· 

(148) Beginnender Verfall: Manzikert

Mit Theodora III. hatte die makedonische Dynastie ihr Ende gefunden und mit ihr auch eine insgesamt erfolgreiche Zeit des Byzantinischen Reiches. Insbesondere Nikephoros II. und Basileios II. hatten die Grenzen des Reiches deutlich nach außen verschoben. Ab Mitte des 11. Jahrhunderts wurde aber bereits deutlich, dass es hoher Anstrengungen bedurfte, diese längeren Grenzen auch zu halten. Bereitschaft und vor allem Fähigkeit hierzu waren nur eingeschränkt vorhanden und wurden durch innenpolitische Kämpfe um das Thronerbe und religionspolitische Auseinandersetzungen auch zu großen Teilen absorbiert.

 

Michael VI. - ein kurzes Gastspiel

Der von Theodora auf dem Sterbebett in einem anscheinend etwas merkwürdigen Verfahren eingesetzte Michael VI. war ein Übergangskaiser, der keine Akzente setzen konnte und nach einem Jahr einer Usurpation zum Opfer fiel. Er machte den Fehler, den Beamtenadel zu fördern und die Militäraristokratie vor den Kopf zu stoßen. Leute mit Waffen in der Hand brüskiert man eigentlich ungern. Die Offiziere Nikephoros Bryennios der Ältere (gest. nach 1057) und Isaak Komnenos (um 1005 bis 1061, reg. 1057 bis 1059) mobilisierten daraufhin das Heer gegen den Kaiser.

 

Nikephoros scheitert

Nikephoros hatte sich seine Sporen in Kämpfen gegen die Petschenegen und Seldschuken verdient. Nach dem Tod Konstantinos‘ IX. hatte er versucht, den in Bulgarien stationierten Heerführer Nikephoros Proteuon (gest. 1055) auf den Thron zu bringen und war dafür von Theodora III. verbannt und enteignet worden. Michael VI. holte ihn zwar aus der Verbannung zurück, um Kappadokien gegen die Seldschuken zu verteidigen, behielt jedoch seine Ländereien. Der General war ob der aus seiner Sicht ungerechten Behandlung doch ziemlich angesäuert und begann Stimmung gegen Michael zu machen. Dabei stellte er sich allerdings ein wenig dämlich an. In einem Streit misshandelte er einen Beamten so sehr, dass sich die anderen Offiziere gegen ihn stellten. Vielleicht mag dabei auch eine Rolle gespielt haben, dass die Sichtweisen in Bezug auf eine angemessene Bezahlung, wenn man seiner Usurpation denn folgen würde, nicht so ganz übereinstimmten. Auf jeden Fall wurde Nikephoros Bryennios geblendet und nach Konstantinopel zurückgeschickt.

 

Isaak I. schafft den Staatsstreich …

Statt seiner rief man am 8. Juni 1057 Isaak Komnenos zum Kaiser aus. Der konnte am 20. August eine kaiserliche Armee besiegen und am 1. September in die Hauptstadt einziehen. Michael Kerullarios, der uns bereits bekannte Patriarch, überredete Michael VI. abzudanken und ins Kloster zu gehen. Isaak war der erste von einigen Kaisern aus der Komnenos-Familie. Er war aber nicht der Gründer der nach dieser Familie benannten Dynastie. Bis dahin dauerte es noch ein wenig.

 

… und ist undankbar

Trotz der Hilfe, die der Patriarch Michael Kerullarios ihm bei seiner Thronbesteigung hatte zuteilwerden lassen, verbannte Isaak ihn im Jahr 1058. Er hatte eine Reihe von Begünstigungen für Aristokraten gestrichen und auch den Besitz der Kirche und von Klöstern steuerlich stärker belastet. Durch die Verbannung wollte er sich vor Gegenmaßnahmen des Patriarchen schützen.

 

Sieg und Abdankung

Außenpolitisch zog er gegen die Ungarn und Petschenegen, die an der Nordgrenze des Reiches auf dem Balkan immer wieder mit Plünderungszügen nervten. Er hatte Erfolg, schloss 1059 einen Friedensvertrag mit den Ungarn und kehrte nach Konstantinopel zurück. Dort erkrankte er schwer und ernannte Konstantinos X. Dukas (1006 bis 1067, reg. 1059 bis 1067) zu seinem Nachfolger. Er selbst zog sich in ein Kloster zurück, wo er auch nach seiner überraschenden Genesung blieb.

