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(162) Die vier "rechtgeleiteten" Kalifen

Nachfolgeregelung

Nach Mohammeds Tod stand sein Werk auf der Kippe. Alles war auf ihn, den Propheten mit dem direkten Zugang zu Allah, ausgerichtet. Mohammed war zudem nicht nur religiöser Führer, sondern auch politischer Integrator der arabischen Stämme. Seine Gefolgsleute verfügte weder über eine annähernd so gewichtige Legitimation noch über die notwendige charismatische Autorität.

 

In den nächsten Jahrzehnten bürgerte sich der Begriff des "Kalifen" für den Anführer der islamischen Gemeinschaft ein. Das arabische chalifa bedeutet Stellvertreter oder Nachfolger und wurde vereinzelt bereits in der vorislamischen Zeit benutzt, wenn jemand die Aufgaben eines Souveräns stellvertretend ausübte.

 

Die ersten vier Kalifen waren zwei Schwiegerväter und zwei Schwiegersöhne Mohammeds:

  • Abu Bakr, der Vater von Mohammeds Lieblingsfrau Aisha
  • Umar ibn al-Chattab, auch Omar genannt, (592 bis 644, reg. 634 bis 644), durch seine Tochter Hafsa bint Umar (etwa 605 bis 665) ebenfalls ein Schwiegervater Mohammeds
  • Uthman ibn Affan, auch Osman genannt, der sowohl mit Ruqaiya bint Mohammed (etwa 601 bis 624) als auch mit Umm Kulthum bint Mohammed (etwa 603 bis 630) verheiratet war, beides Töchter von Mohammed und Chadidscha
  • Ali ibn Abi Talib, der mit Mohammeds Tochter Fatima verheiratet war. So war er dann auch auch ein Schwippschwager von Uthman. Nach Fatimas Tod heiratete er Umamah bint Abi al-As (618 bis 670), als Tochter von Zaynab bint Mohammed (600 bis 629) eine Enkelin Mohammeds

Diese Sichtweise wird allerdings nicht von allen Muslimen geteilt. Die heutigen Schiiten, deren Name sich aus dem arabischen Schiat Ali, die Partei Alis, herleitet, sehen nur Ali ibn Abi Talib als rechtmäßigen Nachfolger Mohammeds. Demgegenüber halten die Sunniten, benannt nach dem arabischen Wort Sunna, das für "Brauch, Norm, Tradition" steht, Abu Bakr für den rechtmäßigen Nachfolger. Die Schiiten berufen sich dabei auf eine Äußerung Mohammeds, der am 10. März 632 auf seiner letzten Pilgerfahrt nach Mekka gesagt hatte: »Jeder, dessen Herr ich bin, der hat auch Ali zum Herrn.« Die Sunniten lesen hieraus allerdings keine Designation seitens des Propheten. Sie betonen dagegen die Gemeinschaftsentscheidung nach Mohammeds Tod. Abu Bakr wurde demnach aufgrund seiner frühen Konversion, seiner Nähe zum Propheten und seiner organisatorischen Fähigkeiten gewählt.

 

Gebrochene und erzwungene Eide

Anfangs ging es ein bisschen durcheinander. Zunächst hatten alle Gefolgsleute Mohammeds, darunter Abu Bakr, Umar und Uthman, nach Mohammeds Ansage Ali die Gefolgschaft geschworen. Nach dem Tod Mohammeds war die Sache aber nicht mehr so klar. Neben der familiär-genealogischen Argumentation (nasab genannt), die eindeutig auf Ali als Vetter und Schwiegersohn zulief, gab es auch eine sabiqa genannte, die sich eher auf die Religion selbst fokussierte. Ihre Frage war, wer sich am stärksten und erfolgreichsten für die Durchsetzung des neuen Glaubens engagiert hatte. Auf dieser Schiene kamen dann Abu Bakr und nach ihm Umar an die Macht, Treueschwur hin oder her.

