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(71) Das Ende der Gracchen und der Jugurthinische Krieg

Gaius Sempronius Gracchus

Die Geschichte der Gracchen endete nicht mit dem Tod von Tiberius. Sein um neun Jahre jüngerer Bruder Gaius Sempronius Gracchus (153 bis 121 v. Chr.) setzte die Reformpolitik fort. 123 v. Chr. wurde er zum Volkstribun gewählt. Mit einer Reihe von Gesetzesvorhaben, die er durch Abstimmungen in der Volksversammlung durchsetzen konnte, schuf er sich einen großen Rückhalt im Volk und auch bei den Rittern. Wie sein Bruder wählte er dabei den direkten Weg und verzichtete auf entsprechende Vorabstimmungen mit dem Senat.

 

Wenn wir auf diese Initiativen schauen, dann klingen die für einen Volkstribun nicht so unvernünftig. Er stärkte die Ackerkommission, sicherte die Getreideversorgung der Besitzlosen in Rom zu festen Preisen ebenso wie die Versorgung der Soldaten. Unter 17-Jährige sollten nicht mehr zum Militärdienst gezogen werden und für alle Soldaten sollte die Zahl der Feldzüge, an denen sie in einem Jahr teilzunehmen hatten, begrenzt werden. Siedler konnten auch Land in Kolonien erwerben, ohne das römische Bürgerrecht zu verlieren. Beginnen sollte dies neben Capua und Tarent in Italien auch in Karthago, wo für 6.000 Bürger je 200 Iugera, also etwa 50 Hektar, vorgesehen waren. Ein Gerichtshof, der sich um illegale Einkünfte und Erpressungen seitens der Mitglieder des Senates kümmern sollte, wurde eingerichtet und den Rittern wurde zugesichert, dass Richterstellen ausschließlich aus ihrem Stand zu besetzen seien. Letzteres war zugegebenermaßen sicherlich eher eine politisch motivierte Vorlage, um sich die Unterstützung des Ritterstandes zu sichern. Das Volk profitierte dann vielleicht von eine größeren Unabhängigkeit der Gerichte von der Klientelwirtschaft der alteingesessenen Senatorenfamilien.

 

Gegenfeuer

Ebenso wie sein Bruder bewarb sich Gaius gleich für das Folgejahr um eine zweite Amtszeit. Er wurde auch gewählt und konnte das Amt antreten. Anders als zehn Jahre zuvor, verfolgte die Senatsmehrheit jetzt einen anderen Plan, um diesen nervenden Tribun auszuschalten. Die Waffe hieß Marcus Livius Drusus (gest. 108 v. Chr.) und die Taktik hatte etwas von Holzhammer: Man versprach einfach mehr als der Gracche. Als dieser in Karthago die Gründung der neuen Siedlung beaufsichtigte, nutzte Drusus seine Abwesenheit und versprach in Italien selbst zwölf Neugründungen, die zudem nur für Römer und nicht für die verbündeten italischen Stämme zur Verfügung stünden. Das war reine Demagogie, da so viel freies Land gar nicht zur Verfügung stand. Aber sie verfing, das Volk hatte einen neuen Helden. Schön, dass es diese leeren Versprechungen heute nicht mehr gibt.

 

Nach seiner Rückkehr aus Karthago 121 v. Chr. hatte Gaius Gracchus einen schweren Stand. Es war zu diesem Zeitpunkt eher ungeschickt, dass er dafür eintrat, den Latinern oder vielleicht sogar den Angehörigen aller italischen Stämme das römische Bürgerrecht zuzuerkennen. Natürlich hätte er sich so eine hohe Zahl an ihm sehr ergebenen Gefolgsleuten geschaffen, aber ebenso natürlich sahen die Menschen in Rom, dass die Privilegien, die sie hatten – einige auch durch Gaius Gracchus erkämpft – dann weniger wert wären. Ihr Egoismus trieb sie also dazu, diesen Vorschlag abzulehnen. Auch hier spielte Drusus den geschickten Gegenspieler, indem er nicht nur den Vorschlag des Gracchen ablehnte, sondern eine Alternative bot: Die Latiner sollten im Heer gleichgestellt werden und von der Prügelstrafe befreit werden. Dem konnten alle zustimmen. Die Römer behielten ihre Sonderstellung und hatten zudem das schöne Gefühl, etwas Gutes getan zu haben.

