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(27) Aton für Amun

Amenophis baut einen Tempel

Bereits Amenophis III. hatte eine Vorliebe für das helle Tageslicht. Er benannte Staatsschiffe, seinen Palast und schließlich auch sich selbst, zumindest mit einem Beinamen, nach Aton. Es fällt uns vielleicht etwa schwer, zu verstehen, dass mit Aton die Sonnenscheibe selbst direkt verehrt wurde, galt sie doch als Körper des Gottes Re. Warum man den »Umweg« über Aton ging und nicht direkt Re in den Mittelpunkt der Verehrung stellte, ist nicht klar. Vielleicht empfand man es gar nicht als Umweg, sondern eher als den direkteren, unmittelbareren Zugang zum göttlichen Wesen.

 

Auf jeden Fall folgte der Sohn dem Vorbild des Vaters. Er nahm nicht nur die mitannische Prinzessin, die sein Vater heiraten sollte, zur Nebenfrau, sondern stellte auch Aton in den Mittelpunkt seiner Verehrung. Bereits als Thronfolger, als er noch als Amenophis durch die Gegend lief (oder als kommender Pharao wohl eher getragen wurde), nannte er seine ersten drei Töchter, die Nofretete ihm gebar, nach diesem Gott: Meritaton (»geliebt von Aton«), Maketaton (»geschützt von Aton«) und Anchesenpaaton (»sie lebt für den Aton«).

 

Da sein Vater 38 Jahre lang regierte, musste Amenophis IV. auf seine Thronbesteigung etwas länger warten. Er wird zu dem Zeitpunkt aber erst so um die 20 Jahre gewesen sein. Charles kann da nur müde lächeln.

Endlich König geworden, ging‘s dann los. Zuerst in Theben und auch noch eher vorsichtig. Doch mit dem Bau des großen Atontempels im vierten Jahr nach der Thronbesteigung wurde es auch dem normalen Ägypter klar, dass dieser Pharao etwas anders war als die bisherigen. Der Atontempel war kein einzelnes Gebäude, sondern ein Komplex von Sonnentempeln, meist Abfolgen ummauerter Höfe mit Toren zwischen ihnen. Sehr ausgedehnt, flächenmäßig größer als alles bisher in Ägypten Gebaute. Und gebaut worden war ja nun wirklich schon viel. Denken wir nur an die drei Pyramiden des Snofru, auch wenn dieser schon 1200 Jahre tot war (so weit entfernt wie Karl der Große zu uns heute, man muss immer mal wieder daran erinnern). Überdacht waren die Tempelanlagen nicht, Dächer wären zur Huldigung der Sonnenscheibe auch irgendwie schwer erklärbar gewesen. Und bei durchschnittlich etwas mehr als 2,6 mm Niederschlag im Jahr, das sind magere 0,34 Prozent der Menge, die Hamburg zu einer so lebenswerten Stadt machen, ist das mit den Dächern auch nicht so wichtig, wenn man denn rein sonnenstichtechnisch den Hut auf dem Kopf behält.

Die Verdrängung Amuns durch Aton wird die thebanische Amunpriesterschaft kaum begeistert haben. Trotz der absoluten Herrschaft des Pharao und trotz Versetzungen in die Aton-Anlage war es doch ein herber Verluste an Macht und Einfluss. Den Hohepriester des Amun hatte der umsichtige Pharao gleich zu Beginn auf eine Expedition in die Wüste geschickt.

Und er machte weiter, eine Tempelanlage allein reichte ihm nicht.

 

Echnaton baut eine Stadt

Seinen Coup bereitete Amenophis, der in dieser Zeit auch seinen Namen in Echnaton änderte, sorgsam vor. Echnaton bedeutet etwa »Der Aton dient«, vielleicht auch »Glanz des Aton« oder etwas komplizierter »Schöpfende Manifestation des Aton«. Wir lernen, dass die Übersetzungen aus den Hieroglyphen nie klar und eindeutig sind, und werden dies stets bedenken, wenn wir durch die ägyptische Geschichte streifen.