 

Zwischen mekkanischen und medinischen Gefolgsleuten gab es größere Meinungsverschiedenheiten über die nächsten Schritte. Dabei spielte der spätere Kalif Umar eine entscheidende Rolle. Die Geschichte wird so erzählt: Während Ali noch mit den Bestattungsriten des Verstorbenen beschäftigt war, huldigte Umar bereits Abu Bakr als neuem Befehlshaber. In der nächsten Zeit gelang es Umar, viele der Unterstützer Alis »umzudrehen«, so dass immer mehr Gefährten des Propheten Abu Bakr als neuen Kalifen anerkannten. Ali verweigerte diesem zunächst den Treueeid. Dann wurde es bitter. Umar und der neue Kalif steckten daraufhin das Haus von Fatima und Ali in Brand. Die schwangere Fatima starb an den Folgen des Brandes. Nach ihrem Tod leistete Ali gezwungenermaßen und unter Abscheu den Treueeid.

 

Auch wenn uns dieses Vorgehen, so es denn so gewesen ist, mehr als irritiert, halten wir uns natürlich an diese faktische Nachfolge Abu Bakrs, insbesondere, da diese von den Beteiligten, wenn in Teilen auch zähneknirschend akzeptiert wurde. Selbst Ali soll Abu Bakr ja Treue geschworen haben. Mit der Benennung als »rechtgeleitete Kalifen« folgen wir somit der Denke der Sunniten. Schauen wir, was in den 30 Jahren unter diesen Führern geschah.

 

Abu Bakr hatte seine liebe Not damit, die muslimische Gemeinschaft beieinander zu halten. Die Kritik an seiner mangelnden nasab versuchte er durch den demütig wirkenden Titel des Stellvertreters, also des Kalifen, zu entkräften. Nach dem Tod des charismatischen Mohammed fielen viele arabische Stämme vom Islam ab. Sie verweigerten die Zahlung der Almosensteuer und beriefen sich darauf, dass ihr Treueeid nur der Person Mohammed, nicht aber dessen Nachfolger gelte. In mühevoller Kleinarbeit gelang es Abu Bakr aber in den sogenannten Ridda-Kriegen, die abtrünnigen Stämme zu unterwerfen. Ridda ist dabei kein Ort, sondern steht für den Abfall vom rechten Glauben. Mit diesem Erfolg sicherte Abu Bakr die Basis für die künftigen Erfolge des Islam.

 

Umar ibn al-Chattab erobert

Unter Abu Bakrs Nachfolger Umar begann die islamische Expansion, die stark von der Schwächung sowohl der Perser aus auch der Byzantiner profitierte, die sich durch ihre jahrzehntelangen gegenseitigen Kriege nachhaltig geschwächt hatten. Demgegenüber stand ein nach den Ridda-Kriegen geeintes arabisches Reich.

 

War unter Mohammed und Abu Bakr die arabische Halbinsel weitgehend muslimisch geworden, konnte unter Umar 634 Palästina, 635 Damaskus und zwischen 639 bis 642 Ägypten erobert werden. Gerade der Verlust Ägyptens traf den Lebensnerv des Byzantinischen Reiches entscheidend.

 

Wichtige Wendepunkte waren zum einen die Schlacht am Yarmuk – ein Nebenfluss des Jordans in der Nähe des Sees Genezareth – am 20. August 636, in der die byzantinischen Truppen des Kaisers Herakleios eine vernichtende Niederlage einstecken mussten. Das Yarmuk der Perser war al-Qadisiyya bzw. Kadesia bei Hilla im heutigen Irak, in der die Sassaniden wohl 638 ebenfalls unterlagen. Ein wichtiger Sargnagel für den Untergang ihres Reiches ein paar Jahre später. Der endgültige Todesstoß war die persische Niederlage bei Nehawend in Medien im Jahr 642.

