Begriffe der muslimischen Geschichte und Religion
Bevor wir weitermachen, wollen wir noch ein paar Begriffe klären, die in der muslimischen Geschichtsschreibung von Bedeutung sind. Wir werden zwar nicht alle häufig verwenden, aber wenn wir uns schon mit der Entstehung des Islam befassen … Naja, es dauert ja nicht lange.
Als Ansar werden die Anhänger Mohammeds aus Jathrib bezeichnet, die ihn nach seiner Flucht aus Mekka dort aufnahmen. Seine Anhänger, die ihn begleiteten, werden Muhadschirun genannt.
Dhimmi sind »Schutzbefohlene«. In der islamischen Rechtstradition sind damit Monotheisten gemeint, also vornehmlich Juden und Christen, aber auch Zoroaster und Sabäer – eine kleine Gemeinschaft im Süden der arabischen Halbinsel. Wir erinnern die Königin von Saba. Sie mussten einen Dhimma-Vertrag schließen und die für sie bestimmte Steuer, Dschizya genannt, bezahlen.
Eine Fitna ist eine Zeit von Glaubenskämpfen. Die erste Fitna war der Kampf zwischen Ali und Muawiya. Die zweite, dritte und vierte Fitna folgten in den Jahren 680 bis 692 um die Nachfolge Muawiyas, 744 bis 750 als Auslöser der abbasidischen Machtübernahme und 809 bis 827 um die Nachfolge Harun ar-Raschids. Hinzu kommt eine Fitna in al-Andalus von 1009 bis 1031. Heutige Streitigkeiten zwischen Muslimen wie etwa dem Islamischen Staat und den Schiiten werden nicht unter diesem Begriff gehandelt, da hier doch eher machtpolitische Motivationen ausschlaggebend sind. Ob seinerzeit dagegen dann immer wirklich der Streit um die richtige Auslegung des Koran im Vordergrund stand? Wohl eher unwahrscheinlich.
Ein Hadith ist die Überlieferung eines Ausspruches oder einer Handlung von Mohammed selbst oder von Dritten, die die Billigung des Propheten fanden. Die Charakterisierung Alis, die von seinen Parteigängern als Designation empfunden wurde, ist ein Beispiel.
Die Hidschra oder Hedschra bezeichnet die Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina.
Ein Imam ist ein geistlicher Führer, der als religiös-politisches Oberhaupt der islamischen Gemeinschaft (umma) ein Nachfolger des Propheten Mohammed ist. Damit ist die Rolle des Imam eigentlich identisch mit der des Kalifen. Der Begriff des Kalif, also »Stellvertreter«, wird dabei eher in der Bedeutung des politischen Führers verwendet, während Imam mehr auf die gottgewollte religiöse Führung abhebt. Er ist für die Bewahrung der Religion und die Organisation der weltlichen Angelegenheiten der umma verantwortlich. Während die Sunniten auf die real stattgefunden habende Reihenfolge der Kalifen setzen, sehen die Schiiten wie beschrieben eine andere Folge von Imamen als religiöse Führer.
Aus Sicht der Sunniten endete mit Ali die Zeit der vier rechtgeleiteten Kalifen. Es mag erstaunlich sein, dass auch Ali selbst dazu gezählt wird. Das liegt daran, dass bis 661 die umma auch noch wirklich alle Anhänger dieses Glaubens umfasste. Danach gab es mit Schiiten, Charidschiten, den Anhängern Muawiyas und späteren weiteren Aufspaltungen unterschiedliche Parteien mit unterschiedlichen Interpretationen und Lehrmeinungen. Aus Sicht der Schiiten waren die ersten drei Kalifen, also Abu Bakr, Umar und Uthman beispielsweise gar nicht berechtigt, das Führungsamt zu beanspruchen.
Hasan lässt sich kaufen
Steigen wir wieder ein in die Geschehnisse nach Alis Tod. Muawiya sah sich als Nachfolger insbesondere auch bestätigt durch den Schiedsspruch nach der Auseinandersetzung von Siffin. Auf der anderen Seite hatten die Anhänger Alis Hasan, den Enkel Mohmmeds aus Alis Ehe mit Fatima, zum Kalifen erhoben. Muawiya war an der Stelle eher humorlos und zog mit seinen Truppen von Syrien aus gen Kufa.
Ebenso wie Ali hatte auch Hasan nicht das Zeug zu einer wirklichen Führungskraft. Seine Anhängerschaft war gespalten. Die einen wollten den Kampf, die anderen suchen eher einen Ausgleich. So kam es dann zu Verhandlungen mit Muawiya, die im Juli 661 mit Hasans Abdankung endeten. Er bekam dafür Geld, die Tributeinkünfte einer persischen Provinz, und die Zusage, als Nachfolger Muawiyas dann doch noch Kalif werden zu können. Hasan zog mit seinem Bruder Al-Husain ibn Ali nach Medina, wo er bis zu seinem Tode lebte.
