Schnelle Wechsel auf dem Weg bergab
Hischam, seit 724 umayyadischer Kalif, hatte die aufständische abbasidische Bewegung noch halbwegs in Schach halten können. Der Trend war aber insgesamt nicht auf Seiten der Umayyaden. Es ging jetzt sehr schnell, vier Herrscher binnen eines Jahres zeigen dies deutlich.
Auf Hischam folgte (1) sein Neffe al-Walid II. (706 bis 744, reg. 743 bis 744), ein Sohn Yazids II. Sein größter Fehler war, dass er zwei minderjährige Söhne aus einer Beziehung zu einer Sklavin zu Nachfolgern bestimmte. Damit überging er Ansprüche des, wie wir wissen, sehr machtbewussten Umayyaden-Clans. Der reagierte schnell und konsequent. Al-Walid II. wurde am 17. April 744 ermordet. Auf den Thron wurde mit (2) Yazid III. (701 bis 744, reg. 744) ein Sohn al-Walids I. gesetzt.
Der hätte nun alle Hände voll zu tun gehabt, war doch die alidische Hauptstadt Kufa bereits 743 von den Charidschiten erobert worden. Im Irak und in den iranischen Provinzen konnte sich danach die anti-umayyadische abbasidische Propaganda wunderbar verbreiten. Er entzog sich dieser Aufgabe, wahrscheinlich aber gegen seinen Willen. Er erkrankte und starb am 25. September 744.
Ihm folgte als dreizehnter Kalif der Umayyaden sein Bruder (3) Ibrahim ibn al-Walid (gest. 750, reg. 744), der aber schon am 25. November 744 von (4) Marwan II. (688 bis 750, reg. 744 bis 750) gestürzt wurde, einem Enkel von Marwan I. aus dessen Verbindungen mit einer Sklavin. Eine Generation später war eine solche Mesalliance dann wohl kein Hinderungsgrund mehr. Marwan versuchte, sich gegen den fortschreitenden Machtverfall der Umayyaden-Herrschaft zu stemmen, konnte ihn aber letztlich nicht aufhalten.
Das Ende
Er verlegte seine Hauptstadt von Damaskus nach Harran in Mesopotamien, da er sich dort sicherer fühlte. Das kam bei seinen syrischen Gefolgsleuten nicht so gut an. Die Loyalität sank. Zwar konnte Marwan 746/747 die Charidschiten aus dem Irak vertreiben, im Iran wuchs dagegen die Macht seiner Gegner.
747 kam es dort unter Abu Muslim (718 bis 755) zu einem regelrechten abbasidischen Aufstand gegen die umayyadische Herrschaft. Am 25. Januar 750 wurde Marwan in der Schlacht am Großen Zab, einem Zufluss des Tigris im Nordirak, vernichtend geschlagen. Er musste nach Ägypten fliehen, was ihm am Ende auch nicht half. Am 6. August 750 wurde er dort getötet. Die Dynastie der Umayyaden war Geschichte.
Die Gründe für diese Entwicklung waren vielfältig. In Opposition zu den herrschenden Umayyaden hatten sich verschiedene Gruppen zusammengefunden. Neben den uns bereits bekannten Aliden, die von Anfang an Gegner der Umayyaden waren, und den Charidschiten, waren dies die Murdschiiten, was man vielleicht mit »Aufschieber« übersetzen kann. Ihre Idee war es, das Urteil über die geistliche Führung in die Hand Gottes zu legen und bis zu dessen Entscheidung, wie auch immer sie deutlich werden würde, zuzuwarten. Damit waren dynastische und machtpolitische Prinzipien von Familien wie der der Aliden oder eines Stammes wie dem der Quraisch mehr als gefährdet. Die Murdschiiten stützten sich insofern auch nicht vornehmlich auf arabische Anhänger, sondern auf die Mawali, also die Muslime, die aus den eroberten Gebieten stammten, und die mit einer solchen Lösung natürlich größere Chancen sahen, selbst mal an die Fleischtöpfe zu kommen. In der Loslösung von irgendwelchen familiär-dynastischen Gedanken waren die Murdschiiten den Charidschiten nahe, die als Kalifen den »besten Muslim« sehen wollten, selbst wenn dies ein nichtarabischer Sklave sei.
