über die gesamte Weltkugel verstreut. Dabei war die Zahl der Mongolen nicht überwältigend groß. Um das Jahr 1200, als ihre Expansion begann, zählte man vielleicht anderthalb Millionen Menschen, heute vergleichbar mit Lettland oder Mauritius. Beiden können wir aber reinen Herzens jede Eroberungsgelüste absprechen.
Zu dieser Zeit lebten in dem Gebiet der heutigen Mongolei vier größere Stammesgruppen. Im Osten waren dies die Tatar. Westlich von ihnen finden wir zunächst die Kereit und noch weiter westlich die Naiman, nördlich von allen dann die Merkiten. Zwischen Tatar und Kereit weideten die damals wohl noch eher unbedeutenderen Mongolen ihre Herden. All diese Stämme waren ethnisch und sprachlich miteinander verwandt und aus der Flughöhe, in der wir hier unterwegs sind und auch aus dem zeitlichen Abstand von 800 Jahren, können wir sie alle als Mongolen bezeichnen, ohne beleidigte Beschwerdebriefe zu befürchten.
In der Zeit vor der mongolischen Expansion hatte es in China immer wieder Dynastien gegeben, die von nomadischen Stämmen aus dem Norden geprägt waren. Wir erinnern die Liao-Dynastie der Kitan und die Jin-Dynastie der Jurchen. Dies erleichterte sicherlich einen gewissen kulturellen Transfer auch in Richtung der mongolischen Stämme.
Die Jugend von Dschingis Khan: Verlobung, Verfolgung und Brudermord
Dass der eher unbedeutende Stamm der Mongolen sich zum Beherrscher eines expansiven Großreich aufschwingen konnte, war Verdienst von Dschingis Khan, der als Temüdschin geboren wurde. Sein genaues Geburtsjahr ist nicht bekannt. Auch die meist genannten Jahreszahlen von 1155, 1162 oder 1167 sind nicht genau belegt. Der Sage nach waren seine Stammeltern ein Wolf und eine Hirschkuh, was es logisch erscheinen lässt, dass er dem Borjigin-, also dem Wildenten-Clan angehörte.
Schon Dschingis Urgroßvater, ein gewisser Kabul Khan (reg. etwa 1123 bis 1150) hatte die mongolischen Stämme kurzzeitig einigen können. Er überfiel um 1147 das China der von den Jurchen geprägten Jin-Dynastie und konnte in einem Vertrag neben Tributen, unter anderem Rinder und Schafe, auch angeblich 27 Grenzfestungen übernehmen. An anderer Stelle wird über seinen Besuch bei Kaiser Xizong (1119 bis 1150, reg. 1135 bis 1150) berichtet, wo er – nach Genuss eines gewissen Quantums Alkohol – den Kaiser am Bart gezupft haben soll. Man stelle sich vor.
Temüdschin wurde also in eine durchaus erfolgreiche und selbstbewusste Familie hineingeboren. Sein Vater Yesügai Baghatur (1134 bis 1171, reg. um 1160 bis 1171) war Stammeshäuptling, der seine Frau, die Merkitin Höelün (etwa 1140 bis 1221), seinerzeit sehr zum Missfallen ihres Stammes entführt hatte. Wir hoffen, alles geschah aus gegenseitiger Liebe.
Viele Annehmlichkeiten konnte der kleine Temüdschin aus dieser Stellung allerdings nicht ziehen. Sein Vater hatte für ihn als ältesten Sohn eine Heirat mit Börte (1161 bis 1230), Tochter des Häuptlings der Unggirat eingefädelt. Der Brautvater stimmte der Verbindung zu und der zu diesem Zeitpunkt neunjährige Temüdschin sollte eine Zeit beim Stamm seiner Zukünftigen leben, auch um einen Teil des Brautpreises abzuarbeiten.
Nachdem er ihn dort wohlbehalten abgeliefert hatte, wurde sein Vater auf dem Rückweg allerdings von Tataren vergiftet, was Temüdschin veranlasste, schnellstmöglich zu seinem Heimatstamm zurückzukehren. Immerhin war er als ältester Sohn des Häuptlings der geborene Nachfolger. Mit seinen neun Jahren war das mutig.