Weitere Eroberungen
Muawiya hatte sich gegen Ali und Hasan durchgesetzt und war nun unumstrittener Kalif. Er behielt Damaskus als seine Hauptstadt bei. Mekka und Medina hatten ihre politische Bedeutung verloren und waren lediglich noch als religiöse Pilgerstätten wichtig.
Nach den zehnjährigen innerislamischen Kämpfen konnte Muawiya nun auch die Expansionspolitik wieder aufnehmen. In Nordafrika ging es weiter Richtung Westen bis nach Tunesien, in Persien in Richtung Osten. Über den Untergang des sassanidischen Reiches haben wir schon gesprochen. Die Eroberungen fielen allerdings nicht mehr so leicht. In vom Taurus-Gebirge abgeschirmten Kleinasien tat man sich schwer und kam nicht über einzelne Plünderungszüge hinaus. Auch der Versuch, Konstantinopel mit einem kombinierten Angriff zu Land und zur See in Bedrängnis zu bringen, scheiterte in den 670er-Jahren auch dank des griechischen Feuers. In Nordafrika wurden die Verbindungswege immer länger, zudem bekamen die muslimischen Truppen wie alle anderen Eroberer zuvor auch ihre Probleme mit den Berbern.
Yazid ist umstritten
Muawiya starb am 18. April 680. Vor seinem Tod hatte er noch seinen Sohn Yazid als Thronfolger ernannt. Dies sorgte für allerhand Unruhen, da er damit sein Versprechen gegenüber Hasan brach. Auch wenn dieser bereits zehn Jahre zuvor gestorben war, interpretierte die Partei Alis die Vereinbarung doch so, dass die Rechte auf die Nachfolge als Kalif auf Hasan übergegangen sei und somit seine Familie und Nachkommen den Nachfolger stellen sollten. Die aus diesem Konflikt resultierende zweite Fitna, also der zweite innerislamische Bürgerkrieg, sollte die gesamte Herrschaft Yazids und die seiner Nachfolger überdauern.
Schon nach der Verkündung der Thronfolgeregelung wandten sich viele der Muslime, die noch Mohammed gekannt hatten, von dem Kalifen ab. Auch Aisha, Mohammeds Lieblingsfrau, gehörte dazu. Das Hasan gegenüber gebrochene Versprechen ließ alte Vorwürfe gegenüber dem Clan der Umayyaden wieder laut werden.
Die Umayyaden
Die Umayyaden waren eine Familie aus dem Stamm der Quraisch. Viele von ihnen waren allerdings ihrem Stammesbruder Mohammed lange feindlich gesinnt gewesen, einige standen sogar an der Spitze der Anti-Mohammed-Bewegung. Gerade noch rechtzeitig, bevor dieser dann seine Heimaststadt einnehmen konnte, wechselte Abu Sufyan ibn Harb (etwa 567 bis 652), das Oberhaupt des Clans, auf die muslimische Seite. Ein kluger Schachzug, sicherte er doch der Familie auch unter den neuen Machthabern nachhaltig Einfluss. Sein Sohn, der uns schon gut bekannte Muawiya wurde zeitweise sogar Mohammeds Sekretär, nach dem Tod des Propheten dann ja 639 Statthalter in Damaskus und später sogar Kalif. Wir wollen auch den dritten Kalifen Uthman nicht vergessen, der als Umayyade bereits früh zu Mohammeds Anhängern gehörte und 622 mit ihm nach Medina ging. Seine nepotistische Politik hatte dann ja zum Bürgerkrieg mit Ali und letztlich zum Aufstieg Muawiyas geführt.
Es waren also keine supergünstigen Voraussetzungen, unter denen Yazid seine Herrschaft begann. Die Versuche seines Vaters, im Vorwege eine breite Unterstützung für ihn zu organisieren, waren nicht bei allen gut angekommen. Er hatte den Dichtern, die mit ihren Liedern und Erzählungen großen Einfluss auf die jeweilige Bevölkerung hatten, Geschenke gemacht, um ihnen »neue Ideen zu geben«. Er war selbst nach Medina gereist, um für Yazid zu werben, hatte die dort siedelnden Anhänger und Familienmitglieder Hasans, allen voran dessen Bruder Husain jedoch nicht überzeugen können. Dabei wird auch eine Rolle gespielt haben, dass Yazid nicht der Sympath vor dem Herrn gewesen sein muss. Wobei wir wissen, dass solche Zuschreibungen späterer Geschichtsschreiber meist mehr von deren Phantasie als von ihrer Wahrheitsliebe zeugen. Wir können nicht sagen, wie weit seine Verschwendungssucht ging, ob und wieviel Wein er getrunken hat, wie viele Sänger-, Tänzer- und was-weiß-ich noch-innen er unterstützt hat und wie viel Geld dafür mittels korrupter Geschäfte gewonnen wurde.