Vielleicht hätte Marwan II. diese unterschiedlichen oppositionellen Gruppen nacheinander vernichten können. Mit Abu Muslim hatten die Abbasiden jedoch einen sehr fähigen Anführer. Wir schauen uns das das nächste Mal noch etwas näher an, wollen aber noch kurz den Umayyaden nach Spanien folgen.
Unruhige Zeiten in al-Andalus
Die Dynastie der Umayyaden war Geschichte, hatten wir gesagt. Nun, nicht ganz. In al-Andalus, wie sie ihr Herrschaftsgebiet in Spanien nannten, blühten sie noch einmal auf. Woher dieser Name kommt, ist unter den Forschern umstritten. Vielleicht war ein auf die Vandalen zurückgehender Name der Ursprung, der zu einem Ort gehörte, an dem die Araber zum ersten Mal den Boden der iberischen Halbinsel betraten. Vielleicht aber auch nicht.
Bevor wir die Geschichte der Umayyaden in al-Andalus weiterverfolgen, wollen wir noch schauen, was dort seit der Landung von Tariq ibn Ziyad im Jahr 711 abging.
Mit Yusuf ibn Abd ar-Rahman al-Fihri (711 bis 759, reg. 747 bis 756) sehen wir zur Zeit des Sieges der Abbasiden im Osten bereits den 18. Statthalter von al-Andalus. Diese hohe Zahl an Gouverneuren in 40 Jahren ist ein Indiz, dass es unruhig zuging auf der iberischen Halbinsel. Zwistigkeiten mit den in Kairouan residierenden Vorgesetzten und zwischen den einzelnen Gruppen von Berbern und Arabern – und natürlich auch innerhalb dieser Gruppen – erschwerten das Regieren ungemein.
Pelayo und Alfons begründen Asturien
Früh war auch der christliche Widerstand erwacht, wenn er zunächst auch auf kleiner Flamme kochen musste. Der westgotische Adelige Pelayo startete um 720 einen Aufstand, den die Araber nicht wirklich in den Griff bekamen. Bei Covadonga in der Nähe der nordspanischen Biskayaküste siegte Pelayo und konnte seine Herrschaft stabilisieren. Da sein Sohn auf der Jagd tödlich verunglückte, folgte ihm sein Schwiegersohn, der als Alfons I. von Asturien (um 693 bis 757, reg. 739 bis 757) das asturische Königreich begründete und so den Samen für die christliche Reconquista legte, die dann allerdings noch 700 Jahre bis zu ihrem endgültigen Erfolg benötigte. Gut Ding braucht Weile.
Berber-Aufstand in Marokko
Die innermuslimischen Zwiste zwischen Berbern und Arabern lösten 740 in Marokko einen Aufstand aus. Bei Bagdoura am Sebou-Fluss nahe dem heutigen Fés musste eine vom Kalifen aus Syrien geschickte Entsatzarmee eine schwere Niederlage einstecken. Die Vorhut entkam nach Ceuta, wo sie sich dann einer Belagerung durch die Berber erwehren musste.
Der Kommandeur der Truppe in Ceuta, Balg ibn Bisr (gest. 742) bat den Gouverneur von Córdoba um Hilfe. Die wollte dieser nach einigem Zögern auch gewähren, wenn Balg ihm denn gegen die auch in Spanien aufständischen Berber helfe. Gesagt, getan. Mit seinen etwa 7.000 Reitern setzte Balg nach Spanien über, schlug die Berber und vertrieb dann auch gleich noch den Gouverneur, der ihn zu Hilfe gerufen hatte. Dessen Posten schien ihm attraktiv und angemessen, so dass er ihn gleich selbst einnahm. Er starb jedoch bald in den Kämpfen nach seinem Thronraub. Ihm folgte kurzzeitig einer seiner Gefolgsleute und einige vom Gouverneur in Kaioruan ernannte Herrscher, denen allen keine lange Regierungszeit beschieden war.
