Wir schreiben nicht arabisch
Wir kommen jetzt zu einem Kapitel, das gegenüber den vorhergehenden eine Besonderheit aufweist. Wir begegnen Orten und vor allem Menschen mit arabischen Namen, die insofern eigentlich in arabischer Schrift wiedergegeben werden müssten. Da wir die Geschichte aber auf Deutsch erzählen, gebraucht es eine Transkription der arabischen in lateinische Buchstaben. Hierfür existieren Regeln, an die wir uns aber bewusst nicht sklavisch halten werden.
Warum?
Zum einen haben sich bestimmte Namen bereits in einer bestimmten Schreibweise verfestigt. Wir werden also den Propheten und Religionsgründer Mohammed nennen und nicht Muhammad, wie es nach den Richtlinien der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft richtig wäre. Auch werden wir der Lesbarkeit zuliebe weitgehend auf die Verwendung diakritischer Zeichen verzichten, obwohl es die entsprechende DIN-Richtlinie 31635 und entsprechende ISO- und andere Normen eigentlich vorschreiben. Gemeint sind kleine Striche, Häkchen, Bögen oder Punkte, mit denen Buchstaben ergänzt werden, um auf eine besondere Aussprache oder Betonung hinzuweisen. Die des Arabischen Mächtigen mögen Nachsicht walten lassen.
Wenn wir in die Literatur schauen, dann sehen wir auch, dass hier die einzelnen Verfasser je nach Herkunft und Zeitpunkt der Erstellung zu unterschiedlichen Schreibweisen finden, was die Synopse verschiedener Artikel und Bücher nicht unbedingt erleichtert. Die Regeln der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft sind einem englischsprachigen Autor im Zweifel herzlich egal. Ich verspreche Dir aber, dass wir das gut schaffen werden.
Arabische Namen und ihre Bedeutung
Auch wenn uns nun viele Namen begegnen werden, die für uns komplexer klingen als die Johannesse und Konstantins, die wir gewohnt sind, wollen wir jetzt nicht tiefer in die Exegese arabischer Namensgebung einsteigen. Vielleicht hilft es aber, wenn wir wissen, dass ein arabischer Name aus bis zu fünf Komponenten bestehen kann, wobei eine durchaus mehrfach vorkommen mag:
- Der ism ist der persönliche Name, also etwa Mohammed oder Yusuf.
- Die kunya ist ein ehrenvoller Beiname, der im Alltag als Ansprache genutzt wird, beispielsweise Abu für »Vater« oder Umm für »Mutter«.
- Der nasab referenziert die Abstammungslinie, mitunter über drei Generationen hinweg. Ibn bzw. bin oder ben, im Arabischen sind dies Abkürzungen, bedeutet dabei »Sohn«, bint steht für »Tochter«. Die Leser der Bücher von Karl May erinnern sicher an Kara Ben Nemsis Begleiter Hadschi Halef Omar ben Hadschi Abul Abbas ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah.
- Der vierte Namensteil ist die nisba, die die Zugehörigkeit zu einem Stamm, die Herkunft aus einem Ort, die Konfession oder auch den Beruf erklärt. Al-Mawardi ist dann beispielsweise der Rosenwasserhändler. Der Zusatz "al" oder "ad" ist dabei nichts mehr als ein Artikel wie der/die/das.
- Hinzu kommen dann ein oder mitunter auch mehrere voran- oder nachgestellte laqab, Beinamen, Ehrentitel oder Spitznamen. Saif ad-Din meint das »Schwert der Religion«, at-Tawil lediglich »der Lange«.
Der gesamte Name strukturiert sich dann in laqab-kunya-ism-nasab-nisba-laqab. Ich versuche, es einfach zu halten. Da aber vielen Menschen den gleichen ism tragen oder trugen, werden wir uns nicht darauf beschränken können. Sonst kommen wir mit den ganzen Mohammeds wirklich in Tüdel.
Ursprünge
Den Aufstieg des islamischen Reiches verbinden wir mit der Person des Propheten Mohammed (etwa 570 bis 632), der 570 oder kurz danach in Mekka geboren wurde und 632 in Medina starb. Im Alter von 40 Jahren soll er eine göttliche Offenbarung erhalten haben. Danach wirkte er als Prophet Allahs. Mit diesem Auslöser begann eine arabisch-islamische Eroberungswelle, die in den nächsten Jahrzehnten viele Reiche, nicht zuletzt das persische der Sassaniden vernichtete.
Mohammed war natürlich nicht der erste Araber. Die Angehörigen seines Volkes sind uns hie und da schon begegnet, schauen wir also, was sie vor Mohammed getrieben haben und auf welche Welt seine Mission traf.