 

Das Ende

Die Situation eskalierte, als es Gracchus nicht gelang, zum dritten Mal zum Volkstribun gewählt zu werden. Einige seiner Gesetzesvorhaben wurden nun rückabgewickelt und er konnte wegen diverser Rechtsbrüche angeklagt werden. Auch seine Kolonie in Karthago sollte wieder aufgelöst werden. Am Tag der Abstimmung hierüber wurde in der angespannten und aufgeheizten Atmosphäre ein Liktor von Anhängern des Gracchus erschlagen. Liktoren waren die Wachmannschaften für die hohen Funktionsträger des Magistrats. Sie trugen über der linken Schulter die fasces, ein Rutenbündel, das ein Richtbeil umschloss. Mussolini wählte dieses Symbol als Parteiabzeichen seiner Bewegung - der Ursprung des Begriffs der "Faschisten".

 

Der Mord an dem Liktor wurde vom Senat sofort ausgenutzt. Er erklärte den Staatsnotstand (senatus consultum ultimum), wodurch der Konsul Lucius Opimius (gest. nach 116 v. Chr., amt. 121 v. Chr.) alle Vollmachten bekam, das zu tun, was zur Rettung der Republik notwendig sei. Diese Regelung war neu, dennoch wird sie nicht spontan aus der Situation geboren worden sein. Es ist wahrscheinlicher, dass die Senatspartei diese Option vorbereitet hatte.

 

Opimius befahl, dass am nächsten Tag alle Senatsmitglieder und alle Ritter bewaffnet und mit zwei ebenfalls bewaffneten Sklaven zu erscheinen hätten. Gracchus rief seinerseits die Sklaven auf, sich gegen ihre Herren zu erheben. Bereits zwischen 136 und 132 v. Chr. hatte es in Sizilien einen großen Sklavenaufstand gegeben, der erst nach vier Jahren und einigen militärischen Niederlagen beendet werden konnte. Die Drohung war also durchaus ernst zu nehmen, Rom stand am Rand eines Bürgerkriegs. Gracchus verweigerte eine Vorladung in den Senat und besetzte mit seinen Anhängern den Aventin. Doch die Senatstruppen waren stärker und konnten die Rebellen schnell besiegen. Es war das erste Mal, dass reguläre Truppen in der Innenpolitik eingesetzt wurden. Gaius Gracchus konnte zwar fliehen, sah die Aussichtslosigkeit seiner Lage aber schnell ein und zog die Konsequenz. In einem Keller, in dem er sich auf der Flucht versteckt hatte, ließ er sich von einem seiner Sklaven töten.

 

Das Erbe der Gracchen

Wenn wir auf die beiden Gracchen schauen, dann können wir ihr Wirken unterschiedlich beurteilen, je nachdem, ob wir ihre Ziele, ihre Methoden oder das Nachwirken ihres Handelns in den Mittelpunkt stellen.

 

Die inhaltlichen Ziele der gracchischen Reformen waren grundsätzlich zu begrüßen. Sie versuchten, Missstände, die sich durch eine zunehmende Macht- und Besitzkonzentration der reichen senatorischen Familien immer weiter verschärft hatten, aufzulösen. Der Landflucht sollte durch Zuweisungen von einträglichen Parzellen begegnet werden. Auf diese Weise sollte auch die Wehrfähigkeit des Staates, die sich auf Bauern stütze, die ihre eigene Ausrüstung finanzieren konnten, gestärkt werden. Auch die Verminderung der Unterschiede zwischen den Armen und Reichen wäre ein Effekt gewesen, der für ein prosperierendes Staatswesen von nachhaltigem Nutzen gewesen wäre. Soweit also alles fein. Dabei spielt es erst einmal keine Rolle, welche persönlichen Motive die beiden geleitet haben. Die Rettung der Karriere bei Tiberius, die Rache für den Bruder bei Gaius, sie werden keine unbedeutende Rolle gespielt haben. Gleichwohl waren die Themen, die beide setzten, klug und im Sinne des Gemeinwesens gewählt.

 

Durch die die gesetzlichen und konventionellen Grenzen sprengende Vorgehensweise erreichten beide aber am langen Ende das Gegenteil dessen, was sie eigentlich erstrebt hatten. Entscheidend für diese Einschätzung ist nicht, dass sich das Gesetz des Gaius zur Getreideversorgung der Armen in Rom kontraproduktiv zur Zielsetzung seines Bruders Tiberius entwickelte, diese Menschen wieder auf dem Land anzusiedeln. Das billige Getreide lockte die Armen eher in die Stadt. Viel wichtiger war, dass die Tabu- und Gesetzesbrüche der beiden die politische Kultur nachhaltig veränderten. Man sprach nun von den beiden Parteien der Optimaten, also der Partei der Senatsmehrheit, und den Popularen, die das »gemeine Volk« vertraten, und spiegelte so den zunehmenden Riss, der durch die Gesellschaft ging. Das grundsätzliche Vertrauen in den Senat war verloren, was nicht allein Schuld der Gracchen war, sondern auch die des Senats, der sich den sinnvollen Reformen in weiten Teilen verweigerte.