Die Schlacht von Kerbela
Ein wichtiges Ereignis in der Regierungszeit Yazids, das bis heute nachwirkt, war die Schlacht von Kerbela im Jahr 680. Husain hatte Yazid den Treueschwur verweigert und sich nach Mekka zurückgezogen. Die Einwohner Kufas, Alis alter Hauptstadt im Irak, erfuhren davon und baten Husain, zu ihnen zu kommen. Die Treue zu Ali und seiner Familie wirkte nach. Husain ließ sich überreden und zog mit einem kleinen Heer von Mekka Richtung Irak. Aus den Botschaften, die er aus Kufa erhalten hatte, hatte er auf eine breite Unterstützung durch die Bevölkerung in der Region gehofft. Yazids Gouverneur, ein Herr namens Ubaid Allah ibn Ziyad (gest. 686), hatte aber bereits einer möglichen Revolte die Spitze gebrochen und viele Anhänger der Ali-Partei hinrichten lassen. Die erhoffte Unterstützung für Husain blieb also aus. Der Weg nach Kufa war abgeschnitten. So saß er mit angeblich nur 72 Getreuen in dem Ort Kerbela fest, etwa 80 Kilometer südlich von Bagdad gelegen. Am 10. Oktober 680 kam es dort zur Schlacht gegen die vielleicht 4000 Krieger Ubaids, die der hoffnungslos unterlegene Husain erwartungsgemäß verlor. Er und nahezu alle seine Anhänger wurden getötet. Ein Sohn Husains überlebte.
Kerbela hat bis heute für die Schiiten eine zentrale Bedeutung. Zum einen begründet der Tod Husains, immerhin eines Enkels des Propheten, eine ausgeprägte Märtyrerkultur bei den Schiiten. Auf der anderen Seite gelten die heroischen Kämpfer, die sich gegen eine Übermacht stellten, auch als Vorbilder für den Dschihad, den heiligen Krieg gegen den scheinbar übermächtigen Westen, insbesondere die USA. Die Sunniten sehen es überraschenderweise ein wenig anders. Für sie ist Husain ein Rebell, der die Einheit der umma spaltete.
Schiitische "Thronfolge"
Dass die Schiiten mit der Abfolge der Kalifen nicht einverstanden waren, wissen wir bereits. Zwar hatten diese - nach Kerbela umso mehr – die weltliche Macht in den Händen. Sie waren aber nach schiitischer Auffassung nicht die rechtmäßigen Nachfolger des Propheten. Als religiöse Führer wurden die Imame beginnend mit Ali angesehen. In dieser Reihe folgten dessen Söhne Hasan und Husain als zweiter und dritter Imam. Husseins Sohn Ali ibn Husain Zain al-Abidin (658 bis 713), der die Schlacht von Kerbela überlebt hatte, war dann der vierte Imam.
Der siebte Imam, Musa ibn Dschafar al-Kazim (745 bis 799, amt. 765 bis 799) wurde 795/796 vom Kalifen Harun ar-Raschid gefangengesetzt, um einen möglichen Aufstand zu verhindern. Alle folgenden Imame bis hin zum elften Hasan al-Askari (846 bis 874) wurden von den zu dieser Zeit herrschenden Abbasiden in – allerdings ehrenvoller, was immer das dann genau geheißen haben mag – Haft gehalten.
Der elfte Imam hinterließ keinen Sohn. Dies sorgte zunächst für etwas Verwirrung unter den Gläubigen. Schließlich fand man die Wahrheit, dass der zwölfte Imam namens Mohammed lediglich versteckt worden sei, um ihn vor den Verfolgungen der Abbasiden zu schützen. Er werde eines Tages zurückkehren und die irregeleiteten Muslime wieder im wahren Islam vereinen. Dieser »entrückte« zwölfte Imam, der auch als Mahdi (»der Rechtgeleitete«) bezeichnet wird, ist als messianische Verheißung eine der zentralen Fiktionen des schiitischen Glaubens. Seine Wirkungsmächtigkeit mussten beispielsweise die türkisch-ägyptischen Herrscher in Ägypten gegen Ende des 19. Jahrhunderts erleben, als ein gewisser Muhammad Ahmad (1844 bis 1885) sich als Mahdi erklärte und 1881 einen zunächst sehr erfolgreichen Aufstand anzettelte. Der wurde dann von einer anglo-ägyptischen Koalition im Jahr 1885 niedergeschlagen, mit der Folge, dass Ägypten danach britische Kolonie wurde. Von Kerbela bis dahin ist allerdings noch ein weiter Weg.