Das Emirat von Córdoba
747 wurde dann Yusuf al-Fihri, bisher Gouverneur von Narbonne, dem nördlichsten Zipfel des muslimischen Reichs, zum wiegesagt 18. umayyadischen Statthalter von al-Andalus. Zu der Zeit endete ja die Herrschaft der Umayyaden in Damaskus, so dass Yusuf absolut unabhängig regieren konnte. Auch sein Glück währte nur kurz. Bereits 755 kam ihm mit Abd ar-Rahman I. (731 bis 788, reg. 756 bis 788) ein Enkel des Umayyaden-Kalifs Hisham in die Quere.
Abd ar-Rahmans Vorteil in der ansonsten für die Umayyaden ja eher schwierigen Situation war, dass seine Mutter Berberin war und er bei ihrem Stamm, den im heutigen Tunesien beheimateten Nafza, Unterstützung fand. Mit dieser Hilfe setzte er im August 755 nach Andalusien über. Im Mai 756 konnte er nahe Córdoba Yusuf al-Fihri besiegen. Er rief sich nun selbst zum Emir von Córdoba aus und trennte Andalusien auch offiziell vom mittlerweile abbasidischen Kalifat. Bis 760 musste er noch den Widerstand von Anhängern der Abbasiden bekämpfen, dann hatte er seine Herrschaft gefestigt. Seine Gründung eines eigenständigen Emirates sollte fast dreihundert Jahre Bestand haben.
Roland und sein Horn
Einfach war das allerdings nicht. Denn Gefahr drohte nun von Norden. Der fränkische König Karl, den wir den Großen nennen, zog 778 wider die Ungläubigen nach Spanien. Die Zuschreibung als »Großer« musste er sich allerdings woanders verdienen, dieses Unternehmen endete in einem Fiasko. Es gelang ihm nicht, wie geplant auf breiter Front zum Ebro vorstoßen. Einige Städte wie Saragossa wurden zwar erobert, aber dann musste Karl den Rückzug antreten. Dabei ließ er die Mauern von Pamplona am Südrand der Pyrenäen schleifen, was ihm die Waskonen, Vorfahren der heutigen Basken, sehr übel nahmen. Sie vernichteten daraufhin große Teile des fränkischen Heeres. Auch die Nachhut erwischte es bei ihrem Übergang über die Pyrenäen durch in den Schluchten von Roncesvalles. Wir erwähnen dies so ausführlich, weil diese Nachhut von einem gewissen Hruotland (um 736 bis 778) geführt wurde. Diesen und seine Elfenbeintrompete, ein Olifant, kennen wir als Roland aufgrund des nach ihm benannten Liedes, das diese Geschichte erzählt, und vieler Figuren, die in Bremen, Quedlinburg, Brandenburg und vielen anderen Städten vor allem in Nordostdeutschland stehen. Seinen Olifant kannst Du im Museum der Kathedrale von Santiago des Compostela bestaunen. Es ist bestimmt der echte …
Die Spanische Mark
Die Araber wird es gefreut haben, dass sich dieses Problem quasi von selbst löste. Auch wenn ihm die Niederlage peinlich war und er sie nicht in die offiziellen Reichsannalen aufnehmen ließ, blieb Karl im Südwesten doch aktiv. 801 konnte er Barcelona erobern, zwischen 801 und 806 gründete er die Spanische Mark als Bollwerk gegen die Mauren, wie man die Muslime nannte. Sie reichte von Barcelona im Südosten bis nach Pamplona an der Atlantikküste. Verwaltet wurden sie zu Beginn von westgotischen Adeligen, die immer mehr auf ihre Eigenständigkeit achteten.
