Im Grunde war die Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer und Venezianer das Ende des Byzantinischen Reiches. Nach dem Tod Manuels I. hatten die Komnenen keine wirkungsmächtige Nachfolge mehr zustande gebracht. Unter den Nachfolgern verschwand Byzanz als Großmacht auf der Landkarte. Wir wissen schon, dass es sich noch einmal aufrappelte, aber es war nur noch ein schwacher Abglanz vergangener Zeiten.
Das Fell des Bären wird verteilt
Das Herrschaftsgebiet wurde 1204 unter den Siegern aufgeteilt. Venedig hielt sich schadlos. Es erhielt die für eine Seefahrernation strategisch wichtige Spitze des westlichen Fingers der Peloponnes, Korfu und die Ionischen Inseln, dazu Stützpunkte in der Ägäis, etwas später auch Negroponte, wie man Euböa jetzt nannte. Gegen Zahlung von 1.000 Silbermark wurde Kreta erworben, zudem erhielt die Dogenrepublik die Kontrolle über Gallipoli und die Dardanellen sowie drei Achtel von Konstantinopel, insbesondere Hafen und Warenlager. Der alte Enrico Dandolo wird sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkniffen haben.
Balduin herrscht über … ein Kaiserreich?
In Konstantinopel saß jetzt mit Balduin I. (1171 bis 1205, reg. 1204 bis 1205) ein katholischer Fürst. Balduin muss gut auf sein Briefpapier geachtet haben, war er doch als Graf von Flandern Balduin IX. und firmierte im Hennegau als Balduin VI. Am 16. Mai 1204 wurde er nun zum Kaiser gekrönt. Wenn er auf sein neues Lateinisches Kaiserreich schaute, sah er allerdings nicht wirklich viel. Schon seine Hauptstadt war zu drei Achteln venezianisch und nach den Plünderungen der Kreuzfahrer auch nicht mehr im besten Zustand. Teile Westkleinasiens, die Küste am Marmarameer, einige Inseln in der Ägäis sowie Thrakien vervollständigten dann den ihm zugesprochenen Herrschaftsbereich.
Bonifatius will auch Kaiser sein …
Die einzelnen Regionen waren eher wenig erfreut über den Herrschaftswechsel. Das Verhalten Venedigs und der Kreuzfahrer hatte bei den orthodoxgläubigen Menschen ein hohes Maß an Widerwillen erzeugt. Die zugewiesenen Länder mussten also erst einmal militärisch gesichert werden. Hinzu kam, dass, wie immer, wenn es etwas zu verteilen gibt, nicht jeder mit dem Ergebnis so ganz zufrieden war. In diesem Fall war dies insbesondere Bonifatius von Montferrat, der als Anführer des Kreuzzugs selbst gerne Kaiser geworden wäre. Er hatte mit Margarete von Ungarn (1175 bis nach 1223) sogar die Witwe Isaaks II. geheiratet, um die Beziehungen zur griechischen Bevölkerung ein wenig zu verbessern. Das gefiel allerdings den Venezianern nicht, die gerne ohne Einmischungen irgendeines Kaisers ihre Geschäfte machen wollten und daher den in der Region bindungslosen und politisch unerfahrenen Balduin bevorzugten. Wer zahlt, schafft an, heißt es, und die vollen Schatztruhen standen in Venedig.
… und wird König
Bonifatius beanspruchte nun das Königreich Thessaloniki, das ebenfalls aus dem Bestand des Byzantinischen Reiches herausgeschnitten wurde. Nach etwas Hin und Her – Balduin eroberte Thessaloniki, Bonifatius belagerte Adrianopel und rief seinen Stiefsohn zum Gegenkaiser aus – einigte man sich. Das Königreich ging an Bonifatius, wurde aber formal als Lehen des Kaisers in Konstantinopel betrachtet. Nachdem Bonifatius seine ihm von Alexios IV. zuerkannten Rechte an Kreta an die Venezianer abgetreten hatte, war alles erst einmal wieder im Reinen. Bonifatius konnte seinen Einflussbereich nach Süden ausdehnen und Fürstentümer und Grafschaften in Griechenland als Lehen seines König- und damit auch des Kaiserreiches gründen, beispielsweise in Athen und Böotien ("Theben-Athen") und auf der Peloponnes ("Achaia").