Es fiel ihm dann allerdings naturgemäß schwer, den Stamm hinter sich zu versammeln. Gefolgsleute wandten sich ab, die Sippe fiel auseinander und Temüdschin musste mit seiner Mutter und seinen Geschwistern, drei jüngeren Brüdern und eine kleine Schwester, immer wieder fliehen. Hab und Gut wurden ihnen geraubt, da die anderen Clanchefs in ihm eine potentielle Bedrohung sahen. Jugend vergeht, das wussten auch sie. So wurden Temüdschin und seine Familie immer weiter verfolgt. Das stresst natürlich und so gab es auch untereinander Streit. Bei einem erschlug Temüdschin seinen Halbbruder Bektar (gest. 1180). Zu allem Überfluss wurde er dann noch vom Stamm der Taijut gefangen genommen und als Sklave gehalten. Bis hierhin nicht die klassische Karriere eines Großkhans und Welteroberers.
Temüdschin wird Khan
Unter abenteuerlichen Bedingungen gelang ihm die Flucht. Dabei hatte er die Unterstützung von einem Mitglied des Taijut-Stammes, was einige als Hinweis auf das große Charisma werten, über das Temüdschin verfügte. Dieser Unterstützer wurde dann einer der ersten Nöker Temüdschins. Nöker sind treu ergebene Vasallen, die ihrem Anführer ein Leben lang dienen.
Nun begann Stück für Stück der Aufstieg. Er fand Börte wieder, heiratete sie wohl 1178 und gründete eine Familie.
Temüdschin schloss sich zunächst den Kereit und ihrem Khan Toghrul (um 1130 bis 1203, reg. 1165 bis 1194 und 1198 bis 1203) an, der schon mit seinem Vater verbündet gewesen war. Bei einem Überfall eines merkitischen Trupps, der sich angabegemäß für die lange zurückliegende Entführung von Temüdschins Mutter Höelün rächen wollte, wurde quasi im Gegenzug Temüdschins Frau Börte entführt. Auge um Auge, Frau um Frau … Börte musste dann einen merkitischen Prinzen heiraten, was auch immer eine solche »Heirat« bedeutete. Temüdschin ließ die Entführung seiner Frau natürlich nicht auf sich sitzen. Er konnte Toghrul und auch seinen Freund und Blutsbruder aus Kindertagen Jamukha (gest. 1204), mittlerweile Khan beim Stamm der Dschadaran, für einen Gegenschlag gewinnen. Die Merkiten wurden geschlagen und Börte kam zurück nach Hause. Seither hielten sich allerdings Gerüchte, dass ihr erster Sohn Jochi (etwa 1182 bis 1227) den merkitischen Prinzen und nicht Temüdschin als Vater habe.
Jamukha ärgerte Temüdschins Aufstieg. Die Freundschaft zwischen beiden erkaltete bald, da er sich als der Ältere als eigentlicher Führer der Mongolen sah. Er konnte zwischenzeitlich auch dreizehn Stammesfürsten hinter sich versammeln und Temüdschin im Januar 1187 in der Schlacht von Dalan Baljut in der Nähe des Onon-Flusses schlagen. Dennoch bröckelte das Bündnis.
Später im Jahr 1187 ernannten die Anführer einiger Stämme Temüdschin zum Khan der Mongolen, wobei ihm die Geschichte seiner Flucht viel Anerkennung und Reputation einbrachte. Unangefochten war diese Position aber noch nicht.
Die genaue Abfolge der Ereignisse ist ein wenig unklar. Es wird vermutet, dass Temüdschin die nächsten Jahre am Hof der Jin-Dynastie in China verbrachte – nur eine These, da man über diese Zeit kaum etwas weiß. Etwa 1196 taucht er wieder bei den Mongolen auf. Gemeinsam mit den Jurchen der Jin-Dynastie und den Kereit Toghruls wurden die Tataren besiegt. Die Chinesen verliehen daraufhin sowohl Toghrul als auch Temüdschin den Titel jarhuchi, was wir mit »Bewacher der westlichen Grenze« übersetzen können. Temüdschin war in dieser Phase nicht mehr Gefolgsmann Toghruls, blieb aber Verbündeter. 1198 half er Toghrul, den Thron, von dem dieser 1194 vertrieben worden war, zurückzuerobern. Beide agierten nun mindestens auf Augenhöhe.
Konflikt mit Jamukha
Die nächsten Jahre waren von Kämpfen gegen die Naiman, Merkiten und Tataren geprägt. Und es gab ja immer noch Jamukha. Dieser organisierte 1201 einen Aufstand der Unggirat, dem Heimatstamm Börtes, der Tataren und der Temüdschin durch seine Gefangenschaft wohlbekannten Taijut, die Jamukha zu ihrem Anführer wählen. Bis 1202 gelang es Temüdschin, die Rebellen zu besiegen. Es wird berichtet, dass er die unterlegenen Kämpfer sein Heer integrierte, aber auch, dass er alle Tataren, die größer waren als die Achshöhe eines Ochsenkarrens, ermorden ließ. Wir vertrauen sehr darauf, dass die Menschen vor gut 800 Jahren bedeutend kleiner waren und die Karren große Räder hatten.