Wer zahlt, schafft an. Dieser Satz galt schon im alten Ägypten. Zu Beginn seines sechsten Regierungsjahres ließ Echnaton Grenzsteine und alle alten Besitzdokumente prüfen, um einen Platz zu finden, der allein seiner Verfügungsgewalt unterstand, wo ihm also kein Mensch und kein Gott, sprich keine Priesterschaft ´reinreden konnten. Dort gründete er eine Stadt und nannte sie – genau – nach Aton: Achetaton (»Horizont des Aton«). Heute kennen wir den Ort unter dem Namen Tell el-Amarna oder einfach nur Amarna. Durch 14 Stelen wurde ein 144 km² großes Areal als zukünftiges Stadtgebiet festgelegt, eine Fläche wie sie beispielsweise Mannheim hat. In diesem Areal waren allerdings auch die landwirtschaftlichen Flächen zur Versorgung der Stadt enthalten, die selbst auf einen etwa zehn Kilometer langen und fünf Kilometer breiten Streifen an einer Nilbiegung konzentriert war. Auf diesen Stelen gab er einiges vor: Achetaton sollte bestehen »bis der Schwan schwarz und der Rabe weiß wird, bis die Berge aufstehen zu wandern und das Wasser bergan fließt«. Das alles geschah dann schon 20 Jahre später…

 

Achetaton lag etwa auf halbem Wege zwischen Theben und dem Nildelta, in der Mitte des Staates sozusagen. Dort musste er nun keine Rücksicht auf die Ptahs und vor allem Amuns dieser (oder besser: jener) Welt nehmen, diese Stadt konnte allein dem Aton-Kult huldigen.  

Kein Gebäude in Achetaton wurde mit dem Namen des bisherigen Reichsgottes Amun beschriftet.

Es wird sicherlich nicht wenige Beamte und Angehöriges des Hofes gegeben haben, die mit diesem Umzug haderten. Wer verlässt schon gerne sein gepflegtes Heim und zieht auf eine Baustelle? In Berlin standen Ende der 1990er-Jahre ja zumindest schon ein paar Häuser.

 

Im gesamten Staat begann jetzt eine wirkliche Kulturrevolution. Echnaton befahl die Auflösung der Amun-Tempel und verbot die Anbetung und Verherrlichung dieses Gottes. Da Amun nicht einer bestimmten Berufsgruppe zugeordnet war, sondern als Reichsgott für den Staat als Ganzes zuständig, konnte der oberste Herr im Staat diesen schneller und leichter durch einen alten-neuen Gott seiner Wahl ersetzen. Mit Aton rückt er auch Re, den Gründer der Welt, wieder in den Mittelpunkt, so dass er eigentlich eine gute Geschichte der Rückbesinnung auf die Ursprünge erzählen konnte. Und wie bei der Vorbereitung der Gründung von Achetaton war Echnaton auch hier gründlich: Jegliche Inschriften in Tempeln, die auf Amun hinwiesen, wurden »korrigiert«: Die Schriftzeichen, die für diesen Gott standen, wurden ausgemeißelt. Damit jedoch nicht genug, auch die Tontafeln im königlichen Archiv bis hin zur außenpolitischen Korrespondenz wurden »entamunisiert«. Diese Technik der damnatio memoriae, oder Vaporisierung, um mit George Orwell zu sprechen, haben wir schon nach Hatschepsuts Herrschaft kennengelernt, sie wird uns nicht nur in Ägypten weiter durch die Geschichte bis hin in die Neuzeit begleiten.

 

Eine Schlange überlebt

Auch die anderen Götter mussten dran glauben. Lediglich einer Schlange gelang es, diesem Verfolgungswahn zu entgehen. Irgendetwas muss dieses Tier an sich haben, dass es in den unterschiedlichsten Religionen und Zeiten immer eine besondere Rolle spielen konnte. In Ägypten war zumindest kein Obst im Spiel.