Die Bulgaren nutzen die Chance
Die Gunst der Stunde war aber nicht mit den Lateinern. Neben den internen Zwistigkeiten zwischen Balduin und Bonifatius und dem Widerstand der orthodoxen Bevölkerung standen auch die Bulgaren wieder auf der Matte. Am 14. April 1205 unterlag Balduin I. dem bulgarischen Zaren Kalojan Assen (um 1170 bis 1207, reg. 1197 bis 1207) bei Adrianopel. Balduin I. wurde gefangen genommen, später geblendet, und starb in Gefangenschaft. In Tarnowo findet sich noch heute der Balduin-Turm, in dem er gestorben sein soll. Auch Enrico Dandolo war bei dieser Schlacht zugegen. Er wurde verwundet, entkam zwar, starb aber – immerhin mit fast einhundert Jahren – kurz darauf in Konstantinopel.
Heinrich tut, was er kann
Nachfolger Balduins wurde sein Bruder Heinrich von Flandern (um 1174 bis 1216, reg. 1206 bis 1216). Er wurde, wie bereits Balduin, von Thomas Morosini (gest. 1211, amt. 1204 bis 1211), dem neu eingesetzten lateinischen Patriarchen, zum Kaiser gekrönt. Heinrich war ein durchaus fähiger Anführer. Er hatte sich bei der Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer hervorgetan und als Kommandant der Hauptstadt während der Abwesenheit seines Bruders erfolgreich einen lateinischen Brückenkopf in Kleinasien etablieren können.
Als Kaiser eines lateinischen Reiches in der orthodox geprägten Welt stand er jedoch auf verlorenem Posten. Wenn wir uns an die Vandalen erinnern, denen es ja gelungen war, mit einer kleinen Oberschicht über lange Zeit ein großes Reich in Nordafrika und im Mittelmeer zu beherrschen, sehen wir einen entscheidenden Unterschied zur Lage der Lateiner in Byzanz. Zwar waren sowohl Heinrich als auch der Vandalenkönig Geiserich fähige Herrscher, aber Geiserich verfügte mit seinem Heer über deutlich mehr Machtmittel und hatte damit bessere Voraussetzungen für längerfristigen Erfolg. Der entscheidende Unterschied lag aber im Zusammenhalt der Oberschicht.
Der arianische Glaube war ein klares, sie von den katholischen Römern trennendes und prägendes Merkmal, das die herrschende Oberschicht der Vandalen zu einer geschlossenen Gemeinschaft machte. Den Lateinern in Konstantinopel fehlte eine derart stark prägende, intern konsolidierende Kraft. Obwohl zwischen der katholischen Führungsschicht und der orthodoxen Bevölkerung ebenfalls ein tiefer religiöser Graben bestand, war der Katholizismus selbst kein stark verbindendes Element. Die Lateiner waren eine heterogene Mischung aus Franzosen, Flamen, Italienern, insbesondere Venezianern, und anderen, die primär von individuellem Gewinnstreben und Fehden, wie beispielsweise der Streit zwischen Balduin und Bonifatius, motiviert waren. Das gemeinsame katholische Bekenntnis war nicht stark genug, die politischen und ökonomischen Interessenkonflikte insbesondere auch mit Venedig zu überwinden.
Heinrich gelang es zwar, Thrakien und Adrianopel von der bulgarischen Herrschaft zu befreien und gegen neuerliche Angriffe Kalojans zu verteidigen. Dies war umso schwieriger, als sich dieser mit dem in Kleinasien herrschenden orthodoxen Theodoros I. Laskaris verbündet hatte. Dieser ließ sich 1208 in Nikaia von dem aus Konstantinopel ausgewiesenen griechisch-orthodoxen Patriarchen Johannes X. Kamateros (gest. 1206, amt. 1198 bis 1204) zum Kaiser krönen. Durch Verhandlung und Rückgabe einer eroberten Stadt konnte Heinrich letztlich auch gegenüber Theodoros einen größeren Konflikt vermeiden. Dessen Herrschaft in Kleinasien war vor allem durch die Seldschuken bedroht, so dass er sich in hohem Eigeninteresse gegenüber Heinrich nicht zu sehr aus dem Fenster lehnte.
So war nach außen zumindest ein Mindestmaß an Ruhe und Konsolidierung gesichert – auch wenn das aktuelle »Außen« noch vor ganz kurzer Zeit zum absoluten »Innen« des Byzantinischen Reiches gehört hatte. Aber Frieden war kein Begriff, mit dem die Lateiner in Konstantinopel etwas anfangen konnten. Das wundert nicht, wenn wir bedenken, auf welche Weise sie in die Gegend gelangt und wie sie die Herrschaft errungen hatten. Es blieb also bunt.