Insbesondere das Ausschalten der Tataren ließ drei wesentliche Stammesgruppen auf dem Spielfeld: die Naiman im Westen, die Mongolen im Osten und die Kereit zwischen den beiden. Temüdschin wollte nun seine Stellung festigen und insbesondere Toghrul und seine Anhänger an sich binden. So schlug er 1203 vor, dass sein erstgeborener Sohn Jochi – wir erinnern, dass sein biologischer Vater mutmaßlich ein merkitischer Prinz war – eine Tochter Toghruls heiraten sollte.
Das kam nicht bei allen gut an. Die kereitische Aristokratie befürchtete, Temüdschin wolle auf diese Weise die Kontrolle über ihren Stamm übernehmen. Jamukha setzte auch auf dieses Pferd und die zweifelhafte Abstammung Jochis war zusätzliches Futter für Toghruls Zweifel, ob sein langjähriger Bundesgenosse es an dieser Stelle ehrlich mit ihm meine. So versuchte er, Temüdschin in einen Hinterhalt zu locken, was dieser zwar rechtzeitig spitz bekam, gleichwohl aber 1203 eine Niederlage in der Qalaqaljid-Wüste nicht verhindern konnte. Temüdschin zog sich zurück, pflegte seinen schwer verletzten Sohn Ögedei und bündelte seine Kräfte. Dies gelang, denn er konnte noch im gleichen Jahr die Kereit auf den Jejer-Höhen entscheidend schlagen. Toghrul und sein Sohn Senggum (etwa 1154 bis 1203) mussten fliehen. Letzterer schaffte es bis nach Tibet, Toghrul selbst wurde auf der Flucht von einem Krieger der eigentlich verbündeten Naiman, der ihn jedoch nicht erkannte, getötet.
Nach seinem Sieg gelang es Temüdschin, die Elite der Kereit in seinen eigenen Stamm zu integrieren. Als Zeichen der Verbundenheit heiratete er die Prinzessin Ibaqa Beki (gest. nach 1241). Die Ehe hielt zwar nur zwei Jahre und wurde dann – vermutlich aufgrund Kinderlosigkeit – geschieden. Der erste Zweck, die Zugehörigkeit der Kereit zu stärken, war aber erfüllt.
Als Feinde blieben nun die Naiman, zu denen ja auch Jamukha geflohen war. Diese rüsteten zwar zum Kampf gegen Temüdschin, jedoch vergeblich. In der Schlacht von Chakirmaut im Altai, auch »Schlacht der dreizehn Flügel« genannt, wurden sie im Mai 1204 entscheidend geschlagen. Dabei wurde auch Jamukha gefangen genommen und – ehrenvoll – getötet, indem man ihm das Rückgrat brach, oder ihn – nach anderen Quellen – erwürgte. Manchmal sind wir auch ein wenig froh, dass der Ehrbegriff heute meist etwas laxer interpretiert wird.
Staatsgründung
Mit diesem Sieg über die Naiman und seinen Widersacher hatte Temüdschin alle mongolischen Stämme und Völker, also auch die Merkiten, Kereit und Tataren in seinem Reich vereint. Die Uiguren unterwarfen sich etwas später, vielleicht 1209, freiwillig. Der nächste Schritt war, dass er 1206 auf einem Kurultai, wir kennen das schon als Versammlung von Vertretern aller Stämme, zum Großkhan aller Mongolen gewählt wurde. Seither hieß er Dschingis Khan.
Während Temüdschin noch einfach mit »der Schmied« übersetzt werden kann, sind sich die Exegeten bei dem neuen Namen uneins. Die einen suchen chinesische Quellen und halten dschingis für eine Ableitung von chêng-sze, was soviel wie »edler Ritter« bedeutet. Die Mehrheit der Forscher setzt eher auf eine Ableitung aus dem Türkischen, wo ja auch der Begriff Khan seinen Ursprung hat. Dann wäre der Name eine Form von tengis, was »Meer« bedeutet. Als Herrscher der Meere können wir uns die zentralasiatischen Mongolen allerdings am allerwenigsten vorstellen. Insofern wurde es dann als »Herrscher zwischen den Weltmeeren«, also Beherrscher der gesamten Welt oder als »ungestüm wie der Ozean« umgedeutet.