Der Begriff Araber ist in seiner Herkunft nicht eindeutig. In der semitischen Sprachfamilie könnte seine Wurzel in dem Begriff für »Westen« liegen und die Völker meinen, die aus Sicht der Mesopotamier westlich des Euphrat siedelten. Eine andere Deutung geht auf das Wort abar für »reisen, weiterziehen« zurück und würde auf die in der arabischen Wüste lebenden Beduinen deuten. Das hebräische ajin-rech-bet gibt uns mit seiner Bedeutung »vermischen« einen Hinweis auf ein Völkergemisch, aus dem sich die in der Wüste lebenden Stämme zusammensetzen. Wir wollen die Exegese des Begriffs nicht zu weit treiben und nicht auf die Feinheiten der Unterschiede zwischen aʿrābī, eine Bezeichnung für Nomaden, und ʿarabī für die Bewohner der Städte eingehen. Wichtiger ist, dass die ältesten Überlieferungen, in denen von Arabern gesprochen wird, von den Assyrern aus dem Jahr 853 v. Chr. stammen. Auch der griechische Dichter Aischylos (525 bis 456 v. Chr.) erwähnt die Araber in seinem Werk "Der gefesselte Prometheus" als "Arabias Heldenblüte". Wer damit jeweils genau gemeint war, wissen wir natürlich nicht. Wir verwenden den Begriff vielleicht etwas pauschal für die Bewohner der arabischen Halbinsel.
Diese finden wir das erste Mal wie gesagt in dem assyrischen Bericht 853 v. Chr. unter ihrem König Gindibu (reg. um 850 v. Chr.) in der Schlacht von Qarqar im Nordwesten des heutigen Syrien, in der Salmanassar III. eine Koalition von zwölf Staaten besiegen konnte. Gindibus 1.000 Kamele, die er in die Schlacht schickte, konnten wohl nicht den Unterschied machen.
Im Südwesten lebt es sich am besten
Auch wenn wir den Arabern historisch also zum ersten Mal in Syrien begegnen, entwickelten sich ihre ersten Gemeinschaften, "Reiche", wenn Du so willst, eher im Südwesten der arabischen Halbinsel. Der Monsun sorgte dort für einträglichen Ackerbau, der Sesshaftigkeit erst ermöglichte.
Die dortigen Siedlungen waren in Richtung Nordwesten mit der Mittelmeerwelt verbunden, die Karawanen der arabischen Händler werden ja auch in der Bibel erwähnt, beispielsweise bei Hesekiel 27,21, wo der Zeitraum zwischen etwa 595 bis 570 v. Chr. beschrieben ist. Richtung Osten gab es über den küstennahen Seeweg Kontakt nach Indien. Die Araber fanden sich also an einer durchaus interessanten Schnittstelle verschiedener Handelsrouten.
Viele Stämme lebten noch als Nomaden und waren insofern gut in der Lage, diese Handelswege auch aktiv und ertragreich zu nutzen. Aus der Bibel kennen wir die reiche Königin von Saba, die im 10. Jahrhundert v. Chr. gelebt und König Salomo in Jerusalem besucht haben soll. Auch wenn die Person der Königin selbst nicht historisch nachweisbar ist, zeigt uns die Geschichte doch ein blühendes Land in der Gegend des heutigen Jemen. Andere sehen dieses Reich dann allerdings eher auf der afrikanischen Seite, also da, wo wir heute Eritrea, Dschibuti oder Somalia finden.
Nabatärer, Aksumiten, Gassaniden, Lachmiden: Arabische Reiche
Im Nordwesten waren die Nabatäer der bekannteste arabische Stamm. Zwischen dem 4. Jahrhundert v. Chr. und 106 n. Chr. bestand das Königreich Nabatäa, das den Sinai und Nordarabien bis nach Palästina umfasste. Die Felsenstadt Petra ist uns allen ein Begriff. Trajan gliederte das Nabatäerreich dann als Provinz Arabia Petraea ins Römische Reich ein. Über den Höhenflug des arabischen Palmyras unter Zenobia haben wir im Zusammenhang mit den Römern ja bereits gesprochen.
Vieles aus der vorislamischen arabischen Geschichte wissen wir aufgrund der Kontakte, die die Stämme und Staaten mit den Römern hatten. So wissen wir vom Reich von Aksum auf der afrikanischen Seite, das zwischen dem 1. und 10. Jahrhundert n. Chr. in Eritrea und Teilen von Äthiopien, des Sudans und des Jemens lag und seinen Reichtum aus dem Indienhandel zog. Ebenso wie Aksum waren auch im Inneren Syriens die Gassaniden, deren Herrscher zwischen 220 und 638 n. Chr. belegt sind, wichtige Partner der Römer. Während die Aksumiten für den Indienhandel von großer Bedeutung waren, spielten die Gassaniden insbesondere unter ihrem König al-Harit ibn Gabala (gest. 569, reg. etwa 528 bis 569), in griechischer Umschreibung Arethas genannt, eine wichtige Rolle im Kampf des Byzantinischen Reiches mit den Persern. Dabei kam es zu Kämpfen mit dem ebenfalls arabischen Stamm der Lachmiden, die am unteren Euphrat im heutigen Irak siedelten und auf Seiten der Sassaniden fochten.
