Uiguren
In der letzten Folge haben wir gesehen, wie die Koalition aus den Völkern der Basmil, Oghusen, Karluken und Uiguren die Türken besiegt haben. Ohne gemeinsamen Gegner fehlte dann das verbindende Glied zwischen den Verbündeten und man kämpfte fröhlich gegeneinander. Am Ende setzten sich die Uiguren durch. Zunächst kämpften sie gemeinsam mit den Karluken gegen die Basmil. Nachdem diese geschlagen waren, wandten sich die Uiguren gegen die Karluken. Diese wurden nach Westen abgedrängt und so wurde aus dem Vielvölkerstaat ein Uigurisches Khaganat. Basmil, Karluken, Türgesch, Oghusen, Tataren, Kirgisen und Kitan, all diese Völker verloren vielleicht nicht ihre völlige Selbständigkeit, mussten jedoch die Oberherrschaft der Uiguren anerkennen.
Insgesamt war auch die uigurische Herrschaft auf wenige Generationen beschränkt. Qutlug Bilge Kul Khagan war, wie gesehen, mit chinesischer Hilfe an die Spitze gekommen. Sein Sohn Bayan Chor (713 bis 759, reg. 747 bis 759) und sein Enkel Tengri Bögü Khagan (gest. 779/780, reg. 759 bis 779/780) dehnten den Machtbereich weiter aus. Von der Mandschurei bis zum Balchaschsee reichte der Einfluss, wenn Du so willst, die klassische Ausdehnung der Khaganate in diesen Jahrhunderten.
Das Verhältnis zur chinesischen der Tang-Dynastie blieb zunächst freundlich. Diese hatte im Sommer 751 im Süden Kasachstans eine empfindliche Niederlage gegen das aufstrebende abbasidische Kalifat hinnehmen müssen, was – neben vielen anderen Gründen – den General An Lushan (703 bis 757) zu einer Rebellion motivierte. Die Tang riefen die Uiguren zu Hilfe. Diese ließen sich nicht lange bitten und halfen auch freundlich bei der Niederschlagung des Aufstands. Dass An Lushan bereits zuvor von seinem Sohn An Qingxu (nach 730 bis 759) ermordet worden war, half sicherlich. Danach verhielten sich die hilfsbereiten Uiguren allerdings nicht so, wie man es von Freunden erwartet. Sie plünderten die großen Städte und gemeindeten die zentralasiatischen Gebiete der Tang ein. Die Abhängigkeit zwischen Chinesen und Uiguren wurde 758 durch wechselseitige Heiraten des jeweiligen Herrschers mit einer Tochter seines Kollegen bekräftigt.
Natürlich dachte aber jeder vor allem an sich. So schlugen die Uiguren 758 ein großes Heer der Kirgisen, obwohl diese mit den Tang befreundet waren. Sie lebten halt direkt nördlich der Uiguren, und für ein entspanntes Verhältnis zu den Nachbarn ist es immer gut, klarzumachen, wer hier was zu sagen hat. In den Beziehungen zu den Chinesen zeigten sich die Uiguren immer mehr als die Stärkeren. 762 konnte Tengri Bögü eine erneute Rebellion, diesmal von An Lushans Sohn angeführt, niederschlagen. Ihre Unterstützung ließen sich die Uiguren gut bezahlen. Sie nutzten die Abhängigkeit der Chinesen durch etwa unausgewogene Handelsverträge aus. Gegen gute Seide gab es schlechte Pferde. Zudem ließen sie sich Posten zuweisen, die es ihnen ermöglichten, die chinesische Bevölkerung auszunutzen.
Mittler in diesem Prozess waren die Sogdier, die sich bereits zu Zeiten der Türk-Khaganate als erfolgreiche Händler und Mittler zwischen den unterschiedlichen Reichen bewährt hatten. Der Einfluss der Sogdier am uigurischen Hof sorgte jedoch auch für Probleme. Einfluss bedeutet auch Macht und wenn andere Macht haben, empfinden das einige als eher unpassend. Soll es ja heute auch noch geben. Hinzu kam, dass die uigurischen Herrscher zum Manichäismus übergetreten waren und diesen als Staatsreligion propagierten. Wir halten uns hier ja wohlweislich, so gut es eben geht, aus den religionspolitischen Diskussionen heraus. Aber soviel haben wir aus der bisherigen Erzählung schon gelernt, dass eine verordnete Religion nicht nur begeisterte Anhänger findet.