 

Gebirge gebieten Einhalt

Byzanz schaffte es nach dem Verlust von Syrien und Ägypten immerhin, Anatolien zu halten. Hierbei half die Geographie. Der Riegel des Tauros-Gebirges war schwierig zu überwinden und verwehrte den Arabern den schnellen Zugriff auf Kleinasien.

 

Auch im Kaukasus stoppte die Eroberungswelle. Zwar unterwarf sich – zu Zeiten von Umars Nachfolger Uthman – das christliche Armenien 652/653 der arabischen Herrschaft. 655 stoppten die Chasaren jedoch den weiteren Vormarsch. Bei Derbent, heute die südlichste Großstadt Russlands, am Kaspischen Meer gelegen, musste sich die arabische Streitmacht, die die Stadt zuvor erobert hatte, wieder zurückziehen. Der Konflikt blieb allerdings bestehen und 728 konnten die Araber dann Derbent dauerhaft einnehmen.

 

Nach Erobern kommt Beherrschen

Mit den fortschreitenden Eroberungen stellten sich für Umar zwei Probleme. Er musste (1) die neuen Herrschaftsgebiete sichern und er musste für den größer werdenden Staat (2) Regeln definieren, wie dieser funktionieren solle.

 

Mangels eigener Erfahrung in der Verwaltung und schlicht auch mangels einer hinreichenden Zahl an arabischen Fachleuten, blieb in den eroberten Gebieten die existierende, noch auf römischer Grundlage beruhende Administration im Amt. Sie diente jetzt nur einem neuen Herrn. Herrschaftswechsel hatte es immer wieder gegeben, so dass sich für die Menschen in Syrien, Ägypten, dem Irak und den anderen eroberten Gebieten zunächst wenig änderte. Die Abgaben gingen nun nicht mehr an die Beamten des Kaisers in Konstantinopel, sondern an die arabischen Besatzer. In einer Konferenz in al-Dschabiya, der Hauptstadt der Gassaniden in der Nähe der Golan-Höhen, legte Umar mit seinen Heerführern ein paar entsprechende Regeln fest.

 

Es wurde eine Staatskasse geschaffen, in die die in den verschiedenen Ländern stationierten Heerführer die Hälfte ihrer Einnahmen einzuzahlen hatten. Auf der anderen Seite wurde festgelegt, welche Personen welche regelmäßigen Zahlungen vom Staat erhalten sollten. Dabei standen die Kämpfer und Gefährten Mohammeds natürlich weit oben auf der Liste. Gebiete, die beispielsweise dem persischen Staat oder dem byzantinischen Kaiser gehört hatten, gingen in das Eigentum des arabisch-islamischen Staates über. Die restlichen Besitzungen, auch die von Christen und Juden, wurden nicht angetastet.

 

Dass die Kalifen und ihre Truppen nicht allein machtpolitisch unterwegs waren, sondern als Muslime auch einen neuen Glauben vertraten, war natürlich eine zusätzliche Dimension. Allerdings verzichteten die Eroberer auf eine Zwangsmissionierung. Christen und Juden konnten neben ihrem Besitz auch ihren Glauben behalten. Sie durften in der Glaubensausübung nicht mit den Muslimen in Konflikt kommen, aber das ließ sich meist gut regeln.

 

Eine neue Zeit

Umar sorgte auch für die Festlegung der noch heute gültigen islamischen Zeitrechnung, indem er im Jahr 638 die Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina am 16. Juli 622 als Startpunkt definierte. Er installierte in verschiedenen Städten Richter und legte Strafen für bestimmte Vergehen fest, zum Beispiel die Steinigung bei Ehebruch. Zudem verbot er die sogenannte »Genussehe«, die Männer eingehen konnten, wenn sie nur eine kurze sexuelle Beziehung zu einer Frau suchten. Damit machte er sich bei seinen Gefährten nicht nur Freunde. Er selbst soll sehr asketisch und streng nach den muslimischen Regeln gelebt haben. Seine Nahrung soll lediglich aus Brot, Salz und Wasser bestanden haben. Das ist nicht jedermanns Sache. Herr Lauterbach (geb. 1963) zumindest würde sich schütteln.