Die weiße Standarte mit der dreifach gegabelten Spitze, die Dschingis Khan bei dieser Gelegenheit verliehen wurde, steht mit acht anderen Fahnen der damaligen Kernstämme noch heute im großen Staats-Chural, dem Parlament der Mongolei. Der Dreizack soll den Mond und mit ihm die Vergangenheit des mongolischen Reiches, die Sonne die Gegenwart und die Flamme seine Zukunft symbolisieren. Ob die alles verbrennende Flamme so das geschickte Bild einer Zukunftsversion ist, sei dahingestellt. Rein klimawandeltechnisch mag das ja passen.
Dschingis Khan konnte nun unbeschränkt herrschen. Bis hierhin eine bewunderungswürdige Karriere, die sich weiter fortsetzte, weil er einige kluge Entscheidungen traf.
In der Staatsführung bildete seine Familie, also seine Mutter, seine Brüder und Söhne die Regierung. Das muss nicht immer die beste Entscheidung sein, hier half es ihm sehr. Obwohl selbst Analphabet erkannte er die Bedeutung von verschriftlichten, einheitlichen Regeln. So ließ er eine eigene, aus dem Uigurischen abgeleitete mongolische Schrift entwickeln und beauftragte seinen Sohn Ögedei – vielleicht auch seinen Adoptivsohn Shigi Qutuqu (etwa 1178 bis 1260) – mit der Zusammenstellung eines Grundgesetzes aus alten und neu erlassenen Gesetzen. Dieser Yassa genannte Kodex war kein Gesetzbuch im heutigen Sinne, auf das sich jedermann berufen konnte. Er diente eher den Fürsten, Streitigkeiten untereinander zu regeln und für einheitliche Regeln in ihren Stammesverbünden zu sorgen. Neben der Weisung zur strikten Loyalität – wer gegen den Großkhan opponierte und sich selbst zum Herrscher machen wollte, wurde hingerichtet –, enthielt der Yassa auch modern anmutende Regelungen: Toleranz gegenüber den unterschiedlichen Religionen, Auflagen zur Schonung von Wasser und Weideland und Frauen hatten das Recht, sich scheiden zu lassen.
Um 1220, also schon zu späterer Zeit seiner Herrschaft, holte der Khan eine Reihe von ausländischen Beamten, um seine Zivilverwaltung zu professionalisieren, und den durch das Wachstum seines Reiches gestiegenen Anforderungen zu begegnen. Die Mongolen hatten eigentlich wenig Lust, sich diese komplizierten Dinge – sei es in der Verwaltung, aber auch im Handwerk – selbst anzueignen. Das ließ man für sich machen. Man hätte dafür im Zweifel ja auch vom Pferd absteigen müssen.
Im Gegensatz zur Regierung setzte Dschingis Khan bei seiner Neuordnung des Heeres weniger auf die direkte Familie. Einige seiner bisherigen vertrauten Kampfgefährten wurden Befehlshaber von großen Truppeneinheiten. Hier zählte nur bedingungsloser Gehorsam gegenüber dem Großkhan – und natürlich Leistung, also erwiesene Tapferkeit und taktisches Geschick in den bisherigen Kämpfen. Dies alles bedeutete eine Entmachtung der tradierten Stammesorganisation. Um diese Loyalitäten nicht zu verlieren, adoptierte Dschingis Khan Kinder aus den unterworfenen Stämmen. Diese ließ er von seiner Mutter oder seiner Frau erziehen. So wuchsen sie als gleichberechtigte Familienmitglieder auf, auch wenn sie natürlich in gewisser Weise Geiseln waren und bei der Nachfolgeregelung keine Berücksichtigung fanden. Einem ähnlichen Prinzip folgte die Bildung einer immerhin auf etwa 10.000 Mann geschätzten Leibgarde. Hier kamen Familienmitglieder von Stammesfürsten und Heerführern zusammen, die so zu einer unmittelbaren Loyalität gegenüber Dschingis Khan verpflichtet wurden.
Durch all diese Maßnahmen schuf der Khan ein auf ihn zentral zugeschnittenes, funktionierendes, modernes und machtvolles Staatswesen. Eine große Leistung!