Tengri Bögüs Versuch, 779 gegen die Tang zu marschieren oder besser: zu reiten, wendete sich gegen ihn selbst. Sein Onkel widersetzte sich diesem Plan – es ist nicht ganz klar, ob dieser Widerstand sofort entstand oder erst nach einer verlorenen Schlacht Tengris. Auf jeden Fall fand der Khan und angabegemäß auch fast 2.000 Menschen aus seiner Familie und von seinen Anhängern im Zuge dieser Rebellion den Tod. Sein Onkel Tun Baga Tarkhan bestieg mit dem Thronnamen Alb Qutlug Bilge Khagan (reg. 780 bis 789) den Thron.
In den folgenden Jahren gab es zahlreiche Auseinandersetzungen mit den Tibetern und Karluken, die die Uiguren aber meist für sich entscheiden konnten. Wir sparen es uns, die einzelnen Schlachten und Herrscher zu benennen, auch wenn diese so schöne Namen wie »Großartig geboren im Mondhimmel, siegreicher, glorreicher, großer und weiser Khagan« trugen, womit wir Ay-Tengride Ülüg-Bulmis Alp-Qutluq Ulugh-Bilge (reg. 795 bis 805) meinen, den wir nicht mit Kün Tengride Ülüg-Bulmis Alp-Küclüg Bilge (reg. 821 bis 824) verwechseln dürfen, weil das heißt übersetzt ja »Großgeboren im Sonnenhimmel, siegreich, stark und weise«. Wir sehen, zumindest bei der Namensgebung ging es seither doch ein wenig bergab. Nichts gegen Kevin und Chantal, aber trotzdem … Was erst einmal blieb, waren die grundsätzlich guten Beziehungen zu Tang-China, wenn es auch immer wieder Überfälle durch einzelne uigurische Stämme gab.
Das Ende kam dann in den 840er Jahren. 839 hatte es einen harten Winter gegeben, dem ein großer Teil der Herden, auch viele Pferde und Menschen zum Opfer fielen. Zudem lief ein uigurischer General zu den Kirgisen über. Diese nutzten die Schwäche der Uiguren, eroberten die Hauptstadt Ordu-Baliq, etwa dreihundert Kilometer westlich der heutigen mongolischen Hauptstadt Ulan Bator, und zerstörten sie gründlich. Die letzten Khagane der Uiguren wurden ermordet, das Volk der Uiguren vertrieben.
In zwei unterschiedlichen Gruppen unter Führung des Generals Ormizt (um 840) auf der einen und dem offiziellen Khagan Üge (gest. 846, reg. 841 bis 846) auf der anderen Seite suchten sie Schutz und Asyl bei den Tang-Chinesen. Deren Kaiser Wuzong (814 bis 846, reg. 840 bis 846), der als Daoist gerade in einem Kulturkrieg gegen die Buddhisten unterwegs war und Sorge vor den uigurischen Manichäern hatte, lehnte jedoch ab. Üge konnte eine chinesische Prinzessin namens Taihe (geb. nach 795) gefangen nehmen, was ihm aber merkwürdigerweise nicht die Freundschaft des Kaisers einbrachte. Dieser überzeugte im Gegenteil Ormizt, sich mit den chinesischen Truppen gegen Üge zu wenden, der im nördlichen Gebiet der Tang plündernd durch die Lande zog und von Wuzong die Zuweisung von Städten für sich und seine Truppen forderte. 843 kam es zur entscheidenden Schlacht, die Üge krachend verlor. Auch die Prinzessin wurde befreit, falls Du Dir Sorgen um sie gemacht haben solltest. Üge konnte sich noch drei Jahre halten. 846 starb er in der Nähe des Altai-Gebirges, also weit im Westen, in einem Gefecht oder durch einen Anschlag.
Infolge dieser Entwicklung bildeten sich zwei uigurische Nachfolgereiche. In der heutigen nordchinesischen Provinz Gansu entstand das eine, das sich mit der Zeit durch schlichte Vermischung mit der einheimischen Bevölkerung selbst auflöste. Das andere war das sogenannte Reich von Kocho im Tarimbecken. Dieses wurde 856 gegründet und konnte sich immerhin bis 1130 als selbständiges Reich halten. Danach geriet es unter die Herrschaft erst der Kara Kitai, ein aus den Kitan hervorgegangenes Reich, das uns beim Niedergang der Seldschuken bereits begegnet ist, und ab 1209 der Mongolen. Diese herrschten bis 1335, dann übernahm die Yuan-Dynastie die Macht. Seit dem 14. Jahrhundert gerieten die Uiguren immer mehr unter den Einfluss muslimischer Herrscher und wurden nach und nach islamisiert. Der Begriff der »Uiguren« verschwand aus der Geschichte bis zu seiner Reaktivierung in der heutigen Zeit.