 

Am 31. Oktober 644 wurde Umar von dem Tischler Piruz Nahavandi (gest. 644), einem iranischen Sklaven, in Medina während der Morgengebete mit einem Dolch angegriffen. Über die Motive wissen wir nichts. Am 3. November erlag der zweite Kalif seinen Verletzungen. Seine Nachfolge regelte das von ihm eingesetzte Beratungsgremium, die Schura. Die sechs für dieses Gremium Ausgewählten erkoren Uthman ibn Affan als neuen Anführer.

 

Ali will nicht, Uthman macht ernst

Uthman war dabei eigentlich nicht der Kandidat, der ganz oben auf der Liste stand. Vielmehr wurde zunächst Ali gefragt, ob er bereit sei, gemäß den Geboten Allahs, dem Vorbild Mohammeds und auch dem Vorbild der beiden ersten Kalifen zu regieren. Letzteres lehnte Ali ab. Also fiel die Wahl auf Uthman.

 

Uthmans Vater stammte aus der Familie der Umayyaden, von denen wir später noch hören werden. Er war Kaufmann und einer der reichsten Männer der Quraisch. Ursprünglich, ganz seiner Herkunft entsprechend, ein Gegner Mohammeds, schloss er sich durch Vermittlung Abu Bakrs 611 doch den Muslimen an, zog auch mit nach Medina, focht jedoch nicht in der Schlacht von Badr.

 

Seine neue Machtposition nutzte er konsequent aus. Auf wichtige Posten wurden Familienmitglieder gesetzt. So waren Syrien und Ägypten, auch Basra im Irak bald in den Händen der Umayyaden.

 

Weitere Expansion

Militärisch ging es mit den Eroberungen weiter. Im Kaukasus fiel 645 Tiflis. 649 wurde Zypern besetzt, womit die byzantinische Vorherrschaft im östlichen Mittelmeer endete. An der nordafrikanischen Küste ging es weiter Richtung Westen, 647 wurde Tripolitanien erobert. In Ägypten stießen die muslimischen Truppen weiter nach Süden vor. 652 war Oberägypten unterworfen und das christliche Königreich Nubien musste Tribute zahlen.

 

Über den endgültigen Niedergang des persischen Reiches haben wir schon gesprochen. 651/652 wurde Chorasan, die Nordostprovinz des Reiches, besetzt. In dieser Zeit starb mit Yazdegerd III. ja auch der letzte sassanidische Herrscher. 652 und später nochmal 667 gab es Angriffe auf Sizilien, die große Teile der Insel unter muslimische Herrschaft brachten. 655 wurde die byzantinische Flotte vernichtet. Erfolg reihte sich an Erfolg.

 

Der Koran

In der Erinnerung bleibt Uthman aber auch, weil während seiner Herrschaft die Kodifizierung des Korans vollendet wurde. Die heilige Schrift der Muslime, al-Quran heisst übersetzt "die Lesung", besteht aus 114 Suren, in denen die wörtliche Offenbarung Gottes an den Propheten Mohammed geschrieben steht.

 

Wir können davon ausgehen, dass auch seine beiden Vorgänger an diesem Projekt gearbeitet hatten. Insbesondere Umar war ja sehr bemüht, Ordnung in das aufstrebende Reich zu bringen. Da helfen verschriftlichte Regeln durchaus, das weiß jeder Beamte. Die Scharia, das islamische Gesetzbuch, stützt sich wesentlich auf den Koran, der nun unter Uthmans Ägide fertiggestellt wurde. Jeder Vers in dem Werk musste von zwei Zeugen als authentisches Wort Mohammeds bestätigt werden. Dies gelang weitgehend, lediglich sechs Verse konnte nur ein Zeuge verifizieren. Uthman befahl, alle anderen Exemplare, die in den letzten Jahren entstanden waren, zu verbrennen. Das zeigte Wirkung, heute kennt die Welt nur die Uthman’sche Version. Und diese sollte tunlichst nicht verbrannt werden, wenn man auf die Freundschaft muslimischer Staatenlenker Wert legen sollte. Damals wie heute.