Die Uräusschlange wurde als Beschützerin Atons auch weiterhin verehrt. Vielleicht lag es daran, dass Echnaton ein durchaus emanzipierter Mann war. In Ägypten hat es immer wieder sehr einflussreiche Frauen gegeben. Hatschepsut und auch Echnatons Mutter Teje haben wir ja bereits kennenlernen dürfen. Echnatons Gemahlin Nofretete war die einzige Pharaonengattin, die auch als Kriegerin beim Erschlagen von Feinden dargestellt wurde. Ihr wurde damit eine aktive Rolle als Ordnungshüterin in der diesseitigen Welt zugesprochen, ansonsten die unbestreitbare Domäne allein des Pharao. So mag die Aufwertung der weiblichen Uräusschlange ein Abbild dessen sein, dass es auch in der Götterwelt Mann und Frau gebraucht, und so wie diese Aton beschützt, achtet Nofretete auf Echnaton. Eine verwegene Ableitung aus der Rubrik »Salzstreuer als Kunstprofessor«. Konzentrieren wir uns lieber auf das Irdische.

 

Zu jeder Stadt gehört ein Friedhof. Die hatten ja in Ägypten seit jeher eine besondere Bedeutung, rein pyramiden- und götterwelttechnisch betrachtet. Echnaton wusste dies und verlegte also auch den »Reichsfriedhof« von Theben nach Achetaton. Damit nahm er Theben eine zentrale kulturelle Bedeutung und gab sie seiner Neugründung. Natürlich hieß dies, dass nicht nur das Grab des Pharao in Achetaton liegen sollte, sondern auch die Gräber der Beamtenschaft, der Priester, kurz aller Leute, die auf sich hielten.

 

Aton

Diesen »Austausch« der Gottheiten, Aton für Amun, muss man sich in Ruhe zu Gemüte führen. Zwar nicht von heute auf morgen und auch nicht ohne Vorbereitung, aber doch in sehr, sehr kurzer Zeit von wenigen Jahren wird die gesamte über mehr als tausendjährige gewachsene Religion einer Gesellschaft, einer bedeutenden Großmacht zumal, vollständig ausradiert. Woran ich gestern noch geglaubt habe, ist heute verkehrt, darf nicht mehr gesprochen, gedacht, geschweige denn verehrt werden. Die Religion war damals mit Sicherheit für alle Menschen von elementarer Bedeutung, allein schon, um die Naturphänomene in einen sinnvollen Kontext bringen zu können. Für die Ägypter war das alles also ein radikaler Umbruch. Binnen weniger Jahre war die Welt auf den Kopf gestellt.

Wurden die Götter bisher als körperhafte Wesen - Tiere, Menschen oder Kombinationen von beiden wie die kuhgestaltige Hathor - dargestellt, erschien Aton als Sonnenscheibe mit den lebensspendenden Sonnenstrahlen. Er erfuhr selbst als Gott eine Metamorphose, war nicht mehr der falkenköpfige Re-Harachte-Aton, er sublimierte sozusagen in seine Grundform. Die menschlichen Eigenschaften der Götter fielen weg. Aton war nicht verheiratet, nicht Vater einer anderen Gottheit, er sprach nicht mit den Menschen. Auf diese Weise bekam der Pharao als Mittler Atons auf Erden eine sehr viel stärkere Stellung. Die mächtigen Priester des Amun waren dagegen ihren Einfluss los.

 

Eine neue Elite

Es ist eine müßige, aber reizvolle Spekulation, hierin einen der Auslöser für die Revolution Echnatons zu sehen. Er umging den direkten, kleinteiligen Machtkampf mit der Priester- und Beamtenschaft, er schuf sich eine neue. Dies war natürlich nicht so einfach. Hinreichend gebildete des Lesens oder Schreibens kundige Männer gab es ja nicht die Hülle und Fülle. Aber es gab Ehrgeizige, die die Chance, an den alten verkrusteten Strukturen vorbei zu Macht und Einfluss zu kommen, nur zu gerne nutzten. Dafür lernt man dann schon mal gerne lesen, rechnen und schreiben. Ist ja auch sonst hie und da ganz nützlich.