 

Die Jahre der gracchischen Reformen gelten in der Geschichtsschreibung als der Beginn der Römischen Bürgerkriege, die über einhundert Jahre andauern sollten. An ihrem Ende stand 27 v. Chr. die Ablösung der Republik und der Beginn des Prinzipats unter Augustus, also letztlich das Römische Kaiserreich.

 

Nach außen schien es erst einmal, als sei alles wieder gut. Die Anhänger der Gracchen hatten begriffen, dass mit dem Senat und Konsul Opimius nicht gut Kirschen essen war. In Folge wurden die Reformbeschlüsse Stück für Stück einkassiert. Gaius' Kolonie in Karthago wurde aufgegeben, die Landbesitzer durften die ihnen zugewiesenen Parzellen wieder verkaufen, was die von den Gracchen bekämpfte Konzentration des Landbesitzes bei den Großgrundbesitzern natürlich erneut beförderte. Den Schock der von Tiberius Gracchus eingeführten Plebiszite und der mit ihnen verbundenen Möglichkeiten, gegen den Senat Politik zu machen, saß allerdings tief. Dieses Trauma war nicht überwunden.

 

Der Jugurthinische Krieg

In den zurückliegenden Jahrzehnten konnten Erfolge in Kriegen und die daraus resultierende Beute die Unzufriedenheit des Volks mit seinen Lebensbedingungen kompensieren. Der Senat konnte hieraus eine hinreichende Legitimation ziehen und musste sich nicht für seine Politik zu sehr rechtfertigen. Allerdings gingen einzelne aktuelle Feldzüge, so der des Konsuls Gaius Porcius Cato (gest. nach 109. v. Chr., amt. 114 v. Chr.) 114 v. Chr. gegen das Balkanvolk der Scordiscer derbe daneben. Vor diesem Hintergrund war der Krieg gegen den Numidierfürsten Jugurtha (etwa 160 bis 104 v. Chr., reg. 118 bis 105 v. Chr.) für den Senat von besonderer Bedeutung. Ein Sieg war dringend notwendig, um eine mögliche Rebellion in der durch die Gracchenzeit aufgeheizten Stimmung zu verhindern.

 

Der Konflikt entstand 118 v. Chr. durch einen Nachfolgestreit nach dem Tod des numidischen Königs Micipsa (gest. 118 v. Chr., reg. 148 bis 118 v. Chr.). Eigentlich stritten sich jetzt die beiden Söhne Adherbal (gest. 112 v. Chr., reg. 118 bis 112 v. Chr.) und Hiempsal (gest. 117 v. Chr.) um das Erbe. Jugurtha, ein Neffe und Adoptivsohn Micipsas, versuchte, einen Teil vom Kuchen abzubekommen. Dafür fand er es hilfreich, Hiempsal zu ermorden. Einer weniger am Tisch. Fast wichtiger war aber, dass er einflussreiche Senatoren in Rom bestach und durch dieses Protegé eine Reichsteilung mit Adherbal durchsetzen konnte. Dieser Erfolg war für Jugurtha jedoch nur eine Stufe auf der Treppe zur gesamten Macht. 112 v. Chr. war er bereit für den nächsten Schritt. Er eroberte die Hauptstadt Cirta und ließ auch Adherbal ermorden.

 

Die innernumidischen Konflikte waren Rom lange Zeit relativ egal. Man schickte hie und da Gesandtschaften, die Frieden anmahnten, aber wenig ausrichteten. Da Jugurtha in den Kämpfen um Cirta auch römische Händler und Bundesgenossen tötete, musste der Senat nun jedoch härter agieren und schickte 111 v. Chr. ein Heer unter der Führung von Konsul Lucius Calpurnius Bestia (amt. 111 v. Chr.). Jugurtha unterwarf sich sofort, was ihm einen milden Frieden und die Bestätigung seiner Herrschaft einbrachte. Der Junge war ja nicht dumm.

 

Dass die Angelegenheit damit nicht geregelt war, hatte seine Ursache in der gespaltenen römischen Innenpolitik. Der Volkstribun Gaius Memmius (etwa 140 bis 100 v. Chr.) unterstellte den römischen Verhandlern Bestechlichkeit, da es sonst nicht zu solch für Jugurtha günstigen Bedingungen gekommen sein könne. Er setzte durch, dass Jugurtha nach Rom einbestellt wurde, um selbst Auskunft zu geben. Dies sollte entgegen den bisherigen Regeln nicht durch die Konsuln vor dem Senat, sondern vor der Volksversammlung erfolgen. Ein Veto eines anderen Volkstribuns verhindert in letzter Minute diesen Plan, was den Verdacht natürlich bestärkte, dass es hier etwas zu vertuschen gebe.