 

Warum er Konstantinos Dukas und nicht seinen Bruder Johannes Komnenos (etwa 1015 bis 1067) als Nachfolger auswählte, wissen wir nicht so genau. Michael Psellos (1018 bis etwa 1078), ein Universalgelehrter und Geschichtsschreiber am Kaiserhof, soll hier maßgeblich Einfluss genommen haben. Manchmal kommen also auch Geschichtsschreiber groß raus. Wir warten mit großer Geduld darauf. Auch wenn Isaak nur kurze Zeit regierte, festigten seine innenpolitischen Steuerreformen den Staat doch deutlich und bildeten so die Grundlage für das weitere Bestehen des Byzantinischen Reiches.

 

Konstantinos X. unter dem Pantoffel …

Konstantinos X. war zwar erst 53, als er den Thron bestieg, allerdings nicht mehr der Gesündeste. Als Vorsitzender des Senats hatte er sicherlich die Seniorität, die Nachfolge anzutreten. Viel Freude hatte er mit dem Amt allerdings nicht. Zum einen war Michael Psellos weiterhin die graue Eminenz und nahm viel Einfluss, zum anderen dominierte seine Frau Eudokia Makrembolitissa (1021 bis 1096) die Beziehung und dadurch auch die Regentschaft.

 

… und ohne Fortune

In der Steuerpolitik machte er sich durch weitere Erhöhung wenig Freunde. 1060 soll es ein Mordkomplott gegeben haben. Auch sonst lief es unrund, 1065/66 kam es zu einer Rebellion in Thessalien. Zudem konnten die Normannen unter Robert Guiskard (um 1015 bis 1085, reg. 1057 bis 1085) ihren Einfluss in Süditalien immer weiter ausdehnen. Byzanz blieb letztlich nur noch Bari als Stützpunkt. Auch die Ungarn stießen wieder auf byzantinisches Gebiet vor. Das von Isaak zurückgewonnene Belgrad fiel 1064 erneut in ihre Hände. Mit den Oghusen, die die Petschenegen aus der russischen Steppe verdrängt hatten, tauchte eine neue Ethnie an der Grenze auf – ein Spiel, dass wir spätestens seit der Zeit der Hunnen kennen. Ganz im Osten griffen die Seldschuken an, wir haben schon gelernt, dass sie dabei leichtes Spiel hatten, da Konstantinos IX. Armenien und die Ostgrenze nahezu entmilitarisiert hatte. So gingen Armenien und Kilikien verloren. Herbe Verluste, wenn wir uns erinnern, wie umkämpft gerade Armenien in den letzten Jahrhunderten gewesen war.

 

Am 22. Mai 1067 starb Konstantinos X. Der verstorbene Kaiser hinterließ zwar drei Söhne, Michael (etwa 1050 bis um 1090, reg. 1067 bis 1078), Andronikos (1057 bis etwa 1077) und Konstantios (1060 bis 1081). Diese waren aber noch zu klein, um aktiv in den Kampf um den Thron eingreifen zu können. Ihre Mutter Eudokia wollte sich auch selbst nicht aus dem Spiel nehmen, zumal sie ja bisher durchaus eine aktive Rolle bei der Ausübung der Regierungsgeschäfte gespielt hatte.

 

Eudokia sichert die Macht

Den Rest des Jahres fungierte sie als Regentin. Dann beschloss sie, erneut zu heiraten. Durch die Etablierung eines neuen Kaisers wollte sie der Hofentourage, vornehmlich Johannes Dukas (nach 1006 bis 1088), dem Bruder Konstantinos‘ X., sowie dem altbekannten Michael Psellos die faktische Macht nehmen. Das Besondere an diesem Entschluss war, dass ihr Auserwählter Romanos Diogenes (gest. 1072, reg. 1068 bis 1071) war. Noch auf dem Totenbett Konstantins‘ X. hatte sie geschworen und das sogar schriftlich hinterlegt, nie wieder zu heiraten und Romanos, der im Verdacht einer Verschwörung stand, ins Exil zu schicken. Nun, man kann seine Meinung ändern. Statt Exil stand nun Ehe auf dem Programm. Am 01. Januar 1068 wurde geheiratet und der neugebackene Ehemann wurde als Romanos IV. Kaiser. Vielleicht hätte Eudokia bei ihrem Versprechen bleiben sollen, denn es ging nicht gut aus mit Romanos.

 

Romanos IV. - ein Kaiser in Gefangenschaft … und ohne Thron

Viel Zeit verbrachte er nicht auf dem Thron. Am dringlichsten musste er sich um die Seldschuken kümmern. Anfangs gelang ihm das ganz gut, doch 1071 unterlag er in der Schlacht von Manzikert in der Nähe des heutigen Malazgirt dem seldschukischen Herrscher Alp Arslan (um 1030 bis 1072, reg. 1063 bis 1072). Nach Valerian im Jahr 260 war er nach über 800 Jahren der zweite Kaiser, der gefangen genommen wurde.