Auch Nichtägypter hatten ihre Chance. Ein gewisser Herr Tutu aus Syrien wurde Oberbaumeister und »Oberster Mund des ganzen Landes« und »Erster Prophet des Herrn der Beiden Länder«. Pressesprecher klingt dagegen doch jämmerlich profan. Zudem war er noch Finanzminister, eine Kombination, die schon was an sich hat. Man konnte also als Aufsteiger zu Geld und Einfluss kommen. Auch diejenigen, die lediglich »Wedelträger zur Rechten des Königs« wurden, hatten sicherlich ihr Auskommen und ihre Pfründe. Ob man allerdings »Wächter des königlichen Darmausgangs«, wie es ihn schon im Alten Reich gegeben hat, werden wollte, nun ja. Mitunter musste man sich für die Karriere auch umtaufen. Aus Ptahmes wurde ein Rames (Ra=Re=Aton), und schon war man Rekrutenschreiber, Militär in der Etappe sozusagen.

 

Es darf nur einen geben

Im Pantheon der Ägypter vollzog sich ein immer stärkerer Wandel. Wurde der Hausherr Amun zuerst durch Aton entmachtet, durften er und die vielen anderen Götter doch weiter darin wohnen. Atons Macht und Stellung wuchsen jedoch immer stärker, bis es schließlich zum Rausschmiss der anderen Götter kam und damit zu ihrer Vernichtung. Es gab nur noch einen Gott, die anderen wurden nicht mehr geduldet: Wir sehen die erste (uns bekannte) monotheistische Religion! Ohne den anderen Herrschaften zu nahe treten zu wollen: Mit dieser religiösen Revolution, die ja nicht von unten aus dem Volk heraus kam, sondern sozusagen angeordnet wurde, begab sich Echnaton in eine Reihe mit Mohammed oder Zarathustra. Da er mit seiner Revolution aber letztlich keinen Erfolg hatte, stand er dort allerdings auch nur für kurze Zeit.

 

Das Schicke an dieser neuen Regelung war, dass kraft seines Amtes Echnaton der Einzige war, der um die Gebote dieses einzigen Gottes wusste. Damit war auch nur er in der Lage, diese seinem Volk – und allen Menschen – mitzuteilen. Sicherlich sehr zum Ärger der Priesterschaft, die damit von mächtigen Ratgebern zu Befehlsempfängern des Pharao degradiert wurden. So wurde Aton auch nie alleine dargestellt. Seine Strahlen endeten immer in den Händen von Menschen und hier natürlich vorzugsweise in denen von Echnaton und Nofretete. Eine ideale Religion für den Pharao. Ob er daran geglaubt hat? Es gibt ja so Leute. Schade für Heinrich IV., dass er sich 1077 n. Chr. nicht an diese Lösung erinnerte und so zu Fuß nach Canossa musste. Wer weiß, ob Echnaton sich und das Pharaonentum nicht auch aus einer ähnlichen strukturellen Machtkrise mit der Amun-Priesterschaft befreien wollte… Eben: Wer weiß?

 

In Folge trat ein Effekt ein, der auch in auto- und theokratisch geführten Staaten unserer Zeit zu beobachten ist. Mangels anzubetender Gottheiten konzentrierte sich das Interesse des ägyptischen Bauern und seiner Familie auf den einzigen, der ihm noch Zugang zu dem verbliebenen Gott Aton geben konnte, auf Echnaton. Seine Machtfülle stieg dadurch stark, er wurde unmittelbar angebetet. Es sind Hausaltare mit den Bildnissen Echnatons und Nofretetes erhalten. Ganze Kolonnen von Steinmetzen wurden durch das Reich geschickt, um auf sämtlichen Bildern und Inschriften die Hinweise auf die alten Götter, vor allem auf Amun, zu tilgen. Trotz dieser immensen Anstrengungen wird es Echnaton nicht gelungen sein, die im Volk über lange Zeit gewachsene und verwurzelte Religiosität auszulöschen. Heimlich wurde weiterhin Amun gehuldigt, Ptah, Sachmet und allen anderen, auf die sich die Väter und Vorväter verlassen hatten. Die entmachteten Priester werden ihren Machtverlust auch nicht klaglos ertragen haben. So irren wir kaum, wenn wir davon ausgehen, dass Echnaton diese Häresien hat verfolgen lassen. Spitzel, Denunzianten und Repression waren bestimmt kein unwesentlicher Bestandteil dieser Revolution von oben.

 

Das nächste Mal kümmern wir uns darum, was aus Echnaton und seiner Revolution wurde.