 

Zuviel Nepotismus

In seiner machtbewussten Art lag auch der Grund des letztlichen Scheiterns Uthmans. Durch die Besetzung wichtiger Posten mit Familienmitgliedern entstand natürlich bei den abgesetzten oder nicht berücksichtigten Menschen eine latente Unzufriedenheit. In der Opposition fanden sich auch gewichtige Stimmen wie die von Mohammeds Lieblingsfrau Aisha und die von dem bei der Kalifenwahl übergangenen Ali ibn Abi Talib.

 

656 eskalierte die Situation. In der ägyptischen Garnisonsstadt Fustat, als Verwaltungszentrum Vorläufer des 969 gegründeten Kairo, regte sich Widerstand gegen den von Uthman eingesetzten Gouverneur. Die Kritiker zogen zum Kalifen nach Medina, der auf die Forderungen einging und die Absetzung des Gouverneurs versprach. Schnell kam aber heraus, dass dies nur ein taktisches Manöver war und Uthman im Gegenteil seinen gerade eingesetzten Vertrauensmann aufgefordert hatte, gegen die Rebellen hart vorzugehen. Diese betrachteten diese Aktion mit wenig Humor und machten danach kurzen Prozess. Am 17. Juni 656 wurde Uthman gelyncht.

 

Ali wird doch noch Kalif

Nach dem Tode Uthmans setzten die Rebellen schnell die Ernennung von Ali zum nächsten Kalifen durch. Als Vetter und Schwiegersohn des Propheten, Vater aller weiterer Nachkommen und erster männlicher Gefolgsmann Mohammeds hatte er alle Reputation, dieses Amt auszuüben. Dennoch war er der erste der Kalifen, der seine Wahl ganz explizit einer Partei zu verdanken hatte, und zwar einer Partei, die aus dem Widerstand gegen seinen Vorgänger entstanden war. Es verwundert nicht, dass die Anhänger Uthmans, viele davon ja Familienmitglieder, die durch den Kalifen in einflussreiche und einträgliche Positionen gekommen waren, mit Ali als neuem Oberhaupt der Muslime nicht einverstanden waren.

 

Viele Gegner

Mit der Wahl Alis wurde eine latente Spaltung der umma, also der muslimischen Gemeinschaft deutlich, die bereits in den Jahren seit Mohammeds Tod geschwelt hatte, sofern Spaltungen denn schwelen können. Abu Bakr war seinerzeit über den Kopf von Ali hinweg ernannt worden. Dieser hatte die ersten drei Kalifen nie wirklich unterstützt, sondern eher in Opposition verharrt. Die von Uthman gestärkten Umayyaden wollten sich mit der Umkehrung der Verhältnisse nicht abfinden. Sie verließen Mekka und Medina und zogen nach Damaskus, dessen Gouverneur Muawiya dann Ali auch die Gefolgschaft verweigerte.

 

Ein weiterer Ort des Widerstands gegen Ali bildete sich in Basra rund um Mohammeds Witwe Aisha. Obwohl sie ebenso wie Ali eine Gegnerin Uthmans gewesen war, stand sie nun gegen den neuen Kalifen, dem sie vorwarf, die Mörder Uthmans zu milde behandelt zu haben. Vielleicht war auch mehr im Spiel, da es bald zu einer kriegerischen Auseinandersetzung beider Parteien kam. Ali konnte Aisha und ihre Gefolgsleute dann am 4. Dezember 656 in der sogenannten Kamelschlacht vernichtend schlagen. Der Name rührt daher, dass Aisha die Schlacht in einer Kamelsänfte vor Ort verfolgte.