 

Anders als die Sassaniden, die Valerian töteten und ihm die Haut abzogen, wurde Romanos gegen die Zusage, 1,5 Millionen Goldstücke zu zahlen, freigelassen. Man schloss auch einen Friedensvertrag. Das alles half Romanos aber nicht wirklich. In Konstantinopel hatte sich Michael VII., der älteste Sohn von Konstantinos X., mit Hilfe von Johannes Dukas und Michael Psellos mittlerweile auf den Thron gesetzt und wollte dort gerne auch sitzen bleiben.

 

Überliefert ist ein Dialog zwischen Alp Arslan und Romanos, in dem der seldschukische Herrscher seinen Gefangenen fragt, was ihm wohl passieren würde, wenn die Konstellation umgekehrt wäre. Romanos meinte, es würde wohl auf den Tod oder eine Zurschaustellung in Konstantinopels Straßen hinauslaufen. Alp Arslans Antwort: »Meine Strafe ist weitaus härter: Ich vergebe Dir und lasse Dich frei!« können wir irgendwo zwischen milde und zynisch einordnen.

 

Romanos versuchte dann, gegen Michael VII. vorzugehen, unterlag allerdings, wurde geblendet und in ein Kloster gesteckt, wo er kurz darauf am 4. August 1072 an den Verletzungen durch die Blendung verstarb.

 

Michael VII. - gebildet, aber nicht klug

Die Byzantiner hätten schlauer handeln können, aber das weiß man ja immer erst hinterher. Die von Romanos ausgehandelten Vereinbarungen mit den Seldschuken verloren ihre Gültigkeit. Das Lösegeld wurde nicht gezahlt, der Friedensvertrag von Alp Arslan nicht mehr anerkannt. Dessen Sohn Malik Schah I. (1055 bis 1092, reg. 1072 bis 1092) eroberte in Folge weite Teile Anatoliens. Das byzantinische Reichsgebiet schnurrte immer mehr zusammen.

 

Über die Bedeutung der Niederlage von Manzikert als entscheidende Wegmarke in der byzantinischen Geschichte lässt sich natürlich streiten. Es lag seitens der Seldschuken sicherlich kein strategischer Plan zur Eroberung Anatoliens vor. Man nahm aber gerne mit, was man leicht kriegen konnte. Die folgende Einwanderungswelle der Seldschuken nach Anatolien war von nachhaltiger Bedeutung. Innerbyzantinische Machtkämpfe und die uns schon bekannte ständige Bedrohung auf dem Balkan nahmen dem Reich die Kraft, hier zu einem machtvollen Gegenschlag zu kommen. Unter den künftigen Herrschern konnten allenfalls die Küstenregionen zurückerobert werden.

 

Mit Michael VII. saß nun ein Intellektueller auf dem Kaiserthron und das ist immer dann von Nachteil, wenn der Bildung nicht auch die notwendige Pragmatik politischen Handelns mitgegeben ist. Er versuchte, die Wirtschaftskrise, die eine Folge der großen Gebietsverluste im Osten und der damit verbundenen rückläufigen Steuereinnahmen war, durch einen planwirtschaftlichen Ansatz zu lösen. So etwas funktioniert selten, und insbesondere dann nicht, wenn sich die Verantwortlichen mehr für das Füllen der eigenen Taschen interessieren.

 

Drei Viertel sind kein Ganzes

In diesem Fall war das der Minister für Verkehrs- und Kommunikationswesen Nikephoritzes (gest. 1078). Dieser sollte den Getreidehandel monopolisieren und über ein extra dafür errichtetes Lagerhaus in Rhaidestos, auf der europäischen Seite am Marmarameer gelegen, steuern. Er steuerte auch, aber vornehmlich einen Großteil der Einnahmen die eigenen Taschen. Die Bevölkerung empfand die ganze Maßnahme als schlimm, da – gewolltermaßen – der Staat durch Preiserhöhungen Mittel abschöpfen konnte. Michael VII. erhielt den treffenden Beinamen Parapinakes, was sich mit »minus ein Viertel« übersetzen ließ. Aus dem zentralen Speicher wurde zum eigentlichen Preis nur drei Viertel der Getreidemenge herausgegeben. Die Einnahmen flossen dann wie gesagt eher auf Nikephoritzes‘ Konten und wurden nicht zur Stärkung des Gemeinwesens eingesetzt.

 

Gebietsverluste

So wundert es nicht, dass das Byzantinische Reich weiter unter Druck stand. Bari war als letzte Besitzung in Italien bereits 1071 an die Normannen verloren gegangen. Den Verlust weiter Teile Kleinasiens nach der Niederlage von Manzikert haben wir bereits erwähnt. Und auch auf dem Balkan wurde es eng. Serben und Kroaten gewannen zunehmend ihre Selbständigkeit und an der Donaugrenze wurden die Petschenegen aktiv und schauten mal, wie es auf der byzantinischen Seite des Flusses so aussah.