 

Jugurtha hätte nun eigentlich wieder abreisen können. Das tat er auch, beauftragte aber noch von Rom aus die Ermordung eines weiteren Konkurrenten um den numidischen Thron. Dies traf die Ehre der Römer dann doch zu sehr, so dass sie ihm 110 v. Chr. erneut den Krieg erklärten. So ehrpusselig kennen wir die Römer eigentlich nicht, also werden hier wohl auch andere machtpolitische Überlegungen ihre Rolle gespielt haben.

 

Wie so häufig schlugen die ersten römischen Versuche, der Lage militärisch Herr zu werden, fehl. Der erste Feldherr, Konsul Spurius Postumius Albinus (amt. 110 v. Chr.), hatte keinen Erfolg, der zweite, sein Bruder Aulus (151 bis 89 v. Chr., amt. 99 v. Chr.), noch weniger. Er unterlag Jugurtha und musste sich den freien Abzug seiner Truppen durch einen Vertrag erkaufen, der Jugurtha von einem abhängigen zu einem Rom gegenüber gleichberechtigten Herrscher erhob. Der römische Senat ratifizierte diesen Vertrag gleich dem 137 v. Chr. von Tiberius Gracchus mit den keltischen Iberern von Numantia ausgehandelten nicht.

 

Die Partei der Optimaten stand aufgrund der anhaltenden außenpolitischen Misserfolge arg unter Druck. 109 v. Chr. wurden sogar eine Reihe hochrangiger Senatoren durch ein von der Volksversammlung eingesetztes Sondergericht verbannt. In dieser Liste finden wir auch Lucius Opimius, der sich gegen Gaius Gracchus noch hatte durchsetzen können, Spurius Postumius Albinus, der Jugurtha nicht schlagen konnte, Lucius Calpurnius Bestia, dem sich Jugurtha zwar unterworfen hatte, der aber keine nachhaltige Lösung geschaffen hatte, und Gaius Porcius Cato, dessen erfolgloser Feldzug gegen die Scordiscer noch in Erinnerung war. Es gab zwar keine Beweise für Bestechungen und Korruption, dennoch mussten die ehemaligen Konsuln ins Exil. Das Volk ließ die Muskeln spielen.

 

Der Senat erkannte, dass eine schnelle Beendigung des Krieges in Afrika für ihn von elementarer Bedeutung war. Der Konsul Quintus Caecilius Metellus Numidicus (gest. 91 v. Chr., amt. 109 v. Chr.) sollte es richten. Die Familie der Metelli gehörte in diesen Jahren zu den einflussreichsten in Rom. Quintus Caecilius war kein Schlechter, er reorganisierte das Heer in Afrika und bereitete es auf einen ordentlichen Krieg vor, da die Erfahrung gezeigt hatte, dass Jugurtha mit einzelnen Aktionen nicht besiegt werden konnte. Das war vernünftig, aber Vernunft lässt sich in Volksversammlungen schwer verkaufen. Dies nutzte Gaius Marius (158/157 bis 86 v. Chr., amt. 107, 104 bis 100 und 86 v. Chr.), seines Zeichens Metellus‘ Legat, quasi der stellvertretende Kommandant auf dem Feldzug. Er kandidierte als Konsul für das Jahr 107 v. Chr. und schaffte es, diese Wahl zu gewinnen. Er konnte sich die Unterstützung im Volk und bei den Rittern sichern, auch indem er sich als den besseren Feldherrn für den afrikanischen Feldzug darstellte. Metellus mag diese gegen ihn gerichtete Kampagne nicht gefallen haben.

 

Nach seiner Wahl führte Marius den Krieg als Oberbefehlshaber weiter, allerdings ohne den schnellen Erfolg. Neu war, dass er auch die besitzlosen Bürger zum Kriegsdienst heranzog. Erst 105 v. Chr. wurde Jugurtha endgültig besiegt. Der Quästor Lucius Cornelius Sulla (138 bis 78, amt. 88 und 80 v. Chr.) konnte in den folgenden Verhandlungen sogar den flüchtigen Jugurtha fangen und in Verhandlung mit dessen Schwiegervater Bocchus (reg. etwa 110 bis 80 v. Chr.) die Auslieferung vereinbaren. Merke Dir den Namen Sulla, auch wenn wir uns das nächste Mal noch ein wenig mit Gaius Marius beschäftigen.