 

Gegen Muawiya konnte er sich nicht so leicht durchsetzen. Ende Juli 657 kam es in Siffin am Ufer des Euphrat zu einer Serie von Gefechten. Alis Truppen waren zunächst im Vorteil, wollten aber nicht mehr weiterkämpfen, nachdem sich ihre Gegner Blätter aus dem Koran an die Spitzen ihrer Lanzen gesteckt hatten. Ali erklärte sich daraufhin bereit, sich einem Schiedsspruch zu unterwerfen, der über Uthmans Schuld, die Umstände seines Todes und indirekt damit auch über die Rechtmäßigkeit von Alis Kalifat entscheiden sollte.

 

Ausgetrickst

Muawiya zog daraufhin nach Damaskus ab, Ali nach Kufa, seine neue Hauptstadt im Irak. Diese hatte er gewählt, da sich das Geschehen deutlich nach Norden verlagert hatte und er von Mekka oder Medina aus nicht schnell genug auf Aktionen seine Gegner in Damaskus und zunächst auch Basra hätte reagieren können.

 

Alis Verhandlungsbereitschaft ärgerte eine ganze Reihe seiner Anhänger. Sie sahen darin ein Verrat am Islam und gingen in Opposition zu Ali. Diese Charidschiten, arabisch für »diejenigen, die auszogen«, genannte Gruppierung war in der folgenden Zeit der Hauptgegner Alis. Der altbekannte Spruch von den Elchen und ihren Kritikern galt also auch hier.

 

Das Schiedsgericht selbst lief auch nicht in Alis Sinne. Es bestand aus zwei von Muawiya und Ali benannten Vertretern, die sich dann darauf einigten, dass beide Anführer von ihrem Anspruch auf das Kalifat zurücktreten sollten. Alis Vertreter Abu Musa al-Aschari (602 bis 662/672) verkündete also die Absetzung Alis und man erwartete, dass Muawiyas Vertreter Amr ibn al-As (um 580 bis 664) es ihm gleichtun würde. Dieser nutzte aber die Gelegenheit und bestätigte, dass nach Alis Absetzung nun Muawiya rechtmäßiger Kalif sei. Wie auch immer der genaue Ablauf war: Am Ende stand Alis Absetzung. Da gleichzeitig Uthman für unschuldig erklärt wurde, war seine Position zusätzlich geschwächt. Muawiyas ließ sich zum Kalifen ausrufen, die Sache war entschieden.

 

Alis Ende

Am 28. Januar 661 fiel Ali dem Attentat des Charidschiten Abd ar-Rahman ibn Muldscham al-Muradi (gest. 661) zum Opfer. Insgesamt müssen wir konstatieren, dass Ali nicht die Fähigkeiten und Eigenschaften einer großen Führungspersönlichkeit hatte. Weder die zähneknirschende Akzeptanz von Abu Bakr und seinen Nachfolgern als Kalifen noch seine eigene Amtsführung sind von Stärke und Durchsetzungsfähigkeit geprägt. Es mag so sein, dass Mohammed ihn aufgrund seiner Nähe und Treue als engen Gefährten und vielleicht auch als Nachfolger gesehen hat. Für den Islam selbst war das Kalifat Alis keine gute Zeit, wenn auch die Schiiten das im Zweifel anders formulieren würden.

 

Spaltung

Durch die Ereignisse während Alis Kalifat haben sich die wichtigen muslimischen Glaubensrichtungen herausgebildet, die für die Geschichte des Islam bis heute prägend sind.