Eroberungen
Die Basis war geschaffen, darauf ließ sich aufbauen. Ab 1207 begann der Eroberungszug der Mongolen. Der Blick – nun, es war mehr als ein Blick – ging zunächst nach China. Dort wurde 1209 die tangutische Dynastie der Westlichen Xia – wir haben die Tanguten bei unserem Weg durch die zentralasiatischen Reiche sträflicherweise ein wenig links liegen lassen – und später auch die Jin-Dynastie der Jurchen unterworfen. 1215 fiel Zhongdu, das heutige Peking, und die auch den heutigen Weinfreunden nicht unbekannte Halbinsel Shandong. Ab 1218/1219 wurde Korea tributpflichtig. Parallel hierzu wurden weitere Stämme der Steppe wie die Kirgisen oder die Oiraten unterworfen.
Im Westen ging es gegen die muslimischen Reiche in Kasachstan, Usbekistan, Afghanistan, im Irak bis in die Türkei. Kara Kitai wurde 1218 erobert. Anlass war, dass man hinter dem ehemaligen Khan der Naiman, Kuchlug (gest. 1218, reg. 1211 bis 1218), her war, der dort die Macht im Land als Herrscher der Westlichen Liao-Dynastie an sich gerissen hatte. Nachdem dieser ausgeschaltet war, unterwarf sich Kara Kitai friedlich. Nicht ganz dumm.
Noch im gleichen Jahr begann auch die Unterwerfung des Reichs der Choresmier. Eigentlich hatte Dschingis Khan mit den Choresmiern einen Freundschaftsvertrag abgeschlossen, doch nachdem erst eine Karawane und im Anschluss eine Delegation, die die Sache klären wollte, überfallen worden waren, wurde es ernst. Von der dreiköpfigen Delegation wurden zwei mongolischstämmige Mitglieder rasiert, das dritte, ein muslimischer Glaubensbruder der Choresmier, geköpft. Ohne Bart ist schon schlimm, ohne Kopf geht gar nicht. Das konnte nicht ohne Reaktion bleiben. Die Mongolen überquerten im Winter das Altai-Gebirge, eine Leistung, die manche mit der Alpenüberquerung Hannibals 1300 Jahre zuvor vergleichen. Die Choresmier hatten nicht mit solch einer Aktion gerechnet und staunten. Dschingis Khan hatte bei dem Zug durchs Hochgebirge viele Verluste gehabt, aber die Initiative gewonnen. Wir sparen uns die Einzelheiten und konstatieren, dass nach dem Fall von Buchara und der Hauptstadt Samarkand im März 1220 das gesamte Reich der Choresmier unterworfen war. Der Sultan Ala ad-Din Muhammad (1169 bis 1220, reg. 1200 bis 1220) musste fliehen. Angeblich soll er noch im gleichen Jahr auf einer Insel im Kaspischen Meer an einer Rippenfellentzündung gestorben sein. Über seinen Sohn Dschalal ad-Din und sein bewegtes Schicksal haben wir vor einiger Zeit ja bereits etwas intensiver gesprochen.
Nach dieser Eroberung teilte sich das Heer der Mongolen. Dschingis Khan zog mit dem einen Teil über Afghanistan und Nordindien zurück in die Heimat. Der andere Teil wandte sich weiter nach Westen. Unter Führung der Generäle Jebe (um 1180 bis vermutlich 1223/1224) und Subutai (etwa 1175 bis 1248) zog dieser südlich des Kaspischen Meeres durch den Kaukasus Richtung Russland. Die Gebiete, in denen wir heute Aserbaidschan, Armenien und Georgien finden, wurden geplündert. Das spürten auch Genua und Venedig, deren Handel schon über Plätze wie Caffa, heute Feodossija, beziehungsweise Sudak auf der Krim lief. Orte, die nun ausgeraubt und niedergebrannt wurden.