 

Auflösungserscheinungen

Wir wundern uns also nicht, dass es sowohl lokal als auch reichsweit Versuche gab, sich Michaels Herrschaft zu entledigen. In der Region von Tarsos bis Antiochia, also im Süden Kleinasiens und in Nordsyrien konnte sich der Armenier Philaretos Brachamios (gest. um 1090, reg. 1071 bis um 1080) ein eigenständiges Kleinreich schaffen, das bis in die 1080er-Jahre unabhängig bleiben konnte.

 

Auch in Trapezunt am Schwarzen Meer gelang dies und im Reich drängten zwei Generäle auf den Thron. Michael war nicht dumm, erkannte die Zeichen der Zeit, dankte zu Gunsten seines Bruder Konstantios ab und ging ins Kloster. Der Entschluss mochte vernünftig sein, er kam zu spät. Konstantios hatte keine Chance gegen Nikephoros Botaneiates (um 1010 bis 1081, reg. 1078 bis 1081), den General, der sich durchsetzen konnte und am 07. Januar 1078 als Nikephoros III. zum Kaiser proklamiert wurde. Für Michael nahm es dagegen noch ein halbwegs gutes Ende, er wurde später noch Metropolit von Ephesos.

 

Nikephoros III. – ein Kaiser von Gnaden der Seldschuken

Nikephoros Botaneiates war bereits hoch in den Sechzigern, als er es auf den Thron schaffte. Unter Konstantinos IX. war er bereits Offizier und nahm an der Erhebung von Isaak I. teil. Suleiman ibn Kutalmis (gest. 1086, reg. 1077 bis 1086), der Anführer der Rum-Seldschuken, duldete Nikephoros Kampf, so dass dieser bis vor Konstantinopel vorrücken konnte. Am 3. April zog er in die Hauptstadt ein.

 

An dieser Stelle ein kurzer Einschub zu den Seldschuken. Suleiman ibn Kutalmis hatte als Heerführer des seldschukischen Herrsches Malik Schah 1074 Antiochia erobert, 1075 dann Nicäa und Nikomedia. Aufgrund dieser Erfolge mutig geworden revoltierte er gegen Malik Schah und nannte sich "Sultan von Rum". Nicäa wurde seine Hauptstadt. 1085 musste er Nikomedia und Gebiete rund ums Marmarameer wieder an das Byzantinische Reich abtreten. 1086 unterlag er bei einem Angriff auf Aleppo den "großseldschukischen" Truppen und wurde getötet. Das Sultanat von Rum kam wieder unter die seldschukische Oberhoheit.

 

Bigamie?

Sicherlich auch aus Gründen der Sicherung der eigenen Legitimität heiratete er Maria von Alanien (um 1050 bis nach 1103), Tochter von Bagrat IV. (1018 bis 1072, reg. 1027 bis 1072), König von Georgien, und Ehefrau von Michael, des – noch lebenden – Vorgängers auf dem Thron. Den Priester, der diese Ehe schloss, bestrafte der Patriarch zwar, die Ehe tolerierte er gleichwohl.

 

Nikephoros schaffte es nicht, das schwankende Reich zu stabilisieren. Die Inflation galoppierte und an den Grenzen mehrten sich die Unruhen. Innere Diskussionen, wer denn nun Nachfolger werden könnte, passten nicht in die Zeit. So wundern wir uns nicht, dass es der ein oder andere mit einer Usurpation versuchte.

 

Die Komnenen übernehmen ein schwankendes Reich

Letztlich erfolgreich war Alexios Komnenos (1057 bis 1118, reg. 1081 bis 1118), ein Neffe von Isaak I. Ihm gelang es, wieder eine Dynastie zu begründen, die zunächst ein wenig erfolgreicher war als die Kaiser, die nach dem Ende der makedonischen Dynastie den bereits in der Zeit von Zoe begonnenen Niedergang des Reiches nicht hatten aufhalten können, ja in Teilen sogar beschleunigten. Im Osten waren die Seldschuken nach Kleinasien eingedrungen und hatten sich mit einem eigenen Reich, dem der Rum-Seldschuken etablieren können, Süditalien war gänzlich an die Normannen gefallen und auf dem Balkan gab es erfolgreiche Unabhängigkeitsbewegungen und Überfälle der Petschenegen. Auch die inneren Strukturen zerfielen, was vor allem auch an dem rapiden Wertverlust der byzantinischen Währung deutlich wird.

 

Das nächste Mal schauen wir, was Alexios I. aus dieser eher mauen Ausgangslage machte. Und wir erleben den ersten Kreuzzug!

Kommentar schreiben

Kommentare: 0