 

Die Partei Alis, auf arabisch Schia Ali, ist der Ursprung der heutigen Schiiten. Sie halten Ali für den rechtmäßigen Nachfolger Mohammeds und lehnen Abu Bakr, Umar und Uthman als Kalifen ab. Der Treueschwur Alis sei erzwungen und damit nichtig. Zu den Schiiten zählen heute neben der Hauptgruppe der sogenannten Zwölfer-Schiiten, die einer Reihe von zwölf Imamen folgt, auch die derzeit von Aga Khan V. (geb. 1971) geführten Ismailiten oder die Aleviten, die hauptsächlich in der heutigen Türkei leben. Am bedeutendsten ist jedoch die Zwölfer-Schia, der etwa 80 Prozent aller Schiiten anhängen. Diese Lehre nennt Ali als ersten von zwölf Imamen, wobei der zwölfte namens Muhammad al-Mahdi (geb. 869) in der Verborgenheit lebe und erst am Ende der Zeiten zurückkehre. Auch andere Religionen kennen ja solche Erzählungen.


Von den Anhängern Alis hatten sich wiegesagt die Charidschiten abgespalten, die mit seiner Verhandlungsbereitschaft gegenüber Muawiya nicht einverstanden gewesen waren. Ali fand nicht mehr die Zeit, sich mit dieser Abspaltung klärend auseinanderzusetzen. In den darauffolgenden Jahren wurden sie aber von den Kalifen Muawiya I. und seinem Nachfolger Yazid I. (644 bis 683, reg. 680 bis 683) verfolgt. Die Charidschiten spalteten sich weiter auf – der Name war sozusagen Programm. Heute können sich noch die Ibaditen in dieser Tradition sehen, die weder der Schia noch der Sunna zuneigen. Sie selber lehnen den Zusammenhang mit den Charidschiten jedoch ab. Ibaditen bilden heute lediglich im Oman noch einen größeren Anteil an der Bevölkerung.


Die zweite große Gruppe waren die Anhänger Muawiyas, die nach dem Tod Uthmans die Nachfolgeregelung mit Ali als viertem Kalifen nicht anerkannten. Diese Gruppe ist der Ursprung der Sunniten, der heute größten Gruppe unter den Muslimen. Heute sind knapp 90% aller Muslime Sunniten. Bei dieser Größenordnung verwundert es nicht, dass es auch unter diesen unterschiedliche Richtungen und Lehrmeinungen gibt. Die ultrakonservative Strömung der Salafisten schafft es ja regelmäßig in die Nachrichten. Wir werden, wie bei den anderen Religionen auch, hier nicht in die Details gehen.

 

Die nach Alis Kalifat folgende Spaltung der Gemeinschaft der Muslime setzte sich in der Geschichte weiter fort - auch bei den Christen sehen wir ja eine Vielzahl unterschiedlicher Kirchen.

 

Die Titulierung der ersten vier Kalifen als "rechtgeleitete" spiegelt die Sichtweise der Sunniten. Die Schiiten sehen Ali als ersten rechtmäßigen Nachfolger Mohammeds. Nach seinem Tod folgten nach diese Lehre die Söhne, zunächst al-Hasan ibn Ali (625 bis 670) und dann al-Husain ibn Ali (626 bis 680) als Imame und Führer der Muslime. Wir schauen uns das das nächste Mal genauer an.

Bildnachweise:

Vorschaubild:

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Turkish_miniature_paintings_depicting_Muhammad_and_the_first_four_Caliphs_of_Islam_(Abu_Bakr,_Umar,_Uthman,_and_Ali)_surrounding_him,_circa_16th_century.jpg 

(abgerufen am 12.01.2026)

Türkische Miniaturmalereien, die Mohammed und die ersten vier Kalifen des Islam (Abu Bakr, Umar, Uthman und Ali) um ihn herum darstellen, etwa im 16. Jahrhundert

Autor: Unbekannter Autor

Quelle: Wikimedia Commons (Link zur Datei); dort entnommen aus: Der Spiegel-Artikel „Der Gepriesene und der Erzheide“ (2022) von Christoph Gunkel.

Lizenz: Gemeinfrei / Public Domain (Urheberrecht abgelaufen).

Zustand: Unverändert übernommen.

Abrufdatum: 12.01.2026

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