Probleme in den Hedschas
Kerbela war nicht die einzige Auseinandersetzung, die Yazid führen musste. Der Westen der arabischen Halbinsel wird Hedschas genannt. Hier liegen mit Mekka und Medina die heiligen Städte des Islams. In den Hedschas hatte sich ja Alis Sohn Hasan zurückgezogen. Die Bevölkerung war mit der Herrschaft Yazids nicht einverstanden. Eine Gesandtschaft wurde in die Hauptstadt Damaskus geschickt, um einen Ausgleich mit Yazid zu suchen. Der Kalif empfing diesen zwar mit allen Ehren und beschenkte sie reichlich. Es gelang ihm aber nicht, sie auf seine Seite zu ziehen. Tänzerinnen, Weingelage und Hunde und Affen als Spielgefährten, so hatten sie sich einen Kalifen nicht vorgestellt. Wir müssen dabei bedenken, dass Mohammed noch nicht lange tot war und das arabisch-islamische Reich sich noch sehr an ihm und seinen Regeln orientierte. Manches hat sich ja bis heute erhalten, sowohl an orthodoxer Regelauslegung als auch an hedonistischer Regelübertretung.
Schlacht von Harra
Auf jeden Fall zog die Delegation entsetzt wieder ab und sagte sich von ihrem Treueeid gegenüber Yazid los. Dem folgte die gesamte Einwohnerschaft Medinas. Diese verließ die Stadt und belagerte sie und die dort verbliebenen Umayyaden. Yazid schickte eine Armee, die auf dem nordöstlich der Stadt gelegenen Lavafeld von Harrat Waqim auf die Belagerer traf. Trotz eines dreitägigen Ultimatums weigerte sich das Volk, den Treueeid zu schwören. In der folgenden Schlacht von Harra am 26. August 683 konnten sich Yazids Truppen schnell durchsetzen, viele Einwohner Medinas bezahlten ihre Opposition mit dem Leben.
Das Ende Yazids
Danach ging es gegen Mekka, wo sich unter der Führung von Abdallah ibn az-Zubair (619 bis 692) ebenfalls eine Gruppe von Muslimen gegen Yazid gestellt hatte. Abdallah war ein Sohn eines engen Gefährten Mohammeds und gehörte zu den charidschitischen Gegnern Alis. Er hatte auf der Seite seiner Schwägerin Aisha an der Kamelschlacht gegen diesen teilgenommen. Die Belagerung Mekkas hatte die unschöne Folge, dass aufgrund des damit einhergehenden Beschusses auch das Heiligtum der Kaaba schwer beschädigt wurde.
Die Auseinandersetzung fand dann allerdings ein schnelles Ende, als die Nachricht vom Tode Yazids eintraf. Der Kalif war am 11. November 683 im Alter von nur 38 Jahren gestorben. Ob er sich wirklich betrunken beim Sturz vom Pferd den Hals brach, als er seinen auf einem Esel reitenden Affen verfolgte, können wir nicht mehr nachprüfen. Es passt ein wenig zu den Geschichten über seinen lockeren Lebenswandel. Andere Berichte sprechen von einer Lungenentzündung. Klingt wahrscheinlicher, ist aber nicht so schön zu erzählen. Vielleicht stimmt auch beides und er fiel vom Pferd, weil ihn die Lungenentzündung so geschwächt hatte. Über das weitere Schicksal des Affen ist wenig bekannt.
Für das islamische Reich war sein Tod kein großer Verlust. Aufgrund der vielen inneren Kämpfe konnte die Welle der Eroberungen nicht fortgesetzt werden. Zwar erreichten muslimische Truppen in Marokko den Atlantik, wurden aber 683 durch die Berber vernichtend geschlagen, so dass sie sich wieder bis nach Libyen zurückziehen mussten. Auch das Byzantinische Reich profitierte von dieser Schwächephase. Die Araber verloren Rhodos und Zypern und Byzanz hatte wieder die Seeherrschaft im östlichen Mittelmeer.
Das nächste Mal erleben wir dann aber, wie es mit der arabischen Eroberungswelle weiterging.
Bildnachweise:
Vorschaubild:
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Motiv: Szene der Schlacht von Kerbela
Künstler: Mohammad Modabber (Mitbegründer der Ghahveh-Khâneh-Malerei)
Quelle: Wikimedia Commons
Lizenz: Gemeinfrei / Public Domain
Bearbeitung: Unverändert übernommen
Abrufdatum: 18.01.2026


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