Schwierigkeiten
Neben den Franken im Norden gab es interne Schwierigkeiten. 818 wurde ein Aufstand in Córdoba niedergeschlagen. Die Aufständischen flohen im Anschluss nach Marokko, wo sich 789 mit den Idrisiden eine eigenständige Dynastie etabliert hatte. Namensgeber war Idris I. (gest. 791, reg. 789 bis 791), ein Urenkel Alis, der gleich den Umayyaden von den Abbasiden vertrieben worden war. Er und seine Nachfolger konnten sich bis 985 halten, ehe die Umayyaden aus Córdoba ihre Herrschaft auf den Maghreb ausdehnten.
844 landeten die Normannen in Lissabon. Über Cádiz und den Guadalquivir drangen sie bis Sevilla vor, das sie sieben Tage lang plünderten. Weitere Angriffe in den Jahren 859, 966 und 1071 konnten durch den Bau einer in Almería stationierten Flotte abgewehrt werden.
Mitte des 9. Jahrhunderts kam es dann zu einer existentiellen Krise des Emirates. Im Norden fielen die Grafschaften Mérida, Toledo und Saragossa von der umayyadischen Herrschaft ab, im Süden kam es erneut zu Aufständen. Die Provinzen Granada und Málaga gingen zeitweise verloren, der Emir herrschte nur noch in Córdoba und dessen Umland. Unterstützung fand er in dem christlichen Asturien, dem von Pelayo und Alfons geschaffenen Reich im Nordwesten Spaniens. Der asturische Herrscher Ordoño I. (821 bis 866, reg. 850 bis 866) hatte von den Streitigkeiten der Muslime profitiert und beispielsweise León in Besitz genommen. Sein Sohn und Nachfolger Alfons III. (848 bis 910, reg. 866 bis 910) verlegte sogar seine Residenz dorthin und machte León faktisch zu seiner neuen Hauptstadt. Er verfolgte weiterhin eine expansive Außenpolitik und konnte so auch das portugiesische Coimbra unter seine Herrschaft bringen. Dass er sich auf die Seite des umayyadischen Emirs von Córdoba schlug und nicht die Rebellen unter Umar ibn Hafsun (um 850 bis 917) unterstützte, hatte sicher ganz opportunistische Gründe.
Die Umayyaden schlagen zurück
Die umayyadische Rückeroberung begann unter dem Emir Abdallah ibn Muhammad (844 bis 912, reg. 888 bis 912) und wurde unter dessen Nachfolger, seinem Enkel Abd ar-Rahman III. (889 bis 961, reg. 929 bis 961), fortgesetzt.
Umar ibn Hafsun, der Anführer der Aufständischen, stammte aus einer alten westgotischen Familie, die zum Islam übergetreten war. Sein Stützpunkt war die Festung Bobastro bei Málaga, die er – unterstützt durch die Berber – bis zu seinem Tod halten konnte. Seinen Übertritt zum Christentum verübelten ihm seine Anhänger allerdings stark, so dass es Abdallah gelang, immer mehr die Oberhand zu gewinnen. Umar starb 917, sein Sohn Suleiman ibn Umar (gest. 927) konnte Bobastro zwar noch halten, nach seinem Tod fiel jedoch auch diese Festung. Die Umayyaden hatten sich behauptet.
Ihre Geschichte in al-Andalus bringen wir das nächste Mal noch zu Ende, bevor wir uns dann den Abbasiden widmen.
Bildnachweise:
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Motiv: Die Iberische Halbinsel um 910
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Autor: Captain Blood
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Quelle: Wikimedia Commons
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Lizenz: CC BY-SA 3.0 Unported
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Bearbeitung: Unverändert übernommen
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Abrufdatum: 16.02.2026


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