Thronstreit in Thessaloniki
Nachdem Bonifatius von Montferrat am 4. September 1207 gestorben war, folgte gemäß der Tradition sein neunjähriger Sohn Demetrius von Montferrat (1205 bis 1230, reg. 1210 bis 1224) auf den Thron des Königs von Thessaloniki. Dagegen richtete sich eine Opposition vornehmlich lombardischer Ritter unter Führung eines gewissen Oberto II. von Biandrate (gest. nach 1224). Diese sahen eher Wilhelm VI. von Montferrat (gest. 1225), Bonifatius' ältesten Sohn aus erster Ehe, als rechtmäßigen Thronfolger. Sie kündigten ihre Loyalität zu Demetrius und auch zu Heinrich. Der Kaiser setzte sich dann allerdings letztlich durch.
Konflikte auf dem Balkan
In den nächsten Jahren konnte Heinrich für ein wenig Ordnung sorgen. Die Herren von Achaia auf den Peloponnes und Theben-Athen erkannten seine Oberhoheit an, lombardische Stellungen wurden erobert. Mit Despotat Epirus – unter dieser freundlichen Bezeichnung ist es tatsächlich in die Geschichte eingegangen – an der Westgrenze Griechenlands, ebenfalls ein neues Reich aus der byzantinischen Erbmasse, wurde ein halbwegs friedlich-freundschaftliches Verhältnis erreicht. Auch wenn dies durch die Eheschließung Eustachs von Flandern (gest. 1216), eines Bruders von Heinrich, mit einer namentlich nicht bekannten Tochter des Despoten von Epirus, des Byzantiners Michael I. Komnenos Dukas Angelos (gest. 1215, reg. 1205 bis 1215) besiegelt wurde, hielt das Einvernehmen nicht lange. Schon 1210 musste Heinrich den Schwiegervater seines Bruders aus Thessaloniki vertreiben.
1211 waren es dann wieder die Bulgaren, die abgewehrt werden mussten, 1212 erneut Theodoros I. Laskaris in Kleinasien. Dabei interpretierte Heinrich seine Rolle durchaus offensiv und suchte strategische Optionen, sein Reich nicht nur zu stabilisieren, sondern auch zu vergrößern. Sein Blick ging in Richtung Bulgarien. Er heiratete Maria von Bulgarien (um 1215), die Tochter seines alten Gegners Kalojan, der mittlerweile durch seinen Neffen Boril (reg. 1207 bis 1218) abgelöst worden war. Die Idee, zusammen mit seinem neuen Cousin Serbien zu unterwerfen, funktionierte allerdings nicht. 1216 musste sich Heinrich wieder Epirus zuwenden, das er durch einen Präventivschlag von Eroberungsgelüsten abhalten wollte. Dazu kam es nicht mehr. Am 11. Juni 1216 starb der zweite lateinische Kaiser von Konstantinopel. Er hatte sein Reich ganz gut über die Runden gebracht.
Der neue Kaiser kommt nicht an
Auf Heinrich folgte Peter II. von Courtenay (gest. 1217, reg. 1216 bis 1217). Sein Thronanspruch resultierte aus seiner Ehe mit Jolante von Hennegau (1175 bis 1219, reg. 1217 bis 1219), einer Schwester von Balduin und Heinrich. Seine Herrschaft war insofern bemerkenswert, als er nie einen Fuß in sein Herrschaftsgebiet setzen konnte. Selbst wenn dieses nicht mehr allzu groß war, klingt es doch erstaunlich. Er konnte aber eigentlich nichts dafür. Die Botschaft seiner Wahl zum Kaiser erreichte ihn in seiner Heimat in Frankreich. Er machte sich dann auf die Reise nach Konstantinopel, wobei er den Weg über Italien wählte. In Rom ließ er sich vom Papst zum Kaiser krönen – das war schon etwas Besonderes. Vielleicht nicht dumm gedacht, da er so seine schwierige Rolle mit etwas mehr Prestige versehen konnte. Das Besondere ist aber nicht immer das Gute. Sein Umweg wurde sein Verhängnis.
Auf der Weiterreise wollte er venezianische Schiffe nutzen. Die Venezianer erinnerten sich an den für sie ja sehr erfolgreichen vierten Kreuzzug und forderten als Gegenleistung die Eroberung Durazzos, heute Durrës in Albanien, das damals zum Herrschaftsgebiet des Despoten von Epirus gehörte. Anders als fünfzehn Jahre zuvor bei Zara scheiterte dieses Vorhaben jedoch, was die Venezianer mit ihrem sofortigen Rückzug quittierten. Peter musste also auf dem Landweg weiter, wurde jedoch von den Truppen des Despoten von Epirus gefangen genommen. Danach hat man nicht mehr von ihm gehört. Wir befürchten das Schlimmste.