Nachdem die Mongolen in der Nähe des Schwarzen Meeres überwintert hatten, ging »The Great Raid«, wie dieser Feldzug mitunter genannt wird, weiter. Die Kumanen, die uns als Verbündete und Gegner des Byzantinischen Reiches schon kurz begegnet sind, taten sich mit den Fürsten der Kiewer Rus, von Galizien-Wolhynien, Tschernigow und anderen zusammen. Sie wollten die Mongolen, die mehrere Jahre plündernd durch die Gegend zogen, endlich vertreiben. Am 28. Mai 1223 kam es am Fluss Kalka, heute Kalmus im Oblast Donezk zur Schlacht, die nach drei Tagen mit einem Sieg der Mongolen endete. Zwei Heerführer der Verlierer, der Kumane Kötan Khan (vor 1205 bis 1241, reg. 1223 bis 1241) und Mstislaw Mstislawitsch von Halytsch (gest. 1228, reg. 1219 bis 1227) konnten entkommen. Zwei andere, Mstislaw III. von Kiew (gest. 1223, reg. 1212 bis 1223) und Mstislaw II. Swjatoslawitsch von Tschernigow (etwa 1168 bis 1223, reg. 1215/1220 bis 1223) starben auf dem Schlachtfeld. Ich erwähne das nur, um Dir einen Eindruck in die Vielfalt der seinerzeitigen Namen zu geben. So einig sich die Fürsten namenstechnisch waren, so sehr waren sie zu einer gemeinsamen Führung des Feldzugs gegen die Mongolen unfähig. Diese hatten trotz deutlicher zahlenmäßiger Unterlegenheit nur wenig Schwierigkeiten, die Auseinandersetzung für sich zu entscheiden.
In dieser Zeit kommt uns auch der mongolische Heerführer Jebe abhanden. Wahrscheinlich ist er 1223 oder 1224 gestorben. Man munkelt über einen Streit mit Subutai oder auch über eine Gefangennahme durch die Kumanen. Vielleicht hat er sich aber auch nur ein Sommerhaus am Schwarzen Meer gekauft und dort seinen Lebensabend genossen. Nach drei Jahren Plünderung sollte er hinreichend vorgesorgt haben.
Subutai machte sich mit dem Heer auf jeden Fall ohne seinen Kollegen auf den Heimweg. Da er bereits nördlich des Schwarzen Meeres operierte, wählte er hierfür einen Weg, der ihn auch nördlich des Kaspischen Meeres durch das Gebiet der Wolgabulgaren führte. Gegen diese musste er dann allerdings im Herbst 1223 eine Niederlage einstecken, die ihn auf seinem weiteren Weg Richtung Osten allerdings nicht sonderlich aufhielt.
Nachdem 1225 beide Heeresteile wieder in die Mongolei zurückgekehrt waren und das Reich Dschingis Khans um Transoxanien und Persien vergrößert war, ging es erneut Richtung China. Die Tanguten der Westlichen Xia-Dynastie hatten sich mit den Jurchen der Jin-Dynastie verbündet. Beide waren den Mongolen bereits unterlegen, meinten aber nun, dass es gemeinsam vielleicht reichen würde, sich zu verteidigen oder sogar die verlorengegangenen Gebiete der Jin in Nordchina zurückzugewinnen. Die Mongolen waren ja weit weg, irgendwo am Kaspischen Meer, vielleicht würden sie dort geschlagen. Diese Gelegenheit wollte man nicht verpassen.
Es reichte nicht. Dschingis Khan, mittlerweile wohl in den Siebzigern, war schnell genug zurück und handelte. Die Tanguten wurden geschlagen, die gesamte Herrscherfamilie ermordet. Es war einer der letzten Befehle des Großkhans. Am 25. August 1227 starb er, vielleicht an der Beulenpest. Einen Sturz vom Pferd, wie auch vermutet wird, können wir uns bei dem mongolischen Großkhan beim besten Willen nicht vorstellen.
Wir können Dschingis Khan als genialen Staatsmann in Erinnerung behalten, dem es gelang, das mongolisches Reich zu gründen und durch viele Eroberungen zu einer gewaltigen Größe zu führen – oder als Massenmörder, der seine Ziele mit brutaler Grausamkeit verfolgte. Diese Seite haben wir in unserer Erzählung nicht so ausgewalzt, manche lesen diese Zeilen ja auch vor 22 Uhr. Er schaffte es, die die labilen, personengebundenen traditionellen Stammes-Loyalitäten durch eine auf Eignung und Verdienst beruhende Militär- und Verwaltungsstruktur zu ersetzen, im Kern zwar getragen durch seine Familie, insgesamt aber offen und durchlässig für fähige Männer.
Das nächste Mal schauen wir dann, wie es dem zusammeneroberten Reich ohne die prägende Führungsfigur erging.
Bildnachweise:
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Motiv: Porträt von Dschingis Khan (aus dem „Album mit Porträts der Yuan-Kaiser“, Nanxun-Halle).
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Quelle: Wikimedia Commons / Nationales Palastmuseum, Taipeh.
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Lizenz: Gemeinfrei aufgrund des Alters (Public Domain).
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Bearbeitung: Unverändert übernommen.
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Abruf: 15.06.2026.


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