Kirgisen
In dem »Kernland« der Khaganate, also nördlich von China in der heutigen Mongolei und den umliegenden Ortschaften folgten den Uiguren die Kirgisen. Dabei handelt es sich nicht 1:1 um die gleiche Ethnie wie die Kirgisen, die heute naturgemäß vornehmlich in Kirgistan leben. In den Jahrhunderten seither hat es da noch hinreichende Vermischungen gegeben, vor allem auch mit den Mongolen, die uns auch noch intensiv beschäftigen werden.
Die »antiken« Kirgisen haben wir bereits als Nachbarn der Kök-Türken erlebt, denen sie das von ihnen abgebaute Gold und Eisen als Tribut liefern mussten. Das kirgisische Reich, das sich nach der Vertreibung der Uiguren bildete, war deutlich lockerer organisiert. Nach gut 80 Jahren hatte es dann auch schnell ein Ende. Die Kirgisen wurden 924 von den Kitan überrannt und zogen sich in ihr eigentliches Stammland am Jenissei zurück.
Kitan
Die Kitan waren ein höchstwahrscheinlich mongolischstämmiges Volk, das ursprünglich im Osten auf dem Gebiet der Mandschurei lebte. Unter Yelü Abaoji (872 bis 926, reg. 907 bis 926) wurden ab 924 neben den Kirgisen auch die in Gansu siedelnden Uiguren, Tanguten und Tuyuhun sowie 926 der koreanische Staat Balhae unterworfen. Abaoji selbst hatte sich 916 zum Kaiser erhoben und suchte das Machtvakuum der 907 durch interne Konflikte zusammengebrochenen Tang-Dynastie zu füllen.
Dies gelang spätestens unter Abaojis Sohn Yelü Deguang (902 bis 947, reg. 927 bis 947), der als Kaiser Taizong auch formal eine Dynastie ausrief, die der Liao. Wir könnten diese Entwicklung jetzt weiter verfolgen, wären dann aber plötzlich mitten in der chinesischen Geschichte. Die wollen wir jedoch ein wenig später ordentlich und in Ruhe behandeln. Also freuen wir uns mit den Kitan, dass sie hier einen guten Weg gefunden haben – das hoffen wir zumindest für sie und werden wie gesagt später nachschauen, ob und für wen es wirklich ein guter Weg war.
Das Ende wollen wir dann aber doch kurz erwähnen. Es kam 1125. Die Kitan hatten sich also über 200 Jahre an der Macht halten können. Dann übernahmen die Jurchen die Macht, die mit der in Südchina regierenden Song-Dynastie verbündet waren. Teile der Kitan flohen nach Westen, wo sie sich unter Khan Yelü Dashi (1087 bis 1143, reg. 1124 bis 1143) als Kara Kitai neu aufstellten. Sie hielten sich bis zur Invasion der Mongolen im Jahr 1217/1218.
Tungusen oder Jurchen
Die Jurchen sind uns dagegen noch nicht untergekommen. Sie gehörten zur Stammesfamilie der Tungusen und lebten in der östlichen Mandschurei. Von den Jurchen als Machtfaktor wird erstmals 1069 berichtet. Ihr Stammesfürst Aguda (1068 bis 1123, reg. 1115 bis 1123) gründete die Jin-Dynastie, die zur Unterscheidung einer gleichnamigen früheren Dynastie aus den Jahren 265 bis 420, den Westlichen und Östlichen Jin, auch als Jurchen-Jin bezeichnet wird. Ihm gelang eine Vereinigung der Jurchen-Stämme und anschließend die Rebellion gegen die von den Kitan geführte Liao-Dynastie. Die hätten schon 1112 merken können, dass da was im Busch war. Als der Liao-Kaiser Tianzuo, der kitanische Name war Yelü Yanxi (1075 bis 1128 oder 1156, reg. 1101 bis 1125), im Norden Fische fangen wollte und in das Gebiet der Jurchen zog, befahl er deren Häuptlingen, für ihn zu tanzen. Allein Aguda verweigerte sich diesem Befehl. Wenn also jemand nicht für Dich tanzen möchte, sei vorsichtig.