Seine Frau Jolante war an dem gescheiterten Angriff auf Durazzo nicht beteiligt, sondern ohne den Umweg über Rom auf direktem Wege nach Konstantinopel gereist. Dort war sie bis zu ihrem Tode 1219 Regentin für ihren vermissten Mann. Sie suchte den Ausgleich mit ihrem orthodoxen Nachbarn Theodoros Laskaris, dem sie ihre Tochter Maria von Courtenay (um 1204 bis 1228) zur Frau gab. Der Frieden hielt nicht lange. Nach Jolantes Tod 1219 forderte Theodoros auch aufgrund seiner Ehe die Regentschaft in Konstantinopel, was ihm der dortige lateinische Adel aber verweigerte.
Robert hat es schwer
Als Nächstes war dann Peters zweitältester Sohn Robert von Courtenay (um 1200 bis 1228, reg. 1219 bis 1228) an der Reihe. Philipp II. von Namur (1195 bis 1226), dessen älterer Bruder, hatte abgelehnt. Also reiste Robert nach Konstantinopel, um sich krönen zu lassen. Er wählte den Weg über Ungarn, wo seine Schwester Jolante von Courtenay (etwa 1200 bis 1233) mit dem ungarischen König Andreas II. (um 1180 bis 1235, reg. 1205 bis 1235) verheiratet war. Im Frühjahr 1221 erreichte er wohlbehalten die Hauptstadt und wurde am 25. März zum Kaiser gekrönt.
Hatte Heinrich das Reich zusammenhalten, ja vergrößern können, kam es unter Robert zu einem massiven Rückschlag. Den Zweifrontenkrieg gegen die von Byzantinern beherrschten Reiche von Nikaia und von Epirus suchte er durch einen Ausgleich mit Theodoros I. Laskaris zu vermeiden. Die beiden waren nach Theodoros' Ehe mit Maria immerhin verschwägert. Robert versprach, dessen Tochter Eudokia Laskarina Angelina (1210/1212 bis nach 1247) zu heiraten und konzentrierte sich auf Epirus im Westen.
Im Jahr 1222 starb Theodoros jedoch und sein Schwiegersohn und Nachfolger Johannes III. Dukas Vatatzes (1193 bis 1254, reg. 1221 bis 1254) wollte nichts von einem Frieden mit den verhassten Lateinern wissen. 1224 konnte er in der Schlacht von Poimanenon Roberts Truppen schlagen. Diese wurden interessanterweise von den Brüdern Theodoros' I., Isaak (um 1220) und Alexios Laskaris (um 1220), angeführt, die mit der Thronfolge auf Johannes III. nicht einverstanden waren. Mit dieser Niederlage verloren die Lateiner nahezu alle Besitzungen in Kleinasien.
Fast noch schlimmer war im gleichen Jahr die Niederlage gegen den Despoten von Epirus, der zur Vereinfachung von Verständnis und Lesbarkeit auch Theodoros I. (1180/1185 bis nach 1253, reg. 1215 bis 1230) hieß, allerdings mit dem Zusatz Angelos Komnenos Dukas, was ihn als Mitglied aller wichtigen byzantinischen Familien ausweist. Dieser Theodoros konnte sich das begehrte Thessaloniki sichern, so dass das lateinische Kaiserreich auf die Stadt Konstantinopel und ein wenig Umland geschrumpft war. Formal waren Theben-Athen und Achaia auf den Peloponnes zwar noch Lehen des lateinischen Kaisers, faktisch müssen wir sie als unabhängige Kleinstaaten sehen.
Robert war ob dieser Misserfolge natürlich arg in der Kritik. Er versuchte Unterstützung insbesondere im Kampf gegen Epirus zu organisieren und reiste nach Rom. Ob der Papst der richtige Ansprechpartner war, stellen wir mal dahin. Es gab auf jeden Fall keine Ergebnisse aus den Gesprächen und Robert reiste unvermittelter Dinge wieder gen Heimat. Diese sollte er allerdings nicht mehr erreichen, er starb 1228 auf der Peloponnes.
Das nächste Mal erleben wir dann das endgültige Ende des lateinischen Traums in Konstantinopel.
Bildnachweise:
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Die Aufteilung des Byzantinischen Reiches nach dem 4. Kreuzzug
Autor: Nicolas Eynaud
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