Wir werden an dieser Stelle nicht die Geschichte der über 50 arabischen Stämme durchgehen können. Wir wollen uns merken, dass die arabische Welt sehr durch beduinische Stämme geprägt war. Es bildeten sich zwar einzelne Reiche wie das von Aksum heraus, wobei das prägende Element aber doch das nomadische bzw. wohl eher semi-nomadische war.
Viele Stämme verfügten bei aller Wanderlust durchaus über so etwas wie eine feste Heimatregion. Gleichwohl gab es den Gedanken einer arabischen Einheit, der durch eine gemeinsame Sprache getragen wurde. Auch in der Religion gab es Gemeinsamkeiten. Wichtig für die weitere Entwicklung war, dass Araber gerne von den römischen und persischen Machthabern als Soldaten für die vielen Kriege eingesetzt wurden, die diese Länder führten. Die späteren Eroberungen, die beiden Reichen stark zusetzten, das persische sogar beendeten, hatten hier einen wirkungsvollen Nährboden.
Götter und ein Heiligtum
Durch die nomadische Lebensweise der meisten arabischen Stämme und die Handelswege gab es einen Austausch zwischen den Stämmen, so dass es neben regionalen, stammesspezifischen Gottheiten auch solche gab, die von mehreren Stämmen verehrt wurden. Dieser Austausch und auch das Gefühl der Zusammengehörigkeit müssen wir uns als wenig freundlich und eher konfliktbeladen im gegenseitigen Konkurrenzkampf um Macht und Ressourcen vorstellen. Die Kaaba, das Heiligtum der Muslime in Mekka, stammt aus vorislamischer Zeit und war dem Gott Hubal geweiht, den manche mit dem vorislamischen Gott Allah gleichsetzen. Hubal war allerdings wohl ein Gott, der nur vom in Mekka ansässigen Stamm der Quraisch verehrt wurde, während Allah auch bei vielen anderen Stämmen bekannt war. Das Wort bedeutet im Arabischen auch schlicht »Gott«, da mag seine Verbreitung nicht so sehr verwundern.
Im 7. Jahrhundert finden wir also keine geeinte arabische Welt, sondern viele Stämme und kleinere Reiche bis hin nach Syrien und den Irak sowie an die afrikanische Küste. Nukleus des arabischen Lebens war aber immer die arabische Halbinsel. Mit ihren für die Handelswege wichtigen Küsten im Jemen und am Persischen Golf war diese von hoher wirtschaftlicher und strategischer Bedeutung – und ist es weiterhin, wie wir regelmäßig in den Zeitungen und Nachrichten lesen und hören können.
Und dann kam Mohammed
Diese Welt sollte ein Mann massiv verändern, den wir als Mohammed kennen. Sein voller Name war Abu l-Qasim Muhammad ibn Abdallah ibn Abd al-Muttalib ibn Haschim ibn Abd Manaf al-Quraschi. Er wurde zwischen 570 und 573 in Mekka geboren, gehörte – wie wir aus dem Namen auch lesen können – zum sesshaft gewordenen Stamm der Quraisch, der sich weniger durch seine kriegerischen als durch seine Handelsaktivitäten auszeichnete. Dafür war das in seinem Stammesgebiet liegende Kaaba-Heiligtum sicherlich förderlich. Es lockte die Mitglieder anderer Stämme zu friedlichen Pilgerreisen an, die sich trefflich für Geschäfte und Handelsverträge nutzen ließen. Wir schauen uns diesen Mohammed das nächste Mal dann genauer an.
Bildnachweise:
Vorschaubild:
https://de.wikipedia.org/wiki/Altarabische_Religion#/media/Datei:Kitab_al-Bulhan_---_devils_talking.jpg (abgerufen am 28.12.2025)
Der schwarze König der Dschinn , Al-Malik al-Aswad, dargestellt im Kitab al-Bulhan , einem arabischen Manuskript , das Astrologie, Astronomie und Geomantie vereint. Das Original aus dem 14. Jahrhundert befindet sich in der Bodleian Library (Signatur: MS. Bodl. Or. 133. Fol. 30b).
Quelle: Oxford Digital Library – Diese Datei stammt aus den Bodleian Libraries, einer Gruppe von Forschungsbibliotheken der Universität Oxford .
Dieses Werk ist in seinem Ursprungsland und in anderen Ländern und Gebieten, in denen die Schutzfrist des Urheberrechts das Leben des Autors plus 100 Jahre oder weniger beträgt, gemeinfrei .


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