Zunächst konnten wie gesagt im Verbund mit den Song aus China die Kitan vertrieben werden. Letztlich bedeuteten jedoch auch für die Jurchen die Mongolen das Ende der eigenständigen Herrschaft. Ab 1211 griff Dschingis Khan an und konnte beispielsweise Peking erobern. 1234 eroberte sein Nachfolger Ögedei ihr Reich endgültig. Die Jurchen selbst überlebten. Ende des 16. Jahrhunderts konnte der Stammesfürst Nurhaci (1559 bis 1626) die Stämme der Jurchen wieder vereinen. Dieses Volk nannte sich ab 1635 »Mandschu«. 1644 wurde die Ming-Dynastie mit der Eroberung Pekings endgültig gestürzt und die Jurchen übernahmen mit der 1636 gegründeten Qing-Dynastie die Macht.
Tibet
Bevor wir auf die Mongolen schauen, die in Zentralasien quasi einmal für tabula rasa gesorgt haben, gönnen wir uns noch einen kurzen Blick nach Tibet. Wir gehen dabei aber nicht alle 42 Herrscher der tibetischen Königsliste durch. Die ersten 26 haben wohl eher einen mythischen als einen realen historischen Hintergrund und erst ab König Nummer 33, Songtsen Gampo (vielleicht 605 bis 649, reg. etwa 617 bis 649), sind die Herrscher aus Quellen belegt.
Songtsen Gampo führte zwar ein nomadisches Leben, gründete aber doch die Hauptstadt Lhasa, in der auch seine Ehefrauen lebten, unter anderem die chinesische Prinzessin Wen Cheng (620 bis 682), die er 635 oder 641 geheiratet hatte, und Bhrikuti (um 625), eine Prinzessin aus Nepal und die Tochter eines westtibetischen Königs.
Der Höhepunkt der tibetischen Macht wurde unter Thrisong Detsen (742 bis 796, reg. 756 bis 796) erreicht, der Nummer 38 in der Königsliste. Er konnte 763 mit Changan, das heutige Xian, Hauptstadt der Provinz Shaanxi, damals die Hauptstadt der Tang-Dynastie erobern, musste sie aber nach drei Wochen wieder aufgeben. Die Entfernung von Lhasa nach Xian beträgt Luftlinie immerhin über 1.750 Kilometer, das eher schwierige Gelände lässt die Fahrstrecke heute um rund 1.000 weitere Kilometer anwachsen. Da zollen wir den Tibetern mal ein bisschen Respekt. Der Konflikt mit China blieb trotz eines danach geschlossenen Friedensvertrages virulent und endete 789 mit einer Niederlage, die die Tibeter zum Rückzug zwang. Die tibetische Herrschaft war danach im langsamen Niedergang begriffen. 822 wurde mit China ein längerfristiger Friedensvertrag geschlossen.
Die tibetischen Herrscher orientierten sich am Buddhismus und kulturell daher zunehmend nach Indien. Es gab jedoch nie irgendwelche Bestrebungen, dorthin Eroberungszüge zu starten.
Streitigkeiten zwischen Thronprätendenten – Söhne von Nebenfrauen, der Sohn des älteren Bruders der Königswitwe und dergleichen – führten zu inneren Kämpfen. Die politische Macht zersplitterte, das Einflussgebiet schnurrte zusammen. Religiöse Motive – Buddhisten gegen die Bönpo genannten Anhänger der althergebrachten Bön-Kultur – waren der Resonanzboden der Auseinandersetzungen. Erdbeben und Pestepidemien kamen hinzu. Durch die Gründung kleiner Herrschaften wie Ladakh in Nordwestindien oder Guge in Südtibet konnte sich das tibetische Königtum bis in die Neuzeit retten.
Das nächste Mal wollen wir uns dann aber den Mongolen zuwenden, auch wenn wir so viele Völker Zentralasiens ungesehen beiseite schieben. Das Leben ist ungerecht und unsere Zeit begrenzt.
Bildnachweise:
Vorschaubild:
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Motiv: Jurchen-Mann mit Pferd.
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Quelle: (Referenz: Xiuyan.com.cn).
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Lizenz: Gemeinfrei aufgrund des Alters (Public Domain).
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Bearbeitung: Unverändert übernommen.
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Abruf: 